Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1908-01-31 · 5 (31.1.1908) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
5 (31.1.1908)
Date
1908-01-31
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2438141-2438167-2438172--0342-2439850
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 5 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Ideen ins praktische Leben zu tragen und zum Gemeingute der jüdischen akademischen Jugend zu machen. So war er uns denn Zeit seines, leider nur all zu kurzen Lebens, stets ein gütiger und weiser Führer. Ihm verdankt unsere Verbindung, nebst vielem andern, ihren Namen. Mit Wehmut erinnere ich mich jenes Abends im Hinterstübchen des kleinen jüdischen Wirtshauses in der oberen Donaustrasse. Die Gründung der Vereinigung war beschlossen, es handelte sich nun darum, dem Kinde einen Namen zu geben. Der Name sollte hebräisch, kurz, wohlklingend, leicht auszusprechen sein und das Ziel der neuen Vereinigung kennzeichnen. Jeder von uns machte seinen Vorschlag, aber keiner entsprach den genannten Forderungen. Sinnend sass Smolensky in seiner Ecke, die Beine übereinandergeschlagen, den Kopf nach vorne gebeugt, das Kinn auf den hinter dem Spitzbart verborgenen rechten Daumen gestüzt. Plötzlich brach er sein Schweigen; mit einem Schlage traf er den Nagel auf den Kopf. „Kadimah sei euer Name!*. Das Wort zündete, denn erfüllte es nicht nur glänzend alle genannten Postulate, sondern es vereinigte in sich auch die ganze Richtung. Das Wort ist ein Programm. In seiner zweifachen Bedeutung: Vorwärts und ostwärts sollte es gewissermassen dem ganzen Judentum eine Direktive geben. Es soll besagen, dass wir mit dem Streben nach Fortschritt, jenes nach territorialer Vereinigung und nationaler Wiederaufrichtung unseres Volkes in dem Lande seiner Väter verbinden. Das Frühjahi 1882 findet unsere „Kadimah* in ihrem ersten recht behaglichen Heim am Judenplatz Nr. 7. Und nun begann ein frischfröhlicher Krieg — natürlich mit unseren eigenen Stammesgenossen. Zu Beginn des Sommersemesters 1882 prangte zum ersten Male auf dem schwarzen Brette der Wiener Universität ein Aufruf eines jüdischnationalen Vereines an die jüdische Studentenschaft, Das Aufsehen, den dieser Aufruf erregte, war ein ungeheueres. Die christlichen Studenten schüttelten ungläubig die Köpfe, die jüdischen Studenten aber ergossen eine Flut von Spott und Hohn über uns. Die epitheta ornantia aufzuzählen, mit welchen mein Name und der Birnbaums als Zeichner des Aufrufes bedacht wurden, verbietet mir die Achtung vor meinen Zuhörern und das primitivste Gebot des guten Geschmackes. Wie denn auch anders? Welch ungeheueres Novum! Welche Vermessenheit unsererseits, so vor aller Welt und offen uns als Juden zu bekennen! ,11 faut etre ce qu’on veut paraitre“, sagt ein französisches Volkswort. Man soll das sein, als was man scheinen will. Dass man aber auch das sein soll, als was man nicht scheinen will, dass verstand man nicht. Und wer wollte damals als Jude scheinen? Der Kampf gegen die „Kadimah“ verschärfte sich immer mehr "als man erfuhr, welches Glaubensbekenntnis jeder Kandidat vor seiner Aufnahme in den Verein ablegen musste: Bekämpfung der Assimilation, Hebung d.es jüdischen Selbstbewusstseins, Besiedelung Palästinas mit Juden. Das war zu viel auf einmal! Aber nicht nur die. jüdischen Studenten auch die bürgerlichen Kreise, die offiziellen Vertretungen des Judentums bekämpften die , Kadimali“ in der schonungslosesten Weise. Ja, als wir uns vermessen hatten Makkabäerfeiern zu veranstalten, wurden wir sogar von der Kanzel herunter gehörig abgekanzelt. Es war ein Kampf aller ‘gegen wenige. Die Wenigen aber gingen unverdrossen und ruhig ihren Weg weiter. Erfüllt von der Grösse des Gedankens, den sie verfochten, verfolgten sie unentwegt ihr Ziel. Eine grosse Unterstützung bot uns in diesem Kampfe die Ende 1882 erschienene Broschüre vonDr. LeoPinsker:,Autoemanzipationu die in begeisterten Worten und mit zwingender logischer Schärfe für die Wiederherstellung des jüdischen Volkes auf eigenem Grund und Boden eintrat. «Die Juden sind ein Volk, sagt Pinsker, und müssen alle Attribute eines solchen wiedergewinnen. Nur eine zugleich wirtschaftliche, leibliche, geistige und sittliche Regeneration vermag unserer zweitausendjährigen Schmach ein Ende zu setzen.“ Die Schrift Pinskers war für uns eine Quelle neuer Kraft und hat nicht wenig zur Propagierung des nationalen Gedankens beigetragen. Die „ Kadimah“ hat einen Akt der Pietät gegen den inzwischen verstorbenen Autor und eine dankenswerte nationale Tat begangen, als sie anlässlich ihres vierzigsemestrigen Stiftungsfestes eine zweite Auflage der bereits vollständig vergriffenen Schrift herausgegeben hat. Der Schrift Pinskers folgten bald andere nach. In unzähligen Vorträgen, Versammlungen und Publikationen haben die Kadimahner den nationalen Gedanken propagiert Unablässig und unermüdlich predigten sie die neue Lehre. Ihre Zahl nahm immer mehr zu und allmählich entwickelte sich ein spezifisches jüdischnationales Studentenleben an der Wiener Universität, welches ganz besonders intensiv zu pulsieren begann, als die „Kadimah“, durch die Verhältnisse der Wiener Universität genötigt, in eine schlagende Verbindung umgewandelt wurde. — Man kann über das Schlagen als solches denken wie man will — ich selbst stand ursprünglich dieser Umwandlung nicht sehr freundlich gegenüber — eines wird man zugeben müssen, dass es auf die physische Entwicklung unserer Jugend von günstigem Einfluss ist und dass die schlagende jüdische Studetenschaft sich die Achtung ihrer christlichen Kollegen im buchstäblichen Sinne des Wortes erkämpft hat. Zum Ruhme unserer Kadimahner sei gesagt, dass, obgleich sie anerkannter.nassen eine gute Klinge führen und jederzeit ihren Mann gestellt haben, sie das Schlagen nie als Selbstzweck, sondern stets als Mittel zum Zweck angesehen haben. Teils durch diese Umwandlung, teils durch die zunehmende Verbreitung des nationalen Gedankens unter der jüdischen Studentenschaft hat sich die Zahl der jüdischnatiolen akademischen Vereine allmählich vermehrt. Eine Verbindung nach der anderen entstand: „Unitas*, „Ivria“, „Gamala“, „Libanonia“, „Hasmonäa“ und wie sie alle heissen, so dass heule fast an jeder Hochschule, an welcher jüdische Studenten leben auch eine jüdischnationale Studentenverbindung besteht Aber nicht nur auf die Studentenschaft hat sich die Tätigkeit der akademischen Verbindungen beschränkt, die Studenten von heute traten später ins praktische Leben ein und übernahmen überall die Führung der damals bestehenden, beziehungsweise die Gründung neuer Kolonisationsvereine. Diese Vereine bildeten in Oesterreich die einzigen Zentren der praktischen Bewegung des jüdischnationalen Gedankens in Bürgerkreisen. Ebenso in Russland. In Deutschland trugen sie vorwiegend philantropischen Charakter. Ihre Tätigkeit war zersplittert und begrenzt, ohne jede Einheitlichkeit, ohne grosses Ziel. Und so drohte die Bewegung in den Sand zu verlaufen. Da erschien im richtigen Augenblick der richtige Mann. Theodor Herzl hatte seinen „Judenstaat* veröffentlicht und dazeigte sich wieder, von welcher Bedeutung die Arbeit der jüdischen Studentenschaft für das ganze jüdische Volk war. Als ich damals zusammen mit unserem leider so früh verstorbenen Dr.Kokesch im Namen der Zionisten Oesterreichs Herzl die Bitte überbrachte, dem Worte die Tat folgen zu lassen, die Durchführung des von ihm entworfenen Planes selbst in die Hand zu nehmen, da verwies er uns auf die Vorrede seines Buches, in welcher er erklärte, „er halte seine Aufgabe mit der Publikation dieser Schrift für Hans (höhnisch): Wenn du meinst, Papa — Ich werde nicht Silese, weil ich nicht aufgenommen werde. Herr Höfrat: Ja, warum denn, um Himmelswillen? Hans (sehr präzis): Weil man in Erfahrung gebi acht hat, dass Mama eine Jüdin ist, die erst vor der Hochzeit sich taufen Hess — Dr. Löwin (reisst triumphierend den Mund auf, sperrt ihn aber, erschrocken über sich selbst, schnell wieder zu und hustet heftig in die Handfläche). Herr Hofrat ausser Fasson): Das ist aber denn doch! Das ist aber denn doch! Hans (gross): Es. i s t, Papa. (Eine tönende Pause.) (Die Frau Hofrat erscheint in voller Toilette; Gebetbuch mit grossem Kreuz demonstrativ in der Hand) Frau Hofrat: Oh — Haus, schon ausgeschlafen? Hans (sehr lau): Küss’ die Hand, Mama. Frau Hofrat (zu Dr. Löwin): Sie müssen schon entschuldigen, lieber Doktor, ich muss zur heiligen Beichte — (Hans schaut seine Mutter von der Seite an.) Dr. Löwin: Gnädige Frau, ich muss auch schon fort. (Schaut auf die Uhr.) Sapperlot, sieben Uhr! (Nimmt rasch den Hut.) Da muss ich eilen. Frau Hofrat: Wohin denn so dringend, Herr Doktor? Dr. Löwin: Ich muss in den Konzipientenverein. Frau Hofrat: Na, da beneide ich Sie nicht. Sagen Sie: Ist es wahr, dass in diesem Verein lauter Juden sind? (Hans schaut den Papa ratlos an; Herr Hofrat macht gequälte Bewegungen.) Dr. Löwin: Gnädige Frau, der Verein hat derzeit dreissig Prozent Christen. Frau Hofrat (gemütüch): Na, na, na! Ich kenne das. Christen seit ein paar Jahren. Herren, die sich nicht zu erkennen geben. Herr Hofrat: Aber, Rosa — (Hans beginnt im Zimmer ruhelos herumzulaufen.) Frau Hofrat: Der Herr Doktor versteht mich ja. Er weiss, dass ich ihn nicht beleidigen will. Dr. Löwin (mit höflicher, aber innerheh höhnischer Geste): 0 — gewiss, Gnädigste. Frau Hofrat: Und übrigens, im Vertrauen. Ein wirklicher Jude ist im Grunde genommen zehnmal besser und sympathischer, als ein „Gewasserter*. (Hans schlägt die Hände über den Kopf zusammen, der Herr Hofrat umklammert krampfhaft die Sessellehne.) Dr. Löwin (strahlend): Sehr richtig. Ich empfehle mich allseits. (Rasch ab.) (Der Vorhang fällt vor einem unerquicklichen Familienbild.) Beda. Allerlei. Volkszählungen in Jerusalem. Auf Veranlassung des Bureaus für Statistik der Juden ist vor kurzer Zeit in Jerusalem der Versuch gemacht worden, die Juden in der Stadt zu zählen und ihr Geschlecht, Alter, Muttersprache, Staatszugehörigkeit, Familienstand und Beruf festzustellen Mit welchen Schwierigkeiten dieser erste Versuch zu kämpfeu hatte, geht aus dem folgenden Briefe des dortigen Zählungsleiters an das Bureau für Statistik der Juden hervor: „Alsbald nach meiner Rückkehr nach Jerusalem habe ich die Zählung mit 24 Hauptzählern, von denen ein grosser Teil durch Gehilfen unterstützt werden sollte, angefangen. Die Schwierigkeiten übertrafen jede Erwartung, die Arbeit wurde aber dessen ungeachtet fortgesetzt. Am dritten Tage ereignete sich etwas, das unser ganzes Unternehmen zu vereiteln drohte: man hatte einige Zähler in der Stadt, welche an einer Agitation gegen den ChachamBaschi teilgenommen haben sollen, während des Zählens verhaftet; nnd so hiess es gleich in der ganzen Stadt, man hätte sie wegen der Statistik eingesperrt. Die dadurch entstandene Vt-rwirrung war so gross, dass es mir unmöglich war, die Arbeit sogleich wieder aufzunehmen. Es gelang mir jedoch nach einigen Tagen den grösseren Teil der Zähler wieder für die Sache zu gewinnen. Nach einiger Zeit aber geschah das Ailerschlimmate: Ein Beamter der Regierung teilte mir durch eine Vertrauen spersou mit dass das Zählen für einen türkischen Untertanen mit sehr grossrr Gefahr verbunden sei, es dürfte in der Türkei nieman-1 ausser dem Suiten eine Statistik zu machen er-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.