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Jüdische Zeitung · 1908-01-31 · 5 (31.1.1908) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
5 (31.1.1908)
Date
1908-01-31
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 5 wird der türkische Beamte korrupt (und kein europäischer Beamter wäre unter gleichen Bedingungen anders); bei geordneten Verhältnissen wie bei der „Dette publique“ und bei allen sonstigen europäischen Unternehmungen haben die türkischen Funktionäre sich als ebenso gewissenhaft, fähig und fleissig erwiesen wie die Beamten irgend eines Kulturstaates. Ueberhaupt hat das Märchen von der Unzuverlässigkeit, Grausamkeit und Unfähigkeit der Türken, welches einen Hauptgrund für die Erwartung des baldigen Zerfalles des osmanischen Reiches gebildet hatte, in dem Masse anderen Vorstellungen weichen müssen, als man Gelegenheit hatte, mit dessen Bewohnern in nähere Fühlung zu treten. Hierbei lernte man nämlich den Türken als einen im Kriege furchtbaren, im Frieden bildsamen, intelligenten und zuverlässigen Mann kennen, dem eine ziemlich hohe Kultur, mag sie für uns auch fremdartig sein, nicht abzusprechen ist. Auch nach dieser Richtung enthält die Delegationsrede des Baron Aehrentbal ein interessantes Bekenntnis. Kenner der Verhältnisse haben immer betont, dass ihnen die „türkischen Bedrücker“ in den makedonischen Vilajets weit lieber seien als die christlichen „Banden“ und nun muss auch der Minister des Auswärtigen offiziell erklären, dass — während der Vernichtungskrieg der Christen untereinander in diesen ^Gegenden immer bedenklichere Formen annimmt — der Schutz der Christen gegen die Türken nahezu erreicht ist, Uebergriffe der Mohamedaner seltener werden und die türkische Verwaltung sich bessert Man begreift nun das Interesse, welches diese Delegationsrede bei den Zionisten hervorrufen muss. Die Kräftigung der Türkei und ihre wirtschaftliche Erschliessung, welche hier als Programm der Orientpoliük der österreichisch - ungarischen Monarchie und der übrigen Grossmächte deklariert werden, sind für die zionistische Bewegung von entscheidender Bedeutung; Mit besonderer Genugtuung können wir konstatieren, dass durch diese Politik und den Gang der Ereignisse, welche sie hervorgerufen hat, zugleich auch der leitende Gedanke der zionistischen Bestrebungen — mit der Türkei auf Basis der Zusage der Entwicklung brachliegender Gebiete zu paktieren — zu Ehren gebracht wird. Lange hatte man diese Politik mit dem Hinweis auf die asiatische Barbarei der Türkei und ihren beginnenden Zerfall verspotten zu dürfen geglaubt. Nun haben die Zionisten sich auch in dieser Richtung als die nüchterneren Rechner und die schärferen Beobachter der Verhältnisse erwiesen und sie werden mit um so grösserem Eifer das begonnene Werk fortsetzen. Die Erschliessung der asiatischen Türkei durch grosse Unternehmergruppen hat aber auch eine sofortige praktische Bedeutung für uns. Diese kapitalreichen Banken werden bald vor der Frage stehen, mit welchem M e n s c h e n m a t e r i a 1 sie die entvölkerten Gebiete besiedeln sollen, um ihre Bahnen rentabel zu machen. Und da gibt es auf der ganzen Erde kein , anderes mögliches Emigrationselement als das jüdische. Niemals werden etwa italienische oder ungarische Auswanderer zur Massensiedlung in Mesopotamien zu haben sein. Der jüdische Emigrationsstrom ist dagegen, wenn Erwerbsgelegenheiten geschaffen werden, mit Leichtigkeit in diese Gebiete zu lenken. Den Juden fällt im Laufe der Geschichte endlich wieder eine; grosse Aufgabe zu: ihre Heimat und die Nachbarländer zu kultivieren und dort zu Vermittlern zwischen europäischer und asiatischer Kultur zu werden. Die Leiter der zionistischen Politik haben nicht nur im Konstäntinopel und am Jordan, sondern auch am Euphrat Wache zu stehen und die gegebene Situation als Sachwalter und Wortführer des jüdischen Volkes zu klugen und weitausschauenden Aktionen zu benutzen. Fünfundzwanzig Jahre „Kadimah“ .*) Von Dr. M. T. Schnirer. Fünfundzwanzig Jahre sind ins Land gegangen, seitdem ein winziges Häuflein gleichgesinnter und gleichgestimmter junger Studenten sich in Wien in einem Gedanken zusammenfand, welcher den Ausgangspunkt einer Reihe von Vorgängen bildete, deren Gesamtheit man als jüdischnationale oder zionistische Bewegung; zu bezeichnen pflegt. Im zivilisierten Europa hatte unter dem Volke der Denker ‘die1 Schmach des Jahrhunderts ihren Siegeszüg begonnen; in unsanfter Weise wurden die deutschen Staatsbürger mosaischer Konfession daran erinnert, dass die vollständige Beherrschung der deutschen Sprache und die täuschendste Nachahmung deutscher Untugenden noch keine Germanen ausmachen; das von Moses Mendelsohn begonnene und von seinen Nachfolgern fortgesetzte Gebäude der Assimilation fing bereits für das feiner differen¬ *) Rede gehalten, beim Festkommers der „Kadimab“ am 25. Jänner 1908. zierte Ohr bedenklich zu krachen an; im heiligen Russland hatte in Balta nach der Ermordung Alexanders II. die lange Reihe jener entsetzlichen Judenmetzeleien begonnen, die man als Ausdruck der christlichen Nächstenliebe des guten russischen Volkes kennt und die unter dem Namen Pogrome zum Programme der russischen inneren Politik gehören. In dieser Zeit — Winter 1881 — lernte ich den jungen Juristen Nathan Birnbaum und den studienhalber in Wien weilenden praktischen Arzt Rüben Bierer kennen. Die Uebereinstimmung unserer Anschauungen über Juden und Judentum brachten uns einander immer näher und bald waren wir darüber einig, dass die herrschenden Grundanschauungen über das Judentum eine Aenderung erfahren müssten, dass ein kräftiger Angriff auf die herrschende Assimilationslehre zu erfolgen habe, dass eine Revolutionierung der Geister im Judentume stattfinden müsse. Dass der Hebel an der akademischen Jugend anzusetzen sei, war für uns klar, nicht nur weil uns diese Kreise am nächsten standen, sondern, weil in diesen Kreisen die Assimilationslehre die meisten Anhänger gefunden hatte und weil die Annahme berechtigt schien, dass die einmal umgestimmte akademische Jugend die alte neue Lehre mit dem ganzen Feuer ihrer Begeisterung und mit Autorität in die weitesten Schichten des Volkes tragen würde. Rasch fanden wir eine kleine Anzahl mutiger Mitstreiter und bald war eine Phalanx beisammen, die an die Gründung einer jüdischnationalen akademischen Vereinigung schritt. Eine mächtige Unterstützung und Förderung fanden unsere damaligen Bestrebungen in einem Manne, dessen Namen mit goldenen Lettern in der Geschichte der hebräischen Literatur glänzt, in dem hebräischen Shakespeare, wie Perez Smolensky im „Magazin für die Literatur des Auslandes“ von einem hervorragenden Kritiker genannt wurde. Ein tiefer Kenner der menschlichen Seele, ein noch gründlicherer Forscher der jüdischen Volkspsyche, ein Dichter von Gottes Gnaden, der die Spracheder Propheten meisterhaft beherrschte und handhabte, hatte er seit Jahren in. seinen zahlreichen Schriften und insbesondere in seiner berühmten Monatsschrift „Haschachar, gegen die Auflösungsbestrebungen und für die Nationalisierung des Judentums mit dem. ganzen Feuer seines Geistes und der ganzen Schärfe seiner ätzenden Satire gekämpft. Wie willkommen musste ihm die kleine Schar jüdischer Hochscbüler sein, die es unternahm seine . verkehren. Und das wäre uns Ihretwegen, den wir doch alle so hoch schätzen, sehr peinlich gewesen. Dr. Löwin: Das heisst, ich weiss eigentlich nicht — — vielleicht irre ich mich — Frau Hofrat: Und wenn auch; Es braucht ja niemand zu wissen und Hans wird nach, wie vor Ihnen gegenüber derselbe bleiben. Dr. Löwin (macht ein Gesicht, als tränke er Lebertran). Frau Hofrat: Entschuldigen Sie mich, Herr Doktor — Dr. Löwin: 0, bitte, ich weiss — Frau Hofrat: — wenn ich jetzt auf einige Minuten verschwinde. Wir Frauen sind so angebunden! Ich sage Ihnen, so: Küche, Wäsche, Dienstmädchen, und schliesslich in die Kirche will man auch gehen. — Also, bitte, einige Minuten — Dr. Löwin: 0, o, o — bitte — (Frau Hofrai mit Dernere-Schwung ab.) Herr Hof rat: Gott sei Dank! Dr. Löwin:!!! V Herr Hofrat: Man kann vor einer Frau, der schon infolge des Geschlechtes eine alles eher als zuträgliche Gesprächigkeit eigen! ümlich ist, nicht über seriöse, namentlich Berufsangelegenheiten, Gespräche pflegen. Nun zur Sache: Ich habe mich über Ihr Verlangen mit dem Herrn Präsidenten Plaltscbädel, Ritter der Eisernen Krone III. Klasse, in Verbindung gesetzt und Ihrer Aufnahme steht, dank der ausserordentlichen Liebenswürdigkeit des alten, ausgezeichneten Herrn, den ich bereits seit dem Jahre 1867 — pardon, 1868 persönlich zu kennen das Vergnügen habe, nichts von Belang im Wege. (Freundlich lächelnd.) Nur ein kleines, leicht zu beschaffendes Dokument muss dem am 18. April präsentierten Gesuche beigefaltet werden. Dr. Löwin (sehr verlegen): Der Militärpass? Sustentationsnachweis? Herr Hofrat: Aber wo! (Freundlich wie die liebe Sonne.) Der Taufschein, lieber Doktor! Sie sehen, eine Kleinigkeit. Eine Formalität, möchte ich sagen. Dr. Löwin (windet sich wie eine beschworene Cobra und lässt den Kopf bis an die Ohren in den Kragen rutschen): Ich danke Ihnen, sehr geehrter Herr Hofrat, für Ihre unendliche Mühewaltung, aber — aber — Herr Hofrat: Lieber Doktor, Sie werden denn doch wohl nicht — Dr. Löwin (mit einem starken, innerlichen Entschluss) : Es geht niicht, Herr Hofrat! Herr Hofrat: Aber! Aber! Ein so hochgebildeter Mensch wie Sie! Das ist doch nachgerade gegen jede wie immer geartete Er-, Wartung. Dr. Löwin: Ich habe eine Mutter, Herr Hofrat, die das nicht überleben würde. Sie lebt allein in Hilbetten — Herr Hofrat: Bezirksbauptmannschafl Landskron. Dr. Löwin (verliert den Faden und schneuzt sich): Ja. Bezirkshauptmannschaft Landskron. (Die Türe wird heftig aufgerissen. Stud. phil. Hans v. Lezensky stürmt ins Zimmer und wirft den Hut erregt ins Lavoir. Ein grosser, blonder BuTschmit Reimers-Bewegungen.) Hans (sehr oberflächlich): Tag, Papa. Herr Hofrat: Ho — ho — ho — jungei- Mann! Du siehst' wohl nicht, wer da ist, he?• Hans (mit Freundlichkeit unter o): Ah, Herr Doktor! Guten Tag! Wie geht’s Ihnen? Dr. Löwin: Sapperlot, sapperlot! Hans, bist du ein fescher Junge geworden! Das wird ein. Silesen-Fuchs werden! Häns (sehr unangenehm berührt): Herr Doktor, wieso wissen Sie — (plötzlich zum Hofrat) Papa, du musst aber alles austratschen! Herr Hofrat (in ordnungsgemässer Erregung) Hans, das verbiete ich mir auf das entschiedenste. Das ist aber denn doch! Hans: Aber, Papa! Du weisst gar nicht, wie peinlich mir das ist. Herr Hofrat: Es wäre mir sehr angenehm* wenn du mir gefälligst‘ mitteilen wolltest, warum. Hans (düster): Weil ich nicht Silese werde. Herr Hofrat: Oh, eine neue Laune! Dürfte ich: erfahren, was dem jungen Herrn über die p. t. Leber gekrochen ist? Hans: Man kann nicht immer alles sagen. Dr. Lövvin:?? Herr Hofrat: Ich dächte, vor .deinem langjährigen, ausgezeichneten Lehrer brauchst du. keine Geheimnisse zu haben.

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