Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Zeitun 3 Redaktion, Administration und "" Wochenschrift. AbonnementspraiSB: Inseratenaufnahme: Erscheint jeden Freitag. ln Oesterreich-Uagara: IX., ^ärlteDsfrasse 9* Ganzjähr. K 10.— halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Telephon Nr. 14.199. In Deutschland: Verkauf fellen in Wien: Administration, Türkenstrasse Nr. 9. Ganzjähr. Uk. 10.—, Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr . Z eitungsbureau Goldschmiedt, I., WoUzeile Nr. 11. halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. vormittags. n -- -- - _ _ -r Einzelne Nummern 20 Heller. Im übrigen Ausland ganzj. Frcs. 15.—. □ c Vertretungen in der Provinz In Brünn : Z eitung sb ur e a u, Ferdinandgasse, —rin Prag: Zeitungsvefrschleiss Wlczek, Graben 33. — In Lemberg: Karl Buchstab. Buchhändterische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 5. Wien, Freitag, den 31. Jänner 1908. II. Jahrgang. jo ■ e » a ■ Wien, den 28. Jänner 1908. In der ungarischen Delegation hat Baron Aehrenthal, eine Rede gehalten, deren aufmerksame Lektüre jedem Freunde, aber auch jedem Gegner der zionistischen Bewegung dringend empfohlen wird: Was seit einem Jahrzehnt der Hauptfaktor im Kalkül der zionistischen Partei ist, dass der Türkei eine Aera grosser Entwicklung bevor steht, ist von dem Minister des Aeussern unserer am Balkan und in der Levante am nächsten und stärksten interessierten Monarchie nicht nur in nachdrücklicher Weise bestätigt, sondern als leitender Gesichtspunkt für die gegenwärtige Orientpolitik Oesterreich- Ungarns sowie aller übrigen europäischen Mächte verkündet worden. Baron Aehrenthal verwies auf die wirtschaftliche Erschliessung Kleinasiens und Mesopotamiens durch die neuen Bahnbauten und fügte hinzu: „Alle Kulturnationen sind rüstig dabei, dem türkischen Reiche neue Hilfsquellen zu eröffnen. Alle diese Unternehmungen haben ein grosses Ziel vor Augen : über Könstantinopel, über die Meerenge den gewaltigen Austausch wirtschaftlicher Güter zwischen Okzident und Orient zu leiten.“ Das ist in der Tat jetzt die Richtung der Politik der Mächte in bezug auf die Türkei. Lange war es anders. Jahrzehnte hindurch hatte man auf den Zerfall des osmanischen Reiches gewartet und sich gerüstet, im gegebenen Moment durch bewaffnetes Eingreifen einen Teil der Beute an sich zu bringen. Aber die Türkei hatte sich trotz der vielen inneren Unruhen als durchaus lebenskräftig erwiesen: im Kriege mit Griechenland zeigte sie ihre alte ungebeugte militärische Kraft und seit Einsetzung der „Dette publique“, der europäischen Schuldenkommission, werden auch die Gläubiger des Staates ordnungsmässig befriedigt. Wenn das osmanische Reich auch den allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung nicht mitmachte und insbesondere bisher noch nicht den Uebergang vom Agrarzum Industriestaat vollziehen konnte (woran übrigens vielleicht weniger die „Rückständigkeit der Verwaltung schuld war als die Fesseln, welche die Mächte der Türkei durch Herabdrückung der Zollsätze, durch die bevorzugte Stellung der Ausländer und auf andere Weise auferlegten), so zeigte sich doch bei genauerer. Kenntnis des Landes, dass ihm gewaltige Hilfsquellen zur Verfügung stehen. D'azü kam allmählich auch die Erwägung zum Durchbruch, dass ein gewaltsames Eingreifen in der Türkei nicht nur auf zähen Widerstand stossen, sondern auch einen Weltbrand entfesseln würde, der jedenfalls unendlich grosse Werte zerstören, dessen Ausgang aber für die einzelnen Mächte ganz unberechenbar sein würde. So scheint denn der Gedanke an eine derartige Lösung der orientalischen Frage jetzt vollkommen aufgegeben zu sein. Eine friedlichere und weisere Orientpolitik wurde inauguriert. Die interessierten Mächte verständigten sich untereinander und begannen im Wettbewerb an der wirtschaftlichen Erschliessung der Türkei, namentlich ihrer wertvollen, zum Teil ganz brachliegenden asiatischen Landteile zu arbeiten. Der Sultan kommt diesen Bestrebungen entgegen. Er hat eingesehen, dass er sich nur dadurch halten und die Entwicklung seines Landes fördern kann, wenn er die , Eifersucht der Mächte geschickt benutzt und ihrem Verlangen nach Bahnbau- und sonstigen Konzessionen nachgibt, ohne dabei eine oder die andere Macht speziell zu bevorzugen. Gleichzeitig unternimmt er selbst Schritte, um den türkischen Staat kulturell, finanziell und militärisch zu kräftigen, damit er einerseits befähigt sei den kommenden grossen Verwaltungsaufgaben gerecht zu werden, anderseits gegenüber den Gefahren der „Interessensphärenpolitik“ der Mächte jedenfalls gerüstet sei. Der Sultan arbeitet unablässig an der Verbesserung des Unterrichts¬ und des Heereswesens, baut strategische Bahnen, wie die Mekkabahn, und ist gewillt, Ordnung in die Finanzen zu bringen, indem er ihre Verwaltung nach europäischem Muster zentralisieren möchte. (Irade vom 1. August 1907.) Diese Reform, richtig durchgeführt, würde der Türkei zum grossen Segen gereichen. Die Einnahmen würden mit einem Schlage bedeutend steigen umt die Misswirtschaft der Beamten in den Vilajets hätte ein Ende. Denn die Korruption der türkischen Beamten liegt nicht am schlechten Menschenmaterial, sondern am System. Nur wenn er sein Gehalt nicht bekommt und keiner Kontrolle untersteht, FEUILLETON. Die Frau Hofrat. Eine Illustration. Nachdruck verboten! (Ein vornehmes Bürgerzimmer« Alles atmet Wohlstand und Ordnung. Heiligenbilder, Goldfisch e, Samtmöbel. In der Mitte ein behaglicher Tisch, an dem der Herr Hofrat Bitter von L ezensky, seine Gemahlin und der ehemalige Hauslehrer Dr. Lö win Tee nehmen. Der Hofrat ist ein jovialer Herr von 50 Jahren, der jede Serviette wie einen wichtigen Akt faltet; er scheint seine Empfindungen zu registrieren, seine eigenen Worte zu Protokoll zu nehmen und seine Bewegungen mit Ordnungszahlen zu versehen. Die Frau Hofrat ist in den besten Jahren, über fünfzig, lebhaft, trägt ein grosses Kruzifix an der breit angelegten Brust. Doktor Löwin trägt einen Spitzbart von gestern and einen Salonrock seit der Matura. Er ist sehr zutuniich und verlegen.) ■Herr Hofrat: Wie ich bereits erwähnt zu haben glaube, ist die Auszeichnung der von Hans im Juli abgelegten Reifeprüfung lediglich an der als aussergewöhnlich zu bezeichnenden Strenge des Professors der achten Rangsklasse -Dr. Schwarz gescheitert. Ich kann nicht umhin, diese zweifelsohne rigorose Auffassung seitens des Oberwähnten als eine immerhin etwas pedantische und in gewisser Beziehung odiose zu bezeichnen. Frau Hofrat: Er war unserem Buben einfach aufsässig. Glauben Sie mir, Herr Dr. Löwin, einfach aufsässig! Er weiss, dass Hans aus einem streng katholischen Hause stammt und — Sie dürfen mir nicht böse sein, Herr Doktor . — das jüdische Blut des Professors Schwarz hat das nicht vertragen können. Einfach nicht vertragen können! Dr. Löwin (sehr verlegen): Gnädige Frau, ich glaube denn doch — Herr Hofrat (jovial): Herr Doktor, Sie werden sich wohl des Umstandes bewusst sein und Ihre Betätigung in unserer Familie wird Ihnen zur Genüge den unumstösslichen Beweis geliefert haben, dass es sich bei diesen Worten meiner Frau in keiner Weise um eine antisemitische- Frau Hofrat: Aber, aber, aber Paul! Der Herr Doktor Löwin weiss doch selbst, dass wir einen anständigen Israeliten immer als anständigen Menschen betrachtet haben. Leider gibt es aber sehr wenig solche. Das wird sogar der Herr Doktor sagen müssen. Diese gewisse Arroganz, diese Protzerei — nicht wahr, Herr Doktor? Dr. Löwin (rutscht auf dem Sessel umher): Allerdings — es ist gewiss — so — in gewisser Hinsicht — Frau Hofrat (zu ihren Mann): Da hast du’s! Weil du immer so zimperlich bist. Es ist für mich zweifellos: Unter hundert Juden sind neunundneunzig nicht zum Vertragen. Einfach nicht zum Vertragen! Dr. Löwin: Und was hat Hans in Physik gehabt? Er war doch ein glänzender Physiker! Herr Hofrat: Auch diesbezüglich blieb uns keineswegs eine Enttäuschung erspart. Er wurde mit „Befriedigend“ klassifiziert, obwohl er, wie aus den unbeeinflussten Aussagen aller seiner Kollegen hervorgeht, nachgerade die schwersten und gewissermassen subtilsten Fragen nach verhältnismässig kurzer Zeit zur vollsten Zufriedenheit des Herrn Professors der siebenten Rangsklasse Eduard Vistrcpupek beantwortete. Frau Hofrat: Aber was. Das ist ja alles jetzt gleichgültig. Demnächst wird Hans in der roten Kappe der „Silesia“ wie ein Schneekönig herumsteigen. Dann kann ihm die ganze Bude egal sein! Ein flotter Bursch ist er und alles übrige wird sich finden. Dr. Löwin: Ab, Hans wird Couleurstudent! Recht hat er! Wenn man nur kann! Diese feucht-fröhliche Zeit ist ja doch etwas Prächtiges. Und* gar Silese! Ich hab’ dort einen Freund gehabt — Frau Hofrat: Siehst du, Paul, einen Freund hat Herr Dr. Löwin dort gehabt! (Zu Doktor Löwin.) Mein Mann sagte nämlich, diese Sileseu . hätten das Prinzip, mit keinem Israeliten zu ^40634