Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 Grosses zionistisches Meeting in Lemberg. (Von un serem Spezialkorrespondenten.) a. Je. Solch eine imposante Versammlung hat Lemberg schon lange nicht gesehen! Ueber 1500 Personen aus allen Schichten des jüdischen Volkes füllten bis aufs letzte Plätzchen die weiten Räume des Saales „ Jad Charuzim“. Hunderte fanden keinen Einlass. Unter den Anwesenden konnte man die Vertreter fast aller hiesigen jüdischen Institutionen bemerken. Der durchgefallene Gegenkandidat des Abgeordneten Stand, Wollerner, war zugegen. Der Obmann des Lemberger Distriktskomitee David Schreiber eröflhete die Versammlung und begrüsste unseren Gast Herrn Baurat Oskar Marmorek aus Wien. Als erster sprach Abgeordneter Dr. Heinrich Gabel. Er erwähnte all das, was die Vereinigung der Vier in der knappen Zeit von sechs Monaten bereits geleistet hat und zu leisten versuchte. Die Rede wurde sehr oft von Beifall unterbrochen. Dann sprach Abgeordneter Dr. Stand. Er zog zwischen den Leistungen der zionistischen Abgeordneten, die selbständige Politik treiben, und denen der Hausjuden des Polenklubs eine Parallele und der Vergleich war eine niederdrückende, eine vernichtende Kritik der israelitischen Polenknechte. Sehr charakteristisch waren die Ausführungen des Abgeordneten Stand über die Haltung der Abgeordneten Löwenstein, Komischer und Genossen während der Abstimmung über die Wald des Parlamentspräsidi ums. Der Redner sagte: „Als es sich um die Wahl eines Antisemiten zum Präsidenten des Abgeordnetenhauses handelte, da stimmten wir alle vom Jüdischen Klub für den Kandidaten des Fortschrittes und der vereinigten Opposition. Und was taten die Israeliten des Polenklubs? Zwei stimmten, aber mit leeren Zetteln und zwei flüchteten sic h aus dem Saale. Und diese leeren Zettel sind das Symbol der Leere ihrer Köpfe und ihres Geis tes. Und die Flucht der anderen zwei ist die Flucht vor jedem Fortschritte und vom Judentume.“ (Donnernder Beifall.) Abgeordneter Stand gab schon jetzt die Erklärung ab, dass der Jüdische Klub für die 1 ii v ai i d itäts- und Altersversicherung, welche in der nächsten Session zur Verhandlung gelangen, unter der B edingung stimmen werden, dass ihre G//tigkeit auch auf die Kleinhändler und K leinhan d w e r ker erwe ite r t wer d e, um auf diese Weise dem zahlreichen jüdischen Mittelstände eine. Stütze für das Alter zu verschaffen. In bezug auf die Ge set'zesvorlagen betreffend die Verbilligung der Lebensmittel wird sich der Jüdische Klub für die Oeffnung der Grenzen für den Vieheinfuhr einsetz en. Dann zählte der Redner die weiteren Fälle auf, an denen sich die Mitglieder des Jüdischen Klubs, sei es durch zahlreiche Interpellationen, Anträge oder Interventionen, sei es durch Reden im Hause beteiligten. Hierbei kam er auch auf die Pol endebatte zu sprechen. Und nun beleuchtete Redner wieder die knechtische Stellung der „Moschkos“ und das freie, mannhafte Auftreten der zionistischen Volksvertreter. Er sagte: „Wir erlebten den Fall, dass die Israeliten des Polenklubs, welche gegen die Polen nicht sprechen dürfen, auch für die Polen nicht sprechen durften. Denn Lakaien dürfen nicht dreinreden in Dingen, welche ihre Herren näher berühren. Und während sich der Jüdische Klub auf Schritt und Tritt und bei jeder Gelegenheit (Universitäts- und Budgetdebatte) die Achtung und das Ansehen der Regierung und des ganzen Hauses erworben hat, sanken jene immer mehr in den Sumpf der Verachtung. Die Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Universitäten und beider kom m en den Vol k szä hlung, wie auch die Aenderung der Sonntagsruhevorschriften befinden sich auf dem besten Wege zur befriedigenden Lösung. Es gelang dem Jüd. Klub das Wohlwollen der Regierung in dieser Richtung zu gewinnen. Und so werden die jüdischnationalen Abgeordneten unermüdlich weiter arbeiten für das Wohl des jüdischen Volkes und des freiheitlichen Gedankens. Die erhabene Devise: „Juden, treue Söhne ihres Landes und Männer des Fortschrittes“, wird stets wie eine brennende Fakel auf ihrem dornenreichen Wege vorangehen.“ Zum Schlüsse seiner Ausführungen erklärte Abgeordneter Stand, dass der Jüdische Klub niemals vom Wege des palästinensischen Zionismus abgewichen sei und abweichen werde. Aber Zionismus ohne Gegenwartspolitik wäre unmöglich. Denn zwischen ihnen bestände dasselbe Verhältnis, wie zwischen Schule und Leben. Wie die Schule die Vorbereitung fürs Leben, so ist die politische Betätigung die Vorbereitung zu einem politisch unabhängigen Leben in Palästina. Minutenlanger, tosender Beifall lohnte die meisterhafte Rede. Hierauf beantragte und begründete Herr Dr. Josef Grünberg (Nicht-Zionist) eine Resolution, welche dem Jüdischen Klub, als der einzigen, jüdischen Vertretung im österreichischen Parlamente, die Anerkennung und das vollste Vertrauen votiert und ihn auffordert, weiter auf dem betretenen Wege der nationalen Selbsthilfe fortzuschreiten. Diese Resolution wurde einstimmig angenommen, Mit der Absingung zionistischer Lieder endete diese imposante und überaus gelungene Kundgebung für den Jüdischen Klub. Abgeordneter Or. Heinrich Gabel in seinem Wahlbezirke. (Von unserem Korrespondenten.) ch. Auf Einladung des zionistischen Kreiskomitees kam Abg. Dr. Gabel nach Buczacz, um über die Tätigkeit des Jüdischen Klubs zu berichten. Abg. Dr. Gabel wurde bei seiner Ankunft am Bahnhofe von den Deputationen des zion. Kreiskomitees, des Vereines Zion, der hebr. Schule, der akadem. Verbindung „Bar Kochba“, des „Poale Zion“ und der radikalen Ruthenen empfangen. Freitag, am 10. d. M. sprach Dr. Gabel in eirur ruthenischeu Massenversammlung an der unter Von-ilz des Abg. Dr. Baez y ns ki, an der Bauern aus 67 Dörfern des Buczaczer Bezirkes teilnahinen. Samstag, am li. d. M. fand im Hotel PodoLki eine grosse jüdische Volksversammlung statt. Die beiden grossen Säle wie auch die Korridore waren voll, viele konnten keinen Einlass finden. Mit lebhaften Beifall begrüsst, erstattete Abg. Dr. Gabel in einer zweistündigen R**de Bericht über die Tätigkeit des Jüdischen Klubs. Redner skizzierte das parlamentarische Milieu, in dem der Jüdische Klub auftrjlt, sein Verhältnis zu <ten Parteien des Reicusrates, charakterisierte seine Freunde und Feinde, und erörterte dann eingehend die Stellung des Jüdischen Klubs zu allen wichtigen parlamentarischen Fragen. Abg. Gabel führte aus, dass die Bedeutung drs Jüdischen Klubs schon in seiner Exstenz selbst liege, und dass er verstanden habe auch bei anderen Parteien für die Juden frage Interesse zu erwecken. Die vorzüglichen Reden der jüdischen Abgeordneten trugen viel zur Aufklärung über das jüdischnationale Programm bei, die Interpellationen bilden ein sehr oft erfolgreiches Abwehrmittel gegen die Beamtenwillkür, von der die Juden soviel zu leiden haben, und die zahlreichen Interventionen, die die jüdischnationalen Abgeordneten unaufhörlich beschäftigen, bilden einen Beweis von dem greuzlosen Zutrauen, das dem jüdischen Klub vonder gesamten jüdischen Bevölkerung geschenkt werde. Abg. Gabel berichtete über die Konferenzen mit dem Ministerium, über die Forderungen, die vom Jüdischen Klub an die Regierung gestellt wurden und von den Hofiuungen auf ihre Berücksichtigung; er schilderte dann die Gefahr, die uns von vielen in den Ausschüssen vorbereiteten Vorlagen droht, die in ihrem Wesen die jüdischen Interessen schädigen können, und forderte zum Schlüsse seiner interessanten Ausführungen alle Juden auf, den Jüdischen Klub mit allen Kräften zu unterstützen. Lebhafter Beifall folgte fast jedem Abschnitte der glänzenden mit Spannung gehörten Rede und nachdem der Redner geschlossen hatte, ertönten stürmische Rufe: Hoch der Jüdische Klub! Hoch Abg. Dr. Gabel! Die Versammlung nahm einstimmig eine Resolution an, die dem Jüdischen Klub das vollste Vertrauen für seine unermüdliche, erspriessliche parlamentarische Tätigkeit und speziell dem Abg. Gabel den herzlichsten Dank für seine Berichterstattung ausspricht. aufzuweisen. Er liiess Mordecliai Gumpel. Sein Sohn Elias Gumperz siedelt nach Cleve über und betreibt bereits Geldgeschäfte mit den grossen Kurfürsten. Er war ganz allein imstande für die damalige Zeit so grosse Summen, wie fünfzehn- bis zwanzigtausend Taler auszuleilien. Er ist der erste Gomperz, der Gelehrter und Kaufmann zugleich. Eine interessante Gestalt ist auch Jakob Gomperz, der trotz seiner kaufmännischen Tüchtigkeit ein berühmterTalmudgelehrter war. Cleve wurde den Gomperz zu klein und sie wandern nach Berlin aus, wo ihnen die Beziehungen zu der herrschenden Dynastie zustatten kommen. Rüben Elias Gumperz wird ein sogenannter Münzjude und kann sich nur mit schwerer Mühe den Verfolgungen entziehen, von denen die meisten Münzjuden betroffen wurden. Den geschäftlichen Höhepunkt erreichte die Familie in Nymwegen, wo gegen 1720 Benedikt Gomperz ein Weltbankhaus errichtete und der Grossbankier der Generalstaalen war. Mit dem Auftreten Moses Mendelssohns lockerte sich, natürlich nur im Westen, das feste Gefüge des Judentums. Während eine grosse Anzahl der damaligen Israeliten ihren assimilatorischen Standpunkt sehr gut mit einem Festhalten an die äusseren Gebräuche des religiösen Judentums verbinden konnten, verliess eine Minorität das Judentum ganz. Zu ihnen gehörte auch ein Mitglied unserer Familie Gomperz, nämlich Leon, geboren 1747. ln seiner Person verkörperte sich die ganze Halbheit, der. ganze Dilettantismus, das ganze seelische Schielen und Schwanken, das im deutschen Judentum durch Mendelssohn herangezüchtet wurde. Trotz seiner Talente, trotz seiner literarischen Begabung blieb Gomperz ein Dilettant sein Leben lang. Er, der Schüler Kants, brachte es nie zu methodischem Denken. All seine kaufmännischen Unternehmungen schlugen fehl, seine rein literarischen .Schriften sind heute, trotzdem er frühzeitig, im Gegensatz zu Friedrich dem Grossen, die Bedeutung Lessings erkannte, vollkommen verschollen und der Spross des alten Judengeschlechtes starb ohne Familie, verbittert, in Danzig. Professor Theodor Gomperz ist in unserer Zeit der bedeutendste Träger dieses Namens. Von früh auf verkörperte er all die guten Traditionen seiner Familie und trotzdem er sich als Gegner des Zionismus bekennt, kann man in seinen Betrachtungen Ansätze eines bewussten und lebendigen Judentums finden. Und er ist gerade durch die Betrachtungen seiner Familiengeschichte zu solchen Ansätzen gelangt. Theodor Gomperz, der jüdische Patrizier, ist gleich dem grossen Brnkhardt, dem Baseler Patrizier, ein tiefer Kenner des griechischen Schrifttums und der hellenischen Kultur geworden. Aber gerade seine Art zu denken und seine spezifische Methode offenbart uns auch wie sehr Gomperz in seiner ganzen positiven Lebensarbeit Jude war und blieb. Es gibt auch in der Wissenschaft eine Art der Vornehmheit, die umso schwerer zu erringen ist, wenn sie sich mit origineller Auffassung paart. Diese Vornehmheit hat Gomperz mit Burkhardt gemeinsam. Sonst aber sind sie in allem verschieden. Gomperz ist der Jude, ist der modernere Mensch. Er sucht in seiner Darstellung der griechischen Denker die Beziehungen zu unserer wissenschaftlichen Periode herauszugestalten Burkhardt ist der grössere Künstler, seine Auffassung ist intuitiver, synthetischer. Gomperz isanalytischer, intellektuellistischer, ja wenn ma J will, rationalistischer. Man sage nicht, diese Untern schiede sind durch das bloss Stoffliche gegeben man versuche sie auch nicht dadurch zu erklären, dass Burkhardt von Hause aus Historiker, Gomperz Philologe gewesen. Denn es sind seelische Verschiedenheiten, um die es sich hier handelt, seelische Verschiedenheiten, die den jüdischen Patrizier auch in seinem Lebenswerk als den letzten Spross uralten Geschlechtes erkennen lassen. Allerlei. Heinrich Heine in Hebräischen. In der Monatsschrift „Ost und West* (VII. Jahrg.. Nr. 12), behandelt eine grössere Studie von Samuel Meiseis das Thema: „Heine im Hebräischen*. Heinrich Heine ist ins Ghetto verhältnismässig spät eingedrungen. Die hebräischen Schriftsteller hatten lange gezögert, ihn in das Fremdenregister, wo so viele Dichter und Denker Aufnahme fanden, einzutragen. Die Ursache hierfür ist rein psychologischer Natur. Sie wussten nicht recht, was mit Heine anzufangen; er war ihnen als Witzbold zu ernst, als ernster Dichter zu witzig. Ausserdem: Heine konnte man lesen, sie waren gewohnt zu „lernen* .... Das erste heinische Gedicht, das in einer hebräiichen Uebertragung