Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 4 au schlechter Administration leiden wird, dafür bürgt der Umstand, dass die Leitung dem Gg. Dr. Ruppin unterstellt wird, der übrigens auch im Verein mit Prof. War* bürg, der Urheber des Projektes ist, das er auf Grund seiner durch Monate wahrenden in Palästina angesteüten Untersuchungen ausarbeitete. Bürgschaften des Erfolges. Der wesentliche Unterschied zwischen dieser neuen Kolonisationsmethode und den bisherigen liegt in folgendem: 1. Werden in dem Arbeiter, der ja meist städtischer Proletarier sein wird, durch Gewinnbeteiligung und die Aussicht, in wenigen Jahren selbstständig zu sein, jene Energien geweckt, die allein imstande sind, aus einem städtischen Arbeiter einen Landbebauer zu machen — bekanntlich die schwierigste Seite unserer Kolonisationsfrage. 2. Wird der Arbeiter dabei einige Jahre unter tüchtiger Leitung stehen, also nicht s o f o r t selbständig sein, und, was dabei die Hauptsache ist, keinerlei Risiko tragen. 3. Kann — was wir hier nicht näher ausfübren können — durch Uebergang von extensiven zur intensiven Kultur das Landstück, das ursprünglich nur zur Aufnahme einer kleineren Anzahl von Menschen geeignet ist, nach und nach ein Vielfaches dieser Anzahl ernähren. Das sind auch die Postulate, welche unser Gg. Dr. Franz Oppenheimer, die erste Autorität auf diesem Gebiete, dessen Arbeiten geradezu bahnbrechend waren, stets (zuletzt in der Berliner A.-G.-Sitzung) aufgestellt hat. Er hat sich daher auch mit dem Plane der Development Company einverstanden erklärt und damit einem Kolonisationsversuche seine Zustimmung gegeben, wie ihn schon Dr. Herzl auf seinen Rat intendieren wollte. Ausblicke. Es ist nach allem nur angebracht, wenn das Palästinaressort in seinem Prospekt der Development Company sagt: »Bei erfolgreicher Durchführung des Systems ist zu erwarten, dass eine verstärkte Tätigkeit der anderen jüdischen Kolonisationsgesellscbaften in Palästina einsetzt und sich ein Handinhandarbeiten der Zionisten mit diesen Gesellschaften, insbesondere mit der Ica ermöglichen lässt. Auch wohlhabende jüdische Privatpersonen werden sich, sei es mit ihrer Person, sei es mit ihrem Vermögen, in grösserer Zahl der Landwirtschaft in Palästina zuwenden, sobald sich durch das Gelingen der Kolonisation die Ueberzeugung verbreitet, dass der Boden Palästinas in der Hand der Juden ein wertvoller Besitz ist, der überall seinen Mann ernährt und in der Zukunft noch grosser Wertsteigerung entgegengeht.“ Nicht nur ah alle Zionisten, sondern auch an alle Freunde Palästinas, an alle, welchen das Problem; derjüdischen Emigration und des jüdischen Massen elends nahe geht, tritt die Pflicht heran, sich an der Gesellschaft zu beteiligen. Die Anteile — K 25 — sind niedrig genug, um weiten Kreisen die Teilnahme zu ermöglichen. Aber auch für kleinere Beträge wird eine Form der Verwendung in der Gesellschaft gefunden werden.*) Es gilt ein grosses, ein schönes, ein vielversprechendes Werk in die Tat umzusetzen. Möge sich jeder der Bedeutung des Unternehmens bewusst sein und das Seinige tun! Zur Frage einer jüdischen Bank in Galizien. Gg. Karl R e z e k, der Gründer und Leiter der vorzüglich prosperierenden Prager Volksvorschusskassa, den wir zu einer Aeusserung über diese aktuelle Frage aufforderten, schreibt uns folgendes: »Meiner Ansicht nach wäre die Gründung mehrerer gut geleiteter Vorschusskassen viel nötiger und zweckentsprechender als die Gründung einer Banfe, denn den »guten“, grossen Juden stehen alle Banken gerne zur Verfügung, wogegen dem kleinen Juden nur ein die Verhältnisse überblickendes, mitfühlendes Institut helfen kann. Sind einmal wenigstens 50 der von mir gedachten Vorschusskassen gegründet, so haben sie schon dem Gesetze nach das Recht, sich zu einem Revisionsverbande zu organisieren. Diese 50 Kassen könnten dann nach dem Muster der »Zentralbank deutscher (böhmischer) Sparkassen“ eine Zentralbank gründen, welche .ihnen ihre überschüssigen Kapitalien verwertet, respektive Reeskompt versorgt. Diese Zentralbank könnte es leicht tun, weil sie zufolge der ihr zustehenden Kontrolle die Bonität der einzelnen Institute genau kennen würde. Man wird mir einwenden, dass zuerst behufs Etablierung oder Organisation von Vorschusskassen, die Bank *) Gelder sind zu senden an: Die Sammelstelle des jüdiscben Nationalfonds, Wien, IX., Türkenstrasse 9, oder das Palästina Ressort, Prot Warburg, Berlin W 15, Uhlandstrasse 175. zu gründen wäre. Das ist aber unmöglich, weil ein solches Zentralinstitut aus taktischen Gründen keine Parteiengeschäfte machen darf, daher vor Gründung der Vorschusskassen ohne Einnahmen wäre und sehr leicht ihr Kapital, zumindest aber ihren Kredit und ihr Ansehen verlieren könnte."" Ich befürchte sogar, dass das gedachte und tatsächlich notwendige Minimalkapital von 2,000.000 Kronen nicht aufzutreiben sein wird, viel eher können dies aber 50 Vörschusskassen durch eigene Subskription und durch Agitation in ihren Rayons. Wenn zum Beispiel jede dieser Vorschusskassen (durchschnittlich) selbst 10.000 Kronen dieser Zentralbankaktien einzahlt, sind es schon eine halbe Million Kronen. Das einzelne Institut ist um diese 10.000 Kronen nicht geschwächt, weil die Zentralbank zumindest diesen Betrag wieder reeskomptiert, ja bei fachkundiger seriöser Leitung sich auf dem Geldmarkt durch Spareinlagen und Reeskompte Kapitalien beschafft, die es ihr ermöglichen, allen an sie gestellten Anforderungen zu entsprechen. — Dies ist mein Plan zur Gründung einer jüdischen Bank in Galizien und um den zu verwirklichen, müsste ein Aktionskomitee eingesetzt werden, welches sich ausschliesslich mit der Begründung von Vorschusskassen zu befassen hätte, aber nur dort, wo sie ein Bedürfnis sind und-Männer gefunden werden, die in jeder Beziehung zur Leitung eines Geldinstitutes qualifiziert sind. Ich bin gerne bereit mit Rat und Tat mitzuarbeiten, eventuell stelle ich mich zur Erstattung des Referates in den einzelnen Städten zur Verfügung, und zwar im nächsten Sommer. Mit bestem Zionsgruss Karl Rez ek.“ * Wir haben diese Aeusserung unseres geschätzten fachkundigen Gesinnungsgenossen, t it welcher wir vollkommen übereinstimmen, an die Parteileitung weitergegeben und sind überzeugt, dass es durch die Mitarbeit des Gg. Rezek bald zur Verwirklichung seiner Vorschläge kommen wird. Reichtum oder wenigstens Wohlstand kann jeder Geschäftsmann erwerben, wenn er seine Geschäftsbücher genau führt. Für die Lieferung bester und billigster Bücher und aller Bureaurequisiten empfiehlt sich Gcschäjtsbücher-Fabrik A. Grünsfeld & Co., Wien, L, Gonzagagasse 21. Judenheit aufdeckt; wir unterschreiben so manches, was er sagt. Aber wir ziehen auch die Schlussfolgerung daraus, die uns der Autor schuldig geblieben ist, und die ist: Je fauler, untauglicher, haltloser das assimilierte Judentum ist, desto notwendiger brauchen wir eine gesunde, feste zionistische Judenheit. Je ekler der Sumpf ist, darin das assimilierte Judentum verkommt, desto dringender und rascher müssen wir einen Ausweg finden ... In dem Glauben, dass trotz vieler morschen Aeste unser Stamm samt den Wurzeln gesund ist, haben wir bereits den Anfang gemacht, um aus der »ägyptischen Finsternis“ ans Licht zu gelangen. Denn wir sind zur Erkenntnis gekommen, dass gerade wir es sind, die in der Fremde zersetzt und verdrängt und verfälscht werden . . . . Dem wollen wir Einhalt tun — und unser Volk retten, so iange es Zeit ist. Hoilhungsvoll und mutig haben wir den Weg zur Regenerierung beschrilten. Da gibt es kein Tappen im Dunkeln mehr und kein Irren in Nacht und Nebel. Klar gezeichnet liegt der Weg vor uns und dehnt sich ins Weile und fuhrt an Domen und Hecken und Hindernissen vorbei zur Sonne: nach Zion! Dr. M. Scherlag, Wien. In den Kreisen der reichen Berlin er Israeliten herrscht jetzt stark der Brauch, dass Eltern die selbst ihrem Glauben treu bleiben, ihre Kinder taufen lassen Nun fragte jüngst solch ein neugebackener kleiner Christ seine Mutter: »Mama, wenn wir einmal gross sind, werden wir dann auch Juden?' (»Jugend“.) Die Geschichte einer jüdischen Famiiie. Von Dr. Paul Welssengrfln. Vor mir liegt die Familiengeschichte der Gomperz,*) eine überaus fleissige, gediegene und verdienstvolle Arbeit Wer dies Buch oberflächlich durchblättert, wird nichts Interessantes an der Lektüre finden, wer sich aber liebevoll in das Studium dieser Ereignisse und Zusammenhänge vertieft, vor dem werden plötzlich die trockenen Ziffern und Daten verschwinden, hinter Geburtsjahren und Todestagen werden lebendige Gestalten auftauchen, bleiche und vornehme Jugendgesichter, in denen man all die unzähligen Verfolgungen und Leiden, aber auch allen Trutz und Stolz unseres alten Stammes lesen kann. Ein tüchtiges Geschlecht diese Gomperz und, gerade weil die Verfasser keine Tendenz in die Schrift hineinlegen wollten, steigt für den Kundigen um so wahrer und lebendiger doch eine Tendenz wie von seihst aus dem schmalen Bande empor. Man sieht wie langsam und allmählich aus den gequälten und erniedrigten Gheltojuden ein innerlich schon halb befreites Geschlecht von tüchtigen und umsichtigen Kaufleuten erwächst Aber diese Kaufleute sind, und das ist bezeichnend für die Gomperz, noch bezeichnender für das Judentum, _*) »Die Familie Gomperz“ von Professor David Kaufmann und Doktor Max Freudehthal, Frankfurt 1907. entweder zum Teil hebräische Gelehrte, die das Schrifttum ihrer Zeit voll und ganz beherrschen, oder wenigstens hochgebildete Dilettanten, Geniesser der hebräischen Kultur. Und dann geht die Entwicklung weiter, aus den umsichtigen Kaufleuten wird eine stolze Familie von Kämpfern und Denkern und diese fast endlose Reihe der Geschlechtsangehörigen schliesst würdig die ragende Gestalt des Professors Theodor Gomperz ab. So sind die Gomperz nicht nur eine interessante und bedeutende, sondern in gewissem Sinne auch eine vorbildliche und historische Familie. Hätten wir viele solcher Familiengeschichten, wir könnten dem Werden des modernen Judentums nachspüren. Ein weitverzweigtes Geschlecht diese Gomperz! Zuerst tauchen sie in dem ehemaligen Herzogtum Jülich-Cleve, in der Gegend des heutigen Düsseldorfer Regierungsbezirkes auf, wo sie sich dann nach allen möglichen Orten Niederdeulschlands, dem benachbarten Holland,: nach Berlin, später nach London und zum Schluss nach Prag, Pest, Brünn und Wien verbreiten. Das damalige Herzogtum Cleve, in der Nähe Hollands, dort wo der Rhein die Ruhr und die Lippe aüfnimmt, .war ein besonders günstiger .Platz für die Entfaltung von Handelsbeziehungen aller Art. Die Gomperz oder Gumpel, auch Gumperz genannt, wie sie ursprünglich hiessen, traten in Beziehungen zu dem letzten Herzoge von Cleve, dann als dies Heraoggeschlecht versöb wand, zu den Kurfürsten von Brandenburg.'; Die damals;, reejit bedeutende Stadt Emmerich hat den ersten Gomperz