Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2438141-2438167-2438171--0328-2439835- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 4 Körperschaft des Reiches durchgeführt, so musste das in den Landtagen noch bestehende Kurien Wahlsystem von den breiten Volksmassen als anachronistisches Unrecht und logische Inkonsequenz empfunden werden. In allen Kronländern entstand deshalb eine mächtige Bewegung gegen die für die Landtage bestehenden Kurienwahlsysteme. In einigen Ländern hat dieser Ansturm bereits eine kleine Verbesserung des Wahlrechtes zur Folge gehabt, am schwersten aber wird es sein, die Machthaber Galiziens zu einer, wenn auch noch so bescheidenen Reform zu zwingen. Die herrschgewohnte Schlachta hat sichimmerundüberallamlängstenund zähesten gegen das Eindringen moderner Ideen in das öffentliche Leben und gegen die Durchführung fortschrittlicher Reformen gewehrt. Aber ihre Macht ist nicht mehr die alte. Die starke, beherrschende Position, die sie im Reiche und in Galizien durch Jahrzehnte inne hatte, gründete sich einesteils auf die Gefolgschaft, die sie als jederzeit „staatserhaltende11 Partei den Regierungen im Zentralparlamente leistete, wofür ihr Galizien ausgeliefert wurde, anderseits aber auf die mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln betriebene Polonisierung Galiziens. Dadurch erschien die Schlachta auch den anderen polnischen Parteien als Vorkämpferin des „Polentums“ und die Differenzen zwischen den polnischen Parteien galten ihnen selbst nur als unwichtige, ■ innere, häusliche Zwistigkeiten während nach aussen die Solidarität aller polnischen Parteien unter Führung der Schlachta aufrecht blieb. Der Reicbsratswahlkampf hat dieser Idylle ein Ende gemacht. Im Momente, wo die breiten Volksmassen Vertreter ihrer Interessen zu wählen hatten, konnten durch nationale Schlagworte die abgrundt.efen sozialen und wirtschaftlichen Differenzen nicht mehr verwischt werden. Die bürgerlichen, kleinbürgerlichen, bäuerlichen und proletarischen polnischen Parteien traten mit grossen Chancen in den Wahlkampf kein Kuriensystem sicherte dem Adel und der Grossbourgeoisie mehr die Mandate und so kam es, dass die Schlachta fast gänzlich aufgerieben wurde, obzwar ihr der offizielle Apparat zur Verfügung stand und sie die verwerflichsten Mittel der Wahlmache anwendete. Auch die unterdrückten Nationen, Juden und Ruthenen konnten trotz einer ihnen ungünstigen Wahlkreiseinteilung und der bei den Wahlen von den polnischen Machthabern verübten unerhörten Gewalttaten nicht mehr „zerschmettert“ werden und wussten sich eine achtungsgebietende Vertretung zu erringen. So sehen wir die Erscheinung, dass der reichsrätliche Polenklub kaum mehr die Hälfte der galiziscben Abgeordneten in sich vereinigt, dass eine nichtsozialistische polnische Partei ihm fernbleibt und dass die Führung des Klubs aus den Händen der Schlachta in jene der Allpolen übergegangen ist. Man wird sich daher nicht wundern dürfen, wenn die Stanezykenpartei nach diesen Erfahrungen wenigstens im Lande Galizien ihre Position zu retten suchen und sich verzweifelt dagegen wehren wird, dass das Landtagswahlrecht in fortschrittlichem Sinne umgestaltet werde. Aber auch die anderen polnischen Parteien, so sehr sie auch „demokratisch“ schillern mögen, werden sich aus nationalen Motiven hüten, ein wahrhaft demokratisches Landtagswahlrecht zu verlangen, denn Ruthenen und Juden würden daun bald die polnische Hegemonie in Galizien brechen. Die Nachrichten, welche über eine Allianz zwischen Schlachta und Volkspartei lanziert werden, eine Allianz, welche unter dem Schlagwort der Gemeinsamkeit agrarischer Interessen propagiert wird, beweist, dass die klugen Taktiker der Konservativen immer neue Mittel zu finden wissen, um angesichts der „äusseren Feinde“, d. h. der Erhebung der unterdrückten Nationen, die gestörte Harmonie im Lager der Polen wieder herzustellen. Die Hauptlast des Kampfes für Erringung eines demokratischen Landtagswahlrechts wird daher auf die Sozialisten, Ruthenen und Juden fallen. Insbesondere für uns Juden ist die Wahlreform nicht bloss eine Forderung, die aus unserer demokratischen Gesinnung fliesst, sie ist für uns gleichzeitig die Voraussetzung zur Erringung einer n a t io n a 1 jüdischen Vertretung im galizischen Landtag. Diese aber ist unser nächstes und wichtigstes Ziel, demgegenüber alle anderen Interessen in den Hintergrund treten müssen. Wir Juden sind gewiss keine Feinde des polnischen Volkes. Mit manchen polnischen Parteien verbinden uns identische, politische, soziale und wirtschaftliche Programmpunkte. Aber niemals sind die Wortführer der polnischen Parteien, auch wenn sie mosaischer. Konfession waren, für die Rechte der unterdrückten, ausgebeuteten, der Existenzmöglichkeit beraubten „polnischen Juden* eingetreten, niemals haben sie diese Unterdrückung gestützt und verteidigt. Erst in der vorletzten Landtagssession machte der „Pole deutscher Abstammung und mosaischer Konfession“ Dr. Löwenstein — unter dem Drucke der zionistischeu Bewegung — die überraschende Entdeckung, dass es so etwas wie ein Massenelend unter den galizischen Juden gibt und vergoss darüber bittere Tränen. Aber selbst dieser Theaterszene sind keine Taten gefolgt, obzwar gerade der galizische Landtag die Mittel besitzt, auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiete den Juden zu helfen, anstatt durch antisemitische Gesetze ihr Elend noch zu vermehre i. Unser Weg ist klar vorgezeichnet. Ebenso, wie die jahrzehntelange Erfahrung bewiesen hat, dass nicht einmal die „mosaischen“ Polen sich jemals jüdischer Volksinteressen angenommen haben, so hat der neue Kurs, welchen die Nationaljuden inaugurierten, bereits zur Evidenz erwiesen, wie eine wahrhaft jüdische Volkspolitik geführt werden muss. Der „Jüdische Klub“ hat in der kurzen Zeit seines Bestandes trotz seiner numerischen Schwäche, mehr für das Ansehen und die Interessen des jüdischen Volkes geleistet, als alle Abgeordneten mosaischer Konfession in vier Jahrzehnten des Verfassungslebens. Daher muss auch bei den Landtags wählen unsere Parole lauten: Fort mit all jenen jüdischen Vertretern, die sich nicht mannhaft und offen zu ihrer Nation bekennen und nicht in erster Linie für die kulturelle, wirtschaftliche und soziale Hebung unseres Volkes eintreten! Ein zionistischer Kolonisationsversuch. Wir haben schon in der letzten Nummer auf die hervorragende Bedeutung der neugegründeten PalestineDevelopment Company (Palästina Landenlwicklungsgesellschafi) aufmerksam gemacht. Wir geben nachstehend eine Uebersicht über ihre Grundlagen, ihre Tendenzen, und Ziele. Gründung und Kapital. Die Gesellschaft wird in Form einer englischen Aktiengesellschaft gegründet und soll ein Kapital von SS 50.000 (K 1.200.000) haben, und zwar 50.000 Anteile ä SS 1.— (K 24.— respektive mit allen Spesen K 25.—). Dieser Gesellschaft gibt der Nationalfonds seine Ländereien in D u 1 e i k a und in Um-el-dschuni (am Tiberias-See) auf die Dauer von 99 Jahren in Pacht. Die Gesellschaft zahlt dafür dem Nationalfonds einen von Sachverständigen abzuschätzenden Pachtzins. auf die missratene Tochter. Seinem Beispiel folgt Moriz. Nur der Bräutigam nimmt es nicht so trapsen. Zehn Milt zulegen —und alles ist wieder gut Da reisst Rebekka aus und rennt zu Ephraim, der hei Kommerzienrat Strauss Lehrer ist Nachdem er die Schwester gegen ihren Willen bei seiner Geliebten, Christine, deren Mutter eben gestorben, aufgebahrt liegt, zurückgelasseu, eilt er ins Elternhaus, um die Mutter wahrscheinlich zu beruhigen. Der Vater beschuldigt ihn der Mitwisserschaft und ruft: Zu wem von ihren Geliebten ist sie hingelaufen? Die Luft füllt sich mit Glut, Feindseligkeit und Hass. Da bricht Ephraim los: „Recht hat sie! Ihr hättet sie getötet“ Isidor Meierslein kann nicht umhin, ein meckerndes Lachen auszustossen. Der alte Unrast weist wahnsinnig dem Sohne die Tür. Der stösst die Mutter, die ihn umklammert, fort, wirft alles, was er je vom Vater exnpfangen, diesem vor die Füsse . . „Ein unnatürlicher Vater hist Du! Wir haben alles zerrissen, was zwischen uns war“ . . . Alle springen auf. Natalie Simonsohn reisst die Decke vom Tisch und packt sich darin ein. Julchen Löwenstein setzt sich auf die Erde . - . Der alte Unrast verflucht Ephraim und Rebekka, wirft dabei ein Glas an die Wand . . Nanny Meierstein, von einem Splitter getroffen, kreischt um Hilfe . . . Kurz: man meint in einem Irrenbaus zu sein. Für Ephraim und Rebekka beginnt eine neue Etappe. Sie geraten ganz ins Fahrwasser eines ungesunden Milieus. Den Uebergang bildet das Haus des jüdischen Bankieis Strauss, wo alles nach Fäulnis und Verderbnis riecht. Die Gesellschaft, die hier verkehrt, trifft man auch in Schreyvogels Villa, die erst der richtige Sündenpfuhl ist, und in Berlins verrufensten Nachtlokalen. Hier ist aber nicht der Ort, den Arier mit dem schreienden Namen, diesen personifizierten, ästhetisch zubereiteten und ins Symbolische gehobenen Moloch Ruhm, seine messalinisch geartete Frau, Sibille und die anderen entarteten arischen, sogenannten Kulturmenschen, zumeist Artisten, zu behandeln. Hier gehen uns nur die jüdischen Personen an: Doktor Felix Markus, die bestgelungene Gestalt, der Raisonneur des Romans, ein Pendant zu Ephraim und dessen Warner vor einem selbsteriiltenen Schicksal, dem er aber zuletzt eine Wendung zum Guten gibt. Abel Siebenkoni, der idealisierte, harmonisch ruhige Musiker, der durch seine übertriebene Trieblosigkeit die leidenschaftliche Käthchen — Liebe der Sängerin Roswitha Lindt entfesselt. Und Heinrich Geiger „der bekannte junge Mann aus der Wiener Dekadence“ mit alttestamentarischem Blut, der alles Raffinierte, Ueberfeine und kleine Mädchen liebt und als Selbstmörder endet. Die Hauptpersonen Ephraim und Rebekka Unrast, entbehren der Originalität. Ephraim ist trotz seiner ästhetischen Anwandlungen, dichterischer Begabung, Gottessehnsucht und Demut ein Jammerlappen, erbärmlicher als all die „Helden“, die uns die deutsche Moderne unter Zolas missverstandenem Einflüsse geschenkt hat. ln ganz jungen Jahren dichtet er ein Drama „Der Sündenbock“, lässt es aber bei SchreyvogeJ, der in ihm den gefährlichen Nachwuchs und möglichen Konkurrenten fürchtet, liegen. Ueber dessen Anraten beschliesst er sogar, soweit in diesem Buche die Personen überhaupt willens- und beschliessungsfähig sind, einige Jahre nichts zu schreiben, sondern im Leben zu reifen. Sibille, Schreyvogels Frau und Werkzeug, unterbindet dem Jadenjungen durch ihre ambraduftende, aufreizend wirkende (nebenbeigesagt: sezessionistische) Körperlichkeit vollends den Willen zum Schaffen und saugt ihn buchstäblich aus. Er verliert die Lektion bei Strauss, wird Journalist, verlässt Christine, wird postenlos, kehrt zu Christine zurück, beraubt sie und überlässt sie dem Jammer. Er sieht zuwieSchreyvogel mit seinem Drama „Der Sündenbock“ Erfolg erzielt kämpft vergebens um Aufklärung des Publikums; gibt sich dem Trünke hin und avanciert zum Zuhälter einer gewissen Laura Entnerot, verkommen wird er von Rebekka aufgelesen, die ihre längst erstrebte widernatürliche Verbindung mit ihm feiert. Nach dieser schauerlichen Nacht rafft er sich auf, indem er seine Schwester erschiesst — Diese dünkt mich eine vergröberte Renate Fuchs, wie überhaupt vieles in diesem Buche an Wassermann gemahnt. Aus gewissen Gründen unterlasse ich es, Rebekkas „Schicksale“ wiederzugeben, begnüge mich mit der Andeutung, dass sie, von Natur ärger und rücksichtsloser, tiefer sinkt als ihr Bruder, wenn auch der Autor sie durch das Paradoxon reinzuwaschen sucht, man könne wohl im Sumpf stecken, dabei aber keusch bleiben . . . Wie man also aus diesen Andeutungen ersehen kann, entwirft Münzer, u. zw. in üppig schwellenden Farben, ein Bild des Verfalls, wie er