Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Zeitnn Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., <f>ÜFl<cf)siFasse 9« Telephon Nr. 14.199. Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr vormit'ags. Ü , . Wochenschrift. Erscheint jeden Freitag. Verkaufstellen jn Wien : Administration, Türkenstrasse Nr. 9. Z eitung^Sur^atKyß o 1 d schmiedt, I., Wollzeile Nr. 11. Einzelne Nummern 20 Heller. Ab nnementspreisa: In Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.— halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. In Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr Mk. 3.—. Im übrigen Ansland ganzj. Frcs. 15.—. Vertretungen in der Provinz In Brünn : Zeitungsbureau, Ferdinandgasse. - In Prag: Zeitungsverschleiss Wlczek, Graben 33. — In Lemberg: Karl Bachstab. Bucbhändlerlscbe Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 4. Wien, Freitag, den 24. Jänner 1908. II. Jahrgang. Gesinnungsgenossen! Der 8. Zionistenkongress im Haag hat die Schaffung eines Parteifonds beschlossen. Die Sammlungen haben begonnen und die ersten Ausweise dem Grossen Aktionskomitee in der Tagung vom 6. und 7. Jänner d. J. Vorgelegen. Wiewohl ersichtlich war, dass viele unsere Freunde sich bereits opfermütig an der Sammlung beteiligt haben, hat das Aktionskomitee doch beschlossen, sich mit einem erneuten Aufruf an die Zionisten aller Länder zu wenden. Zionisten! Wir wenden uns heute., an Euch, in einem bedeutungsvollen: 'Moment. Nachdem uns der Präsident des Engeren Aktionskomitees über seine Tätigkeit in den letzten Monaten Bericht erstattet hat, ist das Grosse Aktionskomitee zu der zwingenden Ueberzeugung gelangt, dass die sofortige Beschaffung grosser Geldmittel zur erfolgreichen Fortführung der Unterhandlungen gerade in diesem Zeitpunkte unsere dringendste Pflicht ist. Und noch eine zweite grosse Aufgabe tritt gerade jetzt an uns heran. Unsere Palästinaarbeit muss auf sichere Grundlagen gestellt, ein Arbeitsamt in Palästina geschaffen werden, von dem aus die auf blühenden Unternehmungen unserer Bewegung geleitet und mit Anregungen versehen werden sollen. Von der Errichtung dieses Palästinaamtes erwarten wir eine neue Epoche im wirtschaftlichen Leben unserer alten Volksheimat. So haben denn die Mitglieder des Grossen Aktionskomitees einmütig beschlossen: »Nachdem das Aktionskomitee den Bericht des Engeren Aktionskomitees über die p olitische Lage und die Erfordernisse der praktischen Ar- ‘ beit iii Palästina emgUgengenommen hat, beschliesst es einstimmig, die Landsmannschaften und einzelne Mitglieder des Aktionskomitees zu verpflichten, ihre Arbeit in erster Linie der Sammlung für den Parteifonds zu widmen.« Gesinnungsgenossen und Freundei Wir rechnen fest darauf, dass Ihr die Bedeutung des Augenblicks erfassen und dem Aktionskomitee die nötigen Mittel zur Verfügung stellen werdet. Auch viele, die unserer Bewegung noch nicht angehören, werden sich der Einsicht nicht verschliessen, dass die wertvollsten Interessen der iüdischen Gesamtheit eine sofortige tatkräftige Förderung der zionistischen Bemühungen erheischen. Es gibt jetzt keine wichtigere Aufgabe für uns, als unverzüglich die regste Agitation für den Parteifonds zu entfalten. Werbet und sammelt, wo immer Juden weilen, deren Herzen für unser heiss geliebtes Land und unser schwvrbedrängtes Volk von Treue und Pflichtbewusstsein durchdrungen sind. Das Aktionskomitee. Die Landtagswahlei» in Galizien. Die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes für das Parlament ei folgte aus staat-politischen Gründen. Die Regierang wollte gegenüber den separatistischen Bestrebungen Ungarns ein starkes, volkstümliches Parlament schaffen, die nationalen Streitigkeiten in den Hintergrund drängen und der Sozialdemokratie ihre wirksamste Agitationswaffe aus der Hand nehmen. War aber einmal „der adelige Gedanke der Rechtsgleichheit“ für die oberste Vertretungs- FEUILLETON. Der Weg nach Zion. Dies der Titel eines dickleibigen Romans von Kurt Münzer. Dass er einen Verleger in A. Jancker gefunden, wird nach beendeter Lektüre begriffen. Das Buch hat nämlich ein gewisses Etwas, das die Verleger als gangbare Ware anselien: das sexuelle Element, das hier sogar die Grenze des Perversen streift. Unstrittig ist es das gute Recht des Schriftstellers auch unerfreuliche Lebenserscheinungen zu schildern, allein es geht nicht an, derartiges unter dem Deckmantel eines seriösen und für unzählige Menschen teuren Namens gleichwie unter falscher Flagge hinaussegeln zu lassen. Der Weg nach Zion. Was bergen nicht alles diese Worte für uns . . . Ernst und gespannt nahm ich das Buch zur Hand, las und Hess mich von dem Zauber der Bilder gefangen nehmen und suchte den Weg nach Zion. Und harrte vergebens. Endlich auf Seite 558 schimmerte etwas wie ein Weg, verlor sich aber bald. Dennoch will ich versuchen, mich aus dem Labyrinth des Romans heraus — und zurechlzußnden, des Dichters Ideengang zu erraten, das Fehlende zu ergänzen, und mir zur Klarheit selbst Bahn zu sei. allen, um so dem Verfasser doch gerecht zu werden. Kurt Münzer schildert die Geschichte des jungen Geschwisterpaares, Ephraim und Rebekka Unrast, das, wie die NameD besagen, aus einem jüdischen Hause stammt und wie man dann merkt, im Berliner Boheme-Milieu zugrunde geht. Zuerst also das Elternhaus: Grau in grau gezeichnet, macht es den Eindruck eines Kellers oder Kerkers, aus dem man sich ins Freie sehnen und ringen muss. Der Vater, wahrscheinlich — gewiss ist nämlich nichts in diesem Romane — ein kleiner Geschäftsmann, ist ein Unmensch, der nur poltern, schimpfen, fluchen und schlagen kann. Diesem Tyrannen gehorcht die Mutter „wie eine gut gezogene Magd“. Sie ist es aber, die mit ihrer weichen unversiegbaren Liebe die Kinder, wenn auch schwach, an das Elternhaus eine Zeitlang kittet. Doch geht auch ihr jedes Verständnis für das Seelenleben der Kinder ab. Denen kommt es daher zu* Hause eng und klein vor. Ihr Versuch, aus der dumpfen und dunklen Beschränktheit loszukommen, lullt den Anfang des Werkes aus. Das bezieht sich nur auf Ephraim und Rebekka, das dritte Kind, Moritz, fühlt sich da ganz heimisch. Der ist elegant gekleidet, riecht nach Bier und fragt Rebekka: „Na Schwesterleben, wen gehst Du denn besuchen?“ Sie verachtet ihn, wie sie den Vater und die Mutter hasst. Will man sie doch an den wildfremden Isidor Meierstein verkuppeln. Daraus entspinnen sich abstossende Streitszenen. Verbittert schleudert sie der Mutter Vorwürfe ins Gesicht, die das Blut in der armen Frau gerinnen machen. Diese sinkt in sich zusammen und seufzt: „Das sind die Kinder von heute. Hätten wir früher das Herz gehabt, so zu unserer Mutter zn reden? Aber Ihr habt Freunde, die wir nicht kennen, — Ihr verschiiesst Euch vor uns und verachtet uns. Später kommt der Vater herein, beschimpft und schlägt Rebekka aus purer Wut. Diesen rabiaten jüdischen Vater glaubt dem Autor höchstens ein eingefleischter Antisemit. Nicht minder unwahr und unsympathisch sind die Gäste, die sich zu der endlich veranstalteten Verlobung versammeln: der lüsterne, charakterlose Bräutigam, um den sich die Meiersteins zusammenscharen, dann die Verwandten der Familie Unrast, die Simonsohns, Moses und Löwensteins, schliesslich die Balbine Rogowski, eine alte polnische Jüdin- Das sind keine objektiv gezeichneten Menschen, sondern der einseitig erhitzten Phantasie entsprungene Schattengebilde, die sich wie grauenhafte Erscheinungen überstürzen. Rebekka, deren Herz für Schönheit schwärmt und heimlich für den gefeierten Dichter Erasmus Schreyvogel schlägt, will sich jetzt endUch nicht nur frei machen, sondern alle, die sie „verschachern“ wollten, aus Rache tödlich treffen, so lügt sie denn dem Bräutigam und den Versammelten vor. dass sie kein Mädchen mehr sei. Ob ihr nur dieser brutale Ausweg freistand, bleibe unerörtert. „Modern“ ist n jedenfalls. Und' wirkt Vor allem stöhnt die arme Mutter auf und sinkt zu Boden. Ferner stürzt sich der immer schlagbereite Vater mit den entzündeten Augen