Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 3 (17.1.1908)
- Date
- 1908-01-17
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2438141-2438167-2438170--0317-2439823- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 3 Schon vor dieser Tagung waren Pressstimmen laut geworden, dass auch die Christlichsozialen zur Schutzarbeit herangezogen werden mögen. Bei der zähen, rastlosen Propaganda, die sie speziell in den Sudetenländem an die Schaffung fester Parteiorganisationen und Gewinnung neuer Anhänger verwenden, ist es nur eine Frage der Zeit, wann die stärkste deutsche Partei auch in den Schutzvereinen siegreichen Einzug hält. Es wird ein neuer Beweis für die Stärke der Christlichsozialen und die Schwäche der Deutschfreiheitlichen sein. Die armen »deutschen* Juden! Der Hass gegen den Klerikalismus dünkte ihnen stets eine Brücke zu sein, die von der jüdischen Insel zu den rassenantisemitischen Brüdern im deutschen Lager hinüberführte. Er suggerierte ihnen ein gewisses Gefühl des Stolzes und der nationalen Mehrwertigkeit gegenüber dem antisemitischen Klerikalen und die Verachtung, die ein sogenannter freiheitlicher Deutscher dem Cbristlichsozialen partei- und gewohnheitsgemäas entgegenbrachte, machte sich auch der deutschnationale Jude zu eigen. Die Koalitionsfähigkeit und nunmehr immer mehr anerkannte nationale Gleichwertigkeit der Christlichsozialen, die durch . die geänderten Partei- und Machtverhältnisse im Parlament bedingt wurde, bringt jene von der politischen Phantasie getragenen Brücken ins Wanken und beginnt in den irregeführten deutschjüdischen Schwärmern den Glauben an eine sie und die Deutschvolklichen einigende Kraft des Antiklerikalismus zu erschüttern. Diese deutschen Juden haben ihre Rolle innerhalb der deutschen Parteien ausgespielt Sie dürfen zwar noch mitlaufen, unauffällig und bescheiden, dürfen materielle Opfer bringen, aber sonst haben sie nichts dreinzureden. Auch der Schutzvereinstag hat es bewiesen. Mit einer einzigen, wenig rühmlichen Ausnahme war er judenrein. Der Volksrat für Mähr.-Ostrau hat — angeblich — den Herrn Dr. H e r b a t s c h e k, einen jüdischen Advokaten, delegiert, obwohl er berufenere und angesehenere Deutscharier in seiner Mitte zählt Wie immer die. auffallende Delegierung zustande kam und welchen in der Wesensart des Herrn Dr. Herbatschek begründeten Umständen auch immer dieses Mandat entsprang, der Mandant und die Mandatare verdienen alle Anerkennung. Die Volksratsmitglieder haben ihren Dr. Herbatschek einer veritablen Kraftprobe auf assimilatorische Unempfindlichkeit und Kühnheit ausgesetzt Der Mann hat Mut — und eine Elefantenhaut. Es ist keine Kleinigkeit, an diesem Schutzvereinstag als Jude mitzuwirken und über nationale Erziehung zu beraten, als deren Kernpunkt im deutschen Lager antisemitische Verhätschelung gilt. Der Volksrat war recht boshaft, als er gerade Herrn Dr. Herbatschek zu seinen Delegierten erkor. Wollte er ihn gar vom radikalen Deutschtum kurieren? Oder wollte er dem Schutzvereinstag in der Persönlichkeit des Herrn Dr. Herbatschek ad oculos demonstrieren, was so ein Assimilant an nationalem Opfermut und an Dickhäutigkeit fertig bringt? Drei Wetten wären zu gewinnen. Erstens: Dass, jene Kur misslang, auch wenn Dr. Herbatschek nach allen Regeln antisemitischer Verkehrsart und Taktik geschnitten wurde. Zweitens: Dass die Teilnehmer am Schutzvereinstag den Ostrauer Juden als lästigen Eindringling betrachteten und behandelten. Drittens: Dass die nächste Tagung. von der Spezies der jüdischassimilatorischen Dickhäuter verschont bleiben wird. Ein Wahlaufruf der Allpolen. Die Nationaldemokraten oder Allpolen, die unter der Führung des Abgeordneten Prof. Dr. Glombinski, des derzeitigen Obmannes des reichsrätlichen Polenklubs stehen, haben ihren Wahlaufruf für die galizischen Landtagswahlen der Oeffentlichkeit übergeben. Es ist ein Dokument unverfälschter polnisch nationaler Chauvinisten, das zugleich zeigt, wie sich in den Köpfen der Allpolen Demokratie und Gleichberechtigung spiegelt. Was wird nicht alles im Namen der Demokratie gefordert und versprochen! Schon die allzu häufige und schroffe Betonung der polnisch nationalen Interessen macht diese Demokraten verdächtig. Sie sind Autonomisten und »wollen Herren im eigenen Lande sein“. Es ist eine billige Forderung und verträgt sich mit demokratischer Gesinnung, solange sie nicht Unterdrückung Andersnationaler bedeutet und ohne Rechtsbrüche gegen nationale Minoritäten erfüllbar ist, solange sie die freie kulturelle Entwicklung der anderen Nationen nicht unterbindet und ihre politische Machtentfaltung nicht brutal verhindert. Wo bleiben die demokratischen Grundsätze, mit denen der Wahlaufruf förmlich Schindluder treibt, in der politischen Praxis der Allpolen? Setzen sie das von den Konservativen so virtuos praktizierte System der politischen Knechtung gegen Ruthenen und Juden nicht ungeniert fort? Ja, fordern sie es nicht geradezu, erheben sie es nicht zum Parteiprinzip, indem sie die Wahrung des polnischnationalen Besitzstandes fortwährend herausstreichen? Dieser Besitzstand und Demokratie sind unvereinbare Begriffe, weil sie aufgebaut sind auf der unbeschränkten Herrschaft einer Nation und ihrer Beamten- oder Adelscliquen. Es klingt wie Hohn, wenn der Wahlaufruf darüber Klage führt, dass anderthalb Millionen Polen in 46 ostgalizischen Landgemeindebezirken der ruthenischen Majorität auf Gnade und Ungnade ausgeliefert sind. Grossmütig dekretiert er: »Dem ruthenischen Volke wird die kulturelle Entwicklung gegönnt.“ Ist dies vielleicht nicht demokratisch? Aber die weniger demokratische, freilich nicht allpolnische Einschränkung folgt im nächsten Satze: „Allein in erster Reihe müssen die Interessen des nationalen Besitzstandes der Polen gewahrt werden.“ Auch das Verhältnis zu der jüdischen Bevölkerung wird besprochen. Die Gleichberechtigung der Juden soll — darin liegt ein wertvolles, unfreiwilliges Geständnis — nicht bloss ein Schlagwort für die Zeit der Wahlen sein, sondern soll sich mit der allgemeinen Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens auch verwirklichen. Aber auch diese Gleichberechtigung, die nicht den bestehenden Gesetzen gemäss gewährt, sondern einer allmählichen Entwicklung überantwortet werden soll, wird noch weiter verklausuliert: Die Zionistischen Betretungen dürfen die Erfüllung nicht erschweren. Ist eine Gleichberechtigung auf so lange Sicht und auf Kündigung demokratisch? Die allpolnische Tendenz schliesst echte demokratische Politik aus und lässt nur den erborgten Namen einer demokratischen Partei bestehen. Das extremnationale Ziel der Allpolen wird im Schlusspassus des Wahlaufrufes offen enthüllt: »Wir rufen alle zum Kampfe, welche an ein Wiederaufleben der Nation durch Verwirklichung der Ideale der gewesenen polnischen Republik glauben.“ Es gibt Juden in Galizien, welche solche nationale Ideale hegen. Allpolnische Juden, jüdischpolnische Nationaldemokraten —• wer .lacht da nicht? Reichtum oder wenigstens Wohlstand kann jeder Geschäftsmann erwerben, wenn er seine Geschäftsbücher genau führt Für die Lieferung bester und billigster Bücher und aller Bureaurequisiten empfiehlt sich Geschäftsbücher-Fabrik A. Grünsfeld & Co., Wien, L, Gonzagagasse 21. Brief aus der Bukowina. Die Bükowinaer Juden befinden sich in einer sehr ernsten Situation. Was man früher in unserem Lande für unmöglich gehalten hat, ist Wirklichkeit geworden: Die Christlichsozialen sind da. Als bei der letzten Reichsratswahl in den deutschen Landgemeinden, wo die Juden ein ziemlich hohes Kontingent stellen, ein Christlichsozialer kandidierte und zur Agitation für seine Kandidatur Gessmann und Axmann aus Wien kamen, da lachte man allseits und dachte, die Bukowina sei kein Boden für eine christlichsoziale Hetzagitation. Trotzdem die Juden nur durch immense materielle Opfer und eine heftige Gegenagitaion verhindern konnten, dass der Christlichsoziale in die Stichwahl komme, glaubten sie noch immer nicht an irgendwelche Gefahr. Als ferner Universitätsprofessor Dr. R o s c firn ann als „christlicher“ Kandidat, gegen Dr. Strauch er in Czernowitz-Ost kandidierte und deutsche Hoch- und Mittelschüler mit christlichsozialen Abzeichen am Arme für ihn agitierten, da hielt man auch dies für eine vorübergehende Krankheit, hervorgegangen aus der Sucht des Herrn Roschmann nach einem Mandat, das er schon einmal als »liberaler“ Reichsratsabgeordneter innegehabt hatte und jetzt durch eine zeitgemässe Metamorphose wieder erlangen wollte. Als es schliesslich hiess, dass in dem „Drei-Städte-Bezirk“ Radautz, Sereth, Saczawa, wo der deutschfortschrittliche Professor S k e d 1 gerade mit Hilfe der Juden, die dort zweiundvierzig Prozent der Wählerschaft ausmachen, gewählt wurde, Lueger in höchst eigener Person kandidieren wolle, da empfand man noch immer nicht den Schlag ins Gesicht, sondern hielt eine christlichsoziale Invasion für unmöglich, weil man sich in der Ueberzeugung gefiel, dass kein Volk den nationalen Frieden im Lande stören und den Christlichsozialen Hilfe leisten werde. Hierin hat man sich aber getäuscht. Einerseits wird von den Christlichsozialen in der Landeshauptstadt eine intensive Einzelagitation betrieben, anderseits hat sich leider eine Nation^ gefunden, die die Christlichsozialen zu unterstützen bereit ist. Und all das war schon seit langem vorbereitet und verabredet. Als Lueger auf seiner Reise zur ßukarester Ausstellung die Bukowina passierte, wurde er in Czernowitz von der rumänischen Studentenschaft mit Jubel empfangen und begrüsst und mit Jubel bis zur Landes-, grenze begleitet. Wie dann Lueger in dem „Drei-Städte-Bezirk* kandidieren sollte, fürchtete man, dass die rumänische Studentenschaft, die ihn in Czernowitz so warm empfangen, auch die Rumänen dieses Bezirkes zur Unterstützung seiner Kandidatur bewegen werde. Man war zu dieser Annahme um so mehr berechtigt, als schon während des Pogroms in Burdujeni von vielen Personen, darunter auch vom Abgeordneten Doktor S k e d 1, bemerkt wurde, wie rumänische Gymnasiasten des Suczawer Gymnasiums die Bauern hetzten und sich an den Qualen der armen Juden weideten. Und gerade anlässlich der Bauernunruhen in Rumänien musste in der südlichen Bukowina und namentlich in den Dörfern in der Umgebung von Suczawa, wo eine rein rumänische Bevölkerung lebt, die Gendarmerie verdreifacht werden, weil man den Ausbruch schwerer Unruhen auch auf österreichischem Boden befürchtete. Die Stimmung der rumänischen Bevölkerung musstezu denken geben. Und auch diesmal nahm man die Sache nicht ernst, weil die rumänische Intelligenz diesem Treiben scheinbar fernstand und. vorgab, dass sie es zügeln wolle. Namentlich hat ,der jetzige Obmann des Rumänenklübs, der Abgeordnete Baron Hormuzaki, in?