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Jüdische Zeitung · 1908-01-17 · 3 (17.1.1908) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
3 (17.1.1908)
Date
1908-01-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 im Handel beschäftigt, wobei die ganze Masse Juden mit sehr wenigen Ausnahmen in den kleinbürgerlichen Unternehmungen beschäftigt ist. Aber das sind ja die wirtschaftlichen Funktionen, die die Juden auch früher erfüllt haben. Jetzt, wie früher bleiben die Juden aus zwei Wirtschaftsgebieten ausgeschlossen : aus dem Ackerbau und der Grossindustrie. In der letzteren findet man wohl Juden als Unternehmer, aber nicht als Proletarier. Wir können leider in einem Zeitungsartikel alle die statistischen Angaben nicht bringen; wir haben das an einer anderen Stelle schon getan1). Aber die Tatsache, dass das Gros der österreichischen Juden in Galizien und Bukowina, in den Gebieten mit kaum beginnender Industrieentwicklung lebt, beweist zur Genüge, dass der jüdische Proletarier Handwerker und nicht Fabriksarbeiter ist. Und dasselbe finden wir überall, in allen Ländern, von Russland bis Nordamerika. Wovon leben die französischen, deutschen, englischen Juden? Verteilen sie sich »auf alle Produktionszweige*? Aber es ist ja nicht wahr. Auch jetzt sind die meisten Juden dieser Länder im Handel beschäftigt. Und warum? Weil sie anders nicht können, weil sie in den anderen Wirtschaftsgebieten keinen Platz finden. Wir haben dafür ein frappantes Beispiel, das die Beweiskraft eines Experimentes besitzt. Die jüdischen Emigranten, die nach London und New-York kamen, wollten ja vor allem in der im Lande existierenden Wirtschaft Platz finden. Und das Resultat? Sie mussten ihre eigene Industrie schaffen — die Nadelindustrie. In London sind zwei Drittel aller Juden in dieser Industrie beschäftigt, die ja dem Wesen nach entwederHandwerkoder Manufakturist. Die New-Yorker Juden verteilen sich ebenfalls nicht auf alle Produktionszweige. 30% von ihnen sind im Handel, 40% in der Nadelihdustrie beschäftigt. Mit einem Worte, überall konstatieren wir dieselbe Erscheinung; '■ die Juden sind nicht beschäftigt im Ackerbau und in der Grossindustrie als Proletariat. Und noch eine Tatsache: überall konstatieren wir, dass im Handwerk, in der Manufaktur und in der kleinen Industrie, sowie im Handel der jüdische Proletarier und Angestellte nur bei dem jüdischen Unternehmer Arbeit findet. Eine eigenartige nationale Wirtschaft. Gehen sie nach Russland, Galizien, Paris, London, New-York und überall ^konstatieren sie dieselben Verhältnisse. Und wir können alle diese Tatsachen unter eine Rubrik bringen: der Jude tritt mit.der übrigen Bevölkerung in Beziehung nur im Umtauschaber nicht im Produktionsprozess. Im Produktionsprozess ist der Jude — mit geringen Ausnahmen — national; international wird er nur, nachdem die Ware produziert ist und nun verkauft werden muss. Das ist aber charakteristisch für alle internationalen Verhältnisse: die verschiedenen Völker treten zueinander in Beziehung um Waren umzutauschen und nicht zu produzieren. Nun ist es eine altbekannte Tatsache, dass die gemeinsame Produktion wohl assimilierend wirkt, aber nicht der Umtausch. Wir können leider über diesen Punkt uns nicht viel verbreiten, aber eine einzige Tatsache soll unseren Gedanken klar machen; diejenigen österreichischen Slawen, die in kompakten Massen in Pennsylvanien zusammenproduzieren, sei es Agrikultur- oder Industrieprodukte, assimilieren sich nicht, obwohl sie in tagtäglichem Verkehr mit den Yankee stehen. Dagegen die Slawen, die in amerikanischen Unternehmungen, sei es als Patrone, Beamte oder Proletarier verwendet sind, assimilieren sich sehr schnell. Darauf beruht ja auch die Tatsache, warum die Dörfer so schwer zu assimilieren sind, obwohl sie mit der umgebenden Welt in regem Austauschyerkehr stehen. /)• Die Theorie und Praxis des Poale-Zionismus. Kapit. VII. (Jargon). Krakau 1806. Die Grundpfeiler der Bauerschen Hypothese — die Verstreuung der Juden über das Land und ihre Verteilung auf alle Produktionszweige — stürzen zusammen, sobald man die Tatsachen genauer studiert. Und deshalb ist auch die Schlussfolgerung Bauers, wenn er sagt: so beginnen die Juden sieb den Nationen, in deren Mitte sie leben, zu assimilieren“ vollständig falsch. Wirtschaftlich assimiliert sich die grosse jüdische Masse nicht Bauer begeht denselben Fehler wie Marx: er identifiziert das jüdische Volk mit den Börseanern, Grossuntemehmem, Bankiers und Intellektuellen. Also, negieren wir vollständig die Assimilation eines Teiles der Juden? Keineswegs. Nur muss man sich nicht mit oberflächlichen Urteilen begnügen. Erstens muss man nicht vergessen, dass das nicht zum erstenmal vorkommt. Teile der jüdischen Nation haben sich im Verlauf ihrer langen, sehr langen Geschichte schon vielmals assimiliert und die jüdische Nation ist daran nicht zugrunde gegangen. Während der syrischen Periode in Palästina, während der ptolomäischen Periode in Aegypten, wäh- 1 rend der arabischen Periode in Spanien assimilierten sich bestimmte Teile der jüdischen Nation. Und die Juden leben doch. Und warum? Weil diese Assimilation rein ideologischer Natur war und weil die jüdische Nation über eine unzerstörbare Kultur verfügt. Wirtschaftlich waren und sind noch heute die Juden eine abgesonderte Gruppe, d. i. eine Nation und diese Nation besitzt eine fest krystallisierte Kultur. Selbstverständlich, da wir als exterritoriales Volk vielen Reibungen unterworfen sind, reiben sich die Flächen und Kanten unseres Volksorganismus ab. Körner bröckeln sich ab, aber dadurch gewinnen die übriggebliebenen Teile an Festigkeit und Kohäsion. Wir sind reich genug, um an alle Völker und alle Parteien Führer abzugeben — die Masse bleibt jüdisch, erstens weil sie bleiben muss, da sie sich wirtschaftlich nicht assimilieren kann und zweitens, weil sie jüdisch bleiben w i 1L Das Müssen und das Wollen erhält das Judentum. Und nun möchte ich Herrn Bauer auf eine sehr wichtige Tatsache aufmerksam machen: der assimilierte, d. i. der ideologitch assimilierteJude ist und bleibt doch Jude. Und mag Heine oder Disraeli noch so assimiliert gewesen sein, so dass der eine mit zu den grössten Schriftstellern Deutschlands, der andere — zu den grössten Staatsmännern Englands gehören, beide sind doch Juden. Disraeli war sogar einer der grössten zionistischen Träumer. Da hat eben Bauer gegen seine eigenen Prinzipien gehandelt: als Marxist dürfte er sich nicht von der Ideologie blenden lassen und als Theoretiker der Nationalfrage musste er nicht vergessen, dass Kleidung, Sprache und sogar Religion nicht die einzigen Bestandteile des nationalen Wesens bilden. Schicksalsgemeinschaft die viele Jahrhunderte gedauert hat, Schicksalsgemeinschaft, die durch unsägliche Leiden geschmiedet wurde, die verschwindet nicht Und möge Maimonides arabisch geschrieben haben und sogar manche arabische Sitte angenommen haben, er ist und bleibt doch Jude. Und Herr Bauer meint in seiner für einen Marxisten unverzeihlichen Naivetät Gott weiss was bewiesen zu haben, wenn er uns erzählt, dass in Böhmen die Zahl, der von den israelitischen Kultusgemeinden erhaltenen Privatschulen von 86 im Jahre 1890 auf 28 im Jahre 1900 gesunken ist. Nun, ist denn dadurch bewiesen, dass die böhmischen Juden Böhmen geworden sind? Die meisten der westeuropäischen Zionisten sprechen ebenfalls nicht Jargon, sondern die Sprache des Landes. Manche von ihnen sind sogar Meister der deutschen, französischen oder der englischen Sprache. Herr Bauer scheint nicht einmal die ideologische Seite der Assimilation durchdrungen zu haben. Er ahnt nicht einmal, wie viel Tragik und manchmal Tragikomik die Seele eines »assimilierten“ Juden enthält Im schlimmsten Falle zeigt die Assimilation Doppelmenschen, mit halbierter Seele,, mit ewigem inneren Kampfe ohne moralischen Halt, ohne festen Stützpunkt. Die vollständige Assimilation wird nicht einmal durch die Taufe erreicht. Es gibt keine wirkliche Assimilation unter den Juden, weil einerseits keine sozial-ökonomische Assimilation vorhanden ist und weil auf den Schultern jedes Juden eine dreitausendjährige Kultur lastet. Versteht aber Bauer unter Assimilation die Aneignung aller Resultate der menschlichen Zivilisation, so sind wir Zionisten die ersten Assimilatoren. Wollen wir denn uns von der umgebenden Welt absperren? Aber nein, wir wollen mit vollen Händen von den Reichtümern des menschlichen Geistes, die wir ja auch mitgeschaffen haben, schöpfen und tatsächlich tun wir es. Lesen sie unsere nationale Literatur, sei es in hebräischer Sprache oder im Jargon und sie finden alle die Geistesschätze, freilich national verarbeitet, weil es kein Volk anders machen kann. Mehr noch, wirkliche Assimilation kann eben hur national sein. Was Bauer unter Assimilation versteht, ist Nachäffung, die sehr leicht bei der geringsten Erschütterung — von innen oder von aussen — verschwindet. Und diese Nachäffung wird umso eher verschwinden, je mehr unsere nationale Kultur wachsen wird, je mehr sie selbst in sich die allgemein menschlichen Kulturwerke aufnehmen wird. * * * Herr Bauer, der in der Analyse der nationalen Frage übrigens viel Wissen und kritischen Sinn auigewiesen hat, ist an der jüdischen Frage gestolpert. Da fehlt ihm die Kenntnis der Tatsachen und die Kritik der äusseren Erscheinungen. Und warum? Weil er das marxistische Dogma in bezug auf die Judenfrage retten wollte. Er, der seinem Wesen nach kritisch denkt, musste da mit sich selber in Widerspruch geraten. Wir warten, wir können warten. Die Zeit ist nicht fern, wo die Sozialdemokratie ihr Verhältnis zur Judenfrage ebenso radikal ändern wird, wie sie es in bezug auf die Nationalitätenfrage überhaupt getan hat. Denn das jüdische Leben entwickelt sich national und nicht assimilatorisch. Je mehr die breite jüdische Masse ihrer Lage, ihrer Rolle und ihrer geschichtlichen Schicksale bewusst wird, desto mehr wird sie national. Denn die soziale Seite der Judenfrage kann nur national gelöst werden. Rundschau. Zum deutschen Schutzvereinstag. Nationale Schutzarbeit der Deutschen in Oesterreich ging bisher fast überall mit eifriger Pflege des Antisemitismus Hand in Hand. Bekämpfung des Judentums galt als ein Hauptpunkt nationaler Erziehung. Eugen Dühring war der Lehrmeister aller jener, die mit dem Antisemitismus das Deutschtum in Oesterreich reinigen und schwächen halfen. In den meisten Schutzvereinen blühte gesellschaftlicher und politischer Judenhass in seiner schönsten Reinkultur. Judengelder und Judenhilfe aller Art verschmähte wohl kein Radikaler, aber sonst stand der Arierparagraph in allen Ehren. Kein Wunder, dass der erste Schutzvereinstag, der anfangs Jänner in Wien tagte, sich zu einer Parade der Antisemiten aller Schattierungen gestaltete. Von Gustav Gross, dem liberalen Schulvereinsmann, bis zu den Ultras, die in Schönerer ihren nationalen Halbgott anbeten, waren alle die feinen Nuancen aus dem antisemitischem Spektrum vertreten, wie es vielfarbig nur deutsches Parteileben henrorbringen konnte. Nur die klerikale Nuance fehlte. Aber auch sie wird sich einstellen.

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