Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 2 (10.1.1908)
- Date
- 1908-01-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 2 wird s-i* verschwinden müssen. Wohlgemerkt: vom Standpunkte Bauers und von demjenigen jedes kons. quenlen Zionisten; Aber, obwohl ich nicht dazu berufen bin, muss ich doch aocii.die .Separatisten* in Schutz gegen Bauer tubmen. Die Juden, meint Bauer, bilden noch heute eine Nation. Aber das genügt, um jeden Sozialisten und überhaupt, jeden Demokraten zu zwingen, auch das Recht der Juden auf nationale Autonomie anzuerkennen. Mögen die Juden nach der Meinung Bauers schon den Assimilierungsprozess begonnen haben. Aber er gesteht ja selber zu, dass die Massen auch .eine neue.: Kultur zu schaffen“ beginnen, eine nationale Kultur, wenn sie auch jargonartig ist. Nun, ebensogut wie die Demokratie das individuelle Selbstbestimmungsrecht anerkennt, so muss sie die nationale Autonomie anerkennen, das Selbstbestimmungsrecht einer von Herrn Bauer selbst anerkannten Nation. Wird das Leben den Juden den Assimilationsprozess aufdrängen, um so b.sser ...für die Prophezeiungsgabe Bauers. Aber vorläufig lebt die Nation und schafft neue -Kulturwerte. Mit welchem wissenschaftlichen und moralischen Rechte wagt Herr Rauer den Juden den Anspruch auf nationale Autonomie zu verweigern? Oder beansprucht die Sozialdemokratie für sich die - Rolle der künstlichen Assimilatoren? Dann sagt’s gerade heraus, wie es einmal Kautsky getan hat Da siebt man ein echtes Beisp.el der Wissenschaftlichkeit mit der doppelten Buchführung für Juden und Nichtjuden. Diese tendenziöse .Wissenschaftlichkeit“ bat Bauer dahin verleitet, den erkenntnistheoretischen Fehler zu begeh n, indem er die im Judentum vorhandene zionistische Tendenz vollständig ausser acht lässt, wodurch die Falschheit seiner P/ophezeiung in bezug auf unsere Zukunft schon rein deduktiv bewiesen ist Aber Herr Bauer kennt auch die Tatsachen des jüdischen Lebens und der jüdischen Geschichte zu wenig. Deshalb hat er das Wesen der jüdischen Assimilation nicht begriffen. Wohl ist der ARsimjJatipnsnmzess an der unerfläche der jüdischen Nation zu konstatieren, aber dieseAssimilation eines Teiles der Juden ist rein ideologischer und nicht materieller Natur. Und Herr Bauer, der Marxist bleiben will, darf doch den .materiellen Unterbau* nicht ausser acht lassen. Das Jüdisch-Theologische Institut in Lemberg. Warum sind wir gegen das, vom Landtag und Prof. Ster nbach geplante .theologische Institut* in Galizien? Wir, die so grosses Gewicht auf den jüdischen Religionsunterricht in der Schule legen — wohlgemerkt aus nationalen Motiven — und gegen jeden Versuch diesen Unterricht zu reduzieren, in entschiedenster Weise auftreten? Wir sagen es klar und offen: Wir nehmen an dem vorgelegten Lehrplan keinen Anstoss, wiewohl er unserer Auffassung nach unbefriedigend ist, und, ganz besonderes in seinem jüdischen Teile, einer Vertiefung und. Ausdehnung bedarf. Dies ist für uns momentan eine untergeordnete Frage und könnte erst zum Mittelpunkte unserer Diskussion werden, wenn wir soust nichts an dem Institut auszusetzen. hätten. Noch weniger haben wir etwas dagegen, dass die Vortragssprache an der geplanten Lehranstalt die, polnische sein wird. Utopisten sind wir niemals gewesen und wenn wir sogar die angestrebte kulturelle Autonomie bereits besissen, - so sind wir uns dessen bewusst, dass unsere Sprachverhältnisse heutzutage noch nichtso weit geklärt sind, um das Hebräische als Vortragsspracheaneiner Hochschule zu verlangen. Völker mit stärkerem national-ku turellem Rüstzeug,, als ivjr.es besitz,pn, haben sich lange Zeit lfremder Sprachen bedienen müssen, ehe sie in die Lage gekommen sind, ihre eigene; Sprache an ihren Hochschulen zur . ausselilie slichen Unterrichtssprache zu machen. Wir hälfen weder eine genügende Anzahl Professoren^ noch von Schülern, oder Letrbüchern, wenn wir heute eine Hochschule - mit hebräischer 1 Vorlragssprache gründen;wollten. Die Basis für die Entwicklung einer Sprache ist! — und ist immer gewesen %pdie Volksschule, und auf diese müssen all .jene zuerst ihr Augenmerk lenken, welche -von höheren Schulen mit hebräischer Voitragssprache träumen. Unsere Sprache mag nqch schön sein, und eine noch so grosse, Literatur besitzen — für eine moderne-. Hochschule ist sie noch nicht reif. Müssen wiruns aber einer fremden Sprache bedienen, so kann es bei uns keinen Zweifel darüber geben, dass dies nur die Landessprache sein kann. Dies nicht bloss aus praktischen Rücksichten für die Zöglinge des Instituts, die doch ihr Fortkommen im Lande zu suchen und zu finden haben, sondern auch aus bürgerlichem Pflichtbewusstsein, .Denn selbst den schlimmsten Heizereien und perfidesten Angriffen unserer Feinde soll es nicht gelingen, unsere bürgerliche Loyalität zu erschüttern. Ich glaube auch, dass niemand unter uns leugnen wird, . dass die Gründung des Instituts, als eine nationale Errungenschaft zu betrachten ist. ,I)ie Tatsache, dass der galizische Landesaqssehuss sich doch einmal entschlossen hat, yon seinen alten Traditionen abzugehen und für ein speziell jüdisches Bedürfnis irgend eine Summe aus der Landeskasse zu.assignieren, ist ein Präzedenzfall, den wir . von unserem Standpunkte aus nur begrüssen können, mag dahinter welches Motiv immer stecken. Wenn wir trotz alledem das geplante Institut bekämpfen,, so geschieht es einzig und allein wegen der Art und Weise, wie unsere heimischen. „Macher“ an diese Gründung heran!rptPli Wir haben oohon manche - jüdische Institute, .die durch und durch assimilatorisch sind, (In Berlin und Breslau, das Pariser Konsistorium, die Rabbinerschulen in London und Chicago, das Lehrerseminar in Wien u. a. Auch das Wiener Seminar ist ursprünglich assimilatorisch gewesen.) Wir könnten ruhig noch eines in Lemberg erlragen. Alle jene Institute sind zu einer Zeit gegründet worden, wo die Assimilationsidee in der jüdischen Gesellschaft vorherrschen^ gewesen ist und nichts war natürlicher als dass diese Idee auch in den Instituten ihren A isdruck fand. Diese Institute waren alle das Produkt ihrer Zeit und jedenfalls der Ausdruck der vorherrschenden Stimmung in der jüdischen Gesellschaft der betreffenden Länder. An manchen Orten sind sie es auch noch heute. Hat sich aber irgendwo" diese Stimmung geändert, so dringt der neue Geist auch nach und nach in die Institute. Denn die Schule ist die Heimstätte der Jugend, nicht eine Amtsstube der Kuratoren. Die Jugend eines Volkes aber kann nicht anders sein, als das Volk seihst. Wehe der Jugend, die unberührt von den kulturellen Wellen bleibt, von denen das ganze Volksleben getragen wird! Eine solche Jugend wäre wurzellos und damit auch sozial haltlos. Dem Volke entfremdet, dem sie angeblich ihre Kräfte widmen will, \vird sie späterhin keinen Platz - im Volksleben einnehmen können; sie wird mit der Gesellschaft,, aus der sie hervorging und in die sie wiederum zurückKehren muss, keine Geistesgemeinschaft haben und wird, wie ein verfaultes Blatt, ab f a 11 e ri müssen. All die erwähnten Institute hatten auch - gar nicht die Assimilation zum Zwecke ihrer Gründung, wiewohl Gründer und Leiter Assimiiationsjuden waren. Bei der Gründung jener Institute hatte mau lediglich eineu Zweck im Auge*, eine Lehrstätte für die -j'üdiscbe Wissenschaft, für die jüdischhistorische Forschung zu schaffen. Und alle Juden ohne Unterschied der politischen Farbe und der Auffassung vom Wesen - imd: den Aufgaben des modernen" Judentums mussten diese Stätten jüdischer: Wissen-- schaff hoch schätzen. - (• Ganz anders verhält es sich aber mit’ der Gründung des Prof. Sternbach in Galizien. Es ist hier nicht die grosse- Liebe zur jüdischen Wissenschift, der innere Drang nach jüdisch-geschichtlicher Forschung, die' als Triebfedern für diese Gründung angesehen werden können. Wir-wissen es ja alle: Den Herrn Sternbach et consortes: ist'die; jüdische Wissenschaft mehr als gleich-. 'giftig.. Nicht weniger gleichgiftig alsdein galizischen Landtage und Laad esausschusse. Der ganze Plan trägt offenbar, den .Stempel einer politischen Aktion. Es steht dies in Uebereinstimmung mit einer merkwürdigen Erscheinung, die wir miterlebt' haben und die ein Unikum in der Geschichte der Lehranstalten der Welt darst- 11t. Man ist nämlich gewohnt, dass sobald , eine neue Lehranstalt gegründiet wird, sie vornehmlich darauf bedacht ist, ihre wissenschaftliche Autorität zu begründen und diese Autorität, durch Anstellung hervorragender Männer der Wissenschaft, in den weitesten Kreisen zu befestigen. Bei dieser Anstalt aber hat man diesbezüglich gar keine Ambition, unsere Herren sind nur darum besorgt, Lehrkräfte mit der ihnen wohlgefälligen politischen Ueberzeugung zu finden! . . Und da sucht man unter den jüdischen Gelehrten, um den »geeigneten“ herauszufinden. Den3 geeigneten — in bezug auf das gewünschte politische Bekenntnis, Den Betreffenden wird eine Deklaration zur Unterschrift vorgelegt, in der sie feierlich ihre Zugehörigkeit' zur polnischen Nation erklären müssen. Welch schreckliche Demoralisation! Um einen Katheder an einer jüdischen Lehranstalt zu erlangen, soll-der Gelehrte sein Judentun) -verleugnen,^ sichzu. einer ‘Nation byköhiten,. j'äer,1 er Dicht,. angehört, soll sich überhaupt zu einer gewissen Ueberzeugung schriftlich verpflichten! Sind sich die Erfinder und Vollzieher dieses unerhörten Gesinnungsscbachers bewusst, welch Unverschämtheit sie damit begehen? Ahnen sie wenigstens, wie tief sie selbst gesunken sind und dass sie andere in den Sumpf ihrer Demoralisation hmeinziehen? Wir , glaubeo, sie empfinden es auch. Selbstverständlich haben die Männer der Wissenschaft, an die man sich wandte diesen schmählichen Antrag mit Verachtung zurückgewiesen. Männer, die auf ihren Namen etwas geben, werden solche Anträge immer mit Verachtung zurückweisen. Aber es kann doch Vorkommen, dass jemand durch seine Abhängigkeit, durch seine prekäre Lage der Versuchung nicht widersteht oder gar, dass auf ihn ein Zwang ausgeübt wird. Ein Seelenhandel in schändlichster Form! Und welcher politischer Zweck ist es, den unsere »Gründer“ verfolgen? Ist es etwa der Wunsch, ein längst empfundenes Bedürfnis des Volkes zu befriedigen? Ist es vielleicht eine Konzession an die unzufriedenen Volksmassen, um eben diese Unzufriedenheit zu beschwichtigen, die aufgeregten Gemüter zu bei uliigen? Vielleicht ist das bei den Herren vom Landesausschusse der Fall. Herr Professor S t e r n b a c h aber und seine Mitgänger, weiche die Stimmung der jüdischen Gesellschaft doch besser kennen müssen,' wissen sehr gut, dass ihre Gründung, die Art und Weise, wie sie motiviert wird und ihre zynisch blossgelegte Tendenz, nichts anderes bedeuten kann, als eine neue brulrale Provokation der jüdischen Gesellschaft, eine gröbliche Verletzung der in ihr vorherrschenden .Gejohle., f^|politischen Standpunkte aus betraohtätjpwienn schon hier die Politik mitzu-