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Jüdische Zeitung · 1908-01-10 · 2 (10.1.1908) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
2 (10.1.1908)
Date
1908-01-10
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2 JÜDISCHE ZEITUNG Serie 3 ist und die Voraussetzung zu ungestörter, wirtschaftlicher und kultureiirr Entwicklung itieser Reichshälfte bildet, wird die gehässigen, kulturschädlichen, unnatürlichen Formen eines leidenscbafterfüllten nationalen Kampfes lindern, der ungezählte nationale Kräfte im Kleinkrieg bindet und ihre freie Entfaltung irti Dienste giosszügiger Wirtschafts- und Kulturpolitik hindert. Die Eikennlnis von der Notwendigkeit eines loyalen Friedens ist heute Gemeingut in Oesterreich. Auch die Zunftpolitiker werden' sich der Tatsache nicht entziehen können. Die breiten, arbeitenden Schichten halten für die subtilen Details aufgebauschter Sprachenfragen, hinter «lenen sich die politischen Führer wie hinter nationalen Bollwerken verschanzen, niemals viel Interesse und Verständnis. Sie sind des nationalen Gezänkes müde, brauchen den Frieden und wollen ruhigen, wirtschaftlichen und kulturellen Wettbeweib der Nationen. Welcher vernünftige Deutsche in Oesterreich denkt an die Entnationalisierung eines nach Millionen zählenden, külturkräftigen, volksbewussten, nationalen Gegners? Nur Narren können es glauben und politische Kinder nur sich mit solchem unsinnigen Schreckgespenst Angst einjagen lassen. Die Rollen liegen so: auf der einen Seite stehen die Tschechen als ein Sechsmillionenvolk, das in einem halben Jahrhundert der energischesten nationalen Kraftanstrengung und Kulturarbeit sich neben den Deutschösterreichern die kulturelle Gleichwertigkeit erkämpft hat und im Friedenspakte die unzweideutige Anerkennung gleichen nationalen Rechtes fordern wird, auf der anderen Seite leiten die Deutschen aus der Geschichte unseres Staates, aus ihrer numerischen und wirtschaftlichen Kraft das Recht auf die Stellung eines prinius inter pares, wenn nicht gar auf die Hegemonie im Staatsleben ab. Die Tschechen wollen erobern, die Deutschen müssen verteidigen. Selbsterhaltungstrieb drängt die Tschechen vorwärts und erhöht ihre Offensivkraft. Die Deutschen sind in die Defensive gedrängt und wollen bisher keinen Posten ihrer bevorzugten, aber unhaltbaren Vormachtstellung kampflos aufgeben. Wird es Baton Beck gelingen, auch in diesem tiefgehenden, scheinbar unüberbrückbaren Gegensatz von nationalen Interessen und Bedürfnissen die mittlere Linie zti finden, die er als Regieruugsmaxime verkündet hat? Für die Juden Oesterreichs, und besonders lür die sudetenländischen, hat der nationale Friede zwischen Deutschen und Tschechen die allergrösste Bedeutung. Er ist auch für sie ein Ziel, aufs innigste zu wünschen. Der nationale Hader hat ihnen sammen in einer noch viel engeren Kammer hausten. Gerne hätte er ihnen dieses vorgehalten, aber den Anstand wahrend, schwieg er, erhob sich von seinem Sitz, um diesem Hause, ja diesen Menschen den Rücken zu kehren. . Als er sich zum Fortgehen anschickte, legten seine Gastgeber eine besondere Liebenswürdigkeit an den Tag. Beilke suchte eifrig seinen verlegten Hut und Beinisch offerierte ihm noch rasch eine Zigarette, was er früher zu tun uuterliess. Beide brachten süsse Entsehuldigungsworte vor, und all das erfüllte Berl mit solchem Abscheu gegen diese Menschen, dass er, völlig verwirrt vor Erbitterung, kaum noch so viel Fassung aufbringen konnte, um lür das Abendbrot zu danken. — Als er auf die Strasse trat, herrschte bereits tiefe Finsternis, alle Tore waren geschlossen, keine menschliche Seele war zu erblicken, nur er selbst, ausgestossen aus der sozialen Gemeinschaft, , "steht einsam und verlassen, in finsterer Nacht, auf offener Strasse, unter Gottes freiem Himmel. — Für einen Moment kam ihm der Gedanke, einen in den Gassen postierten Gordowoi auizusuchen : und diesen zu fragen i ^Lieber Freund, weisst du nicht, wo man übernachten könnte.Vfvaber er verscheuchte aisbaid diesen -Gedanken wieder und ging weiter, Freunde suchen! " .. .•>•;.;v schwere Opfer auferlegt. So oft und wo immer die nationalen Leidenschaften, oft bis zm Siedehitze, entflammt wurden, Juden waren das Opfer. In den gemischtsprachigen Gegenden, in denen sie, zwischen zwei einander aufs Messer befehdenden Nationen, eingekeilt waren, wurden . die nationalen Kämpfe leider allzufäbig durch einseitige Parteinahme jüdischer Wähler und Kombattanten entschieden und dann auf dem Rücken jüdischer Interessenten ausgttragen. Jedes Aufflammen des nationalen Radikalismus, der ja immer neue Nahrung findet, hatte ein Anwachs«n des politischen Antisemitismus zur Folge, förderte den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Boykott der Juden. Prag und Nachod,, Holleschau und Polna, haben es auf tschechischer Seite zur Genüge bewiesen. Die Radikalen in Deutschböhmen haben es die „deutschen* Juden gelehrt. Wo der Streit am lautesten tobte und alle Beziehungen der nationalen Gegner vergiftete, hatten die Juden am meisten zu leiden, auch wenn sie nicht in den ersten Reihen der Streitenden standen. Nur die verleumdungslüsterne Phantasie antisemitischer Lügenmäuler konnte die Mär ersinnen und verbreiten, dass Juden den nationalen Kampf mutwillig entfachen und schüren, weil so ihr Weizen blühe. Es gibt wohl jüdische Exaltados, die hüben oder drüben durch radikale nationale Färbung die Legitimation der Stammesechtheit uud nationalen Vollwertigkeit zu erschleichen gedachten. Aber die grosse Mehrheit der jüdischen Bevölkerung in Westösterreich wäre früh, wenn sie im deutsch-tschechischen Streit neutrale Stellungen beziehen und aus dem vom nationalen Kreuzfeuer bestrichenen Kampffeld hinausgelangen könnte. Die Zionisten haben vor mehr als einem Jahrzehnt die Parole der Neutralität und passiven Haltung im Kampfe frerndnationaier liruppeu ausgegeben und konsequent propagiert. Neben der Macht der innerstaatlichen Entwicklung, neben der eindringlichen Sprache der politischen Ereignisse und Tatsachen ist es' auch der ziuutsüa-jheii Agitation zu verdanken, dass die Juden in kluger Erkenntnis ihrer wirtschaftlichen und politischen Interessen aktive Betätigung im fremdnaticnationalen Streit abzulehnen beginnen. Der nationale Friede zwischen Deutschen und Tschechen, der das Kampfterrain zwischen ihnen absteckt und die Notwendigkeit nationaler Engagements der Juden um ein Beträchtliches reduziert, wird ihnen vielleicht mehr Verständnis für jüdischnationale Gedankengänge bringen. Denn keine Bevölkerungsschichte, die in den Bannkreis der deutsch-tschechischcn Kampfpolitik geriet, hat in den Sudetenländern so sehr gegen ihren politischen Intellekt und ihre Interessen gesündigt, als die Juden. Ihre politische Unreife, ihre nationale Selbstverleugnung war eine Frucht der Nationalitätenhetze, die in jenen Ländern geblüht und triumphiert hat, wie sonst nirgends. Die Juden haben allen Grund, der Verständigungsaklion, die auf der Tagesordnung steht, vollen, zweifellosen Erfolg zu wünschen. N. R. Die Sozialdemokratie und die jüdische Nationalität. Von Dr. D. Pasmanik, Genf. II. Die Juden bilden noch eine Nation sogar in „Mittelondi'.Westeuropa“. Nun bemerkt Herr Bauer, dass! trotzdem die jüdische N ationUVerschwiiideu wird. „Aber man darf gewisA behaupten, dass sie (das sind dieUiiden) aüihören, eine Nation zu sein.“ Urrd’zWär-gründet er seine Meinung über .... . . pnk^re^Zükuntt auf die Tatsache der Assi- .(Ueb^rsetzt yon^jg.tltan.Ghameit^Ot |«J^Kmation. Die Juden beginnen „sich den Nationen, in deren Mitte sie leben, zu assimilieren“. Sprechen wir vorläufig nicht von dieser Assimilation, deren Wesen Bauer &ib aä -V- ... norto ,i.dl nicht begriffen hat, wie wir es bald nachzuweisen suchen werden, aber er konstatiert ja selbst, dass „im letzten Jahrzehnt in der Tat eine Bewegung eingesetzt hat, die dem Assimilierungsprozess entgegenarbeitet und auch aus den Juden eine selbständige historische Nation machen will*. Also nehmen wir vorläufig an, dass tatsächlich der Assimilierungsprozess der Juden sich genau so abspielt, wie Herr Bauer ihn schildert. Aber eine Gegentendenz ist da, und zwar eine mächtige, der „tiefere soziale Ursachen zugrunde liegen“. Welche Tendenz wird siegen? Vor allem müssen wir nie vergessen, dass soziale Tendenzen keine Naturerscheinungen sind. Die letzteren sind zugleich Naturnotwendigkeiten. Soziale Tendenzen sind vor allem Z w e c k s e t z u n g e n, die Summierungen des Fühlens und des Wollens vieler Menschen. Und was die Tendenz der jüdischen Gegenassimilation anbetrifft, so gesteht ja Bauer selbst zu, dass gegen die Assimilation nicht bloss einzelne Juden, sondern ganze Klassen der Juden entgegenarbeiten — das Kleinbürgertum und die Arbeiterschaft, mit einem Worte alle demokratischen Elemente unseres Volkes. Hören wir doch einmal auf mit der naiven Betrachtung der sozialen Erscheinungen als Naturnotwendigkeiten. Da handelt es sich vor allem um den Willen grosser Massen. * Da lässt sich sehr wenig prophezeien. Wer' objektiv bleiben will, kann höchstens folgendes sagen: ich konstatiere innerhalb des Judentums zwei entgegengesetzte Tendenzen; welche Tendenz siegen wird, dass kann^erst die Zukunft zeigen. Und so musste gerade Bauer urteilen, da er ja die vorläufige Existenz der jüdischen Nation anerkennt. Und in der Tat : warum prophezeit v Bauer den Bieg der Assimiiationstendenz? „E» ist also richtig, dass die Juden ihre Nationalität darum nicht erhalten können, weil sie kein eigenes Siedlungsgebiet haben.“ Ja, wir sind mit Bauer dann einverstanden, dass falls die Juden auch in der Zukunft „kein eigenes Siedlungsgebiet naben werden*, sie v <»•• uAtlASCiTa'*' Aber da musste Bauer mit den Tatsachen rechnen; er weiss doch, dass unter den Juden eine mächtige Bewegung vorhanden ist, die bezweckt, für die Juden ein eigenes Siedlungsgebiet zu erwerben, sei es, wie wir Zionisten für richtiger halten, in Palästina, sei es in irgend einem anderen Lande, wie es die Teiritoriaüsten Vorschlägen. Und wollte Bauer wenigstens den Schein des Rechtes für sich in Anspruch nehmen, müsste er vor allem nachweisen, dass diese zionistiseh-terruoriaiistisehe Tendenz keine schaffende Kraft besitzt, sich nicht in Wirklichkeit verwandeln kann. Höchstens könnte Bauer einen Schein der Berechtigung bewahren, wenn er gegen diejenigen jüdischen Nationalisten polemisieren wollte, die die Diaspora als etwas Ewiges proklamieren, die die Notwendigkeit der Erwerbung eines eigenen Siedlungsgebietes für die Juden vernemen. Aber die zionistisch-territorialistische Tendenz ist da und ihre Träger gehören zu den verschiedensten Klassen unserer Nation und somit musste Bauer mit ihr rechnen, bevor er sein abschliessendes Urteil über unsere Zukunft gefällt hat. Und wollte er nachweisen, dass die zionistische Tendenz nicht lebenstämg ist, so müsste er bald eingestehen, dass ein solcher Nachweis unmöglich ist, weil gesellschaftliche Tendenzen, ein zu grosses Feld der Möglichkeiten besitzen und deshalb keine apodiktische Wahrheiten zulassen. Ueber irgend eine soziale Bewegung kann man mehr oder weniger plausible Voraussagungen, aber keine absolute Vorausbestimmuiigen machen. Wissenschaftlich kann die Voraussagung so formuliert werden: werden die Jud_n ein „eigenes Siedlungsgebiet* irgendwie bekommen, dann wird die jüdische Nation auch künftighin existieren; wird die Energie der jüdischen Nation nicht ausreichen, um das zionistische Ideal zu realisieren, dann

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