Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 2 (10.1.1908)
- Date
- 1908-01-10
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438167-2438169--0305-2439810- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 2,, JÜDISCHE Z El TUN 6 Seite 5 sprechen hat,-ist es eine schlechte, eine verfehlte Politik. Es ist eine Politik die geeignet ist, in-das bereits entfachte Feuer Oel zu giessen. Einer so absolut schädlichen Aktion müssen wir mit aller Schärfe entgegentreten. Gegen die Anstalt spricht für uns aber noch ein viel wichtigeres Moment: Bei den gegebenen Verhältnissen in Galizien ist eine Lehranstalt mit ausdrücklich assimilatorischer Tendenz eine direkte Schä ligung des Volksinteresses. Jede Nation braucht ihre Jugend für. sich. Wenn die Jugend eines Volkes nicht derart erzogen wird, dass sie später sich in. den Dienst des Volkes stellt und an seiner kulturellen Hebung mitarbeitet, so erfährt dieses Volk eine beträchtliche Schädigung seiner Interessen, weil ihm die Gefahr droht, eines Tages ohne Inteiiigenzklasse zu bleiben. Wie wir aber bereits oben erwähnt haben, kann eine Jugend, die in voller Unkenntnis des Volkslebens erzogen wird, die im Gegenteil von all dem ferngehalten wird, was die Volksseele bewegt und erwärmt — eine solche Jugend kann unmöglich als nützliches Element in das Volk zurückkehren. Sie wird ihm vielmehr fremd bleiben, mit den Massen des Volkes keine intimeren Beziehungen und keine gemeinsamen Ideale haben, sich aber brutal auf die Massen stürzen um sie zu b eherrschen. Wie aber wenn diese Jugend nicht bloss dem Volksgeist entfremdet, sondern direkt in gehässiger Feindschaft gegen ihn erzogen wird! Und gerade das ist die eigentliche Tendenz der Gründer, wie wir sie aus verschiedenen Enünziationen ersehen können. Man will unsere Jugend nicht bloss unserem Volke entfremden, sondern direkt zu verkappten Feiuden des jüdischen Volkstums erziehen. Man will uns eine Generation von nicht bloss indifferenten Juden heranziehen, sondern von solchen, die das Judentum gründlich hassen, dje den <■ naien 1 Verrat'zu 'einein leitenden Prinzip erheben. Das künftige Institut soll also, anstatt einer Stätte für jüdische Wissenschaft, die, Stätte di-s nationalen Verrates werden, anstatt eines Heimes für jüdische Gelehrsamkeit, soll es ein Heim für Demoralisation, für Denunziantentum und gehässigen jüdischen Antisemitismus .werden. Und das soll zum grossen Teile mit öffentlichen und privaten jüdischen Geldern geschaffen und erhalten werden. Unser „kleiner Mann“ soll seinen blu igen Groschen hergeben, um sich selbst Totfeinde zu erziehen! Unsere Partei, als Vertreterin der vitalsten Interessen der Nation würde ihre Existenzberechtigung verlieren, wenn sie sich dazu indiff.-rent verhalten und nicht mit ihrer ganzen Kraft dagegen stemmen würde. Briefe aus Galizien. VII. Politischer I n d i f f e r e n t i s -m u s. In den. langen leidenvollen Zeiten der Diaspora haben sieh die Juden ein Anpassungsvermögen angeeignet, das viel dazu beigetragen hat ihnen die grossen, schweren Prüfungen, ■wenn nicht zu mildem, so doch wenigstens erträglicher zu machen. Der Wanderstab, den die Not und menschliche Grausamkeit dem Juden an die Hand drückte, führte ihn in die entlegensten Teile der Welt, wo er sieh in einem, peuen Milien eine neue Existenz schaffen jmusste. Ueberall aber wo er nur hinkam, konnte fer sich dank seinem Anpassungsvermögen leicht akklimatisieren, verstand es, sich schnell einzugeben und passte sich sofort den Bedürfnissen Her neuen Heimatan. K Unbeschadet dieser eigenartigen Fähigkeit gjur Anpassung bewahrte jedoch das jüdische ^olk auch seinen alten Konservatismus. Neben inen ererbten Volkseigenschaften nahm es in sich, auch das neue Leben; auf,- -ohne von den ersteren etwas preisgegeben ziF haben. Gleich seinem' -Vaterlande,- dem unser unsterblicher Herzl den schönen Namen „Altneuland“ beilegte, könnten wir auch das Judentum selbst ein konservativ-fortschrittliches Ältneuvolk nennen; Denn am Alten festhaltend, steht das jüdische Volk auch allem Neuen nicht fremd gegenüber und so, wie auf einem Doppelgeleise, schritt es. seine -Leidensgeschichte durch. Auch die Juden Galiziens unterscheiden sieh in dieser Beziehung nicht von ihren Brüdern in den anderen Ländern der Welt und! ‘ auch sie zeichnen sieh durch diese Eigenart der Anpassung aus. Soweit es ihrem eigentlichen Volikscharakter nicht widerspricht, haben auch sie die Gewohnheiten des Landes zu ihren eigenen gemacht und konservieren sie mit echt jüdischem Konservatismus oft besser als ihre christlichen 'Nachbarn, denen sie sie abgeguckt haben. Doch sind neben den vielen guten Eigenschaften naturgenmss auch manche schlechte von den niehtjüdischsn Bewolinem Galiziens auf die Juden dieses Landes übergegangen. Eine von diesen und vielleicht die gefährlichste ist die politische Indolenz, die ein ganzes Kronlamd unter die Herrschaft einer mittelalterlich-feudalen Kaste1 gebracht hat. Die Bevölkerung Galiziens ist infolge der langen unbeschränkten Herrschaft der jedes selbständige Denken im Keime erstickenden Schlaehta, in einen politischen Indifferentismus verfallen, aus dem sie jetzt schwer aufzurütteln ist. Mit dieser schleichenden politischen Krankheit werden die Träger des Renaissaneegedanikens in Galizien noc-R viele Jahre zu kämpfen haben. Die heftigen‘-.Stürme in der letzten Wahlkampagne waren 'nur vereinzelte kleine Vorpostengefechte. Die Hauptschlacht aber ist noch lange nicht geschlagen, denn das Gros der Bevölkerung des Landes ohne Unterschied der Nationalität ist noch immer politisch indifferent. Die gross:* n Massen können sich noch immer nicht für die nationalen Fragen .(er\yäiim€na..'»-o ...vc;-:; Diesem Umstande allein, dass die Masse, dieser grösste Machtfaktor im Zeitalter des allgemeinen-. Wahlrechtes, für nationales politisches Denken noch nicht' reif ist, hat es die heri'sehende Clique zu verdanken, dass sie trotz ihrer numerischen Schwäche, dre sie in normalen Verhältnissen aus jeder Kombination aussc-hlies.-en müsste, doch noch über die Hälfte* sämtlicher Mandate Galiziens verfügt. Denn wären die breiten Massen nicht so schwerfällig in ihren politischen Bewegungen, hätten sie nur irgend welches Interesse an der Politik, so könnten auch die raffiniertesten Walilkniffe nichts ausriehten und ein Wahlerfolg einer so verschwindend kleinen Gruppe würde auch in Galizien unmöglich sein. Der Indifferentismus also ist es. der die nationale und soziale Entwicklung sowohl der ru’thenischen als auch der polnischen Bevölkerung hemmt, er ist der einzige Bundesgenosse der reaktionären Sc-hachta in Galizien im Kampfe mit dem Willen der Völker und dieses Uebel ist es, an dem auch die jüdischen Massen dieses Landes laborieren. Der Indifferentismus lässt bei den Juden noch mehr als bei ihren Naehbarnationon jede Bewegung erstarren und macht es ihnen daher unmöglich, die nationale Selbständigkeit zu erlangen. Auch die Juden Galiziens stehennoch jeder politischen Regung kalt gegenüber, auc-h sie mussten erst durch den gewaltigen Orkan des allgemeinen Wahlrechtes geschüttelt werden, bis sieh in ihrem Wald ein vernehmbares Blätterraseheln hören liess. Wenn wir dieses Uebel beseitigen wollen, so müssen wir auf seine Wurzel zurüekgreifen und diese liegt in dem Umstande, dass die Juden, die politisch geschulten nicht ausgenommen, für die kleinen nationalen Aufgaben kein Verständnis haben. Und doch können die grossen, in das' Gebiet der Reiehspolitik gehörenden Fragpn mieht ohne vorherige planmäßige Vorbereitung in der lokalen Politik gelöst werden. Wir können doch nicht im Gegensätze zn den primitivsten Regeln der Bautechnik unser nationales Hans vom. .Dach zu bauen beginnen, während die Fundamente, an die wir vergessen haben, im Besitze unserer Feinde sich befinden und von diesen ausgebaut und befestigt werden. Wir haben wohl in der kurzen Zeit-unserer politischen Tätigkeit eine schöne, zierliche, im Lichte der europäischen Sonne glänzende Turmspitze, den jüdischen Club, geschaffen. Beeilen wir uns aber, für den Unterbau die notwendigen Bausteine schnell ausammenzutragen,' wenn wir nicht das bereits bestellende und mit schwerer Mühe ins Leben gerufene wie ein Kartenhaus Zusammenstürzen lassen wollen. Schon seit langem ist die E r o I> o r u n g de r K nltusgemeinilen als ein erstrebenswertes Ziel des Zionismus erkannt worden. Nichtsdestoweniger ist bis jetzt sehr wenig, fast gar nichts geschehen, um diesem Ziele näher zu kommen. Die meisten Knltnsgemeinden Galiziens sind nach wie vor in den Händen von Strebern niedrigster Sorte, die sich unseren Widersachern zu Sehergendiensten hingeben -und die moralischen Grundlagen des jüdischen Volkes untergraben. Das geschieht aber nicht deshalb, weil wir im Kumpfe unterliegen oder weil wir zu diesem Feldzuge zu schwach sind. Keines von beiden ist der Fall. Wir haben genügend Kraft dazu, um die Kultusgemeinden — ich spreche hier von den kleinen Gemeinden Galiziens — zu erobern; aber wir überlassen unseren Gegnern kampflos Position für Position und probieren nicht einmal einen Zug des Schwertes. Der intelligentere Teil der kleinstädtischen jüdischen Bevölkerung steht fast ohne Ausnahme in unserem Lager und in jeder Gemeinde brauchten steh unsere Männer, die sich gewöhnlich allgemeiner Achtung erfreuen, wirklich nicht allzuviel anzustrengen, um in den Knltusrat eintreten zu können. Aber — und ich kann unseren wackeren Pionieren diesen Vorwurf leider nicht ersparen — gerade diejenigen massgebenden Persönlichkeiten, deren Eingreifen erfolgversprechend wäre, ziehen sich absichtlich zurück.1 Sie wehren von sich das Amt eines Kulbusrates — das allerdings mehr Bürde als Würde ist — buchstäblich ab und überlassen die Führung in der Gemeinde den inferiorsten Elementen, die, von schnöder Gewinnsucht angetrieben, ihre eigene Mn'tternation in der niederträchtigsten Weise verraten und dem jüdischen Volke zur Schande gereichen. Was nützt es, dass sich unsere Führer bei den letzten Reiehsratswah.lt n mit einem 'Male zn beispielloser Energie aufrafften, was nützt es. dass wir uns anschiekten, durch Anstrengung unserer letzten Kräfte mit einem Sprunge die höchste politische Spitze zu erklimmen, wenn uns die Zwischenstufenfehlen, auf denen wir spielend hinaufsteigen könnten? Ich wiederhole und möchte es mit dem grössten Nachdrucke betonen: Die breiten Massen des j ii d i s e h e n Volkes in Galizien sind! weder assimilatorisch noch a n t i z i <> n i s t i s c h, n u r indifferent sind sie. Die zionistischen Führer in den verschiedenen Ortschaften erfreuen sieh der wärmsten Sympathien und wenn sie nnr den ernsten Willen dazu hätten, könnten sie sehr leicht ihren Einfluss auf die Leitung der Kultiusgemeinden geltend machen. Aber eben an diesem ernsten Willen fehlt es ihnen. Auch sie kranken an der allgemeinen Landeskrankheit, am Indifferentismus. Sie flüchtensicheinfachvorihremeigenen Reichtum oder wenigstens Wohlstand kann jeder Geschäftsmann erwarben, wenn er seine Geschäft-• bücher genau fuhrt. Für die Lieferung bester und billigster Bücher und aller Bureaurequ-sit-*» empfiehlt sich Geschäjtsbücher-Fabrik A. Grünsfeld & Co., Wien, I., Gonzagagasse 21.