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Jüdische Zeitung · 1908-01-10 · 2 (10.1.1908) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
2 (10.1.1908)
Date
1908-01-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 2 eindringlich zu. Die Makkabäer feiern als die ersten Erneuerer jüdischen Volkstums nach schwerer Not, nach hartem Kampfe mit den damaligen Assimilanten, den Griechlingen, den hellenislerten Juden, ist ' heute eine selbstverständliche Wahrheit. Wie befremdend, wie seltsam wi kte die erste Makkabäerfeier, die Acher in Wien veranstaltete! Birnbaum war und blieb geraume Zeit der erste gro-se Kämpfer der jüdischnationalen Idee in Westeuropa. Er zimmerte das geistige Rüstzeug für den Krieg gegen die Assimilation. Und schon viel später, als die zweite Kädimahperiode längst begonnen hatte, als sein Einfluss nicht mehr allmächtig war, gab er noch in seiner „Jüdischen Moderne“, diesem glänzenden Vortrag, der zum erstenmal in der Kadimah gehalten wurde, dem gesamten Zionismus vor Herzl seine ganze wissenschaftliche Prägung. In der zweiten Entwicklungsperiode taucht vor allem ein Name immer wieder auf, der des Dr. Isidor Schalit, des jetzigen Präsidenten des Landeskomitees. Es war die Zeit, als die Kadimahner zu ihrer eigentlichen studentischen Aufgabe übergingen. Schalit war immer in erster Reihe, sicher einer der Kräftigsten und Mutigst« n, allerdings auch der Lautesten. Er war der beste Kommersredner der Kadimah, ihr tüchtigster Administrator. Sein Hauptverdienst aber war, dass er die Kadimahtier zu Muskeljuden erzog. Wenn Matthias Acher "die geistigen Waffen der Kadimah schmiedete, so gab ihnen Schalit den Säbel in die Hand. Die Kadimah wurde im selben Jahre gegründet, als arme russische Juden die erste zionistische Kolonie in Palästina errichteten. Beide Gründungen sind charakteristisch. Im Osten war der Kampf gegen die Assimilation nicht so sehr Hauptzweck, nicht so sehr einzige Voraussetzung und Vorausbedingung für das Schaffen jüdischnationaler Werte wie im Westen. Die Juden des Ostens blieben in ihrer grossen Mehrzahl Juden, trotz Mendelssohn, trotz des Hereindringens, Hereinsickerns von Kulturfermenten in die Synagogen und Thoraschulen, in die Kaufläden und Rabbinerhäuser. Im Westen waren für die Meisten Assimilation und Zivilisation identische Begriffe. Anders im Osten. Selbst die von der europäischen Kultur Beleckten blieben Juden, wollten Juden sein und gleichzeitig gute „Europäer“ werden. Die Jugend war wohl zum Teil assimiliert, aber die Hauptmasse strebte doch schon frühzeitig danach, zuerst Schopenhauer. dann Nietzsche in hebräischer Sprache zu goutieren. Daher regte sich dort frühzeitig der Gedanke, man muss in Palästina nicht nur in hebräischer Sprache beten, sondern in hebräischer Spraihe und jüdischem Geiste Kultur und Zivilisation verbreiten. Als nun die wirtschaftliche Not begann, als in den achtziger Jahren die ersten Pogroms bereits Tausende von Juden obdachlos machten, da entstand die Bewegung der „Zionsfreunde“, da gründete man Kolonien. Im Westen aber, wo das Judentum für Fortgeschrittene und Altgläubige, für Neologen und Orthodoxe, gleichmässig nur religiöse Vorstellungen auslöste, wo es keine Belebungsversuche der hebräischen Sprache und keine Erneuörungsversuche einer jüdischen Kultur gab, wo die wirtschaftliche Aot noch verhältnismässig gering und der Antisemitismus erst im Werden war, im Westen musste man den Juden vor allem das selbstverständliche Wort zurufen; Ihr seid keine Deutschen. Darum gründete man hier einen Kampfverein zur Heranbildung einer neuen, wahrhaft jüdischen Jugend. „Für jüdische Sprache und Kultur* lautete im Osten die Parole, „gegen die Israeliten“ so ertönte im Westen der Schlachtruf. Ja, der Kampf gegen diese „Israeliten* war und blieb ein wahres Lebenselement der Kadimahner. Hiermit berühren wir das innerste Gefüge ihrer ganzen Wirksamkeit. Heute teilen sich, von einer kleinen Gruppe Ueberlebender abgesehen, die Assimilanten in zwei Hälften. Die einen sind die „Auchziomsten“ mit Vorbehalt. Sie sind schon keine Israeliten mehr, sie sind Juden, aber Juden, denen der Zionismus zu stürmisch, zu tatkräftig ist Sie sind bereits halbnational, aber sie können aus ihrer deutschen Haut noch immer nicht ganz heraus. Die andern sind noch Israeliten, aber voller Sympathie für die zionistische Jugend. Sie bedauern, schon zu alt zu sein, sie können sich nicht mehr anschliessen usw. usw. Die wirklichen eingefleischten Gegner des nationalen Gedankens sind ^Tuch unter den Assimilanten bereits in der Minderheit. Den Begriff „Israelit“ lächerlich gemacht zu haben, ist ein Haupfverdienst der Kadimah. Keine Einzelorganisation kann heute mehr diese Wirksamkeit enlfalten, keinem Einzelverein ist eine solche Rolle mehr möglich. Die Bewegung hat den engen Rahmen gesprengt. Wird sind heute keine Studentenpartei mehr, aber auch eine einzelne Bürger- oder Arbeiterorganisation kann diesen Einfluss nicht mehr haben, den die Kadimah einst gehabt. Zu Tausenden zählen unsere Anhänger und da wir heute in die politische Aktion mit Erfolg eingetreten sind, .müssen wir auch auf die Tausenden Rücksicht nehmen, die morgen unsere Wähler sein werden. Die gesamte Studentenschaft Wiens, wie unendlich wertvoll auch ihre Mitarbeiterschaft ist, ist heute nur der Vortrab, das Garderegiment unserer vorwärtsstürmenden Armee. Aber gerade darum, gerade weil wir so stark geworden, kann der Zionismus der Gegenwart stolz sein auf seine Vergangenheit, stolz sein auch auf die Tätigkeit der studentischen Verbindung Kadimah. Nationaler Friede. Oesterreichs erfolggekröntem Ministerpräsidenten, der im verflossenen Jahre das Wahlreformwerk vollbracht und den Ausgleich erledigt hat, winkt eine dritte grosse, vielleicht die schwierigste Aufgabe, deren Lösung sein Regierungsprogramm versprach. Der nationale Friedensschluss zwischen Deutschen und Tschechen soll angebahnt und ein Kampf beendet werden, der seit Jahrzehnten Oesterreichs natürlichelEntwicklung hemmte und die ganze innere Politik tyrannisch beherrschte. Kein politischer Alltagsstreit, sondern ein zähes, mit dem Aufgebote aller Kräfte geführtes Ringen von Volk gegen Volk, ein nationaler Hader, der alle Leidenschaften nationalen Hasses entfesselte, der ein Zerrbild politischen und geselischattlichen Lebens schuf, der den Staat in seinen Grundfesten zu erschüttern drohte. Der Oesterreicher, der mitten in dem Kampfesrummel aufgewachsen ist und die leidenschaftlichen, schärfsten Formen nationaler Kämpfe wie eine unabänderliche Begleiterscheinung des nationalen Sichauslebens betrachten gelernt hat, wagt kaum die Möglichkeit am-zudenken, dass ein Waffenstillstand, eine ehrliche Aussöhnung an die Stelle tägl eher Kampfbereitschaft und ständigen Waffenlärmes treten, dass ein friedlicher nationaler Wettbewerb dem nationalen Guerillakrieg, der die grössten Opfer heischt und die meisten Kräfte erschöpft, ein Ende selzen könne. Die Streitaxt wird von den beiden Kampfparteien niemals vollends begraben werden. Geschichtlich gewordene Auffassungen über Stellung und Bedeutung d; r beiden Nationen im Staate,ihre in Betracht kommenden Siedlungsverhältnisse, politische Machtfragen und Expansionsbestrebungen schliessen die Möglichkeit aus. Die deutschtschechische Verständigung, die so oft schon gescheitert ist und immer wieder versucht wurde, weil sie eine staatliche Notwendigkeit gesessen,“ erwiderte dieser, „oft auch gestanden und gelegen,“ fugte er sarkastisch hinzu, in der Absicht, eine leichtere Stimmung herbeizuführen. Aber er überzeugte sich bald aus den ernsten und düstem Mienen seiner Gastgeber, dass seine Bemühungen erfolglos bleiben werden. Dieses Paar, das früher gerne das grosse Wort in der Bewegung geführt hatte, hat sich nun völlig verändert, es machte den Eindruck gewisser, sich zufrieden fühlender Menschen, die durch das Dazwischentreten eines Unglücklichen stark aus dem Gleichgewicht, aus der Ruhe gebracht werden. — „Nun Beinisch, wirst Du schon essen?“ fragte Beilke ihren Gatten. „Essen?“ meinte Beiniscb, die Frage wiederholend, als würde es sich um eine hochwichtige Sache handeln. „Ich habe zwar noch keinen sonderlichen Appetit, da aber die Zeit da ist“. . . . „Und Ihr, Berl?“ erfüllte Beilke einen Höflichkeitsakt. „Essen?“ wiederholte er gleichfalls, und setzte sich schüchtern und verschämt auf den daneben stehenden Sessel. „Ich danke, was kann dabei sein, wenn Ihr essen werdet, nehme ich auch einen Bissen! ‘ Beilke machte rieh gleich daran, das Abendmahl zu bereiten. — Im Zimmer herrschte indessen feierliche Stille, nur das Pusten des Samovars war zu hören. Berl hätte gerne seine Erlebnisse geschildert, jene im Strafhaus natürlich: so über den Hungerstreik, den die Insassen durch volle sieben Tage inszenierten und durch den manches erreicht wurde. Die Spaziergänge im Hofraume dauerte nunmehr volle zwanzig Minuten, auch wurde gestattet, vor dem Fenster der Zelle zu stehen, wie überhaupt die Behandlung dann eine wesentlich bessere geworden ist. Auch von der Demonstration gegen den Prokuralor hätte er gerne gesprochen, wie man diesen auspfiff als er zu den „Politischen“ auf Visitation kam; dann würde er auch über die Stimmung berichtet haben, welche vorherrschte, als man den Ivanow, wegen dessen Attentat auf den Polizeimeister, um fünf Uhr morgens aus der Zelle zum Richtpfahl führte. Da gab es eine Aufregung, da wurde geschrien, gepoltert, in die Türen gedroschen, auf die Fensterscheiben getrommelt, zwei inhaftierte Mädchen erlitten schwere Ohnmachtsanfälle, ein schrecklicher Wirrwarr! Als er aber auf das junge Paar blickte, musste er sich sagen: Diese Leute werden daran kein Interesse finden; die sind klein, sehr klein geworden! .... Als das Abendmahl vorüber war, zündete sich Beinisch eine Zigarette an, und das Gespräch von Neuem aufnehmend, bemerkte er, zu seiner Frau gewendet: „Weisst Du aber auch Beilke, weshalb dieser Narr eingesperrt war? Wessen man ihn beschuldigte?“ „Was heisßt beschuldigte?* erwiderte diese. „Hat er sich vielleicht wenig in der Bewegung hervorgetan?“ „Das ist eine besondere Sache,“ meinte Beinisch, und indem er seine Rechte auf den entblössten Nacken seines Weibes legte, setzte er fort: „Es ist richtig, dass er sich in der Bewegung viel zu schaffen machte; ich kann mich dessen ganz gut erinnern aber gesessen will er haben ganz unschuldig. Man bezichtigte ihn bloss der Ermordung eines Gordwoi!“ „Was redest Du?“ rief Beilke ganz aufgeregt und fast zitternd. „Nun, was habt Ihr Euch denn so erschrocken,“ warf Berl ein, und fügte beruhigend hinzu: „Ihr seht doch, dass ich frei bin!“ „Ja, frei! Wer weiss, ob Ihr nicht geflüchtet seid?“ replizierte Beilke, ihn misstrauisch ansehend. „No, ein solcher Held bin ich noch nicht! Vorigen Monat trug ich mich allerdings mit einem Gedanken .... aber . . .“ Auf seine ehemaligen Genossen blickend, sagte er sich: Wozu da viele Worte machen! Im Zimmer ist es wieder still geworden, das junge Paar warf sich verständnisvolle Blicke zu, und wer sich darauf versteht, weiss, dass -.dies bedeutet: Wenn er nur schon fortgehen möchte! Beinisch erhob sich auch alsbald und zu Berl gewendet, richtet er an ihn die präzise Frage: „Und was isl’s denn mit einem Quartier? Ihr müsst Euch ja irgendwo polizeilich, melden lassen! Wisst Ihr doch, dass dies in der jetzigen Zeit eine höchst gefährliche Sache ist.“ — „Drei Monate Festung!“ mischte sich Beilke ins Gespräch. — „Ein Quartier habe ich vorderhand nicht, ich glaube aber, jemanden für eine Nacht beherbergen, ist' doch nicht so gefährlich“, stammelte Berl und blickte auf das im Zimmer stehende kleine Sofa. „No, habt Ihr schon wo?“ fragte Beilke ungeduldig. „Es werden doch bald die Tore geschlossen!“ „Ich glaubte hier diese eine Nacht bleiben zu können“, sagt Berl. „Was redet Ihr? Bei uns? Wo? Wir haben doch nur ein kleines Zimmer, Ihr seht doch!“ In dieser Weise suchte Beilke ihn von der Unmöglichkeit zu überzeugen; und auch Beinisch vertrat denselben Standpunkt. Berl aber erinnerte sich noch ganz genau, wie diese - Leute vor wenigen Jahren, als sie noch das Band der Liebe umspannte, mit noch zwei solchen Paaren zu-

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