Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 2 (10.1.1908)
- Date
- 1908-01-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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□-:-:-:-—□ Redaktion, Administration und Wochenschrift. J . L Ab »nnementspreisa: Inseratenaufnahme; Erscheint jeden Freitag. In Oesterreich-Ungarn: IX., ^UFlicnstFasse £r. 9* Ganzjähr. K 10.— halbjähr. R 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Telephon Nr. 14.199. Verkaufstellen in Ävfen'f Administration, Türkenstrasse Nr. 9. In Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10-—, Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr Z eitungsbur eau Goldschmiedt, L, Wollzeile Nr. 11. halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr Mk. 3.—. vormiKags. 1 r Einzelne Nummern 20 Heller. In» übrigen Ansland ganzj. Frcs. 15.—. □-:-o Vertretungen in der Provinz In Brünn : Zeitungsbureau, Ferdinandgasse. — In Prag: Zeitungsverschleiss W 1 czet, Graben 33. — In Lemberg: Karl Bachstab. BucbhSndlerlsche Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig Nr. 2. Wien, Freitag, den 10. «Jänner 1908. il. Jahrgang. Zur Kadimah-Fsier. Von Dr. Paul Weisengrün. Fünfundzwanzig Jahre sind es gerade her, dass drei blutjunge Studenten die »Kadimah“ gründeten. Hierdurch wurde zum erstenmal in Westeuropa die jüdischnationale Flagge gehisst. Eine Flut von Spott und Hohn ergoss sich über die jungen Häupter; die Bezeichnung Kadimahner wurde zum Schimpfwort. Aber die blutjungen Studenten gingen ruhig und stolz ihren einsamen Weg und "heute zählt man in Oesterreich allein hunderte von nationalen Verbindungen und Vereinen aller Art. Aus dem Nationalismus ist organisch der Zionismus emporgewachsen, der sich nunmehr anschickt, durch eine gross angelegte Aktion Palästina langsam und allmählich wirt- ---sbiraitlieii zu fiebern. Tausende^o««'Wählern haben zugunsten der jüciischnationalen Idee ihre Stimme abgegeben, in glänzenden Reden haben von der Tribüne des Reichsrates herab wahrhaft jüdische Männer ihr Glaubensbekenntnis abgelegt und fast die ganze Jugend steht hinter der einst so vereinsamten verspotteten Fahne. Freilich hat die »Kadimah“ nicht allein diese Wandlung der Dinge etwa herbeigeführt. Man braucht kein Anhänger einer mechanistischen, geschweige denn materialistischen Geschichtsauffassung zu sein, um die selbstherrliche ausschliessliche Wirksamkeit von Individualitäten und kleinen Gruppen in der Geschichte zu leugnen. Der wahre Einfluss der »Einzelnen“ und der »Wenigen“ kann erst erfolgen, wenn der Boden genugsam vorbereitet, die Resonnanzmöglichkeiten schon geschaffen, dieFortr.eln der Agitatoren bereits in den Seelen der Massen mitklingen und wenn die Schlagworte bereits ans den Tiefen unbewusster Regungen starke, Immer bewusster werdende Empfindungen hervorzulocken vermögen. D' r immer stärker werdende Antisemitismus im Westen, die Funken, die von der Östlichen Bewegung zur Belebung der hebräischen Sprache, zur Erringung einer selbständigen Kultur hinüberschlugen, die beginnende wirtschaftliche Not, sie haben den günstigen Boden und den wirksamen Hintergrund für die nationale Bewegung auch hierzulande geschaffen. Aber das Verdienst der Kadim-uhner war es, die Zeichen der Zeit richtig gedeutet, den Entwicklungskeimen der wec {.liehen Bewegung nnd votieren'’Etftfaitmigs'ieli ueazeii ues Ostens nicht Hindernisse aller Art in den Weg gelegt za haben. Zu jener Zeit wäre ein allzu vorsichtiges Umher!appen, ein nationales Schwanken und Schielen doppelt gefährlich gewesen. Mit Elan, mit Geiadlinigkeit, mit Grosszügigkeit warfen sich die ersten Kadimahner auf die Verkündigung der nationalen Idee. Sie schwankten und zagten nicht in ihrem Nationalismus, sie gingen auf ihr Ziel, wie es uns heute vorkommt, mit einer solchen Impetuosität los, als ob sie die tat-ächlichen Hindernisse überhaupt nicht sehen wollten. Es war damals der Nationalismus der grossen Linie, der Zionismus gleichsam im Grundrisse. Und als wenigstens in den H-rzen einer einzigen jungen Generation diese seelischen Fundamente gelegt waren, gingen die Kadimahner zu einer spezifischeren, zu einer studentischeren Aufgabe über. Sie begannen die moralische und körperliche Selbsterziehung der jüdischen Jugend vorzubereiten. Sie griffen zum Schwerte, sie wurden die ersten Propagaloren des Muskeljudentums. Der Name ßa^imahner flösste dann auch Gegnern und Indifferenten Achtung ein. So kann man in der Geschichte der Kadimah zwei innere Entwicklungsperioden unterscheiden. In der eisten wurden die Grundlinien jüdischnationaler Propaganda überhaupt gelegt, in der zweiten wagte inan sich an die studentische, moralische und physische Erziehung der Juden heran. Der Name Matthias Acher (Dr. Nathan Birnbaum) ist für immer mit dieser ersten Kadimabperiode verknüpft. Er war mit Doktor 'S« iiüiix-r a;.\i llcm. jiJu.'a Bierer ihr Gründer. Aber hiermit ist sein grosses, überragendes Verdienst nicht einmal angedeutet. Birnbaum hat im wahrsten Sinne des Wortes die Kadimah werte geschaffen, jpne uns heute schon selbstverständlich, schon alt, schon überlief rt vorkommenden Formeln und Leitsätze. Wir sind keine Deutschen oder Tschechen, wir sind Juden. Diese Worte versteht heute bereits jeder Assimilant, sie waren damals neu in Birnbaums Munde. Die Juden sind keine Religion, sie sind eine Nation. Ein jeder Fuchs im ersten Semester kann diesen Grundsatz m mehr oder minder wirksamer Rede vortragen. Birnbaum rief sie Westeuropa zum ersten Male laut und FEUILLETON. Freunde. Von Abraham Reisen. Es war gegen 7 Uhr abends als Berl das Strafhaus verliess, in welchem er durch 9 Monate interniert war. Seine Habseligkeiten, ein Bündel mit einigen schmutzigen und zerfetzten Wäschestücken, warf er hinter der Umfriedung von sich. Wenn frei sein, Freiheit bedeutet .... witzelte er im Gedanken. Er richtete seine Schritte nach der nächstgelegenen Gasse, welche von Spaziergängern ziemlich belebt war. Die Jugend promenierte da munter auf und ab, und helles Lachen erklang aus schöner Mädchen Munde. — Berl vermeinte einen Bekannten unter den Leuten auf der Strasse zu finden; aber trotz eifrigsten Forschens und Spähens erfüllte sich seine Hoffnung nicht. Und wie sehr sehinte er sich nach einer befreundeten menschlichen Seele, nach einer zutraulichen Ansprache! Darf er hoffen, noch an diesem Abend einen ihm wohlwollenden Menschen zu finden? Er vermochte sich darüber selbst keine Rechenschaft zu geben. Ja, auf der Arbeitsbörse gibt es schon welche, die ihn kennen, und. auch manche, die er früher seine Freunde nannte;, aber schnurstracks aus dem Kerker auf. die Börse zu . gehen, das geht ihm doch wider den S.trich — das schickt sich doch nicht—. Wohin also soliteer sich nun wenden? Er grübelte über diese Frage und erinnerte sich endlich an einen ehemaligen Gelahrten, Beinisch mit Namen, der etwa vor Jahresfrist seine angebetete Beilke zum Traualtar geführt hat. Es war ihm bekannt, dass dieses junge Paar in einem entlegenen Gässchen am äussersten Ende der Stadt wohne. Dorthin beschloss er nun zu gehen, um ein Obdach für diese Nacht zu erbitten. — Er wusste zwar, dass die Genossen sich über Beinisch sehr abfällig äusserten, ihn als einen »Renegaten“ bezeichneteu; aber es handelte sich ihm doch nur um eine Unterkunft für diese eine Nacht. Als er an dem Wohnhause Seines einstigen Kameraden anlangte, war die Dunkelheit schon stark hereingebrochen. Die enge Kammer, die er nun betrat, glich einem Taubenschlag, nur die zwei säuberlich bedeckten Betten verrieten, dass hier zwei Menschenkinder wohnen. Beinisch, den er im Zimmer allein antraf, konnte sich auf seinen Besuch erst nicht entsinnen, während Berl seinem ehemaligen Freunde fortwährend zulächelte und sich, wie man sagt, nicht zu erkennen geben wollte; als er aber merkte, dass Beinisch immer ernster und ernster wird, platzte er endlich heraus: »Ihr erkennt nicht Berl’n?“, Ach“, stiess Beinisch hervor . . . Berl konnte sich nicht klar werden, ob dieser Ausruf des Erstaunens eine freudige Ueberraschung, oder ihr Gegenteil bedeutet, Nachdem Beinisch den Angekommenen eine Weile gemustert hatte, sagte er: »Aber wie sehet Ihr aus! Seid Ihr wirklich lange Zeit gesessen?“ »Neun Monate," gab Bert zur Antwort. »Welche gute Tat hat Euch denn dies eingetragen?“ fragte Beinisch. ,0 Bruder!“ rief Berl mit Extase und schob sich ein wenig abseits. »Gesessen bin ich im Interesse einer gerechten Sache! Man beschuldigte mich »an der Ermordung“ eines Gordwoi (Polizisten) teilgenommen zu haben.“ Beinisch erbebte und vermochte kaum die Worte hervorzubringen: »Ihr wäret doch niemals, wie mir scheint, unter den Terroristen!“ »Muss man denn gerade dabei sein?“ »Es genügt auch, wenn man nur im kritischen Moment auf der Strasse sich befand.“ Mit verdächtigenden Blicken fixierte ihn nun Beinisch. es schien, als wollte er etwas bemerken, ohne aber das richtige Wort finden zu können. Eine Weile herrschte lautlose Stille, während weicher Bert sich heimlich sagte: Nun, der ist ein sehr kleiner Mensch geworden; aber übernachten würde ich doch gerne hier .... Mit der Frage: »Wo ist denn Euere Beilke?“ brach Berl zuerst das unheimliche Stillschweigen. »Beilke, hm, Beilke wird bald da sein.“ Bald darauf erschien sie auch wirklich im Zimmer. Eine schlanke Gestalt von regelrechten Formen; aus dem hübschen Gesichte leuchtete ein dunkles Augenpaar und reiches kastanienbraunes; Haar zierte das Haupt. Mit verwunderten Blicken auf ihren Mann sehend, rief sie aus! »Berl?“ Dieser bestätigte seine Gegenwart durch wiederholtes KopP nicken und erfasste dann ihre Hand mit kräftigem» Drucke. »Ihr seid, scheint mir, gesessen?“ fragte siekalt, mit einer Art von Vornehmheit. „Ja, ich bin;