Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 1 (3.1.1908)
- Date
- 1908-01-03
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 1 und. Hausindustrie einfuhren, Fortbildungsschulen und Abendkurse einxichten, vor allem aber eine das ganze Land umspannende Arbeitsvermittlung begründen. Der geistige wie auch der praktische Schöpfer des Kolomeaer Hilfsvereines, dem sieh bald ähnliche Ortsgruppen in anderen galizischen Städten bei gesellen werden, ist der Prediger Isak Weber. Der gegenwärtige Ausschuss besteht ausser dem Initiator noch aus deu Herren Mendel Brettler, Dr. L a n d a u u. a. In derselben Angelegenheit hat ein Parteigenosse aus Rzeszow, Herr Mendel K a r p f, im „Lemberger Tagblatt“ durch einen sachlich gehaltenen Artikel, der die Gründung einer heimischen, mit den örtlichen Verhältnissen vertrauten Hilfsorganisation aufs tvärmste befürwortet, eine erschöpfende Diskussion eingeleitet und es ist zu erwarten, dass über kurz oder lang ein galizischer Hilfsverein bestehen wird, der für uns eine um so grössere Bedeutung hat, weil er von Anfang an an sich ein nationales Gepräge tragen wird. 'm. w. Der Vorsitzende einer Wahlkomtnission verurteilt. Bolechow. (Orig.-Korr.) Ein strafgerichtliehes Urteil, vor einen Tagen über einen Herrn Szanek verhängt, welcher bei den Wahlen am 17. Mai als Vorsitzender der Wahlkommission fungierte, illustriert neuerlich die in der allgemeinen Meinung allerdings ohnehin feststehende Tatsache, wie Abg. Löwenstein „gewählt“ wurde. Herr Franz Szanek öffnete während des Wahlaktes jeden Wahlzettel, der ihm verdächtig erschien. Die jüdiseh-nationalen. Vertrauensmänner protestierten dagegen, aber ohne Erfolg. Nach der Wahl wurde der „unparteiische“ Vorsitzende vom jüdisch-nationalen Komitee angezeigt. 5 Termine waren nötig, 50 Zeugen wurden verhört — schliesslich kam die Wahrheit .doch ans Lieht. Der Legitimationsausschuss hat an den Wahlen scheinbar nichts auszusetzen; denn die Koliselier, Gail und tutti quanti sind nach wie vor Vertreter des jüdischen Volkes. Czernowitz. (Orig.-Korr.) Jüdisches Schülerheim: Bekanntlich hat der jüdisch-akademische Leseverein „Emunah" im Vorjahre die Gründung eines jüdischen Schülerheims mit besonderer Energie in Angriff genommen, zu diesem Zwecke mehrere Veranstaltungen mit sehr gutem Erfolge gemacht und eine schöne Summe diesem Zwecke zugefiihrt. Aus Gründen, die mit der rührigen Tätigkeit dieses Vereines in keinem Zusammenhang stehen, erlitt jedoch die Realisierung dieser Institution eine Unterbrechung. Die „Emunah* geht nun abermals daran, die Angelegenheit einer gedeihlichen Erledigung zuzuführen und hat sich zu diesem Zwecke mit einem Aufruf an die Oeffentichkeit gewendet Nullen links. Lemberg. Im Polenklub herrscht seit einiger Zeit die Tendenz vor, die Nullen unter ihren Hausjuden nach links zu verschieben. Als neulich die Abgeordneten Lö wen st ein und Kolischer eigenmächtig zum Ministerpräsidenten gingen, um als Konkurrenten des jüdischen Klubs iur ihre „Glaubensgenossen polnischer Nationalität* zu bitten, erschien im „Slowo polskie“ eine kurze aber sehr scharf gehaltene Notiz über diese unerhörte Rebellion der Klubmoschkos. Gail und Gold hingegen werden bei jeder Gelegenheit gelobt. Klar erkennt man daraus das Streben des Polenklubs jede selbständige politische Betätigung der Juden schon im Keime zu ersticken und das jüdische Volk weiter in sklavischer Abhängigkeit zu erhalten. Ein ertappter Plagiator. Lemberg. Der Redakteur der antizionisliscken „Jednosc“, der bei seinen Auftraggebern als fähiges „Koppel“ galt und die Autorität eines Kenners des Zionismus besass, hat sich unlängst derart blamiert, dass in Galizien ein Lachen erscholl von Krakau bis Podwoloczyska. Oberwähnten Redakteur machte die Kreierung eines neuen Distriktes in Tamopol wild und er liess nun in seinem Blatte ein klassisches Geschimpfe über den neuen Distriktsobmann und sein Blatt erscheinen. Klassisch darum, weil es Wort für Wort aus einer Kritik des Literarhistorikers Feldmann abgeschrieben war. Unser Bruderblatt „Wschöd* deckte den Schwindel auf und Herr Merwin, dies ist der Name des Redakteurs, hatte für den nötigen Spott nicht zu sorgen. Die Polen aber meinen, „dass er sich in der ehrlichen polnischen Presse unmöglich gemacht habe.“ Griechisch-orthodoxe Juden, St. Petersburg. In dem soeben erschienenen stenographischen Protokoll der Dumaverhandlungen finden wir auch Daten über die Dumaabgeordnete, von ihnen selbst angegeben. Interessant sind die Angaben folgender Abgeordneter: Wladimir M. Hessen, Jude, gr. or.; Josef W. Hessen, Jude gr. or. und Ossip Jak. Pergament, Russe gr. or. ... St. Petersburg. In der Sitzung des Senates vom 7. Dezember 1907 würde über die Frage entschieden, ob die jüdischen Frauen, welche die höheren Frauenkurse, für die eine Vorbildung von 8 Gymnasialklassen nötig ist besuchen in Petersburg Wohnrecht besitzen. Vor drei Jahren wurde einem Rekurs, einer gewissen Rafalowicz, gegen die Entscheidung des Stadthäuptmannes Folge gegeben, somit anerkannt, dass Absolventinnen der höheren Frauenkurse das Wohnrecht geniessen. In der letzten Entscheidung aber wurde bestimmt, dass sie sich ausserhalb des Ansiedlungsrayons nicht aufhalten dürfen. Der Kurs der russischen Verwaltung in bezug auf die Juden' ist somit antisemitischer denn je. Wien. Wie wir dem „jüd. Sozialdemokraten“ entnehmen, soll die bosnische Verwaltung eine Verordnung erlassen haben, die für die christlichen Arbeiter den Sonntag, die jüdischen den Samstag, die muselmännischen den Freitag als Ruhetag bestimmt. Wir würden der Regierung die Nachahmung dieses Vorgehens für Galizien und die Bukowina empfehlen, wo absolut und relativ mehr Juden als in Bosnien wohnen. Wien. Die Rückwanderung aus Amerika nimmt ungeheure Dimensionen an. Bis Ende Jänner 1908 haben bereits 200.000 Rückwanderer bei der Hamburg-Amerika-Linie Karten gekauft. Darunter sind auch viele Juden. Was diese Armen bei der schlechten wirtschaftlichen Lage in ihren Heimatländern beginnen werden, wissen sie selbst nicht. Ein besonders starkes Kontingent stellen die- Fabriksarbeiter, die in der Landwirtschaft beschäftigten bleiben noch in Amerika. Da die Juden fast durchwegs städtisches Element sind, so ist der Prozentsatz an Juden wahrscheinlich ein ziemlich hoher. Die Tatsache erinnert an den „Sturm„ Rosenfelds: „Wir sind Juden, verlassene Juden, unsere brennende Wunde löscht nur das Meer.“ Montreal. (Kanada.) Die Einwanderungskommission verlangt von jedem Immigranten den Nachweis, dass er 50 Dollar besitzt, sonst wird ihm die Landung untersagt. Diese Bestimmung trifft die aus Russland kommenden Juden besonders schwer, da die meisten von ihnen kaum die Reisekosten erschwingen konnten. Ein neuerlicher Beweis, dass sich die Immigrationsländer vor der lästigen jüdischen Einwanderung schützen. Was sollen nun die in Russland Gehetzten, in Galizien Hungernden beginnen? Moskau. Eine Moskauer Versicherungsgesellschaft versuchte aus den Pogromen Kapital zu schlagen, und weigerte sich, für die Feuerschäden ihrer Klienten aus H o m e 1 aufzukommen, weil das Feuer von Hooligans gelegt wurde, d. h. infolge eines „Bürgerkrieges“ entstanden sei. Die Abbrändler überreichten einen Rekurs an das zuständige Gericht Dieses schloss sich der Meinung der Abbrändler an, „dass in Homel um jene Zeit kein Bürgerkrieg, keine Massenbewegung war, sondern dass einige Menschen, in Anwesenheit von Kosaken und Polizisten der Reihe nach jüdische Häuser und Kramladen angezündet hätten, und dass die Versicherungsgesellschaft ersatzpflichtig sei. Kiew. Vor dem hiesigen Schwurgerichte findet die Verhandlung gegen die Veranstalter der Oktober-Pogrome statt. Vorgeladen sind hunderte Zeugen. Die Zahl der Angeklagten beträgt 36. Die Anklage führt aus, dass 1800 jüdische Wohnungen demoliert und ein Schaden von zehneinhalb Millionen Rubel angerichtet wurde. Ueber den Ausgang werden wir berichten. Berlin. Wie wir erfahren, hat sich hier ein Komitee gebildet, welches Moses Mendelssohn, dem Mitschöpfer des deutschen Prosastiles, ein Denkmal setzen will. Es fragt sich nun, ob Berlin einen Platz zur Verfügung stellen wird, denn das sonst für Denkmäler begeisterte Deutschland hat auch Heine keinen Platz für ein Denkmal einräumen wollen. Und Heine war getauft, Mendelssohn aber ist Jude geblieben. Der Plan des Komitees wird wahrscheinlich nur ein Plan bleiben. Vereins- und Versammlungs- Nachrichten. Teplitz-Schönau. (Jüdischer Volksverein „Zion“.) IV. Generalversammlung 28. Dezember 1907. Jahresbericht konstatiert ruhige Fortentwicklung. Kassabericht stetiges Steigen der Einnahmen. Mitgliederbeiträge 870 K, Spenden 618 K, Telegramme, Marken etc. 149 K, Schekel 400 K, Makkabäerfeier 306 K. Diverses 34 K. Für den Nationalfonds aufgebracht: Vom Vereine 340 K, Studenten 100 K, Mädchenklub 409 K, zusammen 849 K. Selbstbesteuerung : 469 K, Oelbäume (41) 287 K, Palästina-Kommission 661 K, Belzalel 100 K, russische Waisen 14 K, Rosenfeld 20 K, Shareklub 50 Aktien 1200 K, Parteisteuer 158 K, Schekel 376 K, Sammlung für den Parteifonds des A. C. bisher (noch nicht beendet) 1450 K, 3 Eintragungen ins goldene Buch 750 K. Insgesamt wurden zirka 6400 K aufgebracht und abgeführt. Neuwahlen: I. Präsident E. Bechert, II. Präsident L. Steiner, Schriftführer S. Steiner, Kassier A. Ka'nn, I. Nationalfonds-Kommissär D. Bauch, II. Nationalfonds-Kommissär Ferd. Lederer, Verwalterin der Selbstbesteuerung Frau B. P e r u t z, Bibliothekar Leop. Adler, Beiräte M Abeies. V. Freud, Dr. J. Grünhut, Jul. H a hu, J.Ko h n er, J. Led e r e r, M. Le de rer. Frau Emmy Stein, Delegierte zum Distriktstage D. Bauch, E. B e ch ert, J. Hahn, L. Steiner. — Auf Vorschlag des Vorstandes erfolgt die einmütige Ernennung Dr. Emil Margulies zum Ebrenmitgliede. Vorstandsmitglied Frau Emmy Stein spendete dem Vereine hundert Kronen. Wien. Die Damen und Herren, welche sich für hebräische Konversation interessieren, werden eingeladen Samstag, den 4. Jänner um 7 Uhr abends im Cafö B r a m m e r, IX., Liechtensteinstrasse 1 zu erscheinen, um an der Vorbesprechung über die Gründung eines hebräischen Konversationsklubs teilzunehmen. Troppau. Am 21. Dezember 1907 hat hier der Makkabäer-Festkommers der Vereinigung jüdischer Hochschüler in Troppau stattgefunden. Als Festredner war in Vertretung des Herrn Reichsratsabgeordneten Dr. Mahler Herr Dr. K a d i s c h erschienen. In einer gross angelegten Rede entwickelte der Redner die Ziele der jüdischnationalen Idee und Politik. Der sonstige Verlauf des Abends war vollauf gelungen. Sanok. Der hiesige Verein „Zion“ veranstaltete am 22. Dezember eine Makkabäerfeier. Von den Mitwirkenden ist besonders;Herr Franz Blau aus Jaroslau hervorzuheben. Die Festrede hielt Herr Dr. Arin. Trebitsch. Mit grosser Genugtuung berichten wir, dass es endlich auch uns vergönnt war Chanukka nach Gebühr zu feiern. Das unumstrittene Verdienst fällt unserem allgemein beliebten Rabbiner Dr. Johann Stössler zu, der unermüdlich für die Weckung und Hebung jüdischen Bewusstseins tätig ist. Am ersten Chanukkatage wurde eine Tempelfeier veranstaltet, bei welcher Herr Rabbiner Dr. Stössler eine herrliche Predigt hielt. Am 1. Dezember fand eine Kinderchanukkafeier statt, deren Programm ausschliesslich von Schulkindern besorgt wurde — eine gemütliche Jause war ihr Lohn. Am 8. Dezember wurde unter dem Protektorate S. E. des Herrn Rabbiner Dr. J. Stössler and des Kultuspräses J. Taussig die erste öffentliche Makkabäerfeier abgehalten. Sie nahm einen ungewöhnlich glänzenden Verlauf und hinterliess bei allen Anwesenden eine tiefe nachhaltende Wirkung, die hoffentlich noch gute Früchte zeitigen wird. Nach Begrüssung durch den Obmann des Komitees Herrn Lehrer J. Koralek trat Fräulein H. Triescher vor, als Chanukka in orientalischem Kostüm, das ihrem jüdischen Typus prächtig stand, und sprach in wirkungsvoller Weise den von Herrn Rabbiner Dr. Stössler verfassten Festprolog. Dann zündete Herr Oberkantor M. Fuchs, der sich samt seiner Frau um den musikalischen Teil des Programmes erfolgreich bemühte, unter Begleitung eines gemischten Chores die Chanukkalichter. Die nun folgende Festrede unseres Herrn Rabbiner Dr. Stössler lässt sich in ihrer Vollendung und Wirkung kaum schildern. Seine geistreichen von echt jüdischen Feuer durchglühten, meisterhaft vorgetragenen Ausführungen 'waren auch von tosendem Beifall begleitet. Nun wurde „Ein Hauch weht durch die Lande* vorgetragen. Dann folgten Rezitationen jung-jüdischer Gedichte durch Herrn E. W eiss und Fräulein C. Stössler, den Abschluss des Programmes bildete ein Damenchor „Judenhoffnung*, Text von Dr. Stössler. Im Namen der fremden Gäste dankte Dr. S. Werner i vom Volks verein „Zion“ Iglau, für das Komitee Herrn Obmann J. Koratek. An das Programm schloss sich eine Tanzunterhaltung. Oelbaum-Nationalfondsspenden wurden gesammelt. Das nicht unbedeutende Reinerträgnis fiel ortsarmen Juden zu. Sereth. (Poale-zionistischer Mädchen- und Frauenverein.) Samstag, den 21. Dezember fand hier die bereits angekündigte