Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1908-01-03 · 1 (3.1.1908) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
1 (3.1.1908)
Date
1908-01-03
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2438141-2438167-2438168--0292-2439796
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Kr. 1 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 Syrien und Palästina eine rege Erzieh angstä tigkeit, das gleiche gilt vom Franziskaner-Orden; auch die Deutschen leisten Hervorragendes auf diesem Gebiete. So haben sie noch in letzter Zeit ein Gymnasium in Jerusalem gegründet, an welchem bis jetzt drei Klassen geöffnet und für das bereits ein prachtvolles Gebäude errichtet ist. Die Zöglinge all dieser Schulen werden natürlich gefährliche Konkurrenten und Widersacher unserer Bestrebungen. Die arabischen Zöglinge, für welche diese Lehranstalten hauptsächlich berechnet sind, wachsen in einer uns feindlichen Atmosphäre auf, aber auch die jüdischen Schüler, die durch die Erziehung in diesen Schulen dem Nationaljudentum entfremdet werden, gehen uns verloren. Die palästinensische Judenheit, die diese Verhältnisse besser als wir anderen kennt, ist nun reif genug, um das Bedürfnis nach guten nationalen Schulen lebhaft zu empfinden und klar zu erkennen. Was die einsichtigen Elemente der Juden Palästinas von ihren nationalgesinnten Brüdern in der Diaspora verlangen, sind keine Almosen, keine persönliche Unterstützung, sondern die Schaffung von Schulen, die unsere Kinder unserem Volk erhalten und für unsere nationalen Aufgaben erziehen sollen. Immer lauter wurde in den letzten Jahren aus der Mitte der zionistischen Intelligenz Palästinas die Forderung nach einer höheren hebräischen Musterschule. In diesem Kreise wurden auch die ersten praktischen Schritte unternommen, die zur Gründung des hebräischen Gymnasiums in Jaffa führte. Darüber im nächsten Artikel. Berich! des österreichischen Konsuls in Jaffa. Soeben ist der Bericht des österreichischen Vizekonsuls in Jaffa, Max W e n k o, für das Jahr 1906 erschienen. Es ist interessant, dass auch aus diesem neutralen Bericht überall die Wichtigkeit der jüdischen Positionen in Palästina herausleuchtet. Die Objektivität des Referenten ist im allgemeinen anerkennenswert. Es ist. begreiflich, dass er von seinem Standpunkt aus die deutschen Institutionen etwas mehr empfiehlt, dass er nicht ausdrücklich hervorhebt, dass die Besitzer der von ihm rühmend erwähnten Steinschen Maschinenfabrik und der neugegründeten Parfümfabrik Juden sind, die auch ausschliesslich nur jüdische Arbeiter beschäftigen etc. Dass er aber eine nicht ganz zutreffende Darlegung der Haltung der Behörden gegenüber jüdischen Landkäufen gibt, beweist, dass es mit der Objektivität christlicher Beurteiler' der jüdischen Bestrebungen in Palästina doch eine schwere Sache ist. Im allgemeinen bestätigt der Bericht selbstverständlich die aufstrebende Entwicklung welche Palästina, und namentlich der Distrikt Jaffa, im vergangenen Jahre genommen hat. Die — übrigens schon bekannt gewesenen — Ziffern des Handelsverkehres Jaffa werden wie folgt angegeben: 1905 1906 Millionen Francs Zunahme Export . . . 12‘3 155 32 26 °/„ Import ... 16 18 2 12'5°/o Schiffsverkehr: Dampfer. . . 542 603 61 11 7o mit Tonnen 803.252 90S.164 104.912 13 0,0 Segler . . . 426 526 100 24 °o Diese Ziffern beweisen einen geradezu rapiden Aufschwung der Wirtschaft Palästinas. Ueber die einzelnen Produkte des Landes spricht der Bericht sehr ausführlich, bringt jedoch neues nur für diejenigen, welche den jüdischen Darstellungen über die enormen wirtschaftlichen Möglichkeiten Palästinas keinen Glauben schenken woÜen und sie als tendenziös ansehen. Den österreichischen Vizekonsul .aber werden sie wohl als objektiven Fachmann gelten lassen. Sie mögen lesen, was er z. B. über die Obstzucht schreibt: „In dieser nimmt die Orangenkultur den ersten Platz ein. Infolge der guten Verzinsung, welche Orangerien abwerfen, wird denselben jährlich ein grösseres Terrain eingeräumt und man hofft, in einigen Jahren das Exportquantum auf eine Million Kisten zu bringen. Das hiesige Land, speziell die nähere Umgebung von Jaffa, ist zum Orangenbau geradezu prädestiniert“ usw. „Seit acht Jahren ist die Orangenanbaufläche auf das Doppelte angewachsen. Ebenso verweisen wir die Skeptiker auf die Bemerkungen des Berichtes über die Entwicklung der Industrien (Mühlen, Zement-, Maschinenfabriken etc. auf den grossen Import von Mehl gegenüber einem berichteten bedeutenden Export von Zeieaüen usw. Mit den jüdischen Kolonien beschäftigt sieh der Bericht sehr ausführlich. Ueber die Selbständigmachung der Rothschildschen Kolonien spricht er kein eigenes Urteil aus, sondern verweist darauf, dass darüber die Meinungen geteilte wären. Nach der ungünstigsten würde der Baron nach Ablauf der fünf Jahre zumindest gezwungen sein, die Administration wieder zu übernehmen. Das wäre allerdings betrübend, doch nur eine Folge der seit 24 Jahren gemachten Fehler, die sich nicht so rasch gut machen lassen. Die frühere Administration hat eben die — übrigens teilweise schlecht ausgewählten — Leute nicht zur Selbständigkeit erzogen. Jedenfalls werden die fünf Jahre, in welchen die Rothschildschen Kolonisten sich in der Autonomie erproben sollen, eine bessere Schule der Selbstverwaltung sein, als es die 24 vorangegangenen Jahre der bevormundenden Administration waren. Von Petach Tikwah wird berichtet, dass die Versuche mit verschiedenen Fruchtgattungen (Aepfel, Birnen, Pflaumen, Pfirsiche etc.) sehr zufriedenstellend ausgefallen sind. Ferner, dass die Kolonisten beabsichtigen, von der Regierung die Erlaubnis zur Befahrung des Andschafiusses, an dem die Kolonie liegt, zu erlangen, wodurch die Produkte der Kolonie per Remorqueur zu der nur 6 km entfernten Mündung des Flusses, dann längs der Küste nach Jaffa geschafft und Transportkosten gespart werden könnten. Leider ist wenig Hoffnung, dass die Erlaubnis erteilt werden wird, weil die Besitzer der am Fluss angelegten Mühlen Störungen ihrer Betriebe befürchten. Zum Schluss erwähnt der Bericht die grosse Einwanderung russischer Juden im Jahre 1906, von denen ein beträchtlicher Teil wieder auswandern musste, weil das Land nicht genügend Erwerbsmöglichkeiten gab. Das ist uns leider schon lange bekannt. Die zionistischen Bestrebungen, die auf Förderung der Entwicklung Palästinas gerichtet sind, damit eine grössere Zahl von Einwanderern dort Arbeitsgelegenheit findet, müssen eben energisch fortgesetzt und allseits unterstützt werden. Dass Palästina nur Kapital und Unternehmungsgeist braucht, um sich glänzend zu entwickeln, ist nach dem Aufschwung, welchen das Land ohne besondere Hilfe, aus eigener, sehr schwacher Kraft nimmi, evident. Ganz unrichtig ist es aber, wenn der Berichterstatter meint, dass sich die Regierung jeder weiteren Einwanderung von Juden widersetzt und den Landankauf verbietet. Kein einziger Fall, der eine solche Aeusserung rechtfertigen würde, ist zur Kenntnis jüdischer Institutionen gekommen. Im Gegenteil. Das seit 20 Jahren bestehende Einwanderungsverbot wurde nie gehandhabt. Was den Landkauf betrifft, so hatten die Einwanderer allerdings Schwierigkeiten damit, aber nicht, weil sie Juden, sondern weil sie Ausländer waren. Der Berichterstatter scheint das deshalb zu vergessen, weil eine nennenswerte christliche Emigration nicht besteht und daher die gesetzlichen Schwierigkeiten bei Landankauf seitens irgend welcher ausländischer, d. h. nicht türkischer Untertanen, fast ausschliesslich bei Juden in Erscheinung treten. Diese Schwierigkeiten sind aber nicht so gross, dass sie nicht überwunden werden können. Beweis dessen hat sich der jüdische Landbesitz in Palästina gerade in der letzten Zeit ganz bedeutend vermehrt. Immerhin ist es wünschenswert, dass die von dem A. G. wieder aufgenommenen Unterhandlungen mit der Pforte zu Erleichterungen für Grundtransaktionen von Juden in Palästina führen. Auf keinen Fall wird der österreichische Konsul umhin können, in seinem nächsten Jahresbericht ein weitaus bedeutendes Fortschreiten der Juden in Palästina zu konstatieren. Schulnachrichten. Der Verband der jüdischen Lehrer hat auf Grund des Beschlusses der letzten Generalversammlung für die neuen Lehrer und Kindergärtnerinnen zum ersten Male Prüfungen eingeführt, die durch das Zentralkomitee abgehalten werden. Die jüdische 7klassige Mädchenschule in Jaffa steht seit Beginn des Schuljahres unter Leitung d.s Herrn Dr. V. Touroff. Das Lehrerkollegium wurde durch Herrn J. Adler und Frau Oserkowsky vergrössert. Infolge des grossen Andranges musste für die erste Klasse eine Parallelklasse eröffnet werden. Die Zahl der Schülerinnen beträgt gegenwärtig 319. Viele konnten nicht aufgenommen werden und man wird eine neue Mädchenschule errichten müssen. Das hebräische Gymnasium in Jaffa, das unter der Leitung des Odessaer Palästinakomitees steht, entwickelt sieh in erfreulicher Weise. In das Lehrerkollegium traten jüngst Doktor B. Mossinsohn (für Bibel und jüdische Geschichte) und unser Gesinnungsgenosse Dr. Ernst Müller aus Wien (für Deutsch und Mathematik. In den Schulen und Kindergärten der Alliance in Beyrnt wird seit einiger Zeit auf Rechnung des Palästinakomitees hebräischer Unterricht erteilt und das Gleiche für die AUianeesehule in Haila beschlossen: ein wichtiger Fortschritt im Sinne der nationalen Erziehung, welche von der AUianeesehule bisher gänzlich vernachlässigt wurde. Die Aktiengesellschaft „Koheleth“, welche zum Zwecke der Publikation von Lehrbüchern gegründet wurde, hat hebräische Leitfäden für Rechnen, verfasst von den Lehrern der Jaffaer Töchterschule Paper, Jechieli und Kritschewsky, herausgegeben. Korrespondenzen. Eine Trauerfeier für Warschawski. Wien. Dem Vereine „Jüdische Kultur“ verdanken wir einen anregenden und genussreichen Abend. Im Anschlüsse an die für den unlängst verstorbenen jüdischen Volksdichter Warschawski abgehaltene Trauerfeietr, sprach der bekannte Schriftsteller Lnbetzky über synagogale Musik und beleuchtete mit ungewöhnlicher Eindringlichkeit und grosser Sachkenntnis Wesen und Art der jüdischen Mufiik. Recht interessant war der Nachweis Lubetzkys, dass die Reformen, die der verstorbene Wiener Oberkantor Sulzer anbahnte und die in Deutschland solch willige Nachahmung fanden, Assimilation im schlimmsten Sinne waren, weil die Eigenart der jüdischen Musik durch Aufnahme von fremdartigen, wesensverschiedenen Elementen vernichtet und die Synagoge ihrer Bestimmung entfremdet und einen kirchlichen Einschlag bekommen hatte. Nach Lnbetzky sprach Nathan Birnbaum in seiner bekannten, analytisch durchdringenden Art über das jüdische Volkslied. In seiner einstmaligen Rede unter? zog er Heine einer genauen Analyse, um zu dem Schlüsse zu gelangen, dass bei den deutschjüdischen Dichtern, von Heine angefangen, der noch der jüdischeste unter ihnen war. die jüdische Note immer mehr schwindet. Hingegen erleben wir ein Auf leben der jüdischen Lyrik und des jüdischen Dramas, in ihrer ganzen ungebrochenen Eigenart bei den jüdischen Dichtern des Ostens, von denen wir eine Renaissance der jüdischen Kultur erwarten dürfen. Birnbaum schloss seine Ausführungen mit der Aufforderung, das Yiddiseh, in dessen Pflege und Ausgestaltung er die einzige Möglichkeit zur Erhaltung der jüdischen Wesensart erblicke, nicht allein vom ästhetischen Gesichtspunkte zu betrachten. In den Pausen trug Kantor Grob unter .Beifall des zahlreichen Publikums Warschawskis Lieder vor. Kolomea. (Orig.-Korr.) Besondere Beachtung verdient der hier vor einigen Wochen begründete Hilfsverein, der sich zur Aufgabe gestellt hat, vornehmlich den wirtschaftlichen Missständen der galizischjüdisehen Bevölkerung abzuhelfen. Er will vor allem eine genaue Statistik aller örtlichen Verhältnisse herausgeben, Kiunstgewerbe Reichtum oder wenigstens Wohlstand kann jeder Geschäftsmann erwerben, wenn er seine Geschäftsbücher genau führt. Für die Lieferung bester und billigster Bücher und aller Bureaurequisiten empfiehlt sich Geschä{tsbücher-Fabrik A. Grünsfeld & Co., Wien, I., Gonzagagasse 21.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.