Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 1 (3.1.1908)
- Date
- 1908-01-03
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 1 Menschheit in nationale Gemeinwesen/' Und somit könnte wohl der Zionismus sieh unter anderem auch auf diese neue Lehre berufen, wenn er den jüdischen Nationalismus begründet. Aber . . . Für die Juden schafft Herr Bauer eine eigene Theorie und zwar, wie er naiv zugesteht, „weil sonst unsere Theorie der Nation und der nationalen Autonomie zur Whffe der Separatisten (d. i. der jüdischen Sozialdemokratie Galiziens) im Kampfe gegen die Partei werden könnte.“ *) Mit anderen Worten: eine spezielle Theorie ad usum delphini. Und der Jude wird doch verbrannt. Und das heisst objektive Wissenschaftlichkeit! Das letzte Wort des eigenartigen Marxismus! Wir wollen hier die allgemeine Theorie Bauers über das Wesen der Nation nicht näher analysieren: das wird an anderer Stelle geschehen. Hier wollen wir nur die Ansichten des Herrn Bauer über die Zukunft der jüdischen Nationalität einer Kritik unterwerfen. Herr Bauer anerkennt wohl die Existenz einer jüdischen Nation. „Die Juden haben keine gemeinsame Sprache und sind darum doch «ine Nation.“ Und an anderer Stelle: „Man sagt heute selbst in West- und Mitteleuropa vielleicht zuviel, wenn man behauptet dass die Juden keine Nation sind/* Wir wollen sofort bemerken, dass diese so klar ausgesprochene Meinung Bauers über die jüdische Nation ein sehr angenehmes Novum ist, denn •die Sozialdemokraten der ganzen Welt negieren prinzipiell die Existenz der jüdischen Nation. Die russische sowie die polnische Sozialdemokratie stellen ln dieser Frage noch heute auf dem negativen Standpunkte. Die Juden haben kein Territorium und keine gemeinsame -Sprache, ergo bilden sie keine Nation. Bauer kämpft somit gegen das sozialdemokratische Dogma an, da ja Mars selbst die Juden nicht als eine Nation anerkennen wollte. leh weiss nicht, ob unser Verfasser Jude ist öder nicht, aber man fühlt heraus, dass er'doch dem jüdischen Leben etwas näher getreten ist. Er ■weiss schon, dass es eine national - jüdische Sozialdemokratie, dass es eine zionistische Bewegung gibt, -er zitiert die „Welt*, und muss die Existenz einer autonomen jüdischen Nation anerkennen. Ja, wenn man einmal das jüdische Lehen genauer studiert, so ist man gezwungen, manches anznerkennen, was sonst sich mit dem marxistischen Dogma nicht zusammenreimen lasrt. Atoer wir können leider Herrn Bauer den Vorwurf nicht ersparen, dass eT das jüdische Leben wn wenig. Studiert hat, "besonders aber, da« er die jüdische Ucschiehte nicht kennt. Aber darüber ‘später. Parteinachrichten. Zutn mähr.-'schles. Oistriktstag in Tropjiau. ((Antrag des „Jüdischen Voltsvereins Theodor Her zl“ -für Iglan and Umgebung.) Motive nh« rieh t Der mShr.-schles. Distrikt stand bereits auf dem Parteitag in Bielitz hu Mittelpunkte einer heftigen Diskussion. Mit Recht wurde hervorgehoben, dass die zionistische Agitation auch nicht entfernt ihre grossen Aufgaben in Mähren und Schlesien erfülle. Dieser Missstand hat sich bisher nicht gebessert. Die Schuld liegt nicht allein an denleitendenPersonen desD.K, sondern auch u n d vor 'allem in der Schwierigkeit, den grossen Distrikt, der eine besonders eingehende Kenntnis der Verhältnisse fordert, in der bisherigen Weise zu verwalten und doch zu einem befriedigenden Resultate zu kommen. Deshalb schlägt der gefertigte Verein den Ausbau -unserer Organisaüon vor, der sich als -nicht mehr zu umgehende -Forderung überall -geltend macht. Die neue Einteilung. Der Ausbau der mähr.-sdhles. Distriktsorganisation soll durch eine Neueinteilung zustande gebracht werden. Der Jüdische Volksverein „Theo¬ *) find. S. 3SS. dor HerzI“ für Iglau und Umgebung schlägt daller vor: Der mährisch-schlesische Distrikt ist in sechs Rayons zu teilen. An der Spitze der zionisüschen Arbeit in jedem Rayon steht sein. Hauptort, dessen Vereine eine gemeinsame Arbeitsstelle, das Rayonskomitee zu bilden haben und zwar so, dass jeder Bürgerverein je drei, jeder Studentenverein je ein Mitglied in das Komitee entsendet. (Zu den Bürgervereinen sind auch die Frauen-, Mädchen- und Poäle-Zion Vereine zu zählen.) Besteht im Hauptorte ein einziger Verein, so fungiert sein Ausschuss als Rayonskomitee. In wichtigen Fragen sind die Ausschüsse der ausser dem Hauptorte befindlichen Vereine um ihre Meinung zu befragen. In jedem Halbjahr hat eine Rayonskonferenz stattzufinden, an welcher ausser dem Rayonskomitee je zwei Mitglieder aus jedem im Rayon befindlichen Vereine teilzunehmen berechtigt sind. Die beiden Rayonskonferenzen müssen in jedem Jahre vor Einberufung des Distriktstages abgehalteu werden, da die Berichte der Rayonskomitees resp. -Konferenzen samt ihren eventuellen Anträgen dem Distriktstagp zur Beschlussfassung resp. Begutachtung vorzulegen sind. Die Aufgabe der Rayonskomitees besteht vor allem in der systemaüschen Zionisierung ilner Rayone, also in der Agitationsarbtit in allen ihren Formen. In zweiter Linie im übertragenen Wirkungskreise, haben sie den Schekel und die Parteisteuer ihrer Rayone bis zu dem vom D. K. bestimmten Tage zu erheben und die Aufträge des D. K. resp. des Distriktstages durchzuführen. Das D. K. verhandelt nicht mit einzelnen Vereinen resp. Gruppen, sondern nur mit den Rayonskomitees. Der Vorsitzende resp. dessen Stellvertreter im R.(Rayons-) K.(omitee) haben Sitz und Stimme im D. K. und auf dem Distriktstage. Es sollen sechs (6) Rayons gebildet werden mit den Hauptorten Brünn (mnermähr. Rayon), Ung.-Hraü iscb (südmähr. Rayon), 0im ütz oder Prossnitz (nordmähr. Rayon), Iglau (südwestmähr. Rayon), Bielitz (ostschles. Rayon), Troppau (westschles. Rayon). II. Antrag. Agitationsversammlungen in den einzelnen Rayons, die nicht von dem R. TL resp. seinen Beauftragten veranstaltet werden, sollen nur im Einverständnis und erst nach Gutheissung darch das R. K. stattfinden. Von dem Erfolg einer Agitationsversammlung odra: Feier ist das R. K. möglichst rasch zu zu verständigen, damit es weitere Verfügungen treffen kann. Palästina. Das Problem der nationalen Erziehung in Palästina. Von Br. M. -G. I. Die Verhältnisse im allgemeinen. Nach langer innerer Gärung, nach .dauernden, bisweilen recht heftigen Kämpfen ist •endlich die zionistische Bewegung in eine neue Entwicklungspbase eingetreten, in das Stadium der organischen, evolutiven Arbeit. Der Judenstaat wird endlich als unausbleibliches Resultat der gegebenen subjektiven und objektiven Faktoren des jüdischen Volkslebens begriffen, als Ziel und Ergebnis einer langen Entwicklungsarbeit, wie sie durch nnsere geschichtliche Position bedingt und bestimmt wird. Diese Auffassung kam in den Beratungen und Beschlüssen des Haager Zionistenkongresses. zum Ausdruck. Man war sich allgemein darüber klar, dass es die Aufgabe der zionistischen Organisation sei, eine organische Arbeit nach drei Richtungen zu entfalten: für die Organisierung und Erziehung des V o 1 k e s, die Vorbereitung des Lau des und die Schaffung der nötigen äusseren Bedingungen in gleicher Weise Sorge zu tragen. ■Ein wichtiger Bestandteil dieser organischen Arbeit für und in Palästina ist unzweifelhaft die nationale Erzieh ungsa r b«i t i m L a m d e s e 1 b s t. Hat man begriffen, dass Palästina nur durch eine „penetration pacifique“, durch eine umfassende allseitige ökonomische und kulturelle Tätigkeit .im Lande erobert werden kann, ist man .zur Einsicht gelangt, dass die politische Beherrschung Palästinas nur durch die vorangegangene faktische Besitznahme des Landes möglich ist, so ist von vornherein klar, dass es vornehmlich und hauptsächlich auf das Menschenmaterial ankommt, mit dem man es zu tun haben wird. Alles hängt davon ab, wer diese kulturelle Okkupation vornimmt, denn wer das Land aus seinem verwahrlosten kulturlosen Zustande befreien wird, der wird tatsächlich Herr darüber sein. Die nationale Erziehungsarbeit in Palästina ist daher geradezu eine Lebensfrage des Zionismus. Es müssen im Lande die Elemente herangebildet werden, die mit ihm innerlich verwachsen sind, seine Verhältnisse genau kennen und vom zionistischen Geiste durchdrungen sind. Kurz, wir müssen in Palästina ein Netz von eigenen Schulen ausbreiten, welche berufen und befähigt wären, die hebräische Sprache neu zu beleben, das allgemeine kulturelle Niveau des Landes zu erhöhen und die Kräfte gross zu ziehen, die für jene grosse kulturelle Okkupation erforderlich sind. Wie liegen nun. gegenwärtig die tatsächlichen Verhältnisse in Palästina? Entsprechen die zur Zeit bestellenden Schulen unseren nationalen Aspirationen? Diese Frage müssen wir leider verneinend beantworten. Die Talmud-Thoras und sonstigen Schulen vom alten Schlage sind weit entfernt davon, den Zöglingen eine moderne Bildung zu geben, die sich zu kulturell wertvollen und wirtschaftlich widerstandsfähigen Elementen machen würde. Ebensowenig entsprechen die Schulen der Alliance Israelite Universelle, der Anglo Jewish Association und der anderen jüdisch-philanthropischen Gesellschaften den nationalen Aufgaben. Der assimilatorische Charakter dieser Organisationen bringt es mit sich, dass ihre Schulen die Forderungen und Bedürfnisse des nationalen Judentums unberücksichtigt lassen, ja sie verfolgen geradezu die entgegengesetzte Tendenz und bilden einen Herd für allerlei assimilatorische Bestrebungen. Je nachdem, in welchem Lande die subsidierende Gesellschaft ihren Site hat, betrachtet es der besoldete Leiter der Schule als seine erste und vornehmste Pflicht, deutsche, französische oder englische Propa^ ganda zu treiben und sich in den Dienst deutscher, französischer oder englischer Kiülturzweoke zu stellen. Und so bietet sich denn dem unbefangenen Beobachter das .possierliche Schauspiel dar, dass sich die grossen jüdischen Wohl täti gkei tsorganisationen gegenseitig Konkurrenz machen in der Erfüllung fremder nationaler Aufgaben. Als ob die grossen mächtigen Kulturvölker Europas ohne Hilfe der palästinensischen Juden mit ihren Aufgaben nicht fertig werden könnten!. Die Folge dieses Erziehungssystems ist, dass die Zöglinge in den meisten Fällen aus der Schule nichts als einen unwiderstehlichen Drang nach Berlin, Paris oder London mitbringen und nicht nur für Palästina und Palästinaarbeit verloren gehen, sondern überhaupt ohne jedes nationale oder religiöse Ideal aufwaehsen. Wer Gelegenheit .hatte, mit den Zöglingen der Alliance-Schulen im Orient in nähere Berührung zu treten, -weiss, wie selten man unter diesen entwurzelten Elementen einen Mann mit nationaler Gesinnung findet. Besser bestellt ist es um die Schulen des Hilfsverein« der deutschen Juden, in welchen auf die jüdischen Lehrfächer erheblich mehr Gewicht gelegt wird. Aber auch diesen fehlt es an grossen nationalen Gesichtspunkten, die in das Ganze Plan, Einheitlichkeit und Zusammenhang bringen könnten. Der beste Beweis für die Unzulänglichkeit jüdisch-philanthropischer Erziehungsarbeit im Lande unserer Väter ist die Tatsache, dass uns während einer fünfundzwanzigjährigen Tätigkeit in Palästina aus der Mitte der autoehthonen palästinensischen Judenschaft nur sehr wenige Mitarbeiter erstanden sind. Während die jüdische Erziehung in Palästina für uns sehr wenig Befriedigendes aufzuweisen hat, wetteifern hier förmlich die anderen Völker, welchen die politische Bedeutung und Tragweite der Schule nicht entgangen ist, in der Gründung und Erhaltung «von verschiedenen 'Lehranstalten. Die Amerikaner n. B.'haben in der Stadt Beirut allein eine Reihe von Lehranstalten, von der Volksschule "bis zur Hochschule hinauf, die Russen entfalten in gans