Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 24 (27.12.1907)
- Date
- 1907-12-27
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 In Galizien existieren auch hebräische Schulen, dort wird gar keine Politik getrieben, sondern die Kinder werden in ihrer Sprache, im Hebräischen, unterrichtet, da sie es in den Volksschulen und Gymnasien nicht lernen. Die Schulen werden gesperrt und die Lehrer veijagt. Man will nicht, dass die Juden hebräisch lernen sollen. Wenn die Herren Smolen und Jaköbszy glauben, dass sie das Judentum auf diese Weise zerstören und unterdrücken werden, so sind sie in einem groben Irrtum. Das Judentum hat schon so viel erlebt und so viele Herrscher und Tyrannen überdauert, dass es auch diese kleinen Provinzpaschas überdauern wird. Und wenn der russische Dichter Puschkin sagt, dass das Eisen wohl das Glas zerbricht, aber den Stahl schmiedet, so haben wir bewiesen, dass wir nicht Glas sind. Lasst uns leben! Zweitausend Jahre der blutigsten Verfolgungen haben wir überstanden und wir sind aus Stahl una je mehr man uns schlägt, desto stärker werden wir. Wir sind wie ein Ball, den man auf die Erde wirft. Man wirft den Ball, der Ball erhebt sich, wenn man ihn stärker wirft, fliegt er höher. So ist es mit uns Juden. Man wirft uns nieder. Wissen Sie, wer der ist, der nicht auf'teht? Das ist der gemässigte Israelit (Heiterkeit), aber derjenige, welcher aufsteht, das ist der wahre Jude, der wird nach der Verfolgung noch stärker. Wenn wir euch in einem Satze sagen sollten, was wir eigentlich wollen, so treten wir an die arischen Völker heran und sagen ihnen: Ihr wollt euch ausleben, ihr habt das Recht dazu. Lasst uns leben! (Zwischenrufe.) Wenn wir uns die Verhältnisse in Galizien ansehen, so sehen wir, dass von 1891) bis 1900, also im Laufe von zehn Jahren 100.000 Juden emigriert sind. Welches Elend muss in einem solchen Lande herrschen, wenn 100.000 Menschen eines Stammes, ein Achtel des Stammes im betretenden Lande das Land in einem Jahrzehnt verlassen. Das jüdische Volk entwickelt sich gar nicht mehr. (Zwischenrufe. — Abgeordneter Prochazka: Jeder hat zehn Kinder!) Ich komme mit statistischen Ziffern: während sich in diesen zehn Jahren, vom Jahre 1890 bis zum Jahre 1900 die nichtjüdischen Völkerschaften Galiziens um 10 Prozent vermehrt haben, haben sich die Juden nur um 5 Prozent vermehrt. (Zwischenrufe.) Für Galizien. Meine Herren! Ich habe bis jetzt als Jude gesprochen. Ich will nun das Budget und die Tätigkeit der Regierung von einem anderen Standpunkt aus untersuchen: Ich will als galiziscber Bürger sprechen. In seiner Rede in der 15. Sitzung am 18. Juli d. J. kam der Herr Ministerpräsident mit seinem Programm und sagte uns, es müssen speziell die Verhältnisse zweier Länder geregelt werden. Die Wirtschafts- und Sozialpolitik muss sich den Ländern Dalmatien und Tirol zu wenden und er fordert, dass man eine ganze Reihe von Bahnen für Dalmatien bewillige und den Fremdenverkehr in Tirol regle und hebe. Meine Herren! Wir sind entschieden nicht dagegen. Dalmatien ist von Oesterreich abgeschnitten und verlangt diese Bahnen und soll sie auch bekommen; wir haben sie gerne bewilligt. Tirol ist ein entzückend schönes Land und der Fremdenverkehr soll dort gehoben werden. Aber Galizien ist auch da und hat doch auch seinschöne Gegenden, wie die Beskiden, die Tatra und die Karpathen. Auch dort soll man den Fremdenverkehr nicht nur heben, sondern überhaupt erst irgendeinen Fremdenverkehr einführen. Herr Dobija, da werden Sie nicht mehr stören. (Abgeordneter Dobija: Nein!) Jetzt werde ich eine halbe Stunde zu Ihrer Zufriedenheit sprechen. (Zwischenrufe.) Wie sieht das Land Galizien aus, meine Herren? In den letzten Jahren hat man immer gehört, dass in Galizien zwei kleine Lokalbahnen gebaut werden. Wir haben immer von dem Bau der Bahn von Lemberg nach Stojanow und der Bahn von Lemberg nach Podhajce gesprochen. In anderen Ländern werden Bahnen gebaut. Der Bau der Alpenbahnen war so teuer, dass die Differenzen Hunderte von Millionen betrugen. Bei uns wird von ein paar Millionen seit Jahrzehnten gesprochen und niemand steht auf, der der Regierung sagen würde, dass da Ordnung geschaffen werden muss. Was wir für Galizien in ökonomischer wie in politischer Hinsicht verlangen, ist die Regeneration des Landes. Wir verlangen in erster Linie, dass die russische, serbische und rumänische Grenze geöffnet werde, damit wir Vieh ins Land bekommen und die Fleischpreise nicht ins Unendliche hinaufsteigen und damit wir uns nicht, wie es jetzt der Fall ist, am Rande der Hungersnot befinden. Der Hungersnot ist nicht nur der Arbeiter und der Bauer nahe, sondern schon der Mittelstand, der Kaufmann und der Beamte kann heute absolut nicht mehr auskommen. Die Regierung müsste da einen Kaiserschnitt wagen; Hunderte werden vielleicht dabei verlieren, aber Millionen werden gewinnen und würden einer Regierung, an deren Spitze nicht Bureaukraten, sondern Staatsmänner stünden, mit Dank und Wohlwollen entgegenkommen. Wir verlangen in ökonomischer Hinsicht die Regelung der Emigration. Tausende von Menschen verlassen das Land; im Verlaufe der zehn Jahre von 1890 bis 1900 emigrierten 3U0.000 Menschen aus Galizien. Meine Herren! Ihr wollt doch Sozialpolitik betreiben. Ist das Sozialpolitik, wenn man 300.000 erwerbstüchtige Menschen aller Nationen und Religionen aus dem Lande flüchten lässt. Sie verlieren dadurch Soldaten und erwerbende Stände. Als ich unlängst hier auftrat und den Antrag des Herrn Abg. Gross unterstützte, dass man nämlich jetzt den Banken Kredit gewähre, welche in grosser Not sind und worunter am meisten eben die Arbeiter leiden, weil sie ohne Erwerb dastehen werden, wenn die Kaufleute liquidieren oder bankrottieren, da haben wir nicht die gehörige Majorität gefunden. Es müssen die nötigen Flussregulierungen durchgeführt werden. Wir haben in Galizien Ueberschwemmungen, welche das verheeren, was seit Jahrzehnten emsige Hände geschaffen haben, und wenn Sie si h die Bevölkerungszahl Galiziens anschauen; so fällt folgendes auf: Wäh-end wir im Jahre 1898 in Galizien 28 ’/3 Prozent der Bevölkerung im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung hatten, haben wir heute 28 Prozent. Das wären unsere Forderungen in ökonomischer Hinsicht und da erinnere ich auch an die Kanäle. Wie viele Jahre sind vorübergegangen, dass man das hier im Hause beschlossen hat?! Man hört darüber nichts. Die Leute hungern nach Arbeit, erwarten Arbeit, die wird aber nicht gegeben. In einer Hinsicht verlangen wir auch eine politische Arbeit, die geleistet werden soll. Ich appelliere an Exz. Beck, der sich als Meister der Wahlreform erwiesen hat, der der dritte und endgültige Sieger in dieser Sache war, ich appelliere an diese Exzellenz Beck, er möge zu uns nach Galizien kommen und dort auch für den Landtag eine Wahlreform machen. Alle Parteien wünschen es und doch bekommen wir die Wahlreform nicht und es wird aller Wahrscheinlichkeit nach wieder nach dem alten Wahlgesetze gewählt werden. Ich habe bis jetzt als Jude und als Bürger von Galizien gesprochen. Nun will ich zu diesem Budget und zu dieser Regierung als Mann der freiheitlichen Richtung Stellung nehmen. Kein Vertrauen zur Regierung. Als diese Regierung entstand, da brachten wir ihr einiges Zutrauen entgegen. Als dieses Ministerium entstand, da haben wir objektiv zugehört, wie es mit seinem Programm kam und wir hatten anfangs Zutrauen zu ihm. Wir sagten uns noch, wir sehen in Exz. Beck einen Staatsmann, der die wichtigste Sache des letzten Jahrzehntes, die Wahlreformsache, so glänzend gemacht hat Nun hält sich aber Exz. B e c k an das lateinische Sprichwort: Nulla dies sine linea. Er kommt uns jeden Tag mit einer anderen Linie. Gleich anfangs sagte er uns: Meine Politik ist die Politik der ehrlichen Ziele, der ehrlichen Mittel, sie ist eine Politik der geraden Linie. Gut, wir waren zufrieden, eine gerade Linie vor uns zu haben : aber als wir kurze Zeit zuschauten, sahen wir, diese gerade Linie krümmt sich ein bisschen; es kam Ebenhoch, es kam Gessmann in dieses Ministerium und da sagte uns Exz. Beck: Ja, jetzt komme ich mit der mittleren Linie. Meine Herren! Wir haben zu diesen Linien gar kein Zutrauen mehr. Das Verhältnis Seiner Exzellenz des Herrn Beck zu den Ministern Ebenhoch und Gessmann erinnert mich an die Verhältnisse, die in Böhmen zur Zeit der Jagellonen herrschten. Da gab es, so wie es in Deutschland einen Kampf des Kaisers mit den Ständen gab, in Böhmen Kämpfe zwischen den Jagellonen und den Herren und in dieser Zeit entstand das Wort: „Du bist unser König, gab sind deine Herren.“ Geradeso können die Herren Ebenhoch und Gessmann Exzellenz Beck sagen: Du bist unser König, wir sind Deine Herren. Du hältst die schönen Reden, Du kannst mit den Linien kommen, aber wir diktieren und wir befehlen. Ich will schliessen. Am 19. Juni, als unser geliebter Monarch das Parlament in der Burg empfing — heute ist es gerade ein halbes Jahr, ja, es ist auf die Stunde ein halbes Jahr — sagte er die goldenen Worte (liest): „Es ist mein sehnlichster Wunsch, dereinst Meinen Völkern als wertvolles Erbe den gesicherten Bestand ihrer nationalen Güter zu hinterlassen und hiedurch der Gesamtheit den nationalen Frieden zu verbürgen, der ein Gemeinbesitz aller Vaterlandsfreunde wäre. Meiner Regierung habe Ich es zur Pflicht gemacht, hiefür ihre ganze Kraft einzusetzen.“ Die Regierung hat nicht ihre ganze und nicht ihre halbe Kraft hiefür eingesetzt; wir sehen nicht den Anlauf dazu, wir sehen bei ihr nicht den ganzen Willen. Und weil ich es nicht sehe, kann ich als Jude, als galizischer Bürger, als Mann der Freiheit der Regierung das Vertrauen nicht votieren und werde gegen das Budget stimmen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Eine Arierin über Antisemitismus und Zionismus. Abg. Stand hat in seiner jüngsten Budgetrede auf ein Buch hingewiesen, das gerade die Presse verlassen hat und geeignet ist, in weiten Kreisen Aufsehen zu erregen. Unter dem Titel: „A ntisemitismus und Nationaljudentum, ein arische* Beitrag zur Lösung der Judenfrage von C amillaTheimer, werden zum erstenmal von „rassenreiner“ arischer Seite die Wurzeln dea Antisemitismus mit dankenswerter rücksichtsloser Offenheit blossgelegt und die Versuche zur Lösung der Judenfrage untersucht. Das Verdienst der Verfasserin ist nicht hoch genug anzuschlagen. Trotz aller Verdammung des Antisemitismus stellt sie ihn nicht, wie dies bisher von Seite der wenigen christlichen Philosemiten immer geschehen ist,