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Jüdische Zeitung · 1907-12-20 · 23 (20.12.1907) · p. Seite 7

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
23 (20.12.1907)
Date
1907-12-20
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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1. i... 4U(PJIJ*J&U Sftfi-'V ' . Nr. 23 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 7 «len" und das neue Lehrerseminar in Jerusalem allmählich und sicher den Boden für eine Jüdische Hochschule vor. Eine Art Gymnasium (Hebräisch-Französisch) ist in Jaffa in guter Entwicklung begriffen und auch eine „Berlitz-School“ (für Französisch) ist begründet worden. Neben der Ackerbausehule der „Alliance"' (Mikweh-Israel), die anscheinend immer mehr zuriiekgeht, ist jetzt die „hebräische"' Ackerbausehule von Beikind (K i r j a t h S e f e r) zu nennen. — „Mikweh“ hat kürzlich etwas ganz Modernes erlebt: einen Schüler streik. Von zirka 100 Schülern gingen etwa die Hälfte in ihre Heimat zurück! „Mikweh“ ist nie ein tüchtiger Faktor jüdischer Entwicklung in Palästina gewesen und hat den Schülern der Anstalt nur ein Ideal ■eingeimpft: Paris! Und da doch auch eine gründliche französische Erziehung in diesem Milieu nicht geboten werden konnte, so kam nur eine Art „Nordafrikanisierung“ dabei heraus, die gleichwohl alle Mikweh-Sehüler aus dem Lande trieb. Ein sozusagen akademisches Element Brachte die Eunstgewerbeschule „B e z a 1 e 1“ nach Palästina. Eine Anzahl prächtiger junger Leute sind damit ins Land gekommen und das Entstehen eines jüdischen Kunstgewerbes wird dem Lande zweifellos Vieles geben. Auf dem Wege über Kunstgewerbe, Klein- und Hausindustrie wird die Industrialisierung des Landes im grossen auch nicht mehr lange auf sieh warten lassen. Neben der Oelextraktion, an der sich viele Juden beteiligen, kommt jetzt das Projekt einer grossen Spinnerei und Weberei allmählich in den Vordergrund, man erwartet viel von dem Indus t r i e-S v n d i k a t des Professors W a r - bürg, der Palästina-Zionismus macht Fortschritte, kommen doch schon sogar Mitglieder des zionistischen Aktionskomitees zu dauern- ' dem Aufenthalte nach Palästina. Die vorerwähnte Industrialisierung ist auch sonst wahrnehmbar. Nicht . weniger als fünfhundert Petroleummotoren wurden in den letzten fünf bis sechs Jahren von zwei (!) Jaffaer Firmen importiert, man hat bereits mit der Aufstellung von Sauggasanlagen begonnen, die ökonomischer arbeiten als Petroleummotore (eine 7öpferdige Anlage wurde .-soeben in einer von Juden errichteten Jerusalemer Mühle ausgeführt, tausende von Nähmaschinen werden alljährlich verkauft, neue mechanische Werkstätten und Giessereien entstehen und Erntemaschinen kommen mehr und mehiin Aufnahme.) Neben den B i c y c 1 e s, die man schon längst zu sehen gewohnt ist, tauchen vereinzelte Motorräder auf, Grammophone tuten und gröhlen in allen arabischen Kaffeehäusern, und ausser der Masehinensehreibeiin (es gibt übrigens Schreibmaschinen mit hebräischen Typen) hat jetzt auch der erste weibliche „Doktor"' seinen Einzug gehalten. Die Industrialisierung hat auch indirekt woldtätige Folgen. Sie bringt einen viel geschäftsmässigeren Zug in unsere Kolonisation .als das bisher allein gepflegte landwirtschaftliche Ansiedelungswerk. Die Privatinitiative wird geweckt, nicht nur in den Städten, son- •dem auch in den Kolonien entstehen Genossenschaften zur Verwertung von Produkten, sowie zur Beschaffung von Kredit. Die unverantwortliche Geldwirtsohaft yler früheren Zeit verschwindet zusammen mit der Tätigkeit ■der philanthropischen Faktoren; aus den Wohltätigkeitsbestrebungen entwickeln sich ’Wohlfahrtsinstitutionen, welche durch die Baugenossenschaften und Kreditvereine billiges Geld zur Verfügung bekommen, und auch die G h a 1 u k a h macht Anstrengungen, ihre reichen Mittel besser und systematischer anzuwenden. Grössere und kleinere Kapitalisten, die man bisher mit allen möglichen Aramenmär- •c-hen von Palästina ferngehalten hat, beginnen nach Palästina zu kommen, und in der Tat gibt -es für sie zahlreiche Gelegenheiten. Häuserbau in den Städten, Gründung von Baugesellschaf- -ten, Boden- und Bauspekulation — auf dem Lande Durchführung von Verbesserungsarbeiten und nachfolgende Parzellierung — all das sind Geschäfte, die bei einigermassen praktischer Führung ausserordentliche Gewinne abwerfen dürften. Freilich wird es Mühe kosten, die falschen Ansichten zu reformieren, die von sogenannten Palästinafreunden, insbesondere über den Landkauf, verbreitet wurden. Es kann nicht genug betont werden, dass Landkauf in den Städten und am Lande sogar auf die Namen von Ausländern bewirkt werden und dass Landerwerb auf den; Namen Dritter bei einiger Vorsicht ebenfalls in durchaus sicherer Weise ausgeführt werden kann. Verhindernde Gesetze gibt es nicht, es existieren nur erschwerende administrative Usancen. Auch die Arbeiterfrage beginnt Palästina zu beschäftigen. Ausser dem schon oben erwähnten Streik der Schüler in Mikweh-Israel und ausser dem Streik eines Rabbiners, durch den die Kolonie Bdsehon le Zion 6 Wochen ohne Fleisch blieb, gab es in diesem Jahre zwei reguläre Arbeiterstreiks, einen in der Kolonie Petaeh-Tiikwah und einen iu der Steinsehen Fabrik. Beide Streiks Hessen auf Seite der Arbeiter noch durchaus zielbewusstes Vorgehen und Klarheit der Anschauungen vermissen. Freilich muss man bedenken, dass der grössere Teil der Arbeiter frisch von Russland gekommen waren, und die russischen Zustände, denen sie gerade entronnen waren, sind nicht dazu angetan gewesen, die Fähigkeiten zu klarer Ueberlegung zu entwickeln. Beide Streiks sind: längst beigelegt. Petaeh-Tikwah ist bei weitem die Kolonie, die die grösste Zahl von jüdischen Arbeitern dauernd beschäftigen kann und will, und wie Petaeh-Tikwah in landwirtschaftlicher Beziehung, so ist die Steinsehe Maschinenfabrik und Giesserei in Jaffa mit ihren etwa 70 jüdischen Arbeitern gegenwärtig noch der grösste industrielle Arbeitgeber in Palästina. Allenfalls wäre noch die Gewerbeschule der „Alliance Israelite“ in Jerusalem zu nennen, weitaus das beste Institut der Alliance, die neben ihren Schülern auch eine Anzahl Arbeiter, besondere in der Herstellung von gröberen Geweben, Fenstervorhängen usw. beschäftigt. Aber schon jetzt lässt sich sagen, dass unser „Bezalel“ trotz seines kurzen Bestehens und seiner verhältnismässig minimalen Mittel, dieses beste französische Institut Palästinas bald weit in den Schatten gestellt haben wird. Natürlich ist an eine Europäisierung des Landes nicht zu denken, so lange nicht die arabische Bevölkerung sich europäische Bedürfnisse angewöhnt. Aber auch dieser Umschwung vollzieht sieh. Während vor zwanzig j Jahren, wie man nur sagt, die Araber noch vielfach halbnackt in Jaffa herumliefen (was jetzt nur noch ganz ausnahmsweise zu beobachten ist) und während sie früher so etwas wie Wohnungseinrichtungen, abgesehen von ihren Divans, Steppdecken und Kissen, kaum kannten, sieht man jetzt schon viele in europäischen Anzügen mit tadellosen Bügelfalten herumflanieren, vom Lackschuh bis zum „Es ist erreieht“-Sehnurrbart, jeder Zoll ein Gigerl. In bezug auf Wohnungseinrichtungen; sind heute schon zahlreiche arabische Häuser „obenauf“, und es gibt sogar jüdische Tischler (neben zahlreichen arabischen und griechischen), deren Kundschaft zu neun Zehntel ans Arabern besteht, die grossen Luxus entfalten. Uebrigens ist auch die grosse Mehrzahl der vorerwähnten 500 Petroleummotoren in arabischen Gärten und Mühlen im Gange. Von der Grammophonseuehe habe ich schon gesprochen, aber auch der Amateurphotograph kann selbst mit dem unauffälligsten Apparat nicht mehr seines Weges gehen, ohne dass die grossen und kleinen Araberkinder sofort den Sinn der Sache herausfinden, Bemerkungen austauschen, oder sieh in Positur stellen. Das passiert sogar schon in Araberdörfem. wo man diese Kenntnis gewiss nicht vermutet hätte. Jedenfalls haben die verschiedenen europäischen Kleidungen (inklusive. Reform!) längst aufgehört, Aufsehen zu erregen, und nur einmal sah ich, dass ein europäisches Kleidungsstück Eindruck machte: es war der strahlend schwarze Zy- Hnderhut eines australischen Millionärs, der gekommen war, seine Eltern zu besuchen. Vieles fehlt noch, und nicht jede der erwähnten Entwicklungen dürfte sieh, ohne Störung oder gelegentüehe Rückschläge weiterentfalten, aber darüber kann kein Zweifel sein, dass in der lebhaften Beteiligung der Juden an diesem Aufschwung des Landes unsere einzige, dabei aber wohlberechtigte Hoffnung liegt, dass Palästina ein Land jüdischer Zukunft werde. Korrespondenzen. Zur Anerkennung der jüdischen Nationalität. Wien. Mittwoch den IS. d. M. wurden mehrere Studenten der technischen Hochschule, welche die Rubrik „Muttersprache"' ihres Nationales mit „jüdisch“ ausgefüllt hatten, deswegen in die Rekoratskanzlei. Der Sekretär verlangte von ihnen die Ersetzung des Wortes „jüdisch“ durch die Bezeichnung einer üblichen. Landessprache, sonst würden sie relegiert werden. Einige Studenten weigerten sich entschieden, diesem Ansinnen zu entsprechen, da sie sich zu keinem falschen Bekenntnis zwingen lassen wollen. Die Reichsratsabgeordneten Dr. Mahler urid. Stand, denen über diesen. Vorgang sofort berichtet wurde, versprachen, alle Schritte zu unternehmen, um Abhilfe zu schaffen. Czernowitz. (Orig.-Korr.) Ein Häuflein deutsehnationaler Studenten an der Czemowitzer Universität hat sieh vor einigen Tagen durch eine Demonstration bemerkbar gemacht. Die hiesigen deutschen Jünglinge sahen sich bemüssigt, den Chorus der westlichen Antisemiten auch durch ihre Stimmen in einem fünf- oder sechsfachen Quartett zu verstärken, und sie taten dies in einer Versammlung, in der sie zu den letzten Luegerschen Reden „Stellung nahmen“. Zwar wurde zuerst gegen Luegers Angriffe auf die durch die Staatsgrundgesetze gewährleistete Freiheit der Universitäten protestiert, aber durch diese Introduktion sollte nur zum Scheine nach aussen hin freiheitliche Gesinnung vorgespiegelt werden. Denn in demselben Atem des Zornes gegen die Schwarzen kam das volle Einverständnis mit Lueger und die Billigung seiner Ausfälle betreffend die angebliche Verjudung der Universitäten in einer Resolution zum Ausdruck. In der Bukowina, wo es ohne die Juden keine deutsche Amtssprache, keine deutschen Schulen, keine deutsche Universität geben würde, klingt diese Sprache besonders merkwürdig. Aber die deutschen Studenten begnügten sich nicht mit einem allgemeinen Protest gegen die Verjudung. sie verwahrten sieh, um der jüdischen Gefahr vorzubeugen, insbesondere gegen die Berufung des Privatdozenten Dr. Mahler an die Czonmwitzer Universitär. Die jiidischnationalen Studenten rüsteten zu einer energischen Abwehr und es war bereits eine grosse Gegenprotestversammliurg geplant, als der Senat aus eigenem Antriebe einschritt und das Vorgehen der deutschen Studenten in entsprechender Weist“ rügte. Er erliess an die Studentenschaft eine Enunziation. die folgenden Wortlaut hat: „Der akademische Senat hat in seiner Sitzung vom 12. Dezember 1907 nachstehenden Beschluss gefast: Im Hinblick auf eine in den jüngsten Tagen stattgefundene Versammlung deutsehnationaler Studierender der hiesigen Universitär. in der gegen die Uebertragung der venia legendi des Prager Dozenten Dr. Mahler an die hiesige philosophische Fakultät Stellung genommen wurde, wird Seine Magnifizenz ersucht, den Einberufer dieser Versammlung vorzuladen und ihm sowie seinen Komilitonen wegen der ganz ungehörigen Einmischung in eine der Entscheidungen des

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