Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 23 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 23 Reichtum oder wenigstens Wohlstand kann jeder Geschäftsmann erwerben, wenn er seine Geschäftsbücher genau führt. Für die Lieferung bester und billigster Bücher und aller Bureaurequisiten empfiehlt sich Geschäftsbücher-FabriK A. Grünsfeld & Co., Wien, L, Gonzagagasse 21. Parteinachrichten. Aufruf des österreichischen Landeskomitees. Gesinnungsgenossen! Der achte Kongress hat auf Antrag unseres Präsidenten, David Wolfsohn, einstimmig die Schaffung eines Parteifonds beschlossen. Jeder Zionist soll einmal einen Beitrag von K 5.— leisten. Da zu erwarten ist, dass manche Gesinnungsgenossen nicht in der Lage sind, dies tun zu können, so ergeht an die Wohlhabenden in unseren Reihen die Aufforderung, nach Kräften einen höheren Beitrag zu leisten. Gesinnungsgenossen! Die finanzielle Fundierung unserer Bewegung ist eine dringend und unabweisbare Notwendigkeit. Die Aufgaben, welche unsere Leitung zu erfüllen hat, werden immer grösser und zahlreicher, so dass die Schekeleingänge zur Bestreitung der Ausgaben nicht mehr ausreichen. Gerade jetzt sind einige Aktionen von eminenter Wichtigkeit im Zuge. Unsere Leitung hat die Verhandlungen mit der Pforte auf erfolgversprechende Weise wieder aufgenommen. In Konstantinopel wird demnächst eine Filiale unserer Bank eröffnet und in Palästina das vom Kongress beschlossene Amt eingerichtet Jeder Gesinnungsgenosse möge sich vor Augen halten, in welch wichtiger Periode zionistischer Arbeit wir jetzt stehen. Pläne, deren Durchführung Grundlagen für alle Zukunft schaffen sollen, sind teils in Erwägung, teils schon in Ausführung. Ohne Mittel kann aber die beste Leitung nicht erfolgreich arbeiten! Die Organisation hat die Pflicht, ihr die nötigen Fonds zur Verfügung zu stellen. Jeder einzelne von uns kann die wichtigen Aktionen des A.-K. dadurch fördern,dass er den Parteifonds nach Möglichkeit kräftigt. Gesinnungsgenossen! In einzelnen Landmannschaften, sowie in manchen Kreisen Oesterreichs (Teplitz) hat man durch eifrige Agitation bereits namhafte Summen aufgebracht. Diesem Beispiel müssen auch die anderen Distrikte folgen. In der letzten Zeit ist die österreichische Organisation vielfach in den Vordergrund getreten, sie hat grosse Aufgaben durchgeführt und wächst fortwährend an Bedeutung für die Weltorganisation. Wir appellieren an die Parteitreue und den Eifer unserer Gesinnungsgenossen, damit es auch bei der Sammlung für den Parteifonds heisse: „Die österreichische Landmannschaft allezeit voran!“ Mit Zionsgruss: Oesterreichisches Landes-Komitee. Gelder sind an die Sammelstelle des Jüdischen Nationalfonds, IX., Türkenstrasse 9, Postsparkassenkonto Nr. 100.208. Erste podolische Distriktskonferenz. Auf den 8. Dezember 1907 wurde die erste Konferenz des neugeschaffenen podolischen Distriktes nach Tarnopol einberufen. Dem vom Zentralkomitee in Lemberg mit der provisorischen Leitung des Distriktes betrauten Gg. Dr. Israel Waldmann ist es zu verdanken, dass die erste Konferenz zu einer imposanten Kundgebung des Zionismus im äussersten Osten Galiziens sich gestalten konnte. Beinahe 40 Ortschaften aus den 11 Bezirken des neuen Distriktes waren durch zirka 50 Delegierte vertreten. Die Sitzung, die auf 2 Uhr nachmittags anberaumt war, konnte infolge formaler Schwierigkeiten, die dem Einberufer der Konferenz von Seite der politischen Behörde in den Weg gelegt wurden, erst um 4 Uhr beginnen. Gg. Dr. W a 1 d m a n n eröfinete die Konferenz mit einem Proteste gegen das Vorgehen der Machthaber im Lande, denen jede Vereinigung von Juden ein Dorn im Auge ist, und erstattete sodann einen kurzen Rechenschaftsbericht über seine bisherige provisorische Leitung des Distriks. Hierauf wurden auf Antrag des Dr. Waldm ann zum Präsidenten der Konferenz Gg. Doktor Appenzeller (Gzortkö w) und zu Vizepräsidenten die Gg. Joachim Neiger (Kozlöw) und Wan der (Tarnopol) per Akklamation gewählt. Im Namen des Zentralkomitees begrüsste dessen Präsident Gg. Dr. Markus Brau de die Konferenz und erörterte in einer kurzen Rede die gegenwärtige Lage des Zionismus. Dr. J. Blemmer übermittelte die Grüsse der jüdischnationalen Kultusräte von Tarnopol. Sodann begann Frau Rosa Pomeranz- Melzer ihr Referat über A gi tat io n, Schekel, Parteisteuer und Kolonialbank. Auf ihre ausgezeichnete, in deutscher Sprache vorgetragene Rede folgte eine kleine Debatte, wonach sämtliche Anträge der Referentin, von denen die auf feierliche Abhaltung der Sch ekeltage, Einreihung der Herzlfeier unter die nationalen Erinnerungsfeste und Bildung von Shares-Klubs hervorzuheben sind, mit zwei Amendements des Gg. Neiger angenommen wurden. Nach etwa zweistündiger Tagung wurde die Sitzung unterbrochen, um der zu Ehren der Delegierten veranstalteten Makkabäerfeie r, die um 8 Uhr abends ihren Anfang hatte, Platz zu machen. Gg. Dr. Waldmann eröffnete die würdevolle Feier mit einem herzlichen und wirkungsvoll vorgetragenem Prologe „Makkab äer“ von Alfred Nossig. Die Festrede hielt Gg. Dr. Br au de. Dieselbe war ein wahres rhetorisches Meisterwerk und wurde mehrmals von stürmischem Applaus unterbrochen. Nachdem die Feier zu Ende war, setzte man die unterbrochenen Konferenzberatungen um 11 Uhr nachts fort. Zuerst schritt man zur Wahl des neuen siebengliedrigen Distriktskoinitees, dann erstattete Gg. Philipp Korngrün sein Referat über Palästinaarbeit. Er beantragte unter anderem, die Schaffung eines besonderen Palästinaressorts im Distriktskomitee und in den einzelnen Arbeitskomitees, was im Vereine mit den anderen Anträgen des Referenten, dessen Vortrag die Konferenz mit grossem Beifall aufhahm, zum Beschluss erhoben wurde. Als Letzter referierte Gg. Joachim Neiger über Organisation und Nationalfonds. Er verlangt in der Organisation die grösstmögliche Dezentralisierung nach unten, um auch den kleineren zionistischen Gruppen ein gewisses Verantwortlichkeitsgefuhl einzuprägen. Den Nationalfonds bezeicbnete der Referent als eine Institution, die jedem Juden;,die Gelegenheit gibt, sich an der Wiedergeburt seines Volkes betätigen zu können. Stürmischer Beifall lohnte die Ausführungen des Redners, dessen Anträge einstimmig angenommen wurden. Ein Antrag des Gg. Wander, dass offizielle zionistische Veranstaltungen und Feste an Sabbaten und Feiertagen nicht stattfinden dürfen, wenn dabei religiöse Vorschriften verletzt werden müssten, wurde ebenfalls zum Beschluss erhoben. Zum Schlüsse drückte noch der Vizepräsident Gg. Joachim Neiger im Namen der Konferenz dem Präsidenten des Zentralkomitees Dr. Markus B r a u d e für seine Teilnahme an der Konferenz, ferner dem unermüdlichen Dr. W a 1 d m a n n für die seltene Energie, die er für das Zustandekommen der Distriktskonferenz entfaltete, den innigsten Dank aus und erklärte um 2 Uhr nachts die Konferenz für geschlossen. Südgalizischer Distriktstag. Im Sinne des Beschlusses des letzten Distriktstages yom 23. Juni L.JL rufen wir für den 22. Dezember d. J-, um 9. Uhr vormittags, nach Massgabe der Bestimmungen des § 2 des Ver.-Ges. einen Distriktslag ein mit folgender Tagesordnung: 1. Rechenschafts- und Schekelbericht Fräulein M e 11 e. r; 2., Nationalfon ds Herr Meier H e n i s c h; 3. Allgemeine Lage Herr Dr. Brau de; 4. Wahl eines neuen Distriktskomitees; 5. Anträge und Interpellationen. Jeder Verein entsendet zwei, jede Ortsgruppe einen Delegierten. Wir bitten unverzüglich die Delegiertenwahlen vorzunehmen und uns vom Resultate spätestens fünf Tage vor dem Distriktstage in Kenntnis zu setzen. Mit Zionsgruss Das südgalizische Distriktskomitee: Meller. Dr. Schur, Mitteilungen des Rzeszower Kreiskomitees. Allen Vereinen, die gemäss den Beschlüssen der galizischen Landeskonferenz und der westgalizischen Distriktskonferenz zu unserem Kreise gehören, teilen wir hiermit mit, dass das Kreiskomitee sich konstituiert hat und folgende Herren gewählt wurden: Advokat Dr. Weinberg zum Obmann, Abe Apfelbaum zu dessen Stellvertreter, Moses Wiesenfeld zum Sekretär für Hebräisch und Jüdisch, Dr. F. Hopfen für die Landessprachen, Dr. Freilich zum Kassier, ausserdem Ghaim Wald und Adolf Fett. Wir ersuchen alle Zuschriften an Dr. Felix Hopfen, Rzeszow, zu richten. Mit Zionsgruss: Das Rzeszower Kreiskomitee. Palästina. Die Europäisierung Palästinas. Von Davis Triesch, Jaffa. Nachdruck verboten. II. In geistiger Beziehung geht es gleichfalls vorwärts. Die hebräische Sprache gewinnt immer grössere Bedeutung als Umgangssprache und es fehlt nicht an eifervollen Vertretern der hebräischen Richtung, die am liebsten keine andere Sprache im Lande dulden möchten. Interessant sind die nett gedruckten Plakate mit den hebräischen Worten „Ihrim, dibru ibritli“ (Juden, sprecht hebräisch), die man an vielen Orten sieht. Da öffentliche Anschläge gestempelt sein müssen, so bekommt dieser Aufruf durch die aufgeklebte türkische Stempelmarke den Anschein regierungsseitiger Sanktion! — Von der österreichischen Regierung, die hier im Lande ihre Postanstalten hat, wird übrigens die hebräische Sprache in' Palästina ebenfalls als gleichberechtigt anerkannt: die Segellisten der. Postdampfer werden unter anderen Sprachen auch hebräisch gedruckt und ich muss sagen, dass mir der k. k. österreichische Adler auf diesen hebräischen Zirkularen ausnehmend gefallen hat. Der nationale Chauvinismus, bis zu dem hei einigen die Vorliebe für das Hebräische gestiegen ist, hat erfreulicherweise die Kritik noch nicht totgeschlagen und als kürzlich ein Jerusalemer Schriftsteller als hebräischer Goethe bezeichnet wurde, wäre der kühne Enthusiast fast gelyncht worden, obwohl die wenigsten der anwesenden quasi Goetheaner wohl viel mehr als eine Ahnung von Goethe gehabt haben dürfte. Die deutsche Sprache verdrängt freilich das Französische immer mehr und lässt das Englische nicht sehr aufkommen, und vom jüdischen Standpunkte ist das zunächst auch gut. Solange die Juden Palästinas nicht inniger mit dem Lande verbunden sein werden, würde Kenntnis des Französischen und des Englischen unsere jungen Leute ans dem Lande in andere, wirtschaftlich besser entwickelte Länder treiben. Eine Weltsprache aber muss neben den Landessprachen gepflegt werden, und die deutsche Sprache kann als Vermittlerin europäischer Bildung dienen, ohne dass darin ein Ansporn zur Auswanderung nach den für Juden wenig gastlichen Ländern deutscher Zunge läge. Es ist eine Ironie des Schicksals: für alle Feindseligkeit der herrschenden und deutschsprachlichen Gewalten zwingt uns unsere Deutschspraehliehkeit — ob wir es wollen oder nicht — deutschen Interessen in der Levante Vorspann zu leisten. Aber dieser merkwürdige Zustand wird nicht ewig bestehen müssen. Die zunehmende Europäisierung Palästinas und die ebenfalls zunehmende Palästinafestigkeit der Juden begünstigen eine gesündere Entwicklung. Inzwischen bereiten die Schulen des „HilfsTereines der deutschen Ju-