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Jüdische Zeitung · 1907-12-20 · 23 (20.12.1907) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
23 (20.12.1907)
Date
1907-12-20
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Är. 23 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 »HL-'Ju-U blickten bald darin das beste Mittel, um die Volksmassen an sich zu reissen, und so entstand, den Geboten Roms folgend, die einflussreichste politische Partei, die Christlichsozialen, welche ihre Haupterfolge in Wien errang und von da aus bald das zwei Nuancierungen. Es gab Parteien offener Antisemiten, welche Juden aus ihren Reihen ausschlossen und solche versteckte Antisemiten, welche ihren Judenhass nicht offen aussprachen, die jüdischen Stimmen und das jüdische Geld für ihre politischen Zwecke benutzten, aber niemals ein namhaftes Wort zur Verteidigung der verhöhnten, verachteten und um ihre Rechte verkürzten Juden fanden. Was ich hier ausführe ist ja allgemein bekannt, aber man kann nicht oft «genug diese Wahrheit wiederholen, um Klarheit in die manchmal verworrenen Anschauungen zu bringen. Was taten nun die österreichischen Juden um sich ihrer Gegner zu erwehren? Ist überhaupt eine Möglichkeit vorhanden, dass sich die Juden in Oesterreich erfolgreich wehren können? Diese letzte Frage glaube ich ruhig mit „Ja“ beantworten zu können, doch würde eine nähere Ausführung dessen über den Rahmen dieses Artikels hinausgeben. Ich behalte mir die Beantwortung für ein anderes Mal vor. Die antisemitischen Parteien richteten ihre Angriffe gegen die Juden auf deren empfindliche Stellen, indem sie eine reaktionäre Handels- und Geweibepolitik inaugurierten. Die Leitung der antisemitischen Bewegung ist in den Händen der Jesuiten und man kam deren Scharfsinn und Fernblick, ihre- Kenntnis der Volksseele nicht genug bewundern. Durch Wiedererwecken der zünftlerischen Bewegung unter dem Kleingewerbe, Einführung des Befähigungsnachweises fürhandwerksmässige Gewerbe, Ausdehnung d esKonz ess ionszwa nges, Beschränkungen des Hausierhandels, besonders aber durch Errichtung der Zwangsgenossenschaften gelang es den Christlichsozialen besonders in Wien bald die Herrschaft zu erringen und die Juden in jeder Weise zu schädigen. Jedes neue gewerbliche oder handelspolitische Gesetz bedeutet einen Vorstoss in dieser Richtung und wird im Parlamente, wenn das auch nicht offen ausgesprochen wird, immer vom Gesichtspunkte aus beurteilt, ob damit den jüdischen Geschäftsleuten der Erwerb erschwert oder unmöglich gemacht wird. Vor allem aber sind es die Zwangsgenossenschaften, ein Volksbetrug sondergleichen, welche die Stützpunkte der politischen Macht der Christlichsozialen und ihrer Herrschaft über die numerisch starke Mittelschicht des kleinen Handels- und Gewerbestandes bilden. Von diesen ■ Genossenschaften aus wird die erfolgreichste Agitation betrieben und das politische Leben beherrscht, denn sie bieten der christlichsozialen Partei eine unvergleichliche Organisation, haben Raum für eine Massenversorgung von Agitatoren und sind stets mit eigenen Geldmitteln versehen. Die Wichtigkeit dieser Zwangsgenossenschaften für den politischen Kampf wurde auch sofort von allen Parteien begriffen, nur nicht von einer Schichte der Bevölkerung, die sich für die klügste hält — die Juden. Unter dem gewerblichen Mittelstand in Wien bilden die Juden einen sehr beträchtlichen Bruchteil ja in einigen der grössten und wichtigsten Genossenschaften (z. B.i n der reichsten, der Wiener Kaufmannschaft) die überwiegende Majorität. Hier wäre also ein wichtiges Feld der Betätigung für die Abwehr der feindlichen Angriffe und da ist es interessant zu sehen, welchen Gebrauch die Juden von der ihnen gesetzlich eingeräumten Macht machen. Ich will hier einige Beispiele von Genossenschaften anführen, deren Majoritäten aus jüdischen Genossenschaftern bestehen. Die Genossenschaft der Geflügel- und Wildbrethändler zählt ungefähr 70ü Mitglieder, Majorität Juden, Genossenhaftsvorstand ein antisemitischer Geeinderat. Genossenschaft der Branntweinschänker: ungefähr 900 Mitglieder, zwei Drittel Juden, Vorsteher ein antisemitischer Bezirksrat. Genossenschaft der W äsehewarenerzeuger: ungefähr 3000 Mitglieder, Majorität Juden, Obmann ein offiziell farbloser Herr, der sich nicht einmal traut sich fortschrittlich zu nennen. Genossenschaft der Handelsagenten, grosse Majorität Juden, Obmann Pollaezek, Sozialdemokrat. Wiener Kaufmannschaft: ungefähr 6000 Mitglieder, jährliche Einnahmen 300.000 Kronen, Obmann der bekannte Pollak von Parnegg, Parteifarbe unbekannt, nur bekannt durch die Protektion, die Herr Axmann, einer der gefährlichsten Antisemiten, der übrigens früher auch sein Angestellter war, stets bei ihm gefunden hat. Er liebäugelt fortwährend mit den Antisemiten, stellt keine freisinnigen Lehrer an usw. Auch in der Gehilfenschaft dominieren jetzt die Juden, Obmann der bekannte Sozialdemokrat Karl Pick. Tüchtiger Mensch und Agitator, wurde jedoch von der Partei einer Reicbsratskandidatur nicht für würdig erachtet. Auch in vielen anderen Genossenschaften bilden die Juden einen grossen Bruchteil. Man kann also aus diesen Mitteilungen erkennen, dass es den Juden durchaus nicht an Gelegenheit fehlt in starken und wichtigen Organisationen ihren Einfluss auszuüben. Was tun sie statt dessen? Sie erküren direkt Feinde oder laue Freunde zu ihren Führern. So gut geht es den Juden, dass * sie sich noch den Luxus erlauben können, für fremde Interessen oder Parteien, welche sie nur dulden oder ignorieren, wie die Sozialdemokratie, ihre Kraft einzusetzen. Das ist doch der Gipfel der Gedanken- und Gesinnungslosigkeit. Während sie und ihre Brüder, s>ündlich in ihren Gefühlen gekränkt, .in ihren Interessen geschädigt wegen ihrer Abstammung verhöhnt, ihre Kinder in den Schulen zurückgesetzt und beleidigt werden, gehen diese Leute, Männer kann man nicht sagen, hin, und demütigen sich vor ihren Feinden oder lassen sich für fremde Interessen einspannen. Da gibt es dankbare Arbeit für demokratische Juden, ihre M'tbrüder auf den Weg der Vernunft und Selbstachtung zu führen, damit sie einsehen lernen, dass der Weg aus der Missachtung und Zurücksetzung nur durch Betätigung der eigenen Interessen geht. Etwas weniger Einbildung und etwas mehr Ehrgefühl, das müssen wir unsern Stammesgenossen einprägen. Lucian Brunner. Wohin steuern die Poalei-Zion? Der „Jüdische Arbeiter“, das Organ der österreichischen Poalei-Zion, setzt seine Werbung um die Gunst der sozialdemokratischen Partei unverdrossen fort. Schon in dem Artikel „Verschlafenheit oder Kulissenpolitik?“, der in Nr. 18 der „Jüdischen Zeitung“ besprochen wurde, war unter Angriffen auf die Politik der jüdischen Nationalpartei — höchst naiver Weise — erklärt worden, diese Partei habe lediglich die Aufgabe, die Anerkennung der jüdischen Nationalität allgemein und somit auch hei den Sozialdemokraten durchzusetzen, damit es den!Paolei-Zion ermöglicht werde, in die Reihern der sozialdemokratischen Partei zu treten. Immerhin war aber hier noch deutlich zum Ausdruck gekommen, dass ein Anschluss an dies» Partei unmöglich sei, so lange sie die Anerkennung der jüdischen Nationalität versage. Nun scheint es aber, dass die Poalei-Zion — oder wenigstens ein Teil von ihnen — auch diesen relativ ehrbaren Standpunkt aufgeben! und sich bedingungslos der Sozialdemokratie an den Hals werfen wollen. L> i e vorletzt e X u m m er des „J üd i s e h e n A r beiter s“ bringt an l e itender Stell e, o h n e j e d e reda ktionelle Bemerkung, einen Aufruf des sozialdemokratischen Verbandes des Abgeordnetenhaus e s, we 1 e h e r zum Schlüsse in fetten Lettern die Aufforderung e n t h ä 11, „d er völkerbefreienden Sozialdemokratie beiz u trete n“. Ja. wenn schon die Sozialdemokratie die Völker, also auch das jüdische Volk, befreit, dann braucht man allerdings keine jüdische Nationalpartei, keine Zionisten und keine Poaleizionisten! — — Es ist wahrlich an der Zeit, hier einmal ein ernstes und derbes Wort zu sprechen: Die Poalei-Zion sind als eine in politischer, sozialer und nationaler Beziehung radikale Avantgarde ein so schätzbares Element in der zionistischen Bewegung, dass man ihre nicht unbedenklichen doktrinären Bestrebungen, den Klassenkampf auf den Boden des Judentums zu verpflanzen und hier die sozialen Gegensätze zu verschärfen, mit in den Kauf nehmen mag. Wenn sie aber anfangen sollten, im Verhältnis zu der sozialdemokratischen Partei, welche — trotz vieler Berührungspunkte in allgemein freiheitlichen Fragen — die gehässigste und gefährlichste Feindin des Zionismus ist, eine zweideutige Haltung einzunehmen, die bald nur noch eine Deutung zulasä&n könnte, so würden sie und ihre Führer ihre Rolle in der jüdischen Volksbewegung ungemein rasch avisgespielt haben. Der kleine Doktor Pollak. Den -luden man mit Seliea begafft. Der sich d,n fitst Goi beschafft. Ich glaube nichts, ich halte nichts — Wozu soll ich mich raufen? Der kleine Doktor Pollak sprichts Und geht und iä-st sich taufen. Denn mit dem Taufschein in der Hand, Kommt man bekanntlich durch das Land, Das Oesterreich geheissen. Natürlich — im Verwaltungsdienst Ist wenig zu erreichen. Dort wird man höhnisch angegrinst, Gffrozz U und dergleichen; Nicht minder ist ein Diplomat, Der k-*ine blai ken Ahnen, Ein Nochniedagewesen! Das „Land“ sowie der Magistrat Sind rassenttieoretisch, Und schliessen, wenn ein Jude naht, Trotz Taufschein sich hermetisch: Un.. auch das Ministerium Ist heute ein Politikum Mit allen Konsequenzen. Bei der Justiz, da rechnet man Seit Jahren die Geschmatten Dem ju üschen Prozentsatz an, Den ewig übersatten; Sogar die koschere Polizei Fühlt, dass sie sehr verjudet sei Und wünscht die Ahnenprobe! Der kleine P. war dort und da, Damit man sich erinnere, Und jedem Menschen, der k. k., Dem kroch er gleich ins Innere — Doch überall hört er entsetzt: „Ja, wissen Sie, die Strömung jetzt — Da kann ich nichts versprechen!“ Und schliesslich sprach er indigniert In Anbetracht des Falles: „Jetzt bin ich tadellos christiert — Was hilfts? Der Rest ist Dalles. Das eine ab-r seh’ ich hell: Das Taufe-Wasser trocknet schnell Doch bleiben gelbe Flecken.“ Beda ganze Reich verseuchte und beherrschte. So geschah es, dass in Oesterreich all Parteien antisemitisch wurden, und zwar iif

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