Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 23 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2438141-2438142-2438165--0264-2439767- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. SS dem nur opportunistische Bedeutung besitzen. Die politische Tätigkeit kann für cn6 keine prinzipielle Bedeutung haben, weil sie nicht die Grundeigenschaft unseres Programm-}Mjiniiniuins besitzt: die Politik kann nicht die Juden der verschiedenen Länder vereinigen und organisieren. Darüber kann kein Zweifel auftauehen. Aber ich muss auf Grund meiner Beobachtungen, die ich während der letzten zwei Jahre in Oesterreich und besonders in Russland gemacht habe, eine auf den ersten Blick gewagte Behauptung auf stellen: die politische Tätigkeit kann nicht einmal die Juden desselben Landes vereinigen und organisieren. Wie gesagt, die Politik wirkt differenzierend. Aber für mich genügt die eine Tatsache, dass die Politik nicht imstande ist, das Weltjudentum zu organisieren. Ja, eine wirkliche Politik kann ein Volk ohne Land nicht führen. In ihrer politischen Tätigkeit können die Juden aus eigener Kraft nicht einmal Palliativresultate erreichen. In unserer national-kulturellen, bis zu einem gewissen Grade auch in unserer wirfc- 6ehaftlieh-regulierenden Tätigkeit hängen wir hauptsächlich von unseren eigenen Kräften ab; dagegen in der politischen Tätigkeit sind wir vollständig von anderen abhängig. Das begreifen jetzt sogar die jüdischen Proletarier. Leider können wir hier nicht alle Schattensäten der politischen Tätigkeit aufdeeken: es würde ivns zu weit führen. Aber das Gesagte genügt, um ihre Solle in unserem Gegenwartsprogramm vollauf zu charakterisieren: es ist die Solle eines Gastes. Wir wollen am Schluss uns kurz zusammenfassen. Unser Programm-Minimum postuliert diejenige Tätigkeit, die die verschiedenen Teile des Judentums einander näher bringt und die alle Juden umfassende Organisation befestigt. Da wir keinen eigenen Staat besitzen, so kann unser Programm keine Forderungen enthalten, sondern nur, sieh an unser Volk wendend, die Tätigkeitsgebiete bestimmen. Unser Programm-Minimum ist vor allem ein Tätigkeitsprogramm. Es umfasst als ständige Momente: 1. die reale Arbeit in Palästina; 2. die national-kulturelle und 3. die wirtschaftliche Tätigkeit. Als temporär-opportunistisches Moment für bestimmte Länder kommt noch hinzu: 4. die politische Tätigkeit. Unser Grundgedanke ist der: wir müssen die Tätigkeit entfalten, die jüdische Einheit schafft, denn nur das geeinigte und organisierte Judentum kann das zionistische Ideal verwirklichen. Anderseits sind wir der Üeherzeugung, dass die glänzendsten Eeden nicht imstande sind, die jüdische Einheit zu schaffen. du deinen Zettel, Jude?“ Uns verdross diese grobe Anrede, aber der Jude lächelte und zeigte seine Zollscheine vor. »Schurke“, brüllte der Postmeister, ein breitschulteriger, aus grobem Holz gehauener Mensch, »du hast den Zoll verfahren*. Die übri.en Pas-agiere murrten laut und stellten sich um den Juden her. „Ich hab's nicht gewusst“, sagte der Jude mit einem Lächeln, das seinen inneren Aerger verbergen sollte. Aber der Grobian glaubte, er lache ihn aus und ballte schon die Faust, um ihn vor die Brust zu schlagen, als sich ein Passagier mit geballten Fäusten vor den Juden stellte und dem Postmeister eine Gegenpantomime machte. Wir übrigen gaben auch unser Wort dazu und der Postmeister spannte gelindere Saiten auf. End- - lieh kam es heraus, dass sich das Zollamt, welches der Jude überschlagen hatte, gerade in dem Dorfe befand, in welchem wir jetzt waren, und dass wir überhaupt auf dem von dem Postillon gefahrenen Weg nicht daran vorbeigekommen waren. Was konnte nun der arme Jude dafür? Sie werden wissen, dass die Rechte der Juden als Menschen zuerst wieder von Berlin aus .in Anregung gebracht worden sind. Herrliche Bücher werden dort geschrieben, die das Herz jedes Menschenfreundes mit der frohen Erwartung erfüllten, dass auch dieses unglückliche Volk endlich in die Rechte der Menschheit eingesetzt werden würde; „und nun vergleichen Sie!“ so schreibt man in Berlin, so handelt man in HL, welches nur wenige Meilen davon entfernt liegt! Unser Jude kam damit los. dass er den Zoll, den er verfahren hatte, dreimal erlegen musste. Dreifache Schande! Der Postillon hatte ihm, obgleich er es wusste, nichts von dem Adler gesagt!“ Rundschau. Zwei Richter. In Newyork wurde neulich ein Prozess geführt, in welchem eine Partei ihren Standpunkt auf die „notorische Tatsache “stützte, „dass unter dem christli hen Element der Gemeinde ein Vorurteil gegen das Zusammenleben mit Juden herrsche und dass mit Rücksicht auf dieses Vorurteil Eigentümer von Hotels und Logierhäusern sich im ganzen Lande in vielen Fällen weigern, ihre Unterkunftsstätten auch für Personen dieser Rasse offen zu halten“. Der amerikanische Richter hat diesen Standpunkt scharf zurückgewiesen, — leider ohne die sozialen Tatsachen, welcher er entsprossen ist, damit aus der Welt schaffen zu können — und erklärt, dass auf ein Vorurteil, dass nur unter Ignoranten, ungebildeten und unreligiösen Leuten bestehe, vom Gericht keine Rücksicht genommen werden könne. — In Preussen aber ist es bereits so weit gekommen, dass ein königlicher Richter, der Amtsrichter von Thorn sich ganz offiziell auf den antisemitischen Standpunkt gestellt und die Bestellung eines Juden als Masseverwalters im Konkurse eines jüdischen Kaufmannes mit der Begründung abgelehnt hat, dass die Solidarität der Juden untereinander bekannt sei. „Juden“, erklärte er, „helfen einander immer*. Eine Beschwerde beim Appellgerichtshof hatte keinen Erfolg, und es bedurfte erst eines Einschreitens beim Regierungspräsidenten, um dieser Gerichtspraxis vorläufig einen Riegel vorzuschieben. Oer Zar und die echt russischen Männer. In einem ausführlichen, auch die ganze Schreckenszeit der letzten zwei Jahre zusammenfassenden Berichte, welchen die „Times“ und die „Daily Telegraph* vor einigen Tagen über die Zustände in Odessa veröffentlichten, wird dargelegt, dass General Kaulbars dort noch immer allmächtig ist, die ganze lokale Presse ihm gehorcht und dass unter seinem Befehl Polizei und Soldaten passive Zuschauer der Schandtaten der Schwarzen, Hundert bleiben. Auch der zum Gouverneur bestellte General Grigoriew, ein Mann von humanerer Gesinnung, konnte gegen Kaulbars Widerstand nicht aufkommen. Einmal entschloss er sich eine Audienz beim Zaren zu nehmen und ihm die volle Wahrheit zu sagen, damit den Verbrechen des Verbandes der echt russischen Männer ein Ende gemacht werde. Die Audienz ward gewährt, in tiefer Erregung erwartete der alte General das Erscheinen seines Souveräns. Als dieser sich ihm näherte, sah der General zu seiner Bestürzung, dass die Brust des Zaren mit dem Abzeichen des Verbandes der echt russischen Leute geschmückt war, demselben, welches er in Odessa so oft an der Brust der Pogromanstifter gesehen hatte. Dies wirkte dermassen auf ihn ein, dass er seine Rede vergass und nur ein paar Worte stottern konnte. Unmittelbar darauf ward er von dem Posten des Gouverneurs enthoben. Es ist vielleicht nicht ohne Bedeutung und ohne Absicht, dass zwei grosse englische Blätter gleichzeitig umfassende Schilderungen bringen, welche die Konnivenz der russischen Regierung gegenüber den „Schwarzen Hundert“ ins klarste Licht setzen, wenn damit die interessante Tatsache zusammengehalten wird, welche M. A. Strauss ein jüdisches Mitglied des englischen Parlaments, in der letzten Sitzung des Board of Deputies gemacht hat. Er berichtete, dass ihm Lord Edward Grey erklärt habe, er wäre bereit wegen der Judenmassakers aktiv einzuschreiten (to take active steps), wenn ihm bewiesen werden könnte, dass die Regierung sie unterstützt habe. Zangwills Pläne. Zwei Jahre lang hat das Direktorium der „Ito“ auf dem Erdglobus nach einem Gebiet ausserhalb Palästinas gesucht, auf dem der territorialistische Plan, ein autonomes jüdisches Gemeinwesen zu gründen, in Angriff genommen werden soll. Am letzten Sonntag hat nun Zamgwill in einer, wie berichtet wird, von mehrere* tausend Personen besuchten Versammlung im Manchester die sensationelle Mitteilung gemacht» dass ein solches Territorium gefunden sei, und zwar — in Nordafrika. Aus Zangwills weiteren Mitteilungen geht freilich hervor, dass es sich vorläufig noch um ein ganz vages Projekt handelt. Von den Mitgliedern der geographischem Kommission der „Ito“ hat sich die massgebendste Person, Paul Nathan, der Präsident des Hilfevereins der deutschen Juden, über die Sache überhaupt nicht geäussert, er befindet sich augeablicklich auf einer Studienreise, welche die Frage der jüdischen Siedlungen im Palästina zum Gegenstand hat; Oskar Strauss hat empfohlen, das Gebiet zunächst einmal genau zu erforschen, und Lord Rothschild hat sich dahin geäussert, man solle vorläufig zuwarten, bis sich die Verhältnisse im Nordafrika geklärt hätten. Z ang wi 11 hätte gut getan, diesen weisen Rat auch in der Richtung zu befolgen, dass er das afrikanische Projekt nicht ganz überflüssigerweise gerade jetzt in die Welt hinausposaunte. Man denke sich die Wirkung; wenn unter den gegenwärtig ohnehin gegen die Juden fanatisierten Stämmen von Marokko oder Tripolis die Nachricht ausgesprengt würde, dass daselbst eine jüdische Invasion zu erwarten sei! Sogar die itofreundliche „Jewish World* deutet an, dass diese Nordafrikasensation von einer beklagenswerten Neigung Zangwills zeuge, airf die Galerie wirken zu wollen und die Massen im einen Rausch zu versetzen. Worauf im übrigem Z ang will seine Hoffnung stützt, in Nordafrika leichter die Autonomie für eine jüdische Siedlung zu erlangen als in Palästina, deutet er nicht an: er begnügt sich damit, zu erklären, dass wenn dieses Projekt scheitere, noch ein Dutzend andere und schliesslich no c h immer Palatina bleibe. „Wir brauchen also, wie Sie sehen» die Hoflhung nicht früher aufzugeben, als die Zionisten.“ Mag diese Wendung ernsthaft oder ironisch sein, wir sind überzeugt, dass die „Ito“ nach einigen afrikanischen oder anderen exotischen Expeditionen in den palästinensischen Zionismus münden wird, welcher Inzwischen ruhig, stetig und allen ungesunden Sensationen aus dem Wege gehend, auf der Bahn der praktischem Arbeit fortschreitet. Die Juden in den Wiener Genossenschaften. Mehr als 20 Jahre sind schon verflösse» seit der längst erloschen geglaubte Antisemitismus, dieses mittelalterliche Gespenst, plötzlich in Wien wieder auftauchte. Er wurde rasch ein wichtiger politischer Faktor und verbreitete sich, von den Deutschen ausgehend, nach und nach bei allen österreichischen Völkern mit reissender Geschwindigkeit. Erschrocken standen unsere Stammesgenossen dieser ganz unerwarteten Erscheinung gegenüber. Freiheit und Gleichberechtigung, diese schönen Errungenschaften von 1789 und 1848 schienen für sie plötzlich in Frage gestellt. Aengstlich flüchteten die Juden in den Schutz der sich „freiheitlich“ nennenden Parteien, der Liberalen, Deutschfortschrittlichen, Jangtschechen und Polen, aber man nahm wohl überall ihre Dienste, ihr Geld, ihren Einfluss, ihre Stimmen an, aber keine Partei wollte sich kompromittieren, wenn es galt, für den verfolgten, verhöhnten und verachteten Juden einzutreten. Zuletzt wandten sich die verängstigten und zitternden jüdischen Bürger an die Sozialdpmokralie, dort schien endlich Hilfe wenigstens für die Proletarier unter ihnen. Eitle Hoffnung! Als es in Holleschau, Wsetin und anderen mährischen Orten anlässlich der Aufhebung der Sprachenverordnungen Judenverfolgungen mit obligatorischen Plünderungen gab, da äusserte sich der sozialdemokratische Abgeordnete Berner im Parlamente, nicht etwa missbilligend über solche mittelalterliche Greueltaten, sondern beschuldigte noch die Juden, dass sie aa diesen Vorkommnissen schuld seien, weil sie der tschechischen Bevöl .erung national feindlich gegenüber ständen. Der Antisemitismus war von den sogenannten Deutschnationalen aus Preussea importiert worden, aber die Klerikalen er-