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Jüdische Zeitung · 1907-12-20 · 23 (20.12.1907) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
23 (20.12.1907)
Date
1907-12-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 33 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 gesichte der Yölker über den Zionismus zu sprechen, um auf diese Weise die Judenfrage zur Wieltfrage zu machen. Früher teilte ich ebenfalls diese Meinung. Ich bin jetzt zur TJeberzeugung gelangt, dass eine solche Politik weder möglich, noch nützlich ist. Offen gesagt: wir meinen, dass eine solche Politik nach innen unid nach aussen gefährlich werden könnte. Von diesem Gesichtspunkte aus könnte es scheinen, dass die politische Tätigkeit in den ländern der Diaspora vollständig aus dem zionistischen Programm-Minimum ausgeschlossen werden müsste. Aber wir müssen auch die erste These berücksichtigen: die Notwendigkeit solcher sozialpolitischer Bedingungen, welche uns ■die Möglichkeit gewähren, uns zu organisieren, unsere rein zionistische Tätigkeit frei entfalten zu können. In England, Frankreich, Italien und sogar in Deutschland und Oesterreich sind die Juden in ihrer zionistischen Tätigkeit nicht behindert, sie können sich frei vereinigen, organisieren und wirken. Ganz anders ist es in Russland zum Beispiel, wo die politischen Verhältnisse ganz andere sind. Aber noch ein Umstand kommt hinzu: in Oesterreich und in Russland, wo die grösste Masse der Juden lebt, müssen die Zionisten auch die tagtäglichen Interessen der gehetzten und hungernden Massen verteidigen, wenn sie die Sympathien und das Zutrauen derselben gewinnen wollen. Wohl kam da von einer radikalen Lösung der Judenfrage keine Rede sein. Aber soweit die schreckliche Lage der Masse verbessert werden kam, muss gekämpft werden. Alle diese Umstände haben ja das politische Programm der russischen und österreichischen Zionisten geschaffen. Wie muss sieh der Zionismus als solcher zu dieser Frage stellen? Politik ist nicht Ziel, sondern Mittel. Und wem wir sogar den Standpunkt Diihrings teilen und mit ihm anerkennen, dass der politische Faktor die Grundlage des ganzen sozialen Seins und Werdens ist, so bleibt doch die Gültigkeit der Tatsache bestehen, dass die Politik nur Mittel und nie Selbstzweck ist. Diese einfache Wahrheit wird sehr oft von Juden verkamt, was gar nicht zufällig, sondern geschichtlich begründet ist. Alle normalen und gesunden Völker betrachteten und betrachten die Politik ausschliesslich als Mittel zur Erreichung materieller und manchmal auch geistiger Vorteile. Mit einem Worte: die Politik ist bedingt durch einen ausser ihr liegenden Zweck, d. h. die Politik jedes normalen Volkes oder jeder Gesellschaftsklasse ist vor allem utilitaristisch, viel einfacher gesagt, egoistisch. Man macht die Politik eben nur insofern, als es für die betreffende gesellschaftliche Gruppe nützlich und vorteilhaft ist. Niemand macht Politik aus Humanität und dersogenannten praktischen nur ein Unterschied in der Taktik und dem unmittelbaren Zweck, nicht aber im Prinzipe besteht. Jeder kulturelle Zionist muss ein praktischer Zionist sein. Um in Palästina ein geistiges Zentrum zu schaffen, muss man darauf bedacht sein, immer mehr Juden in das Land zu bringen. Und jeder praktische Zionist arbeitet zugleich für den kulturellen Zionismus. Denn mit jedem Juden, der in das Land kommt, nähern wir uns dem Ziele eines kulturellen und geistigen Zentrums in Palästina. Nach Achad-Haam’s Artikel kommt ein Poem „Rahel* von Sch. Benzion. Reiche Gefühle in einer noch reicheren Sprache. Es fehlt das heisse Pathos, das brennende Weh. Es scheint erst nur ein ruhiges Schillern, ein langsames Wogen. Aber es fehlt nicht an Tiefe. Benzion überflutet den Leser wohl nicht mit glühenden Worten, um ihn mit tiefem Schmerz zu betäuben. Er will, dass man das Weh langsam einsauge, empfinde und in sich vertiefe. Und es ficht ihn nicht an, wenn man Wollust am Schmerze empfindet. Langsam geht er zu Werke, sticht mit der Nadel und bedächtig reisst er die Wunde auf, dass sie breiter und tiefer werde, der Schmerz wachse und um sich greife. Mit erstarrtem Herzen, zusammengepressten Lippen, und geballten Fäusten hört man das gleichen schönen Sachen, oder . . . Worte. Man macht nicht Politik, um progressiv oder reaktionär zu scheinen, sondern man macht Politik, die nützlich ist für denjenigen, der sie macht und schädlich für seinen Gegner. Und auch wir Juden müssten aufhören, Politik zu treiben, nur um anderen zu gefallen, wie es bei uns seit der grossen französischen Revolution Sitte geworden ist. Wir müssen nur die Politik und insofern betreiben, die und soweit es in unserem Interesse liegt. Utod ob uns die anderen Progressisten oder Reaktionäre schelten, sollte uns absolut gleichgültig sein. Das höchste Gesetz für uns müsste sein — das Interesse unseres Volkes. Nur von diesem einzigen Prinzip muss unsere politische Tätigkeit bestimmt sein. Jedenfalls ist es ein offenes Geheimnis, dass die anderen, sogar die allerfortsehrittliehsten Elemente, nicht anders handeln. Ein Beispiel für viele. Wie handeln die englischen und amerikanischen Proletarier gegenüber fremden. Einwanderern: nach dem theoretischen Satze der Humanität, formuliert in dem Satze — Proletarier aller Länder, vereinigt euch! — oder nach den Geboten des praktischen Interesses? Nach dem Stuttgarter Kongresse kann ja kein Zweifel über die Antwort auf diese Frage obwalten. Solidarität aller Proletarier, Humanität gegenüber allen Menschen— alles schöne Dinge, die man aber nicht gebrauchen kann. Der Vorteil — höchstes Gesetz der Politik. Und auch der Jude müsste aufhören, den Vermittler in der Politik zn spielen. Unsere Politik, das ist unser Interesse. Unsere Interessen aber verlangen solche politische Zustände, die uns die Sicherheit unserer Person und unseres Vermögens, die Freiheit unserer individuellen nationalen Entwicklung sowie der Organisation unserer Kräfte garantieren. Da solche Zustände nicht vom Himmel fallen, sondern erkämpft werden müssen, 30 haben die Juden die Pflicht, an dem politischen Kampfe teilzunehmen, der solche gesellschaftliche Existenzformen, die unsere Interessen befriedigen, herbeiführen wird. Vergleichen wir die politischen Formen in den verschiedenen Ländern, können wir sagen, dass die konstitutionelle Staatsform, die die Gleichheit aller Bürger anerkennt, formell die oben von uns aufgezählten Forderungen befriedigt. Also nicht weniger, aber auch nicht mehr. Deshalb kann dort, d. i. in den Ländern, wo der Verfassungsstaat schon existiert, keine Rede von einer jüdischen Politik sein, sondern mir von einer Politik der Juden als Bürger der betreffenden Länder. Weder in Frankreich, noch in England, weder in der Schweiz noch in Deutschland könnte und dürfte man jüdische Politik treiben. Man kann da eine national-kulturelle, aber keine national- Wehklagen, welches dahin fliesst, breiter und tiefer wird, wächst und steigt, bis es den höchsten Punkt erreicht hat. Und man fühlt wie etwas birst, gewaltsam zerrissen wird, wie Knochen knacken und wie ein Schrei sich losringt und zwischen den Lippen erstirbt. Ohnmacht, Rachsucht, Zorn und Furcht, das alles drückt in diesem Schrei sich aus und nach diesem Tohuwabohu von Gefühlen tritt Ruhe und Schwäche ein, wie Ruhe und Schwäche einer Gebärenden nach den Wehen der Geburt. Das Herz erzittert in neuer Hoffnung . .. Und in die schwachen Glieder ergiessen sich Gefühle der Heiligkeit, Süsse, des Mitleids und des Trostes einer Künstlerseele. Achad-Haams’s Aufsatz und Benzion Poem sind die einzigen guten Sachen im Ha-omer. Die anderen haben keinen literarischen Wert. „Wir haben einen Brunnen gegraben“ von M. Willkinski, „Bilder und Schatten aus dem arabischen Leben“ von Chawagi Musa, „ Die sephardische Kinderlose, welche ihrem Mann erlaubt noch ein Weib zu nehmen* von Schurae, „Das Urteil ist hinfällig geworden“ von A. S. Rabinowcz — all diese Sachen sind wie Schnitzereien, getrocknete Blumen und andere Dinge, die nicht erwärmen und sättigen und deren Wert nur darin besteht, dass sie aus Palästina politische Tätigkeit entfalten. Faktisch wird ja da manchmal national-kulturell gearbeitet, leider sehr schlecht, systemlos. I» Russland und bis zu einem gewissen Grade in Oesterreich ist eine jüdische Politik nicht nur erwünscht, sondern gerade notwendig. Abe» nicht deshalb, weil wir für volle oder beschränkte Demokratie prinzipiell sind, sondern weil uns gewisse sozialpolitische Formen notwendig sind. Aber auch noch ans einem anderen Grunde. Es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen Ländern mit vielen Nationalitäten (Russland, Oesterreich, Mazedonien) und: solchen mit einer national homogenen Bevölkerung vorhanden. In den ersteren müssen die Juden eigene Politik treiben und nicht bloss bürgerliche Gleich-, sondern auch nationale Vollberechtigung anstreben, weil sie sonst von einer der kämpfenden Nationen, gegen die andere ausgespielt werd-n (in Oesterreich von den Deutschen gegen die Böhmen und umgekehrt, von den Polen gegen die Ruthenen und umgekehrt; dasselbe in Russland im Kampfe der Russen, Polen, Litauern usw.), In New-York, wo alles amerikanisiert wird, können die Juden trotz ihrer grossen Anzahl keine eigene Politik treiben. Also, vor allem Abgrenzung des politischen Tätigkeitsfeldes in bezug auf die Notwendigkeit. Nun kommt auch die Beschränkung in bezug auf die Möglichkeit. Wir Juden müssen nie vergessen, dass wir dank geschichtlicher Ursachen immer während der aufgeregten Epochen der leidende Sündenboek sind, an dem sieh alle rächen. Deshalb dürfen wir im politischen Kampf, da wir überall eine Minorität bilden, nie die Initiative ergreifen. Wenn wir alle diese Momente berücksichtigen, kommen wir zum Schlüsse.^ dass die Rolle und Bedeutung der politischen Taktart in unserem Programm-Minimum eine verhältnismässig unbedeutende ist. Die zionistische Organisation, soweit sie Juden der verschiedensten Länder umfasst, kann überhaupt keine Diasporapolitik treiben, weil in den verschiedenen Ländern ganz verschiedene Verhältnisse obwalten. Nur die zionistische Organisation bestimmter Länder kann und muss jüdische Politik treiben, insofern und so lange die politische Tätigkeit den Interessen der jüdischen Masse und des Zionismus entspricht. Aus dem Vorhergesagten folgt, dass 1. politische Forderungen in bezug auf die Diasporaländer in das Programm-Minimum der gesamten zionistischen Organisation gar nicht hineingehören; 2. dass sie dagegen wohl am Platze sind, im Programm-Minimum der zionistischen Organisation bestimmter Länder, dass sie aber auch da keine prinzipielle, sonstammen. Dinge, auf denen Palästinageist ruht, denen aber der künstlerische Geist fehlt. (Aus dem jüdischen Manuskript übertragen.) Allerlei. Judenverzollung. Dass sich vor etwa hundert Jahren die Juden, wenn sie in Deutschland reisten, sich verzollen mussten, wie man Vieh verzollt, wird manchem wohl kaum glaublich erscheinen. Und doch ist diese Tatsache unzweifelhaft. In einem von der „Voss. Zeitung“ reproduzierten Artikel .Kleine Wanderungen durch Deutschland“, welchen Wieland in seinen „Teutschen Merkur“ 1785 aufgenommen, dessen Zuverlässigkeit er also gewiss geprüft hat, entwirft der Verfasser von dieser Juden Verzollung folgende Schilderung: „Wo ein Adler steht, müssen sie einen Zollzetlel lösen und denselben, damit sie keine Zoilbude überschlagen, auf dem nächsten Zollamte vorweisen. Wenn Juden auf die Post kommen, so müssen die Postmeister Zusehen, ob sie auch auf den Zollämtern ihre Scheine gelöst haben. Unser armer Jude (der aus Paris kam und nur noch wenige Meilen von Berlin entfernt war) machte diese Tour zum erstenmal in seinem Leben und sass noch dazu in einem bedeckten Wagen, so dass es fast unmöglich war, alle Zolladler zu bemerken. Indv-sen waren die übrigen Passagiere, die ihn alle liebgewonnen hatten, so g-fällig, ihn jedesmal zu erinnern, wenn ein Zollamt am Wege lag, damit er sich einen Zettel lösen könne. Sobald wir im Posthause ankamen, ging der Postmeister auf den Juden zu und sagte: „Wo hast

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