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Jüdische Zeitung · 1907-12-20 · 23 (20.12.1907) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
23 (20.12.1907)
Date
1907-12-20
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 23 gegenüber. Sie hatten von der Verfassung i nur die individuelle Gleichberechtigung als Staatsbürger, keine nationalen Rechte gefordert und erlangt. Damit -war ihnen die eigene organisierte Abwehr unmöglich. Die grossen freiheitlichen Prinzipien, auf deren gesetzliche Anerkennung sie alle ihre Hoffnung aufgebaut hatten, Hessen sie im Stich. Da die „liberalen“ Parteien, die Träger dieser Prinzipien sich immer mein* und zuletzt ausschliesslich in den Dienst der nationalen Herrschsucht stellten, und so auf dem Gebiete des nationalen Lebens die Grundsätze der Freiheit und Gleichheit verleugneten, musste ihr Liberalismus sich auch auf allen anderen Gebieten und insbesondere in der Judenfrage sehr rasch verflüchtigen. Sie repräsentierten bald bloss einen Scheinliberalismus und eine Pseudodemokratie, und brachten damit nicht nur sich, sondern alles was demokratisch und liberal hiess, auf lange Zeit hinaus in allgemeinen Misskredit. Durch diese Schwächung des liberaleff Gedankens in weiten Kreisen des Volkes, war der Boden für einen neuen Vorstoss der Klerikalen vorbereitet, welche die Situation in kluger Weise auszunützen wussten und insbesondere den durch den nationalen Chauvinismus erweckten Antisemitismus für ihre Zwecke fruktifizierten und in alle Gaue Oesterreichs trugen. Vom Pseudoliberalismus auf dem Umwege des extremen Nationalismus zum Antisemitismus und als letzte Etappe zum Triumpte des christlichsozialen Klerikalismus: bei Deutschen, Magyaren und Slawen kann man denselben Entwicklungsprozess konstatieren. Wenn wir nun heute nach 40 Jahren in Oesterreich somit wieder dort angelangt sind, wo im Jahre 1867 begonnen wurde, mit dem Kampfe gegen die Reaktion, dann muss offen ausgesprochen werden, dass alle jene „nationalen“, „freisinnigen“, „demokratischen“ Politiker sämtlicher Volksstämme und besonders jüdischer Abstammung daran mitschuldig sind, welche während eines Zeitraumes von 40 Jahren nicht begreifen gelernt haben, dass wahre Freiheit und echte Demokratie unvereinbar sind mit nationaler Unterdrückung. Wir Jungjuden dagegen, die man stets als „Reaktionäre“ verschreit, sind die Vollstrecker des Testamentes Dr. Adolf Fischhofs. Fusseud auf jüdisch-nationalem Böden, beherzigen wir auch die Lehre: „Wenn die Völker sich entzweien, kann die Freiheit nicht gedeihen“ und fordern daher im Interesse unseres jüdischen Volkes, wie aller übrigen Nationen des Reiches und der Konsolidierung der Gesamtmonarchie eine Revision der Reichsverfassung, im Sinne der nationalen Autonomie. So lange die Quelle der nationalen Streitigkeiten und des mit ihnen enge zusammenhängenden Antisemitismus nicht verstopft ist, so lange ist jede Möglichkeit einer Gesundung der österreichischen Verhältnisse oder auch nur eine Verminderung des Judenhasses ausgeschlossen. Die Bilanz der 40 Jahre österreichischer Verfassung zeigt dies klar. Sie ist eine gleich traurige für das Reich, wie für die Juden, sie beweist deutlich, dass sowohl die österreichische Reichspolitik, wie die jüdische Politik der alten Schule vollständig abgewirtschaftet haben und einer neuösterreichischen und einer neujüdischen Platz machen müssen. Langsam, aber desto sicherer bricht sich diese Erkenntnis Bahn und so unerfreulich auch die momentane politische Lage in Oesterreich für die Juden sein mag, die Tatsache, dass die Blüte unseres Volkes von unseren Anschauungen durchdrungen ist, dass die Richtigkeit derselben auch immer weitere nichtjüdische Kreise uns nahe bringt, lässt uns hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Per aspera ad astral Oesterreich steht am Vorabend einer grossen Umgestaltung. Wir wollen mitarbeiten an seiner Verjüngung, an seiner Konsolidierung, wir geben dem Reiche, was des Reiches, wir fordern aber auch für unser jüdisches Volk, was ihm gebührt, das g 1 e i c ü e Recht. Die Grundlagen des zionistischen Gegenwartsprogrammes Von Dr. I). Pasinani-k (Genf). IV. Und nun gelangen wir zum vierten Punkt unseres Programm-Minimums — zum allerstrittigsten, zum nieist bestrittenen und nngezweifelten — der in der letzten Zeit fast die erste Stelle in den Programmen der russischen und auch der österreichischen Zionisten cinnimimt: wir meinen die politischen Forderungen in den Ländern der Diaspora. A priori müssen wir die Richtigkeit folgender zwei, ihrem Wesen nach entgegengesetzter Thesen anerkennen: 1. das zionistische Programm-Minimum, das vor allem die Organisation aller Juden anstrebt, muss auch bestrebt sein, alle diesem unseren Ziele entgegenarbeitenden äusseren Hindernisse wegzuräumen. Wir müssen die Freiheit besitzen, uns zu organisieren; wir müssen deshalb für solche politische Zustände eintreten, die ims diese Freiheit gewähren. Es kann ja keine Rede von Organisation. in einem Lande sein, wo die ganze Welt unter polizeilicher Aufsicht steht und von polizeilicher Willkür abhängig ist. Das die positive Seite der Sache. 2. Da die sozialen und politischen Zustände in den verschiedenen Ländern -der Diaspora nicht ähnlich, meistens sogar grundverschieden sind, so muss auch die politische Tätigkeit der Juden differenziert, individualisiert werden — nach den Zuständen in jedem gegebenen Lande. Somit kann die politische Tätigkeit der Juden nicht zu ihrer Zusammenfassung führen, sondern muss sie nach den Ländern absondern. Denn es kann da keine Rede von allgemeinen Forderungen, gleichen Kampfesmethoden und analogen Resultaten sein. Bleiben wir nun bei dieser letzten These. Die lebendige Wirklichkeit hat ihre Richtigkeit schon bewiesen. Die Politik der österreichischen und russischen Juden, unter denen ja die meisten Annäherungspunkte vorhanden sind, weist doch gewaltige Unterschiede auf. Objektiv können sie gar nicht zusaanmenkämpfen. Subscktiv würde dank der spezifischen Lage der Juden, die Vereinigung der Juden dieser beiden Länder auf dem Gebiete des politischen Kampfes sehr gefahrvoll für uns werden können. Gehen wir aber weiter, so sehen wir, dass nicht bloss die deutschen Juden, sondern auch die deutschen Zionisten ganz entschieden die national-politische Tätigkeit abgewiesen haben. Und obwohl das New Yorker Ghetto fast eine Million Juden zählt, ist es nicht anzunehmen, dass sie eine besondere politische Tätigkeit entfalten, um ihre nationalen Forderungen zu verteidigen. Und noch ein Beweis. Die „Sejmisten“ und die sozialistischen Territorialisten sind ja auch für ein Territorium, auf dem sic die Weltjudemfragc lösen möchten. Aber trotzdem, da sie russische Politik betreiben, mussten sie auf dem Stuttgarter internationalen sozialistischen Kongress als Filialen der allgemein-russischen sozialistischen Parteien sieh behandeln lassen, wodurch sic den allgemeinen, durch keine Landesgrenzen beschränkten Charakter der Judenfrage negierten. Mit einein Worte, die Politik wirkt individualisierend1, jedenfalls viel mehr differenzierend als die Oekonomik. Und gerade auf das Judentum wirkte die Politik sehr zersetzend. Schon das erste Erscheinen der französischen Juden auf der politischen Bühne führte bekanntlich zu ihrer Spaltung in „portugiesische“ und „deutsche“ Juden, so dass im Jahre 1791 die französischen Juden nicht mit vereinten Kräften, sondern gegeneinander kämpften. Nun behaupten einige, die Zionisten aller Länder müssten, wo nur möglich, die parlamentarische Tribüne dazu benutzen, vor dem An¬ und die jüdische Sprache zu vereinigen und auf solche Weise das literarische Zentrum zu einem geistigen Zentrum für das ganze jüdische Volk zu machen. Alles was in der Diaspora verstümmelt und vernichtet worden ist, muss man wieder in unserm Lande heilen und neu schaffen. Das ist der Hauptpunkt in Achad-Haam’s Artikel. Nebenbei benützt er die Gelegenheit, um seine Lieblingsidee von der geistigen Erlösung aus dem geistigen Globus zu wiederholen und zu gleicher Zeit gegen die praktischen Zionisten zu polemisieren. Der Aufsatz ist wie alle Aufsätze aus Achad-Haam’s Feder schön geschrieben, schöner geschrieben als gedacht, geschrieben mit der jüdischen aristokratischen Demut, gewürzt mit einer Portion scharfsinniger Dialektik. Es ist der einzige im „Ha-omer,“ den man mit Vergnügen und Andacht lesen kann. Nach der Lektüre jedoch fühlt man sich ein wenig ernüchtert. Alles ist schön und fein, aber das Ganze ist ein Kampf ohne Grund, ein Wortgepläukel ohne Zweck. — Um in Palästina ein geistiges Zentrum zu schaffen, muss man dort zuvor ein materielles begründen. Jede kulturelle, geistige Arbeit, muss durch einfache materielle Arbeit vorbereitet werden. Der jüdische Geist begleitet den Juden überall hin. Wohin der Jude geht, geht auch er; zuerst der Jude, dann der Geist. Und wenn man die Reihenfolge umstellen will, dann hört der jüdische Geist auf für ganz Israel segenbringend zu sein. Um ein geistiges Zentrum in Palästina zu schaffen und zu erhalten, muss man all die Arbeit leisten, welche die praktischen Zionisten geleistet haben, d. h. immer mehr Juden in Palästina kolonisieren. Gibt es einen schöneren Gedanken für einen orthodoxen, frommen Juden als den, in Palästina eine Lehrschule zu begründen, die dem ganzen Volke Lehrer liefern soll? Wenn uns modernen Juden die Sprache und das Land teuer sind, so war den früheren Juden die Lehre und das Land nicht minder wert. Gewiss hat ihnen das Ideal vorgeschwebt, diese zwei Dinge zu vereinigen sicherlich ist ihr Traum „dass die Lehre aus Zion komme“ nicht minder erhaben gewesen, wie UDser Traum eines geistigen Zentrums. Wenn aber dennoch Lehrschulen ausserhalb Palästinas begründet wurden und wir von palästinischen nichts wissen, so beweist dies, dass ein geistiges Zentrum keine Thorarolle ist, die man tragen kann wohin man will. Die jüdischen geistigen Zentren im Golus folgen dem jüdischen Volke und nur dort, wo eine grössere jüdische Ansiedlung besteht, kann auch ein geistiges Zentrum existieren. Die palästinischen Lehrschulen hätten sich erhalten und dem ganzen Volke Lehrer geben können, wenn in Palästina eine zahlreichere jüdische Bevölkerung gelebt, die selbst einen Bedarf nach Lehrern und Lehre aus palästinischen Lehrschulen empfunden hätte. All die grossen jüdischen Massen waren ausserhalb des Landes konzentriert und darum haben sie Palästina und nicht Palästina ihnen Lehrer und Lehre gegeben. Ein hebräisches Gymnasium und hebräische Erziehungsanstalten, ein literarisches und andere geistige Zentren können sich nur dann entwickeln, wenn sie sich auf eine grössere jüdische Bevölkerung stützen. Zuerst müssen sie ein lokales Bedürfnis sein und dann erst können sie für das Gesamtjudentum im Golus nutzbringend werden. Und wenn sie hinter sich keine grössere jüdische Bevölkerung haben, sondern auf die Juden ausserhalb des Landes angewiesen sein werden, dann sind all diese geistigen Mittelpunkte gemacht, erkünstelt und ihre Existenz unnatürlich und dem Untergange geweiht und werden weder den Juden Palästinas noch denen ausserhalb des Landes Nutzen bringen. Darum scheint es mir, dass zwischen kulturellem, geistigen Zionismus und dem

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