Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 23 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Zeitun Wochenschrift. Erscheint jeden Freitag. Verkaufstellen in Wien: Administration, Türkenstrasse Nr. 9. Zeitungsbureau Goldsehmiedt, I., Wollzeile Nr. 11. Einzeine Nummern 20 Heller. Vertretungen In der Provinz: In Brünn : Zeitungsbureau, Ferdinandgasse. — ln Prag: Zeitnngsverschleiss Wlczek, Graben 33. — In Lemberg: Karl Buchstab. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig Abannementspreise: ~j In Oesterreich-Ungarn: J Ganzjähr. K 10.— j halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. In Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Im übrigen Ausland ganzj. Frcs. 15.—. □;--□ Redaktion, Administration und Inseratenaufnähme: IX., CftäplteostFassc 9* Telephon Nr. 14.199. Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr vormittags. n-- - — ri Nr. 23. Wien, Freitag, den 20. Dezember 1907. I. Jahrgang. ^Vierzig Jahre Verfassung. Wir feiern in diesen Tagen ein Verfassungsjubiläutii, vielmehr wir könnten es feiern, wenn die dazu erforderliche Jubiläumsstimmung sich einfinde wollte. Vierzig Jahre sind verflossen seit Oesterreich durch die Dezemberverlassung vom Jahre 1867 in die Reihe der konstitutionellen Staaten eingetreten ist. Welch** Hoffnungen knüpften sich an dieses Ereignis! Freiheit wie in Oesterreich hiess es zu jener Zeit. Durch die Verfassung sollte das alte Donaureich zum inneren Frieden, zum kulturellen und ökonomischen Fortschritt gelangen und so allmählich auch die Stellung einer europäischen Grossmacht wiedererobern, welche es auf dem Schlachtleide von Königgrätz verloren hatte. Das Ziel war gut — noch heute schwebt es jedem modern denkenden Oesterreicher ohne Unterschied der nationalen Zugehörigkeit vor — das Mittel, die dualistische Dezemberverfassung, war unglückselig gewählt, wie die ganze seitherige Entwicklung gelehrt hat. Anstatt eines Generalausgleiches zwischen allen Volksstämmen der Habsburgermonarchie auf Grund der nationalen Autonomie und der R e i c h s e i u h e i t, wodurch ein lebensfähiger und dauerhafter Reichsbau hätte aufgerichtet werden können, wurde entgegen den nur allzu berechtigten Einwendungen Richard Beier edis, auf Anraten des aus Sachsen eingewanderten, mit den österreichischen Verhältnissen nicht vertrauten Beust ein Separatausgleich mit Ungarn, respektive der magyaiischen Piasse FEUILLETON. Ha omer. Von A. Lubetzki. „Ha-omer* nennt sich eine literarischwissenschaftliche Revue, welche von Sch. Ben- Zion und Dawid J e 1 i n redigiert, seit kurzer Zeit in Palästina erscheint. In der Einführung zum ersten Hefte entschuldigen sich die Redakteure, dass sie den „Ha-omer“ in Palästina herausgeben. Durch die Unruhen und Wirren, die jetzt in Russland herrschen, sei die hebräische Literatur still und stumm geworden; solange diese Unruhen andauern, könne sich die hebräische Literatur in Russland nicht entwickeln. Aus diesen Gründen wollen die Redakteure in Palästina ein Zentrum für die hebräische Literatur schaffen, welches auf alle Juden, auch ausserhalb des heiligen Landes Einfluss üben soll. Das ist der erste Grund. Zweitens, bemerken sie in der Einführung, bestehen in Palästina grosse wichtige Gemeinden, ein neues Leben mit neuen Juden und für diese neuen Juden muss man schaffen und kultugeschlossen. Durch einen Fremden wurde nach dem Ausspruche des Baron Kellersberg das alte einheitliche Oesterreich in zwei Stücke zerschlagen, und diesseits und jenseits der Leitha wurden zwei herrschende Nationen, hier die deutsche, dort die magyarische, konstituiert, welche sich die Hegemonie über die anderen Völkerschaften arrogierten und gegenseitig garantierten. Dieser dualistische Ausgleich ist die Ursache aller Wirren, an welchen das Reich seit vier Dezennien leidet. Mit Hilfe künstlicher Wahlgesetze und einer gewissen privilegierten Sonderstellung Galiziens respektive Kroatiens konnte man das künstliche System zwar eine Zeitlang durchführen und die anderen Nationalitäten niederhalten. ln dem Masse aber, als diese kulturell und ökonomisch sich entwickelten, setzten sie der Unterdrückungspolitik einen immer stärkeren und auf die Dauer nicht zu ünei-windenden Wiuerstand entgegen. In Oesterreich ist nach vierzigjährigem Kampfe bereits die Hegemonie der Deutschen gebrochen, die privilegierte Stellung der Polen in Galizien erschüttert, die Durchführung der Gleichberechtigung der Völker angebahnt, die Friedensstiftung durch Schaffung der nationalen Autonomie in Aussicht. In Ungarn ist eine analoge Entwicklung, welche dort allerdings erst später eingesetzt hat, unausbleiblich. Hier wie dort machen sich auch bereits wieder Tendenzen zur Wiederherstellung der alten Reichseinheit und gegen die widernatürliche Trennung politisch, wirtschaftlich, zum Teil etnographisch zusammenrelle nationale Arbeit leisten, d. h. in Palästina ein hebräisch-literarisches Zentrum begründen. Die Einleitung erinnert ein wenig an unsere alten Autoren, die ihre Schriften mit langen Vorreden voller Entschuldigungen einzuleiten pflegten. Denn jeder von ihnen wusste, dass die grosse Masse ihn als Hanswurst betrachtet, der seine Zeit für nichts vergeude. Dahin also wären wir nach einer so langen arbeits- und mühevollen Zeit zurückgelangt! Die hebräisch-literarische Produktion ist unnatürlich, nicht nur für das Lesepublikum, sondern auch für die hebräischen Schriftsteller selbst! Und wenn sie dem jüdischen Volke eine neue Schöpfung schenken, fühlen sie sich verpflichtet das Publikum um Entschuldigung zu bitten. Und in der Tat! Wir müssen gestehen, dass die hebräisch-literarische Produktion immer erkünstelt und unnatürlich gewesen ist. Die hebräische Literatur ist immer auf schwankendem Boden gestanden, nicht nur jetzt zur Zeit der Unruhen, sondern auch in den friedlichen, satten Jahren. Und darum hat stets ein Windstoss genügt, um die hebräische Literatur wegzublasen. Die Schriftsteller und Talente sind dieselben wie früher geblieben, aber der Leserkreis ist anders gegehöriger Völkerschaften in immer steigendem Masse geltend. Darüber darf das Geschrei „Los von Ungarn“ und .Los von Oesterreich“ nicht hinwegtäuschen. Welche Stellung nun nahmen die Juden in diesen staatsrechtlichen und nationalen Kämpfen der Monarchie ein? Die Verfassung hatte die Gleichberechtigung aller Staatsbürger proklamiert und damit, wie es schien, auch die Juden vollständig emanzipiert. Von menschlich begreiflicher Dankbarkeit erfüllt, schlossen sie sich rückhaltlos den Nationen und Parteien an, welche die Verfassung geschaffen hatten. Ihr eigenes jüdisches Volkstum verleugnend, traten sie in die nationalen Heerlager der Deutschen. Magyaren, später auch der Polen ein, teilten und übei trafen noch deren Chauvinismus und förderten ihre auf Germanisierung, Magyarisierung und Po- Ionisierung gerichteten nationalen Unterdrüskungsbesirebungeri. Mit dieser a s s i tu ilatorischen Politik haben die Juden mitgeholfen, einen Geist heraufzubeschwören, welchen sie später vergeblich zu bannen suchten. Die Theorie von den superioren und inferioren Nationen, welche zuerst von den deutschbürgerlichen Polikern, später von der magyarischen Oligarchie verkündet wurde, konnte naturgemäss bei den Juden, deren Emanzipation im Volksbewusstsein ohnehin noch keine Wurzeln geschlagen hatte, nicht. Halt machen. Der Rassenantisemitismus hielt seinen Einzug und verbreitete sich mit erschreckender Schnelligkeit. Machtlos und schutzlos standen die Juden dieser Bewegung worden; auf ihn haben die Unruhen stark gewirkt, er hat auch aufgehört hebräische Zeitungen und Bücher zu kaufen, zu abonnieren und vielleicht sogar zu lesen. Wird die Ortsänderung, wird Palästina helfen? Ich zweifle daran. Hätte Palästina ein Lesepublikum, welches die hebräische Litertur unterstützen will und kann — dann wäre es gut. Wir \vissen aber, dass literarische Produkte aus Palästina aut Leser in Russland angewiesen sind. Darum ist die Begründung der Redakteure, dass sie ein literarisches Zentrum in Palästina schaffen wollen, weil es in Russland nicht bestehen kann, schwach und hinfällig. Entweder oder! Fühlen sie sich stark genug, in einer solch ungünstigen Zeit in Palästina zu arbeiten, dann können sie auch in Russland schaffen; halten sie aber die Arbeit in Russland für unmöglich, weil die Zeiten zu schlecht sind, dann wird eine Ortsveränderung nichts nützen; denn das Lesepublikum bleibt weiter in Russland. Und dass diese Begründung hinfällig ist, hat Achad-Haam sofort erkannt und darum sucht er in seinem Artikel .Es ist an der Zeit“ nach einer anderen gewichtigeren Begründung. Es ist schon höchste Zeit, sagt er in dieser Abhandlung, das jüdische Land