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Jüdische Zeitung · 1907-12-13 · 22 (13.12.1907) · p. Seite 9

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
22 (13.12.1907)
Date
1907-12-13
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 22 JÜDISCHE ZEITUNG Seite & .4 üas BabeH dar Ktemvötker.- (Prager Brief.) Die letzte Novemberwoehc 1S)0< wird denkwürdig bleiben in der Geschichte jüdischen, politischen Denkens und Fuhlens. Zwei Ereignisse sind einander gefolgt, die, sieh scheinbar widersprechend, inhöherer Synthese einen Schluss erlauben auf die moralische Bedeutung, die unser Eintritt in die Politik für uns gehabt hat. Dem scharfen Protest gegen die.Ernennung des neuen polnischen Landsmannministers folgte die nicht minder energische Stellungnahme für die unterdrückten Polen Preussens. Hie gegen, hie für die Polen — in beiden Fällen für die Kleinen, die Unteidrüdden . . . Von der freudigen Registrierung dieser Tatsachen finden wir leicht den Weg zur Erörterung eines Vorschlages, der von dem Professor an der Prager böhmischen Universität, Emst K r a u s, ausgehend, wahrlieh verdient, von allen denen ernstlich beachtet zu werden, denen an der Anbahnung neuer Möglichkeiten eines nationalen Friedens und einer Völkerverständigung gelegen ist. Und wer'gehörte eher dazu als wir Juden? Im Julihefit der in deutscher Sprache erscheinenden „Tschechischen Revue“ hat Professor Kraus den Gedanken eines Bündnisses kleiner Völker ausgesprochen, eines Bundes, dem er den Kamen Babel geben will: „Jedes Volk, auch das kleinste, besitzt heute einen solchen Udborschuss an Intelligenz, dass es ruhig die freie Zeit von einem Hundert intelligenter Männer und Frauen dem Studium der anderen kleinen Völker opfern kann, ohne dem allgemeinen kulturellen Streben und dem Studium der Weltsprachen Eintrag zu tun. Diese Garde müsste sich in die Sprachen der Erde teilen. Je eine Gruppe von fünf bis sechs müsste je eine Sprache und — je uach Beruf und Bildung — die gesamten Kulturäusserungen ei n e s von den kleinen Völkern Europas gründlich studieren. Dieses Studium wird gewiss in vielen Fällen als kulturell ganz unfruchtbar erscheinen, muss aber nichtsdestoweniger angefasst werden. Uobrigens lässt sich auch das nicht im vorhinein entscheiden. Vor einem Jahrzehnt schien dänisch zu lernen bei uns die brotloseste aller Künste; heute weiss jeder intelligente Landwirt, dass ein bissehen Dänisch für ihn viel nützlicher ist, als die ganze Esperanto- und Volapükliteratur zusammen . . . Diese Hundertschaft bildet den Kern von jenen, die, ohne sich der eigentlichen Arbeit zu widmen, den Resonanzboden für ihre Tätigkeit darstellen ..." Professor Kraus detailliert dann seinen Plan: Revuen für das Studium der kleinen Völker sollen herausgegeben werden — bei jedem kleinen Volke eine — hier sollen die wissenschaftlichen Resultate der Völkerarbeit, ihre wirtschaftlichen und politischen Anstrengungen erörtert, soll das Interesse für Geschichte und Na'tur der fremden Gemeinschaften geweckt werden. Reisen solen der gegenseitigen Bekanntschaft die Freundschaft hinzufügen. Kraus selbst tat den Anfang, indem er eine Exkursion tschechischer Bauern nach Dänemark führte. Uns Juden muss dieser Plan, welcher bei den nordischen Völkern bereits lebhaften Widerhall gefunden hat, besonders willkommen sein. Leideit doch kaum ein Volk so sehr, unter der völligen Unkenntnis, die über sein Sinnen und Denken herrscht, wie wir. Auch heute noch kennt man nur des Juden grossen Bart und ängstigt mit ihm die politischen Kinder und weiss so blutwenig von dem Ringen und Kämpfen der jüdischen Psyche. Anderseits würden die Juden in einem solchen Völkerbund ein wichtiges und kaum zu missendes Element darstellen. Durch ihre Zerstreuung sind sie zur Vermittlung friedlicher Ideen von der Geschichte geradezu bestimmt; alle, die über den Sinn des jüdischen Martyriums nachgedacht haben, kommen zu dieser Antwort, und auch Theodor Herzl hat den Gedanken „Völker frieden durch Völker kenntnis“ oft ausgesprochen. Die Ju- (jmi~u:üxdjL'n gewisa-auc-h in dem. Sinne wirken, dass alles vermieden würde, was diesem Babelbund den Anschein einer feindlichen Absieht gegen die grossen Völker geben könnte. Sind auch die kleinen Völker die natürlichsten Bundesgenossen, so sind die grossen Kulturen grossci-Völker nicht minder natürliche Ankerpunkte der kleinen. Jeder Versuch, diese Tatsachen zu verkleinern, würde ohnmächtig an der Kraft der Wirklichkeit zerschellen. Und noch eines: Die Beteiligung der Juden würde in der Wertschätzung eines Volkes den rohen Gradmesser der Sprache zugunsten des feineren der Eigenkultur zurüekdrängen. Der Vorschlag des Babelbundes ist daher mit Unrecht von der jüdischen, n n d i n s 1> e s o n d e r e d e r h e b r ä i s e li e n und y i d d i s e h e n Presse vernachlässigt worden. Wir dürfen keine Gelegenheit versäumen, uns an einem Kulturwerk zu beteiligen, wenn uns Gelegenheit dazu geboten wird. Und in diesem Fall sind wir noch besonders aufgofordert worden. Freilich, über die Art dieser Aufforderung muss noch einiges bemerkt werden. Im letzten Heft der „Tschechischen Revue“ (Dezember 1!)07) heisst es: Auch . . . Juden, wenn sie nur den festen Willen haben, als selbständiges Volk zu lelum, müssen uns im Babel kreise willkommen sein . . Weiterhin aber heisst es: A 1 s Volk mit eigen e r S p r a e h e n a tiirlieh; Zionisten, die Volk spiel e n, u n d d a bei parasitisch ein a nd e r e s Volk f ü r sich Kulturwerte er z e ug e n lassen, die in Böhm e n als d r i tt e s Volk den G e f a h r e n d es nationalen Streites ausweielie n w o 1len und dal) ei in Verkehr und Schule lustig m i t g e r m a n i s i e r e u. sind nicht gemein t.“ Wahrhaftig: besser könnte die Notwendigkeit der „Babelorganisation“ nicht illustriert werden, als durch diese Worte, in denen der berühmte tschechische Gelehrte deutlich zu erkennen gibt, dass er der nationalen Bewegung unter den Juden weitaus nicht mit dem genügenden Verständnis gegenübersteht. Hätte eiserne Informationen — wie es dem Babelprinzip entsprochen hätte — nicht aus fremden Quellen, noch dazu aus solchen, die der jüdischen Renaissancebewegung feindlich gegenüberstehen, bezogen, sondern die Originalqnellen zur Hand genommen — und nicht nur die in den beiden jüdischen Sprachen geschriebenen Blätter sind solche — er hätte anders urteilen müssen. Den äusserliehen Umstand, dass die Zionisten Böhmens noch nicht imstande sind, den theoretischen Beschluss, tschechische Publikationen horanszugeben, in die Tat umzusetzen, benützt Professor Kraus, um uns Germanisationspolitik vorzuwerfen. Als ob die Zionisten die Schuld trügen, wenn der grösste Teil der Juden Böhmens deutsch liest und als ob es ihre Sache wäre, den Sieg der tschechischen Uber die deutsche Kultur in Böhmen zu entscheiden! Nein, nie und nimmer! Und ihre Neutralität ist nicht Feigheit, sondern Takt und politischer Anstand. Und sind wir Parasiten der Kultur? Arbeiten Juden nicht überall und bei jedem Volk — auch beim tschechischen — mit an dem Werke des Geistes. Und weil die Bestrebungen der Zionisten, auch hier zu erreichen, was im Osten schon Wirklichkeit ist: die Schaffung jüdischer Kulturkreise, noch in den Anfängen begriffen ist und mit den historisch gewordenen sprachlichen Verhältnissen rechnen muss, darf deshalb ein Vorkämpfer der Achtung vor den Problemen kleiner Völker ein solches Wort gelassen aussprechen? Waren die „Väter des tschechischen Volkes“, die Palackv, Dobrovsky, an welche wir Zionisten so gerne denken, weil sie den Mut des Glaubens an die Kraft ihres beinahe toten Volkes hatten, deshalb Parasiten der deutschen Kultur, weil sie, der Not gehorchend, ihre ersten Werke nicht in böhmischer Sprache schrieben? Es gilt auch hier: Seid vorsichtig, Weise, mit euren Worten. I w r i. I Korrespondenzen. Die Kultusgemeinde gegen gottesdienstliche Lieblingen. Wien. Bekanntlich hat die i s r. K u ltusgemeinde in Wien dem Vereine „Sehomre Hadath“ im XX. Gemeinde- Bezirke die Abhaltung gottesdienstlicher Uebungen sogar an den hohen Feiertagen verboten und sieli behufs Durchführung dieses Verbotes an den Wiener Magistrat als politische Behörde erster Instanz gewendet- Diese Tat der Kultusgemeinde gab, wie erinnerlich, Veranlassung zu mehreren Volksversammlungen, in denen das Vorgehen der Gemeinde auf das schärfste gerügt wurde. Ueberdies ist diese Angelegenheit, da der Verein „S c h o m re Ha d a t h“ in dem Verbot eine Uebcrschreitung der Kompetenz der Gemeinde erblickte, bei der politischen Behörde anhängig. Um mm den Uhbergriffen der Gemeinde bei der Bildung von Bethäusem und Minianim in Zukunft zu steuern, berieten am ~f>. v. M. die zu einer Konferenz versammelten Obmänner verschiedener jüdischer Vereine ’n Gutlis Lokalitäten in der Stephaniestrasse über die Angelegenheit des Vereines „Sehomre II a d a t h“. Herr Dr. Josef Z i p s e r referierte über die Gefahr, welche in den Uebergriffen der Gemeinde l>ei der Bildung und dem Fortbestände von Bethäusern gelegen ist und wies auch au der Hand der bezüglichen Gesetze die Ungesetzmiissigkeit der Gemeinde in ihrem Vorgehen An das Referat knüpfte sieh eine längere Diskussion, an der sieh die H. Pappenheim, Dr. Drucker, Be Hack, Kolm. Buchsbaum, Hecht u. a. m. beteiligten. Zum Schluss wurde ein Exekutivkomitee gewählt, dem die Ausarbeitung eines Memorandums an die Kultusgemeinde aufgetrageu wurde. Das Memorandum soll nicht nur die speziellen Wünsche des Vereines „Sc-homre Hadath“ zum Ausdruck bringen, sondern auch die Abschaffung so vieler auf dem Gebiete der Abhaltung öffentlicher gottesdienstlicher Hebungen bestehenden Uebelstände fordern. Eine Makkabäerfeiei* unter Gendarmeriebewachung. Snialyn (Orig.-Korr.) Der glänzende Verlauf der am ~. d. M. vom Verein „Esra“ veranstalteten Makkabäerfeier muss dem Ver- ■ cinsobmann Moses Margulies und dem Festkomitee mit Herrn Toker an der Spitze, zum besonderen Verdienst angereehnet werden; denn es bedurfte grosser Energie, um alle von Seite der Volksfeinde im eigenen Lager und von Seite der Behörde dem Feste in den Weg gelegten Hindernisse zu Inseitigen. Die Festrede durfte über Anordnung des Bezirksliaupfcmanneg nur polnisch gesprochen, die Tendenzretle wurde überhaupt verluden — ganz wie in Russland. Vor dem Eingangstore des Magistratsgebäudes — das Fest wurde nämlich im Gemeinderatssaale abgehoben — und bei der Sanitär standen Gendarmen mit aufgepflanztem Bajonett, auf der Wachstube war die gesamte Polizeimannschaft konslgniert. Ini Saale war der Kommissär Zulkiewiez anwesend, notierte eifrig den ganzen Vorgang und erkundigte sieh sogar nach den Namen der einzelnen Festteilnehmer, auch einen Arzt musste das Festkomitee beistellen — alles wie in den Tagen der „freien“ Reichsratswahlen. Doch die Juden liessen sich weder einsehüehtern, noch den Abend vergällen. Der Gemeinderatssaal (für dessen Ueberlassung dem Bürgermeister Nieuezkewski der wärmste Dank gebührt) war bis aufs letzte Plätzchen gefüllt und Hunderte von Frauen und Männern, die gekommen waren, konnten wegen Raummangels nicht an dem Feste teilnehmen. Die Festrede hielt T>r. Wechsler aus Buezacz, bei dem Festkommers sprach Dr. Slamer. Von den Darbietungen sei ein lebendes Bild, die Kongressmedaille darstellend, hervorgehoben. Bialitz. (Orig.-Korr.) Unsere Organisation hat einen schweren Verlust erlitten. Der Obmann des zionistischen Vereines „Haschacher“, welchen er vor zehn Jahren mitbegrün-; •€. TWir* -uv.; * \ ■$r •VriSM

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