Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 22 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 7 Nr. 22 JÜDISCHE ZEITUNG begegnet sich somit unseren Plänen. Darauf haben die »Praktiker* immer hingewiesen, nur wollten sie, dass der Pforte bestimmte ausführbare Pläne unterbreitet werden, nicht aber, dass man ihr die — übrigens ungeladene — Pistole mit den Worten: »Alles oder nichts“ auf die Brust setze. Der Eindruck, dass sich die Unterhandlungen mit der türkischen Pforlij nunmehr auf der angedeuteten, streng praktischen Basis bewegen und auf diesem Wege Erfolge erzielen musste, wird durch der in der Sitzung des engeren Aktionskomitees erstatteten Bericht über die Tätigkeit in Konstantinopel, welche der Präsident mit Herrn Dr. Katzeneisohn wegen einer dort zu errichtenden Filiale der Jüdischen Kolonialbank entfaltet hat, noch verstärkt. Wird - wie nunmehr zu erwarten ist — diese Bankfiliale in Konstantinopel (bekanntlich eines der Desiderate des letzten Wiener Distriktstages) errichtet, so ist damit ein Organ geschaffen, welches dauernde Beziehungen zu den leitenden Kreisen der Pfo rte unterhalten und sich zum Stützpunkt aller weiteren Unterhandlungen herausbilden kann. Nicht minder erfreulich ist es, dass das vom Kongresse beschlossene Palästinaamt vom Aktionskomitee nunmehr tatsächlich ein gerichtet wird und an die Spitze dieser so lang ersehnten Zentrale in Palästina Männer wie Dr. R u p p i n und Doktor Thon gestellt werden. Dr. Artur R u p p i n war ursprünglich Kaufmann und als solcher von ganz hervorragender Tätigkeit. Später wendete er sich dem juristischen Studium zu und gilt heute als bedeutender Soziologe, Nationalökonom und Statistiker. Er ist Leiter des »Bureaus für jüdische Statistik“ in Berlin. In weiten Kreisen wurde er durch sein vortreffliches Buch »Die Juden der Gegenwart“ bekannt. In diesem spricht er unter anderem auch vom Zionismus und anerkennt seine ethische und praktische Bedeutung. Nur kann er sich nicht vorslellen, dass gerade Palästina geeignet sei, das Zentrum der Juden zu werden. Er bringt die bekannten Argumente unserer Gegner vor. Aber seine Reise, die er im Aufträge des Aktionskomitees im Frühjahre dieses Jahres nach Palästina unternahm, hat seine Ansicht vollkommen geändert und nun tritt er sogar an die Spitze unseres Palastinaamtes und wird damit — figürlich gesprochen — der erste zionistische . »Statthalter“ in; Palästina. Gg. Dr. Jakob Thon, welcher ihm beigegeben wird, ist in zionistischen Kreisen aufs beste bekannt. Ein Bruder unseres vortrefflichen Gg. Dr. Osias Thon, Krakau, ist er seit einiger Zeit in verschiedenen Unternehmungen der Organisation tätig, so als Redakteur der Monatsschriften »Palästina“ und der „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden“. Dr. Thon hat auch eine Reihe grösserer statistischen Arbeiten veröffentlicht und mit Spannung erwartet mau in Oesterreich sein im Erscheinen begriffenes Werk über „Die Juden in Oesterreich“, da der Mangel einer verlässlichen statistischen Grundlage bei unserer Arbeit immer wieder empfindlich fühlbar wird. Dr. Artur R u p p i n sowie Dr. Jakob Thon sind ausserdem besonders sympathische Persönlichkeiten, von denen zu erwarten ist, dass die heikle Aufgabe, den verschiedenen jüdischen Richtungen in Palästina Vertrauen einzuflössen, mit Takt und Geschick lösen werden. Mögen ihre schweren und verantwortungsvollen für unser Volk eminent bedeutungsvollen Aufgaben ihnen durch das Bewusstsein erleichtert werden, dass die ganze Organisation mit Vertrauen und Zuversicht auf sie blickt! Vierter westgalizischer Distriktstag. Sonntag, den 24. November 1. J. fand in Krakau in den Lokalitäten des Vereines „H a smonea“ die vierte Konferenz des westgalizischen Distriktes statt. Nach der Wahl des Präsidiums, in welcher die Gesinnungsgenossen Dr. Hilfstein, Ing. Leuchter, Frl. Goldberg und H. Klein entsendet wurden, ergriff das Wort Gg. Dr. Wahrhaftig, um über die allgemeine Lage zu berichten und den Bericht des Distriktskomitees zu erstatten. Referent schildert die lebhafte und rührige Tätigkeit des westgalizischen Distriktskomitees auf dem Gebiete der organisatorischen, kultureilen und wirtschaftlichen Arbeit. Im Juni 1. J. wurde die Landeskonferenz, im März 1. J. der Parteitag einberufen, ausserdem wurde eine Toynbeehalle gegründet und erhallen, es entstand ein Turnverein, der sich selbständig entwickelt und schöne Hoffnungen für die Zukunft weckt, auch wurde ein Trägerverein gegründet, der in nächster Zukunft seine Tätigkeit beginnt.' Es wurde eine rege Aktion für die Wahlen und die Wahl reform unternommen; es gab keine Ortschaft in unserem Distrikte, wohin wir nicht Redner entsendet hätten. Auch Paläslinaemigranten und Pionieren wurde wiederholt ausgiebige Unterstützung gewährt. Ueber Antrag des Gg. Dr. GoJdberg wurde dem scheidenden Distriktskomitee einstimmig das Vertrauensvotum und Absolutorium erteilt. In der Diskussion über den Distriktskomiteebericht ergriff Gg. Sobel das Wort und sprach über die Stellungnahme zu der Poale-Zion-Organisation, worauf Gg. Dr. Hilfst ein in seiner Antwort hervorhob, das es immer der Grundsatz des westgalizischen Dislriktskomitees war, alle Angelegenheiten mit der Poale-Zion- Organisation auf friedlichem und legalem Wege zu erledigen, weil uns ein gemeinschaftliches Ziel, einigt. Den folgenden Punkt der Tagesordnung bildete das Referat des Gg. Dr. Herstein über Palästina. Referent stellt nach eingehender und gründlicher Erörterung der Tätigkeit der Palästinakommission unter anderem folgende Thesen auf: 1. Die Konferenz legt einem jeden zur Distriktsorganisation gehörenden Zionisten die Pflicht auf, eine Krone jährlich als Palästinaschekel zu bezahlen und . 2. beschliesst die Schaffung einer Palästinakommission beim Distriktskomitee mit entsprechender Mitgliederzahl und entsprechendem Wirkungskreise. Die Thesen des Referenten wurden nach einer kurzen Diskussion, in* der Gg. Hoffmann einige Nachträge zum ursprünglichen Projekte proponierte, einstimmig beschlossen. In der Nachmittagssilzung ergriff Gg. Dr. Syrop das Wort zu seinem Referate über „Die Organisation“. Referent führt aus, dass gemäss der an den Organisationsbeschlüssen der unlängst abgehaltenen Lemberger Konferenz Kreiskomitees in Krakau, Tarnow, Rzeszöw und Jaslo oder Rymanöw ins Leben zu rufen sind, von welchen jedes aus wenigstens fünf Mitgliedern besteht. Diese Kreiskomitees sollen im Bereiche ihrer territorialen Ausdehnung ihren eigenen Wirkungskreis haben, an der den Organisationsmitgliedern aulerlegten Parteisteuer teilnehmen und dafür auch einen Teil der finanziellen Verbindlichkeiten des Distriktskomitees auf sich nehmen. Ferner beantragt Referent die Schaffung eines erweiterten Distriktskomitees, welches aus dem engeren Dislriktskomitee (bestehend aus vier Mitgliedern) und aus zwei von jedem Kreiskomitee gewählten Mitgliedern zusammengesetzt ist, im ganzen also aus 12 Mitgliedern: die Sitzungen haben alle zwei Monate stattzufinden. Referent erörtert sodann die Schekelfrage, wobei er mit Genugtuung konstatiert, dass sich die Zahl der Schekelzahler im letzten Jahre erheblich vergrössert hat, was auf den tätigen, ununterbrochenen Aufschwung unserer Organisation hinweist, sowie die Angelegenheit des Parteifonds und den Kassastand der westgalizischen Organisation. Zum Schlüsse seiner Auseinandersetzungen fordert Referent zu pünktlicher Ausführung der organisatorischen Vorschriften auf und weist auf die Notwendigkeit strammer Disziplin, Subordination und absoluten Gehorsams hin. Nach der Diskussion zum Punkte »Organisation“, ander die Gg. Dr. Goldberg, Chili, Jungerwirt, Fett, Wiener, Dr. Herstein, Leistner und Ing. Leuchter teilnahmen, wurden die Thesen des Referenten einstimmig angenommen. Zum Schlüsse der Konferenz entwickelte sich eine überaus lebhafte Diskussion über die Gründung eines hebräischen Parteiorganes, an der die Gg. Leistner, Dr. Krengel, Dr. Künstlinger und Dr. Hilf st ein teilnahmen. Da viele widersprechende Anträge in dieser Angelegenheit gestellt wurden, wurde beschlossen, die endgültige Erledigung dieser Angelegenheit dem Distriktskomitee zu überweisen. Schliesslich wurde die Wahl des neuen Distriktskomitees vorgenommen, dessen Ergebnis sich folgeudermassen gestaltete: Dr. Hilfstein, Vorsitzender, Dr. Künst- 1 in gor, Sekretär, Dr.. W ah r h a ft i g, Kassier, Ch. T. Leistner, Beisitzer. Mährisch-schlesischer Distriktsfag in Troppau. Sonntag, den 22. Dezember 1907, um halb 2 Uhr nachmittags wird in Troppau im Lokale des jüdisch-literarischen Vereines der Distriktstag der mährisch-sch 1 esischen zionistischen Vereine für das Jahr 1907 mit der im Organisationsstatute vorgesehenen Tagesordnung abgehalten werden. Zu demselben entsenden die Vereine mit 50 Mitgliedern zwei Delegierte, für jedes weitere begonnene halbe Hundert einen Delegierten mehr. Die Vereine werden ersucht, ihre Delegierten dem Distriktskomitee bis zum!0. d. M. bekannt zu geben, überdies aber dieselben auch mit Legitimationen, die vom Vereinsausschusse gefertigt wurden, auszustatten. Anfragen bezüglich Unterkunft in Troppau sind an Herrn Gustav Finzi in Troppau, Johannesgasse Nr. 5 zu richten. Besondere Aufforderungen zur Teilnahme am Distriktstag werden an die Einzelvereine nicht erlassen. Mährisch-schlesisches Distriktakomitee: Dr. Julius Reach Obmann. Max Siebenschein Obmannstellvertreter. Palästina. Die Europäisierung Palästinas. Von Davis Triesch, Jaffa. Nachdruck verbot» n. i. Wenn cs erlaubt ist — interessant ist es sicher — ein Wort von Israel Z a n g w i 11 z ug u n s t e n P a I ii s t i n a s zu zitieren, so will ich es. besonders Weil es zutrifft, hiermit der Vergessenheit entreisseu, die ihm sonst drohen würde. Zangwill sagt in seiner zionistischen Schrift ..The eommereial future of Palest ine": *) ,.E i n e Einllusssphäre gibt es, der Palästina nicht entrinnen kann, und das ist der Machtbereich der modernen Zivilisation. ln der Tat, die moderne Entwicklung sclilicsst ihren Ring von Stahl und Eisen und was sonst dazu gehört, immer enger um das alte Kulturland Palästina, das. während Europa eine neue Zivilisation schuf, sich zu seinen ältesten und primitivsten Kult Urzuständen zuriiekentwickelt hatte." l’ni hei dem Bilde von dein Ring zu bleiheil. betrachten wir zunächst das Vordringen der modernen Kultur in den Ländern u m Palästina. Ueber Aegypten ist kaum ein Wort zu verlieren: ein wesentlicher Teil Aegyptens ist fast so europäisch wie irgend ein Stück Europa, ln Damaskus gibt es lieroits eine e 1 e kt r i s e li e T r a in b a h n und eine e 1 e k t r is ch e 1! e I e u c h t it n g s a n 1 a g c, die ersten Elektrizitätswerke in der Türkei, denen jeden Tag die Konzessionierung neuer folgen kann. Im L i 1* a n o n g e birg e. nahe Beirut, findet man luxuriöse Hotels, wie nur irgendwo in den Schweizer Bergen, ln U vpern ist die Fürsorge der Regierung grösser als in den meisteu europäischen Staaten, und selbst in der lange vergessenen Provinz El-Arisch wird in diesem Jahre das Stauwerk gebaut, mit dein eine grosse Fläche Landes nutzbar gemacht werden soll (notabene ohne Nilwasser!). und schliesslich baut man dort auch das Modernste vom Modernen — eine Aufcom o b i Ist r a s s e. In Palästina selbst geht die Entwicklung vom Primitiven zu modernen Zuständen jetzt schon Hand' in Hand mit einer Entwicklung a u s der ..H c i 1 i g k e i t“ h e r a u s und ins Wirtschaftsleben h i n e i n. Ein charakteristisches Zeichen dafür ist die Verlegung des Hauptsitzes der ..Bampic Ottomane“ vom heiligen Jerusalem nach dem geselüiftsmässigon .Jaffa. Auch die zionistische Anglo Palestine Company hat ihr Zentralbureau in Jaffa, und in Jerusalem nur eine ihrer Filialen (zwei weitere befinden sich in Beirut und Hebron), *) Ich verstehe nicht, weshalb die Verbreitung der Broschüre zionisiischerseits nicht fortgesetzt wird. Keine andere Verteidigung der Palästina Idee gegen die Angriffe der „Ito“ wird Zangwill so einleuchten könnea wie diese t*r •vv.