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Jüdische Zeitung · 1907-12-13 · 22 (13.12.1907) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
22 (13.12.1907)
Date
1907-12-13
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 22 Staatsfinanzen bedeutet. leb will auf dieses Kapitel nicht naher eingehcn, bin aber allerdings, nebenbei gesagt, der Ansicht, dass die hier in Betracht kommenden Ausfallbeträge, verglichen mit der ganzen Grösse des Ueberein- ■kommens, nicht besonders schwerwiegend in die- Wagsehale fallen. Viel wichtiger, ja das wichtigste an der ganzen Sache scheint mir folgendes zu sein: Dass nämlich der kleinere Sparer Gefahren ausgesetzt wird, deren .Tragweite er selbst nidht ermisst. Es klingt vielleicht paradox, wenn ich behaupte, dass man den Kulturzustand eines Landes nach nichts besser beurteilen kann, wie nach der Art seines Sparens. Die erste und primitivste Form ist die der Münzverwahrung, des Thesaurierens, die Anhäufung von Bargeld in klingender Münze. Diese Art des Sparens, glaube ich, ist in unserer Bevölkerung ein überwundener Standpunkt. Als mit der probeweisen Goldausgabe l>ei uns vorgegangen wurde, hat man bekanntlich einen namhaften Prozentsatz für dieses Thesaurieren in Anrechnung gebracht. ja sogar nach dieser Richtung gewisse Befürchtungen gehegt. Diese haben sieh aber nicht verwirklicht. Die Oesterreichisch-ungarieche Bank verausgabte ab August 1901 zirka fünf Viertel Millionen in Gold. Von diesem Betrage ist aber eine Million in normaler Wleise an die Bankkassen zuriiekgekehrt und etwa 250 Millionen halten sich dauernd im Verkehre. Dieses beweist am besten, dass die Bevölkerung dieses Stadium des Sparens schon längst überschritten hat. Die zweite Form des Sparens ist die der Kassa und sie setzt bereits eine bedeutend grössere Auffassungshöhe der Bevölkerung voraus. Der kleine Sparer muss sieh von seinem Bargeld trennen und bekommt eine Bestätigung. Er muss eben zu der Ansicht kommen, dass er das Geld l>ei einer Person hinterlegt, welche ihm eine genügende Garantie bietet. Wenn das Volk zu der Ueberzeugung gekommen ist, dass . die Bestätigung ebensoviel wert ist, wie das | Geld seihst, wenn das Volk sein Bargeld einer Institution anvertraut, welche ihr nur insoweit Garantie bietet, als sie ein Gebäude besitzt oder als an der Spitze derselben bedeutende Männer stehen, oder wenn es eine Versicherung der Gemeinde oder des Landes hat, so ist das schon jedenfalls ein höherer Kulfcurstand und eine höhere Form des Sparens: Ich kann sagen, dass auch diese Form des Sparens teilweise von unserer Bevölkerung überschritten worden ist. Ich kann sagen, dass die Sparkassen des Landes mit Geld schon überfüllt sind, dass sogar die Raiffeisensehen Sparkassen der bäuerlichen Bevölkerung schon mit dem Gelde saturiert sind. Diese Form ist in vielen Tündern iroeli schon überschritten worden und in vielen Ländern ist das Volk zur dritten Form des Sparens, nämlich zur Anlage des Geldes in Staatspapieren, in Landes- und Kommunalanlehen geschritten. Diese Form bedeutet eine viel höhere Kulturstufe. Sie bedeutet schon, dass liier die Garantie nicht in äusseren Formen gesucht wird, sondern darin, dass ein Garant besteht, welcher ein idealer Garant ist. Diese Form verlangt eben eine hohe nationalökonomische Denkungsart. Sie ist auch die ausgesprochene französische Sparform; es ist eben eine Tatsache, dass Milliarden und Milliarden in den Kassen der grossen Pariser Banken in Wertpapieren von Seite der kleinen und mittleren Sparer liegen und dass die glatte Aufnahme auswärtiger Anlehen von Seite Frankreichs nicht nur auf dessen ungeheuren Kapitalsreichtum überhaupt zurückzuführen ist, sondern auch darauf, dass alle Sparer Papiere kaufen und dies in unendlich viel grösserem Umfange als die Hochfinanz und die eventuellen Kassen. Ich konstatiere nun, dass in Oesterreich die Verhältnisse so weit gediehen sind, dass die Bevölkerung in die Uebergangsperiode vom zweiten ins dritte Stadium getreten ist, wo der kleine Sparer die Staatspapiere zu kaufen beginnt. Eben in diesem Momente kommt das Uebereinkommen herein. Allerdings die SparkasSL'nfähigkeit, die Pupillarsicherheit der ungarischen Papiere ist an die Erneuerung des Bänkübereinkommens geknüpft. Allerdings hat sich der Staat eine gewisse Sicherheit durch die sogenannte Benediktsclie Formel und durch die .Spezialbestimnrang I des Schlussprötokolls geschaffen; man kann jedoch der Tatsache nicht aus dem Wege gehen, dass der kleine Sparer alle diese Umstände nicht im Auge behält. Für ihn bedeutet schon das eine Sicherheit, wenn er sieht, dass die Sparkassen ihre Gelder in diesen Papieren anlegen können, dass die ungarischen Papiere von der österreichischen Regierung als gleichwertig behandelt, von der Rentensteuer befreit werden und womöglich einen höheren Prozentsatz abwerfen. Der kleine Sparer denkt nicht daran, dass er im Falle der Banktrennung die ganzen Zinsen in einem minderwertigen Beide ausgezahllt bekommen kann, wenn nämlich, was mir in diesem Falle fast sicher und unausweichlich erscheint, die ungarische Note ein Disagio haben wirf. Fürihn wirf es verlockend sein, dass er ebenso sichere Papiere in die Hand, bekommt, wie es die österreichischen Papiere sind und er wird sich es nicht überlegen und. sich auch diese ungarischen Papiere kaufen. Diesem Empfinden der Bevölkerung werden wir mit grosser Reserve gegenüberstehen, da wir gar keine Ursache haben, uns dafür zu erwärmen. Wir halten es solange für nicht erwünscht, dass wir die ungarischen Papiere kaufen und dort unser ersparte? Geld lozieren, bis nicht Ungarn sein System der Bedrückung der nationalen Minoritäten aufgeben wird. Auch aus wirtschaftlichen Gründen werden wir der Bevölkerung abraten, die ungarischen Papiere zu kaufen, weil es keinem Zweifel unterliegen kann, dass Ungarn in ungeheurer Weise speziell an Oesterreich verschuldet ist. Die Darlehen der drei bedeutendsten Wiener Hypothekenbanken, der Oesterreiehisch-ungarischen Bank, der Allgemeinen österreichischen Kreditanstalt und der Öesterreiehisehen Zentralbodenkreditbank, betragen Ende 1906 in Ungarn 483 Millionen Kronen. Die ungarischen Hypothekarinstitute haben in Oesterreich-Pfandbriefe auf zirka 1000 Millionen Kronen placiert. Die Nettoverschuldung Ungarns an Waren an .Oesterreich beitrug pro 1905 269.618 Millionen Kronen. Pfandbriefe und Kommunalobligationen wurden vom Jahre 1892 bis 1901 in Oesterreich auf 1064 Millionen Kronen placiert. Wenn man die allgemeine Verschuldung Ungarns in Betracht zieht, so hat das Jahr 1905 ein Defizit von 258 Millionen Kronen gebracht. Demgemäss fällt auch der Kurs der ungarischen Renten von Jahr zu Jahr. .So ist die 4prozentige Goldrente von 125,15 K im Jahre 1S95 auf 111,15 K im Juni 1907, die 4prozentige Kronenrente von 100,15 K im Jahre 1895 auf 92,80 K im Juni 1907 gefallen, die 3,5prozentigc Rente hatte im Sommer einen Kurs von 81,25 K, die 3prozentige Goldanleihe einen Kurs von 76,10 K. Wir sehen also, dass es für uns ein Leichtes sein wirf, die österreichische Bevölkerung darauf aufmerksam zu machen, dass der ungarische Staat, die ungarische Bevölkerung und die ungarischen Institutionen verschuldetsind und dass sie keinen Anlass hat, weiter österreichisches Geld nach Ungarn zu tragen. Man wirf mir sagen, dass die ungarische Regierung dann Wege finden wirf, uni unsere Produktion zu schwächen und die Interessen der österreichischen Bürgerschaft zu schädigen. Aber das sind leere Drohungen; was Ungarn bis jetzt an Hintansetzung der österreichischen Produktion leisten konnte, hat es schon geleistet. Prinzipiell werden österreichische Produkte von ungarischen Lieferungen ausgeschlossen. Die österreichische Industrie wirf systematisch durch Subventionierung der ungarischen Industrie ver drängt und auch in diesem Ausgleich sehen vir eine Vorkehrung, die dazu bestimmt sein soll, die österreichische Produktion zu drücken,- es sind nämlich die Verschärfungen über den Markenschutz. Die ungarische Regierung hat geglaubt, durch diese Verschärfungen wird die österreichische Ware kein -Äbsafegöbiet-in—Ungarn -finden. — Ick-er- - kläre, das haben wir nach meiner Ansicht gar nichtzu fürchten. Das beste Beispiel liefert lins dien Deutschland und England. In England versuchte man auch den deutschen Import dadurch einzuschriiiiken, dass man die Herkunfitsfoezeiehnüng der Waren obligatorisch machte. Diese Massregel richtete sieh, wie gesagt, hauptsächlich gegen den deutschen Import. Aber was war die Folge? Die Bezeichnung^„Maide in Germany“ wurde eine Empfehlung und durch diese Bezeichnung allein wurde schon die Marktgängigkeit der deutschen Ware bedeutend erhöht. Die deutschen Waren mit der Bezeichnung „Made in Germany“ haben in England einen reissenderen Absatz gefunden als selbst englische Waren. Dasselbe erhoffe ich auch bei uns. Ich hoffe, dass auch die österreichischen Waren trotz der Bezeichnung „Maile in Austria“ doch besser sein und durch ihre Güte eine grössere Marktgängigkeit finden werden als die ungarischen Waren. Meine Herren! Ich habe gezeigt, wie viele Momente dagegen sprechen, den Ausgleich mit Ungarn zu akzeptieren. Anderseits müssen wir bedenken, dass das Parlament, welches den Ausgleich zustande bringen will, zugleich eines ist, in welchem das System der Gleichberechtigung aller Nationen in Oesterreich zum Durchbruch zu kommen beginnt- und wie wir hoffen, sich auc-li weiter ausgestalten wird. Ich und meine Parteigenossen können daher nicht gegen den Ausgleich stimmen; denn wir würden damit diesem System vielleicht Einhalt tun. Wir Juden haben ein spezielles Interesse daran, dass dieses System auf jede Weise, selbst durch die grössten Opfer der Na? tion, gestärkt werfe. Wir stimmen daher, wenn auch schweren Herzens, für den Ausgleich. Wenn es sich um ein Vertrauensvotum für diese Regierung handelte, wären wir entschieden dagegen. Die Regierung, die, st a t-1 mi t wuchtiger Hand einzugreifen, passiv z u s c h a u t, wie t a Ilsen de Juden unschuldig in Galizien verfolgt, schikaniert, bedrückt und bedrängt werden, verdicht unser Vertrauen nicht und wird es nicht bekommen. Nicht, ihr votieren wir den Ausgleich, sondern dem Staate. Der Ausgleich ist eine Staatsnotwendigkeit und darum, aber auch nur darum sind wir zu Opfern bereit und stimmen für ihn. (Lebhafter Beifall.) Parteinachrichten. Aktionen der zionistischen Zentralleitung. (Verhandlungen mit der Pforte. — Bankfiliale in Eonstantinopel. — Einrichtung des Palästina- ' amtes.) Seit dem achten Kongress ist allerorten ein mächüges Fortschreiten und Anwachsen der zionistischen Bewegung bemerkbar. Die Parole der praktischen Arbeit, welcher dieser Kongress in seinen Beschlüssen die Sanktion erteilt hatte, erfüllte die Organisation mit frischem Leben. Die Sitzung des engeren Aktionskomitees, über welche in Nr. 21 berichtet wurde, hat bewiesen, dass die neugewählte Leitung im Sinne dieser Beschlüssetatkräftigst handelt. Der Draht, der uns mit Konstantinopel verband, war zerrissen. Unsere Leitung hat ihn wieder festgemacht. Die Verhandlungen, die sie mit der Plorte führt, bewegen sich, wie es scheint, auf der einzig erfolgversprechenden Linie: es werden positive. Projekte in fest umrisseuer Gestalt erwogen. Die Pforte, die im Prinzipe immer geneigt war, unsere Unternehmungen zu unterstützen, weiss wohl, dass ihr die zionistische Palästinaarbeit durch Entwicklung des Landes grosse Vorteile zu bieten in der Lage ist, ohne den Nachteil, dass die Juden, wie dies etwa bei anderen Nationen, die in Palästina festen Fuss fassen wollen, der Fall wäre, eine Avantgarde irgend einer eroberungssüchtigen Macht wären. Das Interesse der Türkei, Palästina zu entwickeln und raschest zu neutralisieren,

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