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Jüdische Zeitung · 1907-12-13 · 22 (13.12.1907) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
22 (13.12.1907)
Date
1907-12-13
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 22- Seite 5 JÜDISCHE ZEITUNG uns wirklich Schutz bringen könnte. (Abgeordneter Stand: Wenn sie wollte! Bei Herrn Bienerth sieht es aber nicht danach aus!) - - Und das ist der Zweck und das Ziel auch aller anderen Nationalitäten in Oesterreich: ein starkes Zentralparlament, eine starke Zentralgewalt zu schaffen, welche alle'Unterdrückten in Schutz nehmen und ihre Rechte wahren soll. Diese Idee ist jetzt — in der Wahlreform — wo nicht nur jeder starken Nation bewilligt wurde, ihre Wahlangelegenheiten selbständig zu ordnen, sondern Vorkehrungen getroffen wurden, dass jede Nation und jede Bewegung in den parlamentarischen Vertretern ihren Ausdruck finden könne, theoretisch und teilweise auch praktisch zum Durchbruch gekommen. Dieses System, das System des Schutzes der unterdrückten Nationen, wird sich, glaube ich, festsetzen, Allgemeingut ganz Oesterreichs werden und die Plattform bilden, auf der die Differenzen der verschiedenen Völker ausgeglichen werden können. In Ungarn aber ist diese Idee noch nicht zum Durchbruche gekommen, dort herrscht noch allmächtig die eine Nation, welcher die anderen Nationen als Opfer ausgeliefert sind, dort herrscht noch das System der Knechtung, der Verfolgung der nationalen Minoritäten, das System der Unterdrückung jeder freien Volksmeinung. Dazu dient nicht nur das jetzige Wahlsystem, sondern die ganze Verwaltung, die Justiz und das ganze Öffentliche Leben. •Ich muss nun konstatieren, dass der gegenwärtige Ausgleich diese Verhältnisse konserviert, dass der gegenwärtige Ausgleich eben dazu dient, dass die nichtmagyarischen Nationalitäten weiter drangsaliert und geknechtet werden, und dagegen müssen wir auf das schärfste protestieren. Im Namen der Menschheitsrechte, sowie wir gegen jede Drangsalierung und Knechtung protestieren, protestieren wir auch — wir, die jüdische Nation — gegen die Drangsalierung, die weiter konserviert werden soll, gegen die Missetaten der ungarischen Regierung. -.War müssen 'diejse, Konservierung durch den gegenwärtigen Ausgleich auch für unsere Reiehshälfte als etwas Ungesundes betrachten, denn alle die Nationen, welche in Ungarn leben, leben ja auch in Oesterreich und man kann folgerichtig nicht verlangen, dass dieselben sich einer ruhigen, politischen Arbeit hingeben, wenn ihre Brüder in der zweiten Hälfte des Staates geknechtet werden. Wir konstatieren, dass wir die Obstruktion der Kroaten und Südslawen als vollständig gerechtfertigt anerkennen. Es würde sieli niemand da finden, der ruhig arbeiten könnte und wollte, wenn er wüsste, dass seine Brüder in der zweiten Reiehshälfte ge- . knechtet werden. Wenn man also verlangt, dass; auch diese Nationen uns ihre Hand zu einer ruhigen politischen Tätigkeit reichen, so müssen wir konstatieren, dass dies durch den gegenwärtigen Ausgleich auf lange hinaus unmöglich gemacht wurde. Ich habe die Einwendung vernommen, dass gerade der gegenwärtige Ausgleich eine Festigung der Beziehungen zwischen Oesterreich und Ungarn bedeute, dass gerade der gegenwärtige Ausgleich einen Zusammenschluss der beiden Reiehshälften gebracht habe und dass wir es auf diesem Wege, auf dem friedlichen Wege, erreichen werden, dass die Heineren Nationalitäten in Ungarn nicht weiter bedrückt werden, dass wir durch friedliche Einflussnahme es erreichen werden, dass eben die Zustände, die wir verdammen müssen, bald aufhören. Diesem Einwande entsprechen jedoch die tatsächlichenVerhältnisse nicht. Gewiss, formell besteht eine gemeinsame Zollgrenze, die beide Staaten umfasst, doch wird sie dadurch wieder aufgehoben, dass die Vorlage diesen Zolltarif formell als autonomen ungarischen: Zolltarif kennzeichnet. Aber auch meritorisch genommen wild diese Zollgemeinsehaft dadurch aufgehoben, dass die Restitutionen für exportierte, der Verzehrungssteuerpflicht unterliegende Waren (Bier, Zucker, Spiritus) nicht mehr vom Zollerträgnisste abgezogen, sondern auf die beiden Staaten im' Verhältnisse der Erzeugung jener Artikel aufgeteilt werden. Gewiss besteht weiterhin prinzipiell eine Verkehrsfreiheit zwischen Oesterreich und Ungarn, aber sie •wird tatsächlich aufgehabten durch das Ueberweisungssystem, wonach die Steuern demjenigen Gebiete zuzufallen haben, in welchem das Pro- I dukt konsumiert wird, was eine Verletzung der Venkehrsfreiheit und 'Errichtung einer i Zwisehenzollinie bedeutet. Da kann man doch liieht von einem freien Verkehre sprechen, wenn | gleich an der Grenze die österreichische Ware ein solches Hindernis findet, diese österreiehi- | sehe Ware dort in der Weise verzollt wird, dass! jenem Staate, in welchen sie eingeführt wird, die Steuer rückvergütet wird. Iu diesem Ueberweisungssvstem liegt aber auch eine Schädigung der österreichischen Produzenten insofern, als der österreichische Produzent, der die Ware wegschickt, dafür haften muss, dass diese Steuer dem ungarischen Staate richtig überwiesen wird. Wenn also der ungarische Konsument, der die j Ware bekommt, diese bei der ungarischen Behörde nicht anmeldet oder die Ware konsumiert, ohne sie anzumelden, muss der österreichische Produzent dafür zahlen, obwohl diese Verpflichtung den Konsumenten treffen sollte. Auch die festgesetzte Befreiung von der Abreise stand bevor. Abraham beschloss zum letzten Mittel zu greifen. — Ich lass’ Dich nicht fort, Sara, sagte er eines Abends. Sie sah ihn mit ihren verträumten Augen an, wie es Menschen tun, die über Büchern hocken. — Ich kann nicht hier bleiben . . . — Ich werde kein Geld mehr hergeben und Dü bleibst, wiederholte betrübt der Grossvater. — Ich kann nicht bleiben, sagte sie ohne Zorn, eher traurig — ich werde auf eigene Kraft ... Sie schwiegen. Nur die Lampe klirrte, wenn ein Wagen vorüberrollte, nur der Samovar summte und die Uhren tickten ... Die Grossmutter seufzte, wie gewöhnlich, gedankenlos, Sara vertiefte sich ins Lesen, Abraham liess traurig den Kopf hängen. — Was fehlt Dir Sara? — begann er wieder mit unsicherer Stimme — Du bist mir böse? Was hab ich Dir getan? . .. Die Enkelin unterbrach das Lesen, ihre Lippen bewegten sich eigentümlich, sie sagte aber nichts. — Du wolltest, dass ich mein Geld weggebe — ich tat’s, die Hälfte meiner Einkünfte ging unter die Armen ... willst Du, dass ich mehr gebe — ich tu’s . . . Ich werde nicht zögern . . Sag was ist nötig .. Nur sei anders . . . Ich habe noch viel Geld ... Er fragte, flehte sie an, mit grenzenlos liebenden Blicken seiner alten Augen. Es ist nicht das — erwiderte kurz Sara — das hilft nicht. Und fügte nichts mehr hinzu. Wieder trat Stille ein. Abraham versuchte nicht mehr zu sprechen, langsam, leise und vorsichtig trommelte er mit den dicken Fingern auf den Tisch, dann begab er sich seiner Frau zunickend, auf sein Zimmer, gebeugt, müde und traurig . . . Sara las bis spät in die Nacht. Als der Friede des Schlafes das ganze Haus erfüllte, schob sie das Buch beiseite und trat ans Fenster. Ueber der Gartenanlage glühten am dunklen, kalten Firmamente zahllose Sterne. Unlösbare Geheimnisse schienen auf dem weiten Himmelsgewölbe zu träumen . . . . Die Unendlichkeit breitete über die Stadt ihre ewigen Fittiche aus. Wenn — o, wann— fragte Saras Sehnsucht, wird von diesem fernen Himmel die Zukunft auf die Erde herabsteigen? Wann wird der neue Tag erwachen, wann wird sich der Traum der Jahrhunderte erfüllen, der Traum der Erde. Wann? Wann? , . . Die Traurigkeit ihres Grossvaters kam ihr in den Sinn, ihre .Kinderjahre, die mit Sceuergebundeiikeiit ist wohl als eine Befreiung der Steuerhandhabung in beiden. Reiehshälften: zu betrachten, aber anderseits muss man dieselbe; als eine Lockerung des Bandes ansehen, welches, bisher auf steuerpolitischem Gebiete geherrscht hat und somit eine steuerpolitische Selbständigkeit beider Hälften nach sich zieht. Dass aber diese Freiheit von. dev ungarischen. Regierung zur Verdrängung der österreichischen Produkte, zum Einsehränken des österreichischen Absatzgebietes ausgepützt werden wird, das unterliegt keinem Zweifel, wenn man die systematische Tendenz der ungarischen Regierung kennt, welche auf die Verdrängung der österreichischen Produktion geradezu hinzielt. Von diesem Standpunkte aus müssen wir auch auf das schärfste die Loslösung des Apotheker-, Handelsmäkler- und Hausiergewerbes vom Komplexe der Reichseinheit und die Sonderstellung derselben verurteilen. Wir können keinen triftigen Grund hierfür finden, denn die Verhältnisse liegen in beiden Reiehshälften nicht so, dass diese Gewerbe besonders geregelt werden müssten. Hier erblicken wir einen Vorstoss dazu, dass alle Gewerbe nacheinander separiert werden und es auf diese Weise auch zu einer gewerblichen Trennung kommt. Dagegen protestieren wir und ericlären, dass diese Regelung kein Präjudiz für andere ähnliche Fälle sein sollte. Wir sehen also, dass trotz der formellen Einigkeit eine wirtschaftliche, eine Steuerpolitik che und eine gewerbliche Separation eintritt und immer fortsehreitet. Dass durch diese fortschreitende Trennung die Unterdrückung der nicht magyarischen Nationalitäten konserviert wird, habe ich schon gezeigt. Immerhin erhalten wir durch den Ausgleich eine starke Waffe in unsere Hand, die es uns erlaubt, in den Kampf gegen die Konservierung dieser Verhältnisse, in den Kampf für die Menschenrechte einzutreten. Dieses besteht bekanntlich darin, dass die ungarischen Staatspapiere, die emittierten und noch zu emittierenden Staatsschuldverschreibungen sowie die emittierten Grundentlastungs- und S chankregal abl ösungs- Obli ga t i onen auf den österreichischen Märkten, steuerfrei werden. Es ist von vornherein Har, dass dieses Uebereinkommen, das natürlich auch sinngemäss für unsere Staatspapiere in Ungarn gilt, doch eine Konzession von grosser Bedeutung an Ungarn darstellt. Denn der ungarische Besitz an österreichischen Wertpapieren ist bei der tiefen Verschuldung des Kindes und dem grossen Kapitalmangel, abgesehen auch von der drüben gegen Oesterreich herrschenden Abneigung, die sich auch natürlich auf das finanzielle Gebiet erstreckt, nur ein minimaler zu nennen. Man hat diesem Passus gegenüber den Einwand erhoben, dass er auch eine grosse finanihm verbrachten zwei Jahre, wo sie das Geld an Arme verschenkt hatten, jene Enttäuschungen . . . und sie weinte. Das erstemal seit vielen Jahren, weinte jemand in der Wohnung des glücklichen und reichen Abraham Perelmann. Einige Stunden später, regte sich etwas in Pereimanns Wohnung. Ein Wagen fuhr vors’s Haus, dann hallten Schritte auf den Treppen, der Wagen rollte davon. — Sodann trat völlige Stille ein. Plötzlich entrang sich in Abrahams Stube aus einer Menschenbrnst ein Schmerzenschrei, der wie ein Heulen klang . . . Uebersetzt v. Amalie Scher lag. Allerlei. Ein jüdischer Knabe als Heldenpreisgewinner. Die Verwaltung der Carnegiestiftung zur Belohnung freiwilliger Heldentaten hatdem jüdischen Schüler Charles W e i s s aus dem Eaat-En t in New York einen Preis von 2000 Dollars und die Ehrenmedaille zugesprochen, weil Weiss am 28. September d. J. unter Gefährdung seines eigenen Lebens eine ihm unbekannte Frau von dem Ertrinkungstode rettete. Der junge Weiss, des en Eltern unbemittelt sind, hat die Absicht, Ingenieur zu werden, und das Stiftungskomitee beschloss, die Preissumme für die Erziehung und Förderung des wackeren Jünglings zu verwenden.

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