Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 22 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438142-2438164--0249-2439751- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
-Seite 4; J;ÜM S.CflE; vZ EI T,U N .G Nr. 22 . gesellweisst. wurde, mit der Beobachtung freiheitlicher Grundsätze in der Judenfrage schlecht besteht ist Er bat das Vorgehen vieler seiner Parteigenossen, die bei den Wahlen die Unter- . Stützung der Juden — die politische und materiielle, wie wir hinzufügen — nicht verschmähen und nach den Wahlen mehr oder minder versteckt den antisemitischen Standpunkt hervorkehren, als „politisch unanständig“ bezeichnet. Ja, dann ist — und die mährischen Zionisten .haben es seit einem Jahrzehnt behauptet — die ganze Taktik der Deutschmährer in Judensachen .eine Kette von Unanständigkeiten. So spät kommt Herrn Dr. Lecher, dem gewesenen Handelskammersekretär, der die materiellen Hilfsquellen . aller deutschen Wahlen im Lande, aller nationalen < Schutzorganisationen, aller nationalen Aktionen . genau kennt, die Erkenntnis? Was hat er dazu .getan, um dem Umsichgreifen dar antisemitischen Bewegung; unter den mährischen Deutschen Einhalt zu gebieten und gewisse moralische Pflichten der Dankbarkeit und Zurückhaltung gegen die Juden bei seinen Eonnationalen halbwegs in Einklang zu bringen mit den schweren wirtschaftlichen und moralischen Opfern, die den mährischen Juden schier ins Endlose zugemutet und aufge- - bürdet wurden? Wir sahen ihn jahrelang in engster Nachbarschaft mit den Deutschradikalen, - die dank der Duldung durch die Brünner liberale Parteileitung wuchsen und stiegen; mit der einen -Hand nehmen sie jüdisches Geld für nationale Zwecke ohne Skrupel, wo und wie immer, zu haben war, mit der anderen züchtigen sie die -schenkenden Juden, boykottieren sie gesellschaftlich, setzen sie moralisch herab, schädigen sie -wirtschaftlich. Die opportunistischen Erwägungen, die Herr Dr. Lecher gegen den Antisemitismus anruft, machen ja den Inhalt der liberalen Politik in Mähren aus. Sie war seit Jahren und ist aufgelegte Opportunitätspolitik, Freisinn leitet sie längst nicht mehr. Die Opportunitätsgründe standen, als es sich vor einigen Jahren im Nordmährer¬ und Südmährerbund um die Zuführung des Arierparagraphen handelte, im Vordergrund der Debatten, und siegten auch, als den Juden dieser Schutzvereine grossmütig eine mehrjährige Schonzeit gewährt wurde. Ist denn deutsche ehrliche, aufrichtige Pulitik gegen die mährischen Juden •angesichts solcher „Erwägungen“ ' überhaupt -möglich? Und wie viel ist der mährische deutsche Liberalismus in Wirklichkeit wert? Wie weit ist er echt? R. N. Die Juden und der Ausgleich. Aus der Rede des Reichsratsabgeordneten Herrn Doktor -Heinrich Gabel, am io. Dezember 1907 im österreichischen Parlament loh will zunächst die Aufmerksamkeit des hohen Hlauses auf die Tatsache lenken, dass wir Juden nicht nur als Industrielle, nicht nur als Händler, sondern in ebenso hohem Masse als Ackerbautreibende, als Grundbesitzer und Grundpächter ein Indas Städtchen, aus dem er stammte, wo er seine Karriere begonnen hatte, wo er ehemals noch als ein armes, unbekanntes „Jüdl* den reichen Gutsbesitzern nachgelaufen war. Beim Rabbiner erkundigte er sich nach -den Aermsten des Städtchens, die liess er dann zu sich kommen, öffnete die Tasche, gab, half und unterstützte . . . Dabei erfuhr er einiges, was ihn schmerzlich berührte. Viele seiner Altersgenossen waren bereits gestorben, manche trugen die Last schwerer Krankheiten, manche waren in vollständiges Elend verfallen. Von allen Bewohnern des Städtchens war nur er allein emporgekommen, den andern ging’s schlecht Alle Jüdinnen, die er noch als junge Frauen gekannt hatte, sassen in schmalen, armseligen Läden und wärmten die erstarrten Hände an glimmenden Töpfen. Arme Gewerbetreibende steckten weiter in ihrem Elend. Jedes Jahr kamen Kinder zur Welt ohne Zahl, ohne Ende . . . Seiner Mildtätigkeit eröffnete sich ein ungeahntes Gebiet ... Er erzählte es Sara und im nächsten Winter fuhr er wieder hin, mit einer gespickten Börse, schon aus eigenem Antriebe. Diesmal weilte er dort länger. Besuchte alte teresse an dem vorliegenden Ausgleich haben. Den Herren wird es eben unbekannt sein, dass in Galizien zirka 25 Prozent des ganzen privaten Grundbesitzes sich in den Händen der’ Ju- 'den befindet, dass von den Grundpächtern schon im Jahre 1894 48 Prozent Juden waren und dass, wenn man die verpachtete Bödenfläclie in Betracht zieht, 54 Prozent der ganzen Bodenfläche, die sich im Privatbesitz befand, . an Juden verpachtet war, wobei ich konstatiere, dass dieser jüdische Grundbesitz durchschnittlich ein Mittelgrundbesitz und kein Latifundienhesitz ist. Trotz der bekannten Verschärfungen, mit denen man immer den Juden begegnet, wenn sie sich als Ackerbautreibende betätigen wollen, trotz der allgemeinen Abneigung der Bevölkerung, den Juden Grund zu verkaufen oder zu verpachten, trofoz der Kreditschwierigkeiten, die man ihnen in Galizien in allen Banken bereitet, ist es der Tüchtigkeit der jüdischen Bevölkerung dennoch gelungen, sich als Ackerbautreibende, zu bewähren. In der. amtlichen Ausweisen des LandesausSchusses von Galizien wird ausdrücklich a n erkannt, dass der jüdische Grundbesitz intensiv* also zum Nutzen der ganzen gal ^zischen Landwirtschaft bearbeitet wird. Die Herren werden ferner wissen, dass im Jahre 1905 die Getreide Überschüsse Ungarns . 24 Millionen Meterzentner betrugen, wovon nur 15.4 Prozent ins Ausland gelangten und 84.6 Prozent nach Oesterreich gingen. An Brotgetreide führte Ungarn im Jahre 1905 16.4 Millionen Meterzentner aus, wovon nur 6 Prozent ins Zollauslanjd und 94 Prozent nach Oesterreich gingen. Von der gesamten Ausfuhr Ungarns an Mehl im Werte von 170 bis 200 Millionen Kronen geht der Hauptanteil, das ist für 132 bis 156 Millionen Kronen, nach Oesterreich. Es unterliegt gar keinem Zweifel, dass bei entsprechender Behandlung des heimischen Agrarstandesf diese Beiträge demselben Agrarstande zunutze gekommen wären und daran würden dann aueh. dle jüdischen Ackerbautreibenden teiinehmen. Es ist also ein grosser Teil der jüdischen Bevölkerung durch den Ausgleich auch wirtschaftlich benachteiligt- oder doch in demselben nicht berücksichtigt. Aber nicht nur das w i r t s c h a f 11 i c h e, sondern auch das nationalpolitische Moment bringt es mit sich, dass wir nur schweren Herzens und von höheren Gesichtspunkten geleitet für den Ausgleich stimmen können Es ist ja eine bekannte Tatsache, dass wir Juden immer das Maehtobjekt verscliiede- Bekannte und altes Elend, streichelte Kinderköpfe und sass au Krankenbetten ... Und diesmal empfand er in dem Warteraum, wo am brennenden Ofen die arme Menge die erstarrten “Hände wärmte, jene Freude, die er nun schon verstand . . . Sara hörte ihm gespannt zu mit einem seltsamen Zucken im Gesicht und beschloss mit ihm zusammen die nächste Reihe zu machen, und sie waren beide glücklich . . . Aber diesen Herbst ward es traurig. Sara hatte das Gymnasium absolviert und fuhr in eine ferne Stadt auf die Hochschule. Und nun überzeugte sich Abraham Perelmann, wie notwendig zum Leben ihm seine Enkelin war. Eine bleierne Langweile lähmte die bis nun so leichten und raschen Schritte des Tages. Es unterhielten ihn weder Tagesklatsch noch Zeitungen, weder die eigenen Geschäfte noch das Treiben auf der Strasse. Es freuten ihn nicht mehr die reichlichen Almosen, denn Saras Hände waren nicht da — und er gab immer seltener. Nur die Briefe seiner Enkelin belebten ihn. Anfangs kämen sie oft und waren lang lebhaft, voll jugendlicher Freude und Begeisterung, die die Alten nicht verstanden,, später wurden sie immer seltener, kürzer.' Abraham wunderte sich gekränkt und zählte ner Parteien waren und speziell als ein.Machtgebiet der allpolnisehen Parteien betrachtet wurden. (Zustimmung.) Auf jedem Schritt und Tritt lässt man uns erkennen, dass . »vir keine eigenen Hechte haben, dass wir eigenem Denken entsagen müssen, dass wir nur dazu bestimmt sind, als Schemel, als Diener der allpolnischen Bewegung zu dienen. (Zustimmung.) Man erlaubt uns nicht, selbständig zu denken, und als '»vir gewagt haben, unsere eigene nationale Fahne zu hissen, und wir gezeigt haben, dass die jüdische Nationalität das Bekenntnis der ganzen jüdischen Bevölkerung ist, dass die jüdische Bevölkerung endlich aufgehört hat, Fremden dienen zu -wollen, sondern nun für sieh selber eintreten will, da begann die machthaberische polnische Partei durch ihre - Emissäre, die in allen Aemtern sitzen, ja sogar mit Zuhilfenahme des Statthalters, unsere Anhänger aufs schärfste zu verfolgen und zu knechten. Es gibt keinen Juden in Galizien, der nicht eine unverdiente S t r a f e e r 1 i it t e n hätte, e s g i b t kein Geschäft in,' Galizien, welches nicht unter einer willkürlichen Handhabung des Gesetzes zu leiden hätte. In die Tausende gehen die Strafen, die für nichts und wieder nichts den Juden a u f erleg t w u r,d e n, weilsiegewagt haben, für itrenationalen Ab geordneten zu stimmen. Und das ist noch lange nicht zu Ende. Noch immer leiden wir unter dieser Verfolgung und noch immer sehen wir kein Ende. Es scheint, dass die polnische Partei diese Strafen dazu benützt, um die Juden zu erziehen, um sie einzusehüchtern, damit sie später nicht wagen, für ihre eigene Ueberzeugung einzutreten. Es scheint, dass die polnische Partei diese Strafen und diese Drangsalierungen dazu benützen will, dass die Juden erschrecken und nicht wagen, selbständig zu denken. (So istes!) Das wird ihnen nicht gelingen. Der Jude ist schon so weit gekommen/ dass er' mit' Seinem Blute seine Ueberzeugung bezahlen wird. Die rückschrittlichen Parteien werden es nicht erleben, dass der Jude, der sich von der Knechtschaft jetzt losgelöst hat, zur Knechtschaftwieder zurüekkehren wird. Unsere einzige Kettung aber liegt, wie ich konstatiere, nicht in der Einsicht der polnischen Parteien in Galizien, denn es hat sich ja gezeigt, dass die Einsieht ihnen doch nicht kommt, sondern, unsere Kettung, der Sehütiz unserer Freiheit und unserer Gesinnung liegt im Zentraiparlament, in der stanken Zentralgewalt, die, anigerufen, die Tage , bis zu ihren nicht mehr fernen Winterferien. . Endlich traf Sara ein. Blass, abgemagert, ausgehungnrt, hustend, ohne Pelz und ohne die Hälfte der Sachen, die man hier auf den Weg mitgegeben. Er fragte weshalb sie so aussgehungert sei und wo alle Sachen hingekommen wären, doch sie gab ihm flüchtige Antworten, Sie war schweigsam, wie damals nach jener ersten Szene, nur noch viel trauriger. Der Anblick der Grosseltern, der Geburtsstadt der Bekannten freute sie nicht. Sie las die ganzen Tage hindurch, schrieb Briefe und gieng selten aus. Abraham Perlmann zerbrach sich den Kopf über den Grund dieses ihres Verhaltens, er beriet sich mit seinem apatischen Weib. Er liess einen Arzt holen, erfuhr aber nichts wesentliches. Seine Lebensfreude wurde ihm zur Sorge. Er verdaute immer schlechter und es ging mit ihm abwärts. Abends vertiefte er sich in das Antlitz seiner Enkelin, die über . Büchern oder Briefen gebeugt,. dasass, in ihre bleiche Stirne und die Schatten der umränderten Augen und ihre noch immer roten aber verdriesslichen Lippen und es ward, ihm so schwer ums Herz, dass er bei dem leisesten Geräusch ungeduldig auffuhr. So verflossen einige Wochen und Saras