Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 22 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 4 . was die Grossmäuligkeit des geschwätzigen Fthrers angezeUelt bat Sie hat sieb nach Kräften bemüht zu verschleiern, was er überflüssiger- und unvorsichtigerweise von den Zielen und Wünschen der Partei enthüllt hat. Die Universitätsdebatte hat gezeigt, dass die Christlichsozialen ihre Macht- und Herrschgelüste doch noch zügeln müssen und dass das Parlament im Ernstfall gegen den auf offenen Kriegspfaden wandelnden und nach Eroberungen lüsternen Klerikalismus mobil zu machen ist Er hat die Wiener Antisemiten auf die Schleichwege klerikaler Taktik zurückgeworfen. Er ist sicher nicht minder eroberungsmutig, aber erfahrungsreicher, vorsichtiger, gefährlicher geworden. Es war interessant, wie diese Patentjesuiten antisemitischer Politik den Judenpunkt in den Vordergrund schoben und die ganze peinlich gewordene Angelegenheit auf das bequemere Gebiet des Antisemitismus hinüberzuspielen wussten, als sie sich als Klerikale in flagranti ertappt und sich in die Enge getrieben sahen. Sowie sie ihren offenbaren Rückzugmeisterhaft zu drapieren- und ihre moralische Niederlage in einen parlamentarischen Erfolg umzulügen versuchten und verstanden, so haben j sie auch, als es schief ging, mit dem Antisemitis- > mus jongliert und mit dem Schlagwort von der Verjudung der Universitäten die Richtlinien j der Debatte verrücken wollen. Es ist nur zum Teile gelungen. Aber immerhin hat auch dieser! Teil der Debatte die wünschenswerte Aufklärung i gebracht. Es muss anerkannt werden, dass der : Abg. Redlich, mit einem bei getauften Juden | sonst ungewöhnlichen Freimut und mit aller ' Offenheit, das Schlagwort von der Verjudung der i Hochschulen einer gründlichen Kritik unterzog und j auf das richtige Mass zurückführte. Der Herr Bürgermeister hat im markierten Rückzugsgefecht vergeblich durch antisemitisches Geschrei seine Niederlage bemänteln wollen. Es war eine Niederlage des radikalen, kraftmeierischen, lärmenden Klerikalismus. Wie er, hat auch der schreiende, nach offener, praktischer Tätigkeit lüsterne Antisemitismus die Fahne eingerollt Nur Minierarbeit ist das Geheimnis ihres Erfolges. Latenter Antisemitismus und latenter Klerikalismus bleiben das par nobile fratrum, das in der österreichischen ■ Politik dominiert und inden Ministerien sich behaglich einzunisten beginnt. Es wird auf Seite der österreichischen Juden an Verlockungen nicht fehlen, aus der blossen Tatsache der Universitätsdebatte und ihrem Verlaufe weitreichende Schlüsse auf eine liberale Renaissance zu ziehen. Ja, die Wähler der Herren Hock und Ofner, die in einem Kulturkampf französischen Stiles ihr politisches Ideal und ihre Führeraufgaben sehen, werden sie vielleicht als Ouvertüre dieses Kampfes willkommen heissen. Es scheint aber, ausserhalb des Leopoldstädter und Alsergrunder Wahlkomitees will man solch einen Kulturkampf nicht und sehnt-sich nicht nach ihm. Die Politik der Portefeuilles diktiert dem Freisinn die berühmte mittlere Linie. Man betont ihn programmatisch, lässt ihn praktisch im Stich. Wie schwächlich, jämmerlich feig haben sich zum Beispiel die engeren Parteigenossen der Herren Derschatta, Marchet, Peschka gegen die klerikale Anmassung zur Wehr gesetzt! Sie Hessen andere, durch Portefeuillerücksichten nicht gebundene Antiklerikale den Kampf führen und hielten sich ängsüich im Hintergrund. Jubelten wohl darüber, dass klerikale Schlauheit ihnen eine Kampfesabstimmung, ein resolutes Veto gegen die christlichsozialen Eroberungstendenzen ersparte. Der Grad des Freisinns der deutschbürgerlichen Abgeordneten ist abhängig von der Bewegungsfreiheit, die ihnen die Christlichsozialen einräumen, und von der Gnade, mit der diese die deutschvolklichen und deutschfortschrittffchen Minister im Ministerrat beehren. Je mehr Deutschfreisinnige durch das kaudinische Joch der Christlichsozialen auf die Ministerbank gelangen, desto mehr werden ihre Parteigänger im Parlamente Gefangene der Luegerei, desto geknebelter ihr Freisinn. Sie sind einander wert, die Jongleure des klerikalen Antisemitismus und die Jongleure des deutschbürger- Hchen Freisinns. ' * * * In den Reden der Herren Noske und Wrabetz wurden die Juden ein Jahrzehnt lang damit vertröstet, dass der Liberalismus wieder auferstehen und der Antisemitismus schwinden müsse. Es war der ewige Refrain in ihrem eintönigen poUtischen Liedchen für den armseligen Wald- und Wiesenliberaüsmus Wiener Kouleurs. Der politischen Weisheit letzter Schluss. Lange haben wir die Walze nicht mehr gehört. Die neuliberale Partei in Wien betreibt das politische Geschäft unter funkelnagelneuer Firma, mit frischen Versammlungskräften, neuzurechtgelegter Phraseologie. In der Provinz haben die Deutschliberalen längst mit nationalen Allüren das schadhaft gewordene liberale Prestige adaptiert und mit den abgestandenen liberalen Phrasen konnte man höchstens mährischen Khillemenschen — und auch nur den ganz naiven — kommen. Herr Dr. Otto Lecher, der deutschfortschrittliche Abgeordnete Brünns, ist letzthin in einer Brünner Versammlung in den alten Ton verfallen. Er hat das prophetische Wort gesprochen: „Der Antisemitismus in unseren Reihen wird sich überleben, muss überwunden werden, die Zeit der Erfüllung ist nicht mehr ferne.“ Und dann: ,Auch der deutsche Liberalismus in Oesterreich wird bald aus seinem Schlafe gerissen werden.“ Das war Musik für das Ohr der Brünner Juden, die ohne weiteres daran glauben. Solchen Propheten sind die Juden stetswillig und gerne gefolgt, haben darob an sich selbst vergessen. Was vergisst so ein treudeutscher Jude nicht alles um die deutschfreiheitliche Einheitspartei! Ein Deutschfortschrittlicher braucht hie und da theoretisch den Antisemitismus zu verdammen, ihn als Unglück der Deutschen in Oesterreich zu böschwören — und der Partei, die noch vor wenigen Monaten schmählichen Verrat an ihren jüdischen Nachläufern geübt, wiid alles verziehen. Dr. Lecher selbst hat die Existenz einer deutschfortschrittlichen Partei auf reichsrätlichem Boden geleugnet und durchbücken lassen, dass es innerhalb der deutschfortschrittlichen Vereinigung, die nur zu taktischen Zwecken, zur Erlangung von Ausschussmandatan u. dgl. — ohne Leitung, ohne Programm, ohne Klubzwang — zusammenist in der letzten Zeit nichts geändert, die Tätigkeit des „Hilfsvereines deutscher Juden“ sieht ganz anders aus, als diejenige der Iea, aber auch die letztere beginnt mehr und mehr auf die Völksstimme Wert zu legen. Aber die Entwicklung der Selbsthilfe unter den breitesten Volksschichten hat einen grossen Wert nicht bloss wegen der positiven Resultate. Nicht minder wichtig sind die negativen Resultate. Diese bestehen darin, dass gerade durch die angestrengten Versuche die Lage der Juden in der Diaspora zu verbessern am allerbesten die Aufklärung darüber geschaffen werden kann, wie wenig unserem' A7olke in der Diaspora geholfen werden kann. Täuschen wir uns nicht: für den überwiegendsten Teil unserer Masse besteht aas ganze jüdische Problem nur darin: ist es möglich, ihre wirtschaftliche Lage hier radikal zu verbessern oder nicht? Die russischen Juden glaubten, dass die russische Revolution ihnen die Möglichkeit geben wird, nicht bloss ruhig, sondern auch gut leben zu können. Noch heute aber glaubt ein grosser Teil unserer Juden — nicht bloss im Osten, sondern auch im Westen — dass wenn die russische Revolution gelingt, die Judenfragc verschwinden wird, weil sie die - Judemfrage bloss als Brotfrage betrachten. Nun gut! Xebmen wir an, dass dieser Gesichtspunkt der richtige sei. Nur eine fortwährende Tätigkeit auf diesem Gebiete könnte die wirklichen Möglichkeiten aufdeeken. .Dann erst wird es allen klar werden, dass sogar die ökonomische Seite der Judenfragc in der Diaspora nicht gelöst werden kann. Und da die jüdische Not nicht bloss auf dieses oder jenes Land beschränkt ist, sondern umfasst alle Ghettos der alten und neuen Welt — die aufgedrängten, und die selbstgeschaffenen Ghettos — so muss die gegen die Not gerichtete Tätigkeit organisiert sein, aber auch organisierend wirken. Dabei werden einige Verbesserungen erzielt werden, aber auch die unübersteigbaren Grenzen der Verbesserungen werden ebenfalls enthüllt werden. Die Tätigkeit auf wirtschaftlichem Gebiete muss deshalb ebenfalls eine wichtige Stelle in unserem Gegenwaifsprogrannw einnehnien. Politische Rundschau. Eine Art Freisinnsparade hätte die Abstimmung über den Dringlichkeitsantrag Masaryk werden sollen. Hie klerikal, hie antiklerikal! So war die Parole gemeint. Die Christlichsozialen und Polen haben durch einen schlau ausgeklügelten Schachzug diese Absicht durchkreuzt und die Universitätsdebatte hat geendet wie das Hornberger Schiessen. Sie war trotz alledem nützlich, nötig und lehrreich. Parlamentarische Taktik hat korrigiert, das ist schwer zu ertragen! . . Du bist schlecht und geizig . . . Sperrst Dein Geld ein . . . Um uns herum ist Elend ... Du siehst es und freuest Dich! Ich gebe, wenn es notwendig ist — verteidigte sich der Grossvater — das erstemal seiner Enkelin zürnend. — Ja, ein Almosen! Das ist so viel als nichts . . . Und den Kopf schüttelnd mit glänzenden Augen sprach sie lange und hef- . tig von Geld und Elend, von Recht und Unrecht, von Unterdrückung und Leid . . . . Ihre Worte waren bitter, scharf und spitzig. . . So kann das länger nicht gehen, vollendete sie — ich ertrage es nicht. Alle beneiden mich ... ich lese es in ihren Augen, dass sie Dich hassen, und dass sie mich hassen ... Und sie drohte ihm, das Haus zu verlassen. Im Zimmer herrschte nun Schweigen. Nur die Lampe klirrte, wenn ein Wagen vorüberrollte, nur der Samovar summte, nur die Uhren tickten . . .... Der Alte Hess den Kopf hängen. Er streichelte nicht mehr seinen Bart und lächelte auch nicht.; ■ S.ara stand geärgert abseits und atmete schwer* wie ein Schwimmer, der nach einem langen Kampfe mit den WeUen endlich das Ufer, erreicht hat. Sie sagte nichts mehr, sie lächelte bloss, in diesem Lächeln aber war Gift — un i sie entfernte sich. Von nun an sprach sie nicht mehr mit ihnen. Sie kam aus der Schule nach Hause, speiste zu Mittag und stahl sich dann in die Stadt hinweg, man wusste nicht wohin und wozu, kehrte spät heim und schloss sich in ihrem Zimmer ein. Ihr schöner, warmer Pelzmantel war plötzlich geheimnisvoll vom Vorzimmerrechen verschwunden. Sie trug jetzt eine leichte Herbstjacke, verkühl te sich und hustete. Abraham Hess nun ernstlich den Kopf hängen. Er seufzte oft und wurde aufbrausend gegen seine Bekannten; sah zwar auf die Strasse hinaus, aber nur mehr aus Gewohnheit, sein Verdauungszustand verschlimmerte sich und auch der Arzt half nicht mehr. Endlich eines Abends, konnte er nicht mehr an sich halten und fragte leise ohne die Enkelin anzusehen: was soll ich also tun? ... Sara blickte ihn mit ihren leuchtenden Augen an. Fragst Du im Ernst oder? . . . Im Ernst ... So hör’ denn zu ... . Ein rascher, feuriger Redestrom ergoss sieh von ihren Lippen. Sie sprang vom Sessel auf, r schüttelte den Kopf, gestikuherte, griff in die Tasche des Grossvaters und schüttetegold’nen Regen . . . Geben, geben und immer geben — flüsterte Sara und lächelte so hell wie ehemals. Er gab nach. Die Tochter des armen Uhrmachers fuhr nach dem Süden, der versetzte Pelzmantel wurde ausgelöst, aus Perelmanns Wohnung ergoss sich ein Geldstrom und floss immer reichlicher. Die Stadt wunderte sich, Abraham seufzte, indem er die Kassa öffnete, Checks unterschrieb. Sein altes Weib starrte mit schlaftrunkenen Augen, aber in dem Hause brannte, wie ehedem, gleichsam wie eine verzauberte Lampe, das Glück . . . Zu Perlmanns Ohren drangen Nachrichten über die aussergewöhaliche Liebe der Kolleginnen und der Armen für Sara, die man „Perle“ nannte. Sara lachte wieder, küsste ihre Grosseitem und plauderte; der Alte freute sich über die Heiterkeit, die er bis nun nicht gekannt und nicht einmal verstanden hatte, Saras Forderungen wurden immer grösser. Er seufzte, ward böse, führte zu Hause die grösste Sparsamkeit ein, aber er gab nach. Sie hatten sogar eine eigenartige Sache •besprochen. In der Zeit der strengsten Fröste fuhr er in einem kostbaren Pelz in