Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 22 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 22 aller Schärfe betont .werden: Eine Bitte um Gnade ist keine Aktion des Judentums und kann nie eine solche sein, das Gnadcugc such be- -■deut-etkeine Verzicht leis t-ungauf die Gerechtigkeit, n a e h d e r wir für Hilsner seit acht J aliren vergebens r u f e h. Mag e s E r f o 1 g h a b e n oder nicht, wir werden nicht aufhören, i nv N a in e n des Gesetze s, i m Namen unserer Menschenwürde, i ’m Namen r e c h t su n d k u 11 u r staatlicher Prinzipien, Beeilt zu fordern für jeden, auch wenn er Jude ist und Leopold Hilsner heisst. Die Grundlagen des zionistischen Gegenwartsprogrammes. Von Dr. D. Pasmanik (Genf). III. Wir haben festgestellt, dass der Hauptzweck unseres Gegenwartsprograunnes die Organisation des ganzen jüdischen Volkes ist. Das erste Mittel dazu ist die reale Palästinaarbeit. Aber damit ist noch nicht alles getan. .Wir müssen immer aus dem schon - Existierenden ausgelien, um Neues zu schaffen. Das ist ein Gesotz jeder ge- - setzmäasigen Entwicklung. Fragen wir uns, wodurch ist jetzt das Judentum der Diaspora vereinigt. Darauf weiden viele antworten: durch die Heligion. Nun behielt diese Tatsache ihre Vollgültigkeit nur bis zu Ende des 18. .Jahrhunderts; jetzt ist diese Tatsache nur in - bezug auf einen Bruchteil des Judentums an- wendbar. Wir müssen offen zugestehen, dass die Heligion nicht mehr als nationales Einigungsband dienen kann — ebensowenig bei uns Juden; wie bei anderen Völkern. Icli gehöre jedenfalls nicht zu denjenigen, die der Beligion überhaupt und. ganz liesonders der jüdischen jedwede organisatorische Kraft ahspreehen. Ich liebe die jüdische Beligiön liesonders hervor, weil sie mit einer Masse nationaler und sogar staatlicher Elemente vermengt ist. Aber trotzdem kann ich mir einfach nicht vorstellen, auf welche Weise die Beligion zum Objekt unserer Energieentfaltung werden könnte. Da können wir nichts machen. Ganz anders verhält es eich mit unserer nationalen Kultur. Aller vor allem eine wesentliche Vorbemerkung. Eine normale Kultur kann sieb nur auf dem Boden einer normalen Wirtschaft entwickeln. Unser Volk, das in. der Diaspora keine normale nationale Wirtschaft besitzt, kann auch da keine normale nationaleKultur schaffen. Und wenn man darauf hinweisen wollte, dass die Juden in der Diaspora — in Babylonien —unsere nationale Kultur geschaffen haben, so; muss man dabei zwei Dipge nicht vergessen: erstens, ist kaum die in Babylonien geschaffene Kultur normal, denn ihr Zweck war bloss, zu konservieren, alter nicht zu entwickeln und zweitens, muss man nicht ausser acht lassen, dass die Juden Babyloniens eine fast normale Wirtschaft besassen, indem sie auch eine Ackerbauklasse in ihrer Mitte besassen. Dazu kommt noch etwas hinzu:,damals hatten die Juden um sich herum kulturejl niedrigere Völker, während sie heutzutage von dey hochentwickelten europäischen Kultur beeinflusst werden. Seit jener Epoche konservierten die Juden das Vererbte, alter neue dauernde KnltuTwerte hat seitdem das Judentum der Diaspora nicht geschaffen. Oder es hat neue Werte in einer fremden Sprache für fremde Völker geschaffen, oder es hat bloss die theologisch-philosophische Pilpulistik entwickelt. .Alles sehr zweifelhafte Werte, und wenn wir hierher auch das ehassidisehe Schaffen hinzureehnen. Erst in. der letzten Zeit beginnt wohletwas wirklich Nationaljiidisehes — dank dem Zionismus — geschaffen zu werden. Alter was für ein .geringer Teil unseres Volkes nimmt äh dieser neuen Kultur teil! Und nun. vergesse inan eins nicht: Kultur ist nicht bloss Spräche und Literatur, sondern etwas mehr — die nationale Eigenart des ganzen Volkslebens — des wirtschaftlichen, politischen und geistigen Lebens. Wissenschaftlich kann Kultur nur in diesem Sinne verstanden werden und da muss jeder zugeben, dass diese Kultur nur in einem gesunden Volksorganismus sieh entwickeln .'kann. Das Judentum der Diaspora ist alter kein normaler Volksorganismus und deshalb kann da keine vollwertige nationale Kultur entstellen. Und trotzdem sind wir vollständig mit Perez einverstanden, der vor kurzem erklärt hat, dass wir eine Kultur schaffen müssen, die unser ganzes Volk umfassen würde. Ueber das Müssen kann gar nicht gestritten werden, sondern bloss über das Können. Alles können wir in der Diaspora nicht schaffen, aber etwas wohl. Und das müssen vor allem die Zionisten schaffen, denn diese Arbeit ist ein integraler Bestandteil ihres Gogenwartsprogrammes. Elten deshalb, weil die nationale Kultur, so schwach entwickelt und sogar so anormal sie auch sein mag, zu den mächtigsten Organisationsfaktoren gehört. Wir können dasselbe auch an anderen Völkern oder \Tolksteilen beobachten, die ebenfalls nicht alle Attribute. eines normal-nationalen Lebens besitzen. Es kanmgar nicht bezweifelt werden, dass auch jetzt die jüdische Literatur, die jüdische Kunst mächtige Faktoren der jüdischen Volkseinheit bilden. Deshalb ist es notwendig, dass die Zionisten ihre zerstreunicht verstanden. Und so ging es während des Mittagessens, wonach sich Abraham schlafen legte, Sara aber nach den Büchern griff. In der Dämmerung erwachte Abraham und ging dann noch in den Pantoffeln, in derangierten Kleidern in sein Kabinett, wo Schränke mit alten grossen und bestaubten Büchern standen, und wo ihn Interessenten, Untergebene und Freunde erwarteten. Sie trugen ihm Tagesneuigkeiten vor, denen er gierig zuhörte, indem er seinen Bart glättete und lächelte. Das Zimmer füllte sich mit Rauch, Lärm, zuweilen drang auch die Stimme der Enkelin, die ihre Lektionen lernte — herein. Abraham erkundigte sich bei seinen Gästen nach protestierten Wechseln, Konkursen, Geschäflskniffen, geschickten Transaktionen, Krankheiten und Todesfällen. All das unterhielt ihn. Bald bedauerte er jemand, bald rügte er, bald unterschrieb er einen Wechsel, oder langte in die Tasche nach einem Goldstück, um einen Armen zu unterstützen . . . Irgendwo in der Ferne floss das Leben in einem wechselnden, stürmischen Strom ^— und er sah ihm zu, aus sicherem Versteck, wie ein Zuschauer im Theater von seinem bequemen Sitz in der ersten Reihe, dem Drama auf der Bühne — zusieht. Abends gingen die Gäste auseinander und sie blieben wieder allein. Man brachte Tee, die Frau strickte. Sara nahm ein Buch und las. Der Grossvater betrachtete sie, ihren Kopf mit dem dunklen, kurzgeschnittenen Haar, und die dunkelroten Lippen, er, freute sich, dass sie ins Gymnasium ging, dass sie studierte, gebildet war, dass er für ihre Erziehung Geld hatte und dass ihm nichts drohte . . . Der Samovar brodelte und wieder klirrte die Lampe, wenn ein Wagen vorüberrollte. Dieses Treiben war ihr fremd, denn die Wagen fuhren ins Theater, zu Unterhaltungen und Bällen ... Es geschah auch zuweilen, dass sich Sara vom Buche losriss und mit funkelnden Augen den Inhalt der Lektüre erzählte, eifrig, feurig, verzweifelt, glückselig ... Er hörte zu — das war eine andere Welt, eine unbekannte, weite, gleichgiltige, aber er hörte mit Interesse zu, weil sie, Sara, es erzählte, weil es von ihrer Bildung zeugte. Er streichelte seinen langen weissen Bart lächelte und lauschte. Weshalb lächelst Du? —entrüstete sich die Enkelin — all das ist ja so traurig, so schrecklich . . . Arme Menschen! . . . Er aber vermochte nicht sein freudiges Lächeln za unterdrücken. Und je älter Sara ten Kräfte vereinigen behufs Entwicklung der jüdischen Kultur, soweit es überhaupt möglich ist. Vor allem die Entwicklung unserer nationalen Sprache und der in dieser Sprache geschriebenen Literatur, die Ausbreitung der Kenntnisse unserer Sprache und Literatur und dann muss man alle Surrogate unserer nationalen Kultur, wohin auc-h unser Gomehidelebcivgehört, ausnützen. Um diese nationale Arbeit zu leisten, werden sieh die Juden aller Länder vereinigen müssen. Auf diesem Arbeitsgebiete werden die Zionisten die Mitwirkung anderer jüdischen Elemente nicht vermissen. Audi das können wir heute schon in allen Ländern konstatieren. Da wir hier kein detailliertes Programm schreiben wollen, sondern nur die grundlegenden Prinzipien feststellen, so begnügen wir uns mit dem eben Gesagten. Aber das genügt schon, um klar zu machen, wie einseitig von vielen Zionisten das Losungswort bezüglich der Eroberung der Gemeinden verstanden wurde. Nicht uoi die Eroberung einer Macht, sondern um die Nationalisierung des Gemeindelebens handelt es sich. Der d r i 11 e Faktor, der einigend auf das ganze J u den tum wirken muss und kann, ist die den wirtschaftlichen Bedürfnissen unserer Masse gewidmete Tätigkeit. Hierher gehören: verschiedene, die Emigration regulierende Institutionen, die für die arme Masse geschaffenen Einrichtungen behufs Gewährung billigen Kredits, verschiedene Organisationen, um gegen das wirtschaftliche Boykott zu kämpfen, professionelle Handwerkerscliulen und -Kurse usw. Auch auf diesem Gebiete können wir hier in der Diaspora nur halbe Arbeit leisten-. Aber auch diese Tätigkeit hat eine sehr wichtige Organisator isch-einigenxle Bedeutung für unser ganze.« Volk. Sie muss die verschiedenen Teile unseres Volkes einander näher bringen; faktisch beobachten wir schon jetzt diese Annäherung. Jetzt aber leidet diese Tätigkeit an allen Fehlern der Philanthropie, sehr oft sogar — der gefühllosen Philanthropie. Diese ganz unerwünschte und schädliche Seite dieser Tätigkeit-wird in dem Masse verschwinden, als die eigene Initiative des Volkes steigen wird. Da ist für die Zionisten ein breites Arbeitsfeld. .Pflicht der Zionisten ist es, alle die Institutionen und die Tätigkeit, die die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der jüdischen Masse verfolgen, zu demokratisieren. Die Bolle der Zionisten besteht eben niclit darin, über die Philanthropen, zu schimpfen — das . nützt sehr wenig — sondern das Selbstbewusstsein und die Selbsthilfe der Massen zu entwickeln: dann werden die östlichen und westlichen „Wohltäter“ ihre Tätigkeitsmethoden ändern: sie werden dann die demokratischen Grundprinzipien anerkennen. Auch in dieser Beziehung wurde, desto seltener sprach sie ihm von ihren Büchern. So fing er manchmal selbst an und fragte nach dem Titel oder dem Autor eines Buches, sie aber speiste ihn mit einigen Worten ab und las weiter. Ihr Wesen ärgerte und kränkte ihn, nichtsdestoweniger flössen weiter die Tage dahin ebenso und hell leicht wie früher. ., KeinKummer, keineErschütterungen. Die Tage des Lebens gingen gleichsam auf Zehen um ihn herum, Sorge und Trauer wagten nicht in seine Wohnung zu treten. . , Ein heiterer Sonnenuntergang. . . Bis die Erschütterung kam. . . Sara war bereits in der VII. Klasse. Seit einigen Monaten schweigsam und unwillig, brach sie eines Abends unerwartet los. Sie begann mit Kleinigkeiten: Mit der Krankheit irgend einer Kollegin, der Tochter eines armen Uhrmachers, für die sie um eine grosse Unterstützung bat, um sie nach dem Süden zu schicken. Ich werde geben —sagte.-Abraham — wenn auch andere geben — Ich bin nicht der reichste! Alles kann ich nicht hergeben Sara erbebte vor Empörung. — Das ist nicht wahr — schrie sie auf — Du bist der reich ste! Ich weiss es . . . schön seit langen weiss ich es! . . . Alle sagen es . . . und alle beneiden Dich . . . Dich and mich . . wssaBKmmm