Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 22 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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□-:-:-:-:-■_ Redaktion, Administration und Wochenschrift. J . ' - L Ab j nnementspreis»: Inseratenaufhahme: Erscheint jeden Freitag. In Oesterteich-Uagarn: IX., <f>äFl{ei)stFasse 9* Ganzjähr. K 10.— halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Telephon Nr. 14.199. ln Deutschland: _ Verkaufstellen in Wien: Administration, Türkenstrasse Nr. 9. Ganzjähr. Mit. 10.—, Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr Z eitungsbur e au Goldsehipiedt, I., Wollzeile Nr. 11. halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. j vormittags. n-r Einzelne Nummern 20 Heller. Im übrigen Ausland ganzj. Frcs. 15.—. I □ _ .. _ . _.. □ Vertretungen in dep Provinz: In Brünn : Zeitnngsbnreau, Ferdinandgasse. — In Prag: Zeitung.sver;chleiss Wlczek, Graben 33. — In Lemberg: Karl Bach9tab. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig ■. -■ ■ .'--"-'"f ' , r.—.1 ,..'j ,. ■" 1 Nr. 22. Wien, Freitag, den 13. Dezember 1907. i. Jahrgang. Recht, nicht Gnade! Die Kitualmonl'gläuIngen aller Nationen und Stände haben'nach einem Opfer ihres Pöbelwahns gelechzt und Leopold Hilsner ward ihnen geopfert. Nach einem Tendenzprozess feldimmster Sorte nnd durch zwei Fehlurteile empörendster Art. Seit acht Jahren hiisst er hinter Kerkermauern die schwere Selndd, als Jude.geboren zu sein. Der Fall Hilsner hat die österreichische Justizgeschichte um ein Denkmal unauslöschlicher Kulturschande bereichert und hat eine Literatur gezeitigt, in der Kriminalisten. Gelehrte. Politiker. Schriftsteller von hang und Kamen sieh vergebens bemüht haben, die Ungeheuerlichkeit des Prozessverfahrens und die Offensichtlichkeit des begangenen Justizmordes darzutun. Sie haben für eilte Wiederaufnahme des Verfahrens überreiches Material geboteii, .die. moralische. Süchtigkeit, des abge- TSBÄeh Prozesses lind die schwankende, mit allen Mitteln der Parteidemagogie und Massensuggestion konstruierte Basis des Urteils überzeugend nacbgi-wiesen. Alle Register wurden aufgezogen: mit wissenschaftlichem Ernst und unzweifelbaivm Tatsachenmaterial haben anerkannte Autoritäten an die llechtsüherzeujmng appelliert, mit ehrlichster Entrüstung wurden Menschlichkeit und Gesittung angerufen, das Heehtsgefülil der weiten Oeffentliclikeit und kompetenter roehtsbehördlieher Faktoren wollte man wecken. Alles vergebens. Nichts rührte sich, alles blieb beim Alten. Die politische Raison und die Angst vor den bösesten Instinkl’arteien zuliebe, die den Fall Hilsner so bestialisch raffiniert zur cause eelebre der Ritualmordpropaganda umzugestaltou wussten mul aus ihm für politische Nebenzwecke mit Virtuosität Kapital schlugen, wurde ein offenbarer Justizmord sanktioniert, das Recht gebeugt, die ' Wahrheit vergewaltigt, die Kultur geschändet, ein ganzes Volk in ITilsners Person blutig gehöhnt und beleidigt. Wie viele wurden sieh dessen vollbewusst? Wie viele Christen? Und seien wir offen: wie viele Juden? Welchem denkenden österreichischen Juden, ja welchem denkenden Oesterreicher überhaupt, muss nicht die Schande des Polnaer Prozesses, in dem das Sehuhlverdikt der Geschworenen so schamlos vorbereitet und erzwungen wurde, auf der Seele brennen? Quieta non movere:: es scheint die Losung aller zu sein, die dem ungelösten Rätsel des Hilsnerfalles scheu ausweielpen. Der Mensch Hilsner, der ja an sich ni<&&™l Interesse und, ./Sympathie. erwecke» konnte, wurde auffallend rasch vergessen. Die Kimdgebungen einzelner, die sieh immer wieder zum Protest erhoben, ver- ' hallten ungeliört. Masaryk, Liszt. Burekhardt, Nordau, Nussbaum. Kral konnten die Rechtskraft des Urteils nicht erschüttern, das Schicksal des armen Verurteilten nicht ändern. Schon der schwache Widerhall in der Oeffentliehkeit schloss so optimistische Erwartungen aus. Es ist traurig, alter wahr: auf dem Wege des Rechtes, des Appells an das Rechtsbewusstsein und die Menschlichkeit der Masse nnd der Behörden ist nichts zu holen. Die Mittel scheinen erschöpft. Hilsners Schicksal scheint besiegelt. Ein ten der Bestie, die in der Masse steckt, haben; Recht und Gesetz niedergerungen. Politischen 1 Zufall nur kann ihn retten. Das Recht wird ihm beharrlich vorenthalicu. Vielleicht kann ihm kaiserliche Gnade die langentbehrte Freiheit wiedergeben. Ein Wiener Advokat. Dr. Friedrich El'bogen. hat im Namen der unglücklichen Mutter Hilsners den Gnadenweg betreten. Ein Sehritt privater Natur, mit dem die Oeffentliehkeit eigentlich nicht alarmiert. zu werden brauchte. Aber dem Herrn Dr. El bogen handelt es sich nicht um das Gnadengesuch eines Anwaltes, überreicht von einem Advokaten innerhalb des beruflichen Wirkungskreises. Er plant — wie konstatiert werden muss, auf eigene Faust, ohne Mandat der bei einer Massenaktion mitinteressierten jüdischen Kreise — eine Massenkundgebung, eine organisierte, gross angelegte Aktion. Massenuntersehriften sollen für das Gnadengesuch gesammelt werden! Sie sollen abgegeben werden zum Zeichen des Protestes gegen die unerhörte, schamlose Besudelung eines ganzen Volkes, die /schon so viel Unheil über.dieses gebracht, die so unselige Leidenschaften Entfesselt bat lunt "die eine ernste Gefahr für Kultur und Sitte bedeutet. und auch dem anständigen gebildeten Christen soll Gelegenheit gegeben werden, Verwahrung einzulegen gegen das empörende Unrecht. das an einem Einzelnen verübt wird und gegen die mutwillige, entwürdigende Verleumdung der jüdischen Gesamtheit, Gewiss, die Absicht ist gut. Ob es zweckmässig, ob es erfolgversprechend ist. eine solche Aktion an ein Gn a d e n g e s u e b anzuknüpfen, auch ob der u n mittel b a r e Zweck dieses Einschreitens gefördert wird, wenn Herr Dr. Elbogen einen weitmaschigen Apparat von Komitees und Petitionen in Bewegung setzt, mag freilich zweifelhaft erscheinen. Jedenfalls nmss Eines mit FEUILLETON. Oie Enkelin. K. Zdziechowski. Dem Kaufmann erster Gilde in Ugodzin Abraham Perelmann ging es in seinen Geschäften vortrefflich. Er besass zwei Häuser, Kapitalanlagen in. gewinnbringenden Unternehmungen, ausserdem hatte er jederzeit Bargeld in seiner Kasse, das er auf kurze Fristen, doch zu hohen Zinsen verlieh. Minder günstig verlief ihm sein Leben in anderer Beziehung, denn er hatte seit langem Söhne, Töchter und Enkel verloren, bis auf die einzige Enkelin Sara, die sein Augapfel, sein Herzblatt, sein Älterstrost war. Dennoch hielt Ugodzin Abraham Perelmann für einen sehr glücklichen Menschen; man beneidete ihn allgemein und umgab ihn mit jener ergebenen Hochachtung, die wir gewöhnlich für den Reichtum empfinden. Abraham Perelmann spielte in der israelitischen Gemeinde Ugodzins die Rolle eines Patriarchen, Schiedsrichters, Beraters und eines Sittenzensorsj Abraham Perelmann, genoss auch den Ruf eines guten Menschen: Er empfing bei sich alle herzlich, versagte nur selten seine Hilfe, kargte nicht mit Bemerkungen, Ratschlägen, Anleitungen — und er halte einen scharfen Blick in Gesehäftssachen, gestattete jedem sich auszusprechen, redete selbst viel, zeigte nicht eine Spur von Hochmut, die bei jenen so üblich ist, die sich ein grosses Vermögen erworben haben . . . Und wie er sich selbst, so hätten auch die Menschen ihm nichts vorzuwerfen. Das Leben floss ihm an der Neige licht und leicht. Ein heiterer Sonnenuntergang. . . Seine Tage waren einander ähnlich. Er stand früh auf, betete, nahm Teil an dem Frühstück seiner Enkelin Sara, die das Gymnasium besuchte, packte ihr eine Semmel in die Schultasche, geleitete sie ins Vorzimmer, aufpassend, dass sie sich entsprechend kleide, horchte einen Augenblick auf ihre raschen Schritte auf der Holztreppe bis unten das Tor ins Schloss fiel, dann kehrte er ins Zimmer zurück, setzte sich an seinen Platz, faltete die Zeitung auseinander und durchflog die Spalten; die Telegramme flüchtig, die Lokalnaehrichten mit Interesse, den Handelsteil aufmerksam. Hierauf trat er ans Fenster und blickte auf die Strasse hinaus. Er betrachtete die vorüberrollenden Wagen und Vorübergehenden. Seit vielen Jahren in dieser Stadt heimisch, erkannte er die Menschen, erriet das Ziel ihrer Wanderung — und selbst gesichert, seiner Existenz gewiss, liebte er es in dieses Treiben voll Hast, Kampf und Kummer — zu blicken. „Kaplan hat heute einen Wechseltermin, womit wird er bezahlen? dachte er — er wird’s nicht zahlen. . . Und wenn er’s zahlt . . . Dort wird er’s herauspressen und so geht’s jeden Tag, es ist schwer. . . Jrim schliesst den Kaufvertrag über den Waid ab. . . ein gutes Geschäft. . . Schmulowicz holt den Advokaten der Gegenpartei ein. .. das macht man nicht auf der Strasse . . . so unvorsichtig. . . . Lejserowski ist schon zurückgekehrt . . . o, der wird sich herausarbeiten . . .“ So dachte er nach seinen weissen Bart streichelnd, während die von der Decke herabhängende Lampe erzitterte, so oft ein Wagen am Hause vorüberrollte. Um drei Uhr kehrte Sara aus dein Gymnasium zurück, hungrig, mit glühenden Wangen und: heiter. Während des Auskleidens erzählte sie lachend, manchmal empört, oder auch mit Tränen (sie empfand alles sehr lebhaft) die Vorgänge in der Schale und erwähnte Dinge, die die Alten