Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 21 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2438141-2438142-2438163--0238-2439739- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 21 Die Wiener Danken gehen hin. machen ein gutes Geschäft und im Momente der Not ziehen sie sich rechtzeitig zurück. (Abgeordneter Dr. Ko lisch er: Das ist immer so!) Wenn es immer so ist, Herr Kollege, so müssen wir dagegen auftreien. öffentlich dagegen protestieren und sagen, dass es anders werden soll. Nun werden mich die Herren fragen: Sie sprechen hier im Interesse der Banken, der Landesbank, der Sparkasse. Wir kommen Sie dazu? Ich muss die Herren sofort aufklären: Ich wurde von diesen absolut nicht darum ersucht; ich glaube sogar, sie werden sich dagegen wehren, dass ich sie verteidige. Aber ich wehre mich auch allein dagegen. Wenn ich hier spreche, so tue ich es nicht im Interesse dieser Banken. Denn wenn ich auch finanztechnisch zugebe, dass die Banken, wie die Landesbank und die galizische Sparkasse, sicher gut und solid geführt werden, so muss ich anderseits, was die politische Seite anbelangt, als Jude sagen, dass ich mich gekränkt und beleidigt fühle, weil in diesen grossen Instituten, welche so viel von jüdischen Geldern verdienen, deren Klientel grösstenteils aus Juden besteht, gar kein jüdischer Beamter angestellt ist. Aber in diesem Momente vergessen wir daran. Wir werden unsere Beehnungen ein anderesma] präsentieren, in diesem Momente aber, wo das ganze Land ohne Unterschied der Konfession und Nation leidet, wo Polen, Ruthenen und Juden leiden, denken wir nicht daran und fordern Hilfe für das ganze Land. (Zustimmung.) Wenn ich hier auftrete, so geschieht es nicht als Sachwalter der Banken. Diese sind I mir vollkommen gleichgültig. Ich trete hier | im Interesse zweier Gruppen auf, die mich hierher geschickt haben, damit ich ihre Interessen vertrete und die jetzt am meisten leiden. Dies ist in erster Linie der ungeheuer zahlreiche und solide Mittelstand: die Gutspächter, Hauseigentümer, Ziegeleibesitzer, Eisenhändler, Krämer, Handwerker, Kaufleute, Holzhändler, der ganze brave, produzierende, schwer arbeitende Mittelstand, der sich jetzt in grosser Gefahr befindet, weil ihm in dieser schweren Zeit von keiner Seite Hilfe kommt, weil ihm gar kein Geld gegeben wird, obwohl er gut fundiert ist. Und noch für eine andere zahlreiche Gruppe trete ich ein. In Galizien haben in der letzten Zeit sehr viele Geschäfte falliert, die Leute mussten liquidieren, Geschäfte wurden aufgegeben. Darunter leiden in erster Linie sehr stark die Handelsangestellten und die Arbeiterschaft. Tausende von Handelsangestellten sind brotlos, erwerbslos geworden. Und wenn wir heute in diesem letzten Momente keine Hilfe bringen, so könnten wir es erleben, dass speziell viele Bauunternehmer, die Ziegelei- •besitzer usw. im Frühjahre zu arbeiten aufhören und dass Tausende von armen Arbeitern brotlos herumgehen werden. Dazu ist die Begierung da, damit sie vom sozialpolitischen Gesichtspunkte an die Sache herantritt und hilft, wenn dazu noch Z e i t i s t. Ich erinnere die Herren an folgendes: Als vor einigen Jahren in Galizien ein grosser Arbeitsmangel war und als einige Arbeiter, von Not und Elend gepeinigt, den Läden Brot entnahmen, war die damalige Begierung Koerber so sozialpolitisch gesinnt, dass sie, statt den Leuten Arbeitsgelegenheit zu geben, ungarische Kavallerie h'insehiekte. Unter den Hufen der Pferde befanden sieh arme Frauen und Kinder. Ich wende mich an die Begierung, dass sie die Sozialpolitik aufgebe, die damals geübt wurde und dass sie heute das tue, was im letzten Moment der grossen Not, wo in Lemberg die Revolution 'drohte, tatsächlich geschah, indem nämlich Minister Koerber eine Million nach Lemberg schickte, damals erst beruhigten sieh die Gemüter. Darum appelliere ich an die Begierung, dass in diesem Falle Austria non sit in orbe ultima, dass sie mit Hilfsmitteln zugreift, wo es noch Zeit ist. Und es ist gerade jetzt Zeit, weil eine Stagnation herrscht und weil sie ja das Geld nicht verschenkt, sondern gut und sicher Ioziert. Kam doch zu uns unlängst der Finanzminister und sagte uns: Ich habe einen Ueberschuss von 146 Millionen .... Wir baten da auf gejauchzt, freuten uns und freuen uns ja auch heute, dass ein so grosser Ueberschuss vorhanden ist. Aber die Freude wird uns vergällt, wenn wir hier die berstenden Kassen und dort in Galizien die hungernden Leute sehen. Das ist keine Sozialpolitik, dass Sie hier das alles gut auf bewahren und dass die Bürger dort krachen sollen. Es muss, von sozialpolitischen Gesichtspunkten ausgehend, eine Verbindungslinie gefunden werden, die von den geldstrotzenden Kassen in Wien bis zu den hungernden Leuten in Lemberg und Krakau führen soll. (Zustimmung.) Darum richten wir an die Begierung den Appell: Helfet den Landesinstituten, der Landesbauk, der Sparkasse! Leget dort eure Barvorschiisse an und ihr werdet erzielen, dass die Leute Arbeit haben. 1 m Interesse des Handelsstandes, im Interesse der darbenden Handelsangestellten und der Arbeiter fordern wir die Begierung energisch auf. die Barvorräte in galizischeu Banken lozieren. (Beifall und Hä ndekl ätschen.) Nikolofest in Wien. Nikolo, Nikolo taiii, tsin, tsia» Da sind lauter Juden drin 1 Welch ein festliches Gedränge! Alle Säle sind zu enge. Augenklimpern, Seidenrauschen, Händedrücke, Grüssetauschen — In der Mitte, weiss und froh, Steht der heil’ge Nikolo Mit dem krummen Bischofstab, Schmunzelt in den Saal hinab, Wo in lichterfüllten Buden, Lauter Juden, 1 au ter Juden! Dort spaziert Herr Meseritzer Arm in Arm mit Fräulein Spitzer; Er hält Ibsen für symbolisch Und ist seit April katholisch; Er bleibt steh’n und schaut sich um Auf das p. t. Publikum Und bemerkt zu seiner Fee: „Diese Herren vom Komitee, Was die da für Leute luden — Laut er Juden, lauter Juden!“ In dem Zelt „zum roten Krampus“, . Schenkt Frau Karpeles den Schampus, Um mit blonden Offizieren An mutvoll zu kokettieren — „Muss schon geh’n. Ich küss’ die Handl“ „„Wiederseh’n, Herr Leutenant!““ Während sie noch Abschied winkt, Brummt er: „Wie die Jüdin stinkt! Diese Elsen, Olgas, Truden — Lauter Juden, lauter Juden!“ Nächsten Tag isl’s schön zu lesen Wie das Fest so voll gewesen; Reingewinn : 3000 Kronen! Gott soli’s allen Spendern lohnen! Denn es fliesst das blanke Geld In die Arme-Leute-Welt — Für die Blinden, für die Kinder, Für verarmte Bürstenbinder, Für Chinesen, Botokuden — Nur nicht Juden, nur nicht Jaden.! Beda. Reichtum oder wenigstens Wohlstand kann jeder Geschäftsmann erwerben, wenn er seine Geschäftsbücher genau führt. Für die Lieferung bester und billigster Bücher und aller Bureaurequisiten __ empfiehlt sich Geschäftsbücher-FabriK ~ A. Grünsfeld & Co., Wien,'X, Gonzagagasse 21. Grosse jüdische Volksversammlung in Wien. Der jüdische Nationalverein für Oesterreich veranstaltete Dienstag abends im „Goldenen Widder“ eine Volksversammlung mit der Tagesordnung: „Die klerikale- Gefahr. — Wiener Freisinn.“ Der massenhafte Besuch der Versammlung lässt mit Genugtuung das sich stetig steigernde Interesse der Juden Wiens für die jüdisch nationale Bewegung beobachten. Dr, Schalit, der die Versammlung leitete, wies darauf hin, wie vielen Missverständnissen unsere Bewegung noch immer begegne. Das komme daher, dass die Wiener Juden ihre Informationen über die Vorgänge im politischen Leben lediglich - aus der korrupten liberalen Presse schöpfe. Reichsratsabgeordneter Dr. Gabel (stürmisch akklamiert) führte aus: Die Juden haben; das grösste Interesse, die antiklerikale Bewegung, die aber erst jetzt grössere Dimensionen annimmt, wo der Klerikalismüs seine Fangarme bereits nach den Hochschulen ausstreckt, zu unterstützen. Denn die Klerikalisierung der Hochschulen wäre für die Juden eine ernste, nicht zu unterschätzende Gefahr. Liefern doch die Hochschulen dem Staate die Richter und Verwaltungsbeamte, wenn sie den antisemitischen Geist an den Hochschulen einmal eingesogen haben, ihn gewiss auch im praktischen Leben betätigen werden. (Zustimmung). An der Hand eines reichen statistischen Materials weist Redner nach, dass die angebliche Verjudung der Hochschulen eine leere Phrase sei. Bis zum Jahre 1890 sei die Zahl der Juden an den Hochschulen prozentuell gestiegen, von diesem Zeitpunkte ab, wo der Antisemitismus immer weitere Volkskreise ergriff, sei die Zahl der jüdischen Hochschüler in ständiger Abnahme begriffen. Dies sei einerseits auf das Eindringen des antisemitischen Geistes an den Hochschulen, anderseits darauf zurückzuführen, dass den Juden ganze Beamtenzweige ganz verschlossen seien. Redner schloss mit einem Appell, an die Gründung jüdisch nationaler Schulvereine zu schreiten. (Lebhafter Beifall.) Reichsratsabgeordneter Dr. A. Mahler berichtet, dass, als der Dringlichkeitsantrag Masaryk eingebrachtwurde, man den „Jüdischen Klub“ bestürmt habe, den Dringlichkeitsantrag nicht mitzuunterzeichnen. Die Vertreter des Wiener Freisinns haben es als ein Unglück bezeichnet, dass er im Namen des jüdischen Volkes für die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung eintreten wolle. Die Vertreter des weitesten kosmopolitischen Freisinn haben sich dagegen gewendet, dass Juden zum Anträge M as a ry k s Stellung nehmen. „Wir werden der Sache schaden, wenn das „Deutsche Volksblatt“ schreiben wird, der Antrag war von Juden gezeichnet und befürwortet.“ Für solch einen Freisinn bedanken wir uns! Ein Freisinn der Grenzen zieht ist kein Freisinn, das ist Hypokrasie, das ist Demagogie. Wir aber bekennen stolz unser Judentum und verlangen, dass inan uns das gebe, worauf wir als Vollmenschen ein Anrecht haben, dasr man uns die Möglichkeit gibt, für unser Volk und die Menschheit gross zu werden. (Begeisterter Beifall.) LucianBru n n e r führt aus, in seinem Kampfe gegen den Scheinliberalismus und die Klerikalen sei es ihm' ebenso ergangen wie dem Dr. Mahle r. Als er in der Gemeinde seinen bekannten Kampf führte, ist er zum Kultus Vorstand berufen worden und hier bat man ihn mit aufgehobenen Händen, den Kampf gegen den Antisemitismus aufzugeben. Dieses Ansinnen zeige die Liberalen in ihrer ganzen Erbärmlichkeit. Wie solle man für den; Fortschritt kämpfen, die Gleichberechtigung erringen., können, wenn m.an von seinen Mitbürgern verachtet wird? Mit der Ächtung werde man auch die Gleich- 1 berechtigung erringen. Das ist der Weg,