Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 21 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3i Seite 5 JÜDISCHE ZEITUNG nicht müde wird. Auch der Sprecher des Jüdischen Klubs steht da und legt im Namen des jüdischen Volkes feierliche Verwahrung ein wider die Gewaltpläne, die Preussen wider seine Polen sinnt.... Und er hat Recht daran getan. Denn er hat seine Worte nicht nur gegen die preussisehen Polenfresser sowie gegen ihre deutschösterreichischen Nachschreier, sondern auch gegen alle die Glombinskis und Potockis, gegen alle allpolnischen Fanatiker gerichtet. Das ist es ja, dass Hakatisten und Allpolen sich gleichen, wie ein Haar dem andern: Bei beiden dieselbe plumpe Methode, die Nation sichern zu wollen, bei beiden dieselbe Unfähigkeit, das Problem der Nation zu meistern, es in Uebereinstimraung mit der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft und ihrer sittlichen Ideen zu lösen. Bei beiden der lächerliche Wahn, als könnte es heute noch gelingen, ein gehasstes Volk fortzuwischen und die lächerliche Furcht, als könnte man selber weggewischt werden. Bei beiden die niederträchtige Ironie, dass man denjenigen, den man selbst unterdrückt und der nichts will, als sein eigenes Wesen retten, als angreifenden, boshaften Feind hinstellt. Bei beiden dieselbe abgründige Verkehrung der Begriffe gut und böse und dieselbe verderbte Neigung, all diese seelische, sittliche Verwirrung mit dem höheren Interesse der Volksgemeinschaft zu decken. Bei beiden dieselbe Gier, die eigene Macht bis zur Bewusstlosigkeit auszunützen. Macht! Es ist der Fluch der nationalen Bewegungen, von dem sie sich erst jetzt langsam zu befreien beginnen, dass sie bisher unter dem Zeichen des Machtdünkels und Machtkollers standen. Wenn es eine Gemeinschaft gibt, die im .modernen Geschichtsleben der Macht entraten kann, so ist es die nationale. Der Macht und nicht der Kraft! Kraft braucht ein Volk, um sich immer fort regenerieren, um seinen Geist immer verjüngen zu können. Macht aber, unterdrückende, herrschende Macht, braucht es nicht und kann es nicht brauchen. Wenn ein Volk die Kraft verliert, die Kraft, aus der die Sonderart seines Geistes steigt, dann hilft ihm die Macht nicht mehr. Und verfügt es auch über Millionen Soldaten, baut es auch tausende von Gefängnissen, zwingt es auch Hunderttausende aus aen Reihen der .Feinde“ unter sein Joch, vertreibt es sie auch von der Scholle — seinen eigenen Verfall, kann es damit nicht verhüten, den fremden nicht befördern. Nicht Macht — Kultur ist die Kriegslahne der neuen nationalen Ideen aller erleuchteten Völker, die Kraft des eigenen Geistes heben, mit dem eigenen Geiste schaffen, unsterbliche Werke wirken, andere nicht stören, wenn sie dasselbe tun — das ist das neue Nationalsein, dessen Sonne über dem Erdball aufgeht. Aufgeht, oder richtiger, aufzugehen im Begriffe ist. Denn noch dauert der Kampf der Nacht mit dem Lichte. Noch sind die tiefschwarzen Schatten da, durch die ein Hindurchkommen fast unmöglich erscheint. Und einer dieser Schatten heisst .Nichteinmischung“ und ist sogar ein oberstes Gesetz des Völkerrechtes. Nichteinmischung! Verstehst du Menschheit, was das heisst? Wenn da oben im Nordosten einige tausend Tagediebe und Kopflose ein Reich von Hundert Millionen Menschen so regieren, dass das massenweise Hinschlachten von Kindern, das Massensetländen von Frauen und das Massen- Augenausstechen sozusagen ein der Regierung wohlgefälliges Volksvergnügen ist — so darf man sich in diese innere Angelegenheit des angenehmen Landes nictit mengen, sondern muss in christlicher Liebe warten, bis das heimgesucbte Volk vollkommen wegrasiert ist. Wenn zum Beispiel in einem anderen Lande ein ganzes Volk, oder auch zwei, durch die unerhörtesten Gesetzesverletzungen, durch die frechsten Missbräuche öffentlicher Gewalt, durch Erpressung, Schwindel und Druck aller Art um seinen nationalpolitischen Fortschritt gebracht werden — dann darf man jenseits der Landesgrenze, noch im selben Staate, nicht den Mund aufmachen. Sonst erhebt die verbrecherische Machtbabersippe ein Geschrei, dass man die Unabhängigkeit ihres Landes antaste, in ihre Landesangelegenheiten sich menge. Wenn in einem der fortgeschrittensten Kulturstaaten der Erde eine Regierung den leider aussichtsvollen Versuch macht, den Bodenbesitz der Angehörigen eines Volkes und nur dieses Volkes anzutasten und seine Sprache zu entrechten, da soll man jenseits der Grenzpfähle kuschen. Sonst schreien zunächst die Konnationalen der Herrscher von drüben über Einmischung. Dann fangen die drüben selber an, sich zu beklagen und sich zu wundem : Wie man denn das Völkerrecht nur so verletzen könne! Als ob es denn nicht das alte geheiligte Recht jedes herrschenden Staatsvolkes sei, die rinderen Völker des Staatsgebietes ruhig, ohne dass sich die auswärtigen Zuseher darüber aufregen, zu verspeisen. Eine wunderbare Erfindung der europäischen Zivilisation — diese Nichteinmischung! Und was sich die gebietenden Herren allüberall darauf einbilden! Doch glücklicherweise beginnt es schon ein wenig zu tagen. Und die preussische Polendebatte im österreichischen Abgeordnetenhause war so ein erster Lichtschimmer des neuen Tages. So mancher Unberufene hat noch mitgesprochen, so mancher der es nicht besser treibt, als diejenigen, gegen die das Tadelsvotum gerichtet war. Aber wer wollte die Wirkung der Ohrfeigen ermessen, die so ein Mann sich selber geben musste. Wer wollte übersehen, dass aus einer solchen Demonstration gegen Völkerunrecht denn doch ein gewisser Niederschlag an Besserung internationaler Beziehungen und eine gewisse Abschwächung des Prinzips der Nichteinmischung die Folge sein muss! Mögen sich die regierenden Staatsmänner hüten, in fremde Einflussgebiete überzugreifen, — wo sie wirklich nichts zu suchen haben, sie tun es leider oft genug — den Völkern und ihren gesetzgebenden Körperschaften aber muss ein steigender Einfluss, auch nach aussen hin, zufallen. Nur so kann sich eine Art internationalen Schamgefühles entwickeln. Nur so kann sich eine grosszügige, wahrhaft demokratische, wahrhaft allmenschliche und feinmenschliche Diplomatie der zu gemeinsamen Besten organisierten Menschheit vorbereitea. Und daher sei es wiederholt: Der Sprecher des jüdischen Klubs hat recht getan. Er hat nicht nur aus dem Geiste unseres Volkes, er hat auch aus dem Geiste werdender Kulturen herausgesprochen. Seine Erklärung war eine Huldigung für des deutschen und des polnischen Volkes Genien, die vom Geifer der blöden Gewalt nicht erreicht und besudelt werden, und ein Kriegsruf gegen deutsche, polnische und sonstige Gewaltpolitiker und ihren Anhang. Dr. Nathan Birnbaum. Billiger Kredit für Galizien. Rede des R.-R.-A. Adolf Stand, am 3. Dezember im österreichischen Parlament. Ich unterstütze den Antrag des Abgeordneten Dr. Gross, dass man die Bar Vorschüsse bei Landesbanken und Sparkassen loziere, speziell in der Richtung, dass das in unserem armen Lande Galizien geschehen 3oll. Wir sehen, dass jetzt in Galizien eine ungeheure Stagnation und ein grosser Geldmangel herrschen. Ich mnss da einen Unterschied machen. Wenn eine Katastrophe oder eine Krise vorhanden wäre, so könnte der Staat anf dem Standpunkte stehen: Ich mnss mein Geld schützen. Wir haben aber bloss eine Stagnation und wenn der Staat — nicht mit grossen Beträgen, aber sogleich, auf ganz sichere Weise, eine gewisse Zeit lang — aushilft, kann geholfen werden. Wenn wir die Ursache dieser Stagnation untersuchen, so sehen wir, dass es nicht die zwei gewöhnlichen Ursachen sind, aus denen eine solche entstehen kann. Es ist weder eine grosse Ueberspeknlation im Lande, noch haben wir es, was in einem Agrarland« von grosser Wichtigkeit ist, milü einer Missernte oder mit Elementarereignissen, wie Hagel, Brand oder Uebersehwemmung zu tun. Es gibt keine Leberspekulation, weil sich bei uns die Industrie im Anfangsstadium befindet. Von einer Missernte kann man auch nicht sprechen, obzwar die Ernte in den zwei letzten Jahren keine besondere war. Wenn diese Stagnation entstanden ist, so ist es das Verschulden äusserer Faktoren, es ist das Verschulden Amerikas und Englands, es ist die Verteuerung des Geldes. Da stehen wir aber viel ärger als alle anderen Länder. Während die anderen Länder in einem Weltverkehr stehen und sich helfen können, sind wir teilweise ein isoliertes Land. Wir waren für diesen Fall nicht vorbereitet und müssen heute bluten. Speziell die Banken, die hier in der Zentrale in Wien sind, benehmen sieh merkwürdig. Zuerst überschütten und überfluten sie dieses Land mit Geld in Zeiten, wo der Zinsfuss klein ist, wo sie gute Geschäfte machen können. Manchmal schaffen sie sogar ganz unnütze Industrien, machen ganz überflüssige Geschäfte, teilweise aber geben sie auch den Keim zu einer richtigen Industrie. In dem Momente aber, wo sieh diese Industrie zu entwickeln beginnt, wo man aus den gewesenen Proletariern ganz gute, tüchtige, produzierende und gesimde Existenzen schaffen könnte, entziehen sie dem Lande vollkommen das Geld. Das ist nicht nur uupatriotisch, das ist eine Art und Weise, die hier gerügt werden mnss, denn darunter leidet das Land und gesunde Existenzen müssen zugrunde gehen. Was sehen wir gerade in den letzten Monaten in Galizien? Wir sehen Fallimente von Firmen des Mittelstandes, die früher ganz sicher und gut fundiert waren, die sich seit Jahrzehnten gehalten, die gearbeitet haben und plötzlich ihre Zahlungen einstellen müssen. Die Ursache liegt aber nicht darin, dass diese Kaufleute schlecht fundiert sind, ihr Geschäft nicht verstehen oder unsolid sind, nur die augenblickliche Stagnation, die vollkommene Kreditentziehung, die Aufforderung, die an die Firmen ergeht, das Geld gleich einzuzahleu, die Entziehung der Prolongationen bewirken das Fallen dieser Firmen. Deshalb haben wir in den letzten Monaten einen Run auf die galizisehe Sparkasse erlebt und es ist ein Beweis der hohen Kultur des Landes, dass sich die Gemüter nach einigen Tagen wieder beruhigt haben und das Geld darin Hessen. Der Run war vollkommen unberechtigt. Die Sparkasse ist ein sicheres Institut, sie wird gut verwaltet. Es ist nur die allgemeine Unruhe, die sich des Landes bemächtigt hat, welche heute nur eine Stagnation erzeugt, morgen aber, wenn die Regierung nicht eingreift, direkt krisenhafte Zustände hervormfen kann. Das ist ein imgesunder Zustand. Es leidet in erster Linie die Bank und in weiterer Folge selbstverständlich die grosse Klientel dieser Bank, das ist der zahlreiche Mittelstand, für den ich hier das Wort ergreife. Ich appelliere daher an die Regierung und fordere sie auf, sie möge doch Galizien zu Hilfe kommen. Die österreichisch-ungarische Bank könnte für das Land viel mehr tun. Im letzten Ausweise lesen wir, dass sie 803 Millionen Kronen an Darlehen gegeben hat, wovon im ganzen nur 75 Millionen Kronen, das ist 9 Prozent, anf Galizien entfallen. Oder, wenn wir den Ausweis des Hypothekarkredita anschauen, so sehen wir, dass auf Galizien eine ganz minimale Quote entfällt, während in Ungarn eine bedeutende Summe loziert wird. Wenn der österreichische Staat das Geld schon irgendwo loziert, so loziert er es ausschliesslich bei den Wiener Banken. Davon haben wir im Lande gar nichts.