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Jüdische Zeitung · 1907-12-06 · 21 (6.12.1907) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
21 (6.12.1907)
Date
1907-12-06
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 21 JÜDISCHE ZEITUNG aber nicht hindern, für ihre Hechte hier einzustehen; und ruhig und stolz können wir es behaupten: die jüdischen Hochschullehrer und Gelehrten haben noch keiner Universität zur Unehregereicht, im Gegenteil, oft und oft haben sie deren Stolz gebildet, waren sie bahnbrechend und sehulbildend. Nehmen. Sie Namen wie den grossen portugiesischen Juden H i e e a r d o, von Spinoza gar nicht zu sprechen, in neuester Zeit Männer wie B a m b e r g e r, J e 11 i n e k in Heidelberg, K o h n in Breslau, Senator in Berlin, Maurice LoeTry und Henry Wei 11 in Paris. Gibt es jemanden, der so tief in der Kültur steht, dass er wagen würde, zu behaupten, dieser jüdische Geist habe den betreffenden Hochschulen geschadet? Neiu! Einen solchen geistigen Tiefstand jemandem zuzumuten, wäre direkt persönliche Beleidigung. Nein! Wir wolleu nicht mehr h e r u m b e 11 e 1 n und bitten, dass man gütigsi uns Juden das Hecht gewähre, auf der Welt zu sein, wir wollen nicht immer für diese Tatsache um Verzeihung bitten. Wir sind und bleiben Juden und als solche verlangen wir unser Hecht als treue Söhne dieses Staates. (Beifall.) Ein Wort Montesquieus. Meine Herren, die Sie sieh nicht nur Fortschrittliche nennen, sondern es in Wahrheit sein wollen. Sie brauchen nur zu wollen und dann ist es kein. Traum und kein Märchen, denn ist es Wahrheit: das Wort von den Segnungen des Friedens und Fortschrittes. Dazu bedürfen wir aber dann auch keines Vorarbeiters, wenn'jeder die Pflicht in sieh fühlt, als Arbeiter ehrlich für das Wohl des Volkes mitzuarbeiten. ' Und darum, meine Herren, bevor Sie zur Abstimmung schreiten, lassen Sie mich. Ihnen ein Wort des Montesquieu zurufen: Hütet euch, dass, wenn einstens in Zukunft jemand zu sagen wagen wird, dass in unserem Jahrhundert die Völker Europas gesittet waren, man nicht euch als Beispiel anführe, dass sie Barbaren waren, dass nicht die Vorstellung, die sie von eueh gewinnen, euer Jahrhundert brandmarke und den Hass auf eure ganze Zeit lade. Ich habe gesprochen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen. — Der Bedner wird beglückwünscht.) Parlament und Politik. Die Abgeordneten des Jüdischen Klubs sind unversehen in das parlamentarische Vordertreffen und in das heisseste Kreuzfeuer geraten. Man darf konstatieren, dass sie in exponierten Stellungen ebensoviel Entschlossenheit wie Besonnenheit gezeigt haben, und keine der Gelegenheiten, wo sich das Interesse des Hauses und der Oeffentiichkeit ihnen zuwandte, vorübergehen Dessen, ohne die prinzipielle Haltung der jüdischen Nationalpartei gegenüber den grossen Problemen des öffentlichen Lebens in klarer und wirksamer Weise zum Ausdruck zu bringen. Wird dies beharrlich fortgesetzt, so muss es am Ende doch gelingen, den Nebel von Vorurteilen zu zerteilen, welcher die einzige für Juden mögliche und würdige Politik bisher noch immer vor den Augen derer verbirgt, die das brennendste Interesse an einer solchen Politik haben müssen. * * .* Die Stellung des „Jüdischen Klubs“ in nationalen Fragen hat der Abg. S t a n d in zwei kurzen und energischen Deklarationen scharf Umrissen: das eine Mal als die Jüdischnationalen im Vereine mit den Ruthenen und Sozialdemokraten gegen die Ministerschaft des Herrn von Abrahamowicz demonstrierten, das zweite Mal bei der Kundgebung d»r nichtdeutschen Nationalitäten gegenüber der preussischen Polenpolitik. Es war ein merkwürdiges Zusammentreffen, dass der Jüdische Klub; während er in dem einen Fall, gegen den Polenklub Front machen musste, in dem anderen neben demselben marschieren konnte. Um so deutlicher musste dadurch zutage treten, dass die jüdischnationale Partei weder polnische, nochantipolnische, weder ruthenische noch antiruthenisehe, weder deutsche, noch : deutschfeindliche Politik macht, sondern — wie für die eigene — so auch für alle anderen Nationalitäten volle Gleichberechtigung und volle Freiheit der nationalen Betätigung fordert und ihre Stimme gegen jede Bedrückung erhebt, sie mag von welchem Volk und an welchem Volk'immer begangen oder versucht werden. * : * * Dass die jüdisch nationale Partei, reaktionär und klerikal sei, konnte die sogenannte freisinnige Presse zur Zeit der Wahlen ihren Lesern noch mit einigem Erfolge einreden, seitdem das volle Licht der parlamentarischen Öffentlichkeit den Jüdischen Klub bei jeder Abstimmung und jeder sonstigen Kundgebung im Bunde mit den unzweifelhaft freiheitlichen und demokratischen Parteien zeigte, hat sich diese verleumderische Lüge immer selterer hervorgewagt; die Debatte über den Masarykschen Dringlichkeitsantrag wird ihr nun wohl endgültig den Garaus gemacht haben. In dieser Debatte ist der Wortführer des Jüdischen Klubs, der Abg. Dr. Mahler von allen Rednern vielleicht' in I der wirksamsten und eindringlichsten Weise für den Schutz des freien Gedankens gegenüber den klerikalen Bedrohungen eingetreten. Anderthalb Stunden lang wusste er das Haus zu fesseln und wiederholt zu lebhaften Beifallskundgebungen hinzureissen. Das schöne Wort „Die Freiheit der Idee, ist untrennbar von der Idee der Freiheit“ wird bleiben, und man wird nicht vergessen, dass es ein Jude gesprochen, welcher nicht glaubte sich als Deutscher, Czeche oder Pole verkleiden zu müssen, um freiheitlich denken und sich freiheitlich betätigen'zu können, sondern der Ueberzeugung war,-dass man sich offen und stolz zum jüdische))'Volkstum bekennen und trotzdem oder vielmehr nur auf diesem Wege der Idee der Freiheit dienen kann. Der Jüdische Klub hat selbstverständlich für den sozialdemokratischen Dvinglichkeitsantrag, betreffend Maasregeln zur Milderung der Lebensmittelteuerung sowie auch für den Dringlichkeitsantrag Dr. Gross, betreffend Besserung der Kreditiverhältnisse in Galizien, gestimmt. Für den letzteren Antrag hat Abg. Stand als Generalredner pro ein warmes und eindringliches Plaidoyer gehalten, das wir an anderer Stelle veröffentlichen. Der Jüdische Klub wird ‘ gewiss auch die dringliche Behandlung des Ausgleichs votieren. (Die Behauptung der „Neuen Freien Presse“, dass die Jüdisehnationalen dem Ausgleich obstruieren wollen, war eine bösartige Erfindung.) Wirtschaftliche Vorlagen dürfen eben nur vom Gesichtspunkte der Wohlfahrt der arbeitenden Bevölkerung beurteilt werden, und die überwiegenden Vorteile des Ausgleiches für die österreichische Wirtschaft liegen auf der Hand. * % * Und die anderen „jüdischen“' Vertreter? Die Juden des Polenkluhs haben zum Teil gegen die Dringlichkeit der Massregeln, welche die Teuerungsnot mildern sollten, gestimmt, zum Teil sieh der Abstimmung entzögen; von einer sonstigen, parlamentarischen Tätigkeit war bei ihnen nichts zu bemerken. Aktiver waren die deutschfortschrittliehen oder deutsch-demokratischen Juden Ofner, Kuranda und Genossen. Diese haben entdeckt, dass es in Galizien Juden geben könnte, die noch nicht, gezwungen sind, zwei Tage hintereinander, am Samstag und Sonntag . ihre Läden zu sperren rnnd sie haben sich beeilt, einen Antrag einzubringen, demzufolge das Gesetz über die Sonntagsruhe auch auf jene Gewerbe ausgedehnt werden soll, die bisher hiervon ausgenommen waren. Dieser Antrag richtet sich seiner Wirkung nach vornehmlich gegen die jüdischen Gewerbetreibenden in Galizien, welche — da sie. die Sabbatruhe, jedenfalls heilig halten '— gezwungen werden sollen, zwei Tage in der Woche ihre Läden zu sperren. Diesen besonderen Verhältnissen bemüht man sich sogar in Italien, wo die Anzahl der Juden eine minimale ist, Rechnung zu tragen. Der lebensfremde Doktrinarismus der Vertreter der Wiener Judenschaft hat für solche Dinge kein Verständnis. Mögen Tausende jüdischer Existenzen zugrunde gehen, wenn; Herr Ofner nur wieder als „Sozialpolitiker“ paradieren konnte. Nichteinmischung. Zur Polendebatte im österreichischen Abgeordnetenhause. Es war im Frühling dieses Jahres. Der allpolnische und schlachzizische Furor raste durchs galizische Land, durch die polnischen und ruthenischen Dörfer, durch die jüdischen Städte. Wehe, wenn eiüer kam und deutsch zu den jüdischen Massen sprach, weil er kein jüdisch konnte und die Massen ohnehin kein polnisch verstehen. Und noch schlimmer, wenn er sein Deutsch nicht in Lemberg oder Kolomea, sondern ausserhalb des Landes erlernt hatte. „Hakatisten, Hakatisten!“ brüllten die Unholde. Sie stellten sich, als ob sie die jüdischnationalen Kämpfer für germanische Wüteriche gegen das Polentum, für Sendlinge der preussischen Enteigner in Posen hielt. Wenn . aber auch einer polnisch sprach, wenn auch die für die jüdische Intelligenz geschriebene Presse die nationalpolitischen Forderungen der Juden in reinstem, oft mustergültigen Polnisch vertrat, so half das auch nichts. „Feinde des Polentums, Verräter am Vaterlande!“ gellte und heulte, johlte und pfiff es von allen Seiten. Und schmierige Judenfedern wurden gedungen, um mit ihrem widerwärtigen Gekreisch den Höllenlärm noch zu steigern. Das Massivste aber wurde durch die Tat geleistet: Durch jenen traurigen Wahlfeldzug, der noch in aller Erinnerung ist. Unter der sachverständigen Führung' eines sehr hohen polnischen Herrn wurden Recht und Gesetz in der unerhörtesten Weise gebeugt. Der ganze Verwaltungsapparat des Landes wurde in den Dienst der Erpressung und Einschüchterung zu Wahlzwecken gestellt. Willige Beamte fand man leicht und die Widerstrebenden wurden zum Missbrauch ihrer Amtsgewalt einfach gepresst. Mit dem sittlichen und materiellen Untergänge von Zehntausenden, mit Betrug und Gewalt wurde der „Sieg“ über die „Feinde des Polentums“ erfochten. Und die Unheilstat frisst noch heute weiter. Der „Sieg“ wird, wie es tüchtigen Strategen geziemt, noch heute ausgenülzt. Eine Schreckensherrschaft ist in Galizien etabliert, wie sie in Posen gewiss nicht schlimmer ist. Das altrömische „Vae victis!“ („Wehe den Besiegten!“) wird rücksichtslos befolgt. Die Juden werden für ihre Mai- Revolution von den polnischen Zwingherren bis aufs Blut gepeinigt! Da gilt kein Gesetz, kein Recht, kein Mitleid, :— nur die Rache, der Machtkitzel, der Herrendünkel und die blosse Angst für sich selbst — in summa das Heil des „Polentums“. Und siehe da: Im österreichischen Abgeordnetenhause erhebt sich ein Pole, — einer, der für all das Unheil zumindest mittelbar mitverantwortlich ist — und führt über die Vergewaltigung der Polen, die von der preussischen Regierung geplant wird, Klage. Und unter jenen, die sich dieser Klage änschliessen, sind Ruthenen, Angehörige jener Nation, die so schwer zu kämpfen hatte, bis sie sich einigermassen vom polnischen Herrehjoche befreite; Und auch nationale Juden sind darunter, — Wortführer jenes Volkes, das aus tausend Wunden blutet, die ihm der schlachzizische Eigennutz und der allpolnische Wahn in erbarmungsloser Grausamkeit geschlagen hat und zu schlagen

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