Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 21 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 würdig geworden sein und mit Stolz bekennen sieh unsere Studenten zu ihrem .armen, getretenen und geknechteten und trotzdem von ihnen doch so heiss geliebten Volke und darum Achtung .und Hut ah vor unseren Studenten, Hut ah vor allen nationalen Lehrern, die sie gelehrt haben, sieh für ihr nationales Empfinden, für ihre Nation einzusetzen und die keine Politik des Herüber und Hinüber kennen, sondern nur eine einzige Politik, die des ehrlichen Bekennens. (Beifall. — Zwischenrufe.) Freiheit allen Nationen. Montesquieu hat gesagt, dass jeder Mensch in seinem Leben dreimal lernen müsse: Einmal von seinen Eltern, dann von der Schule und schliesslich noch vom Leben. \ Nation, Demokratie und Fortschritt! Ich betone und wiederhole — und ich dulde auch nicht, dass jemand daran zweifle —: Es liegt mir absolut fern, mich irgendwie mit der Frage der christlichen, der katholischen Kirche und ihrer Lehre zu beschäftigen: aber, meine Herren, die .Staatsgruudgesetze sagen: Die Wissenschaft, die Forschung und die Lehre sind frei und für diese Freiheit der Lehre und der Forschung muss ich meine Stimme erheben; ich musste es tun, da ich seihst einem solchen Berufe angehöre, ich musste es tun als Mitglied unserer Partei, die sieh leuchtend drei Worte auf ihr Panier geschrieben hat: N ati o n, De in o k r a t i e u n d Fo r t sc h ri 11! (Beifall.) Wenn unsere Partei auch n u r um eines Haares Breite von diesen Grundsätzen, die in den drei Worten ausgesprochen sind, abweiche n wür de, dann würde sie den Boden ihres tatsächlichen, i li r e s einzig möglichen Bestandes verlieren, dann würde sie auf hören zu sein, was sie tatsächlich ist: cl t e Partei d er llonselienreehte und der Menschenwürde unseres Volkes. (Beifall.) Geheimer Klerikalismus — offene Verleumdung! Meine Herren! Man hat uns eine Partei des Rückschrittes, des verkappten Ivlerikalis- •xnus genannt und man hat gegen uns den Vorwurf erhoben, dass wir durch Betonung des nationalen Elements der Entwicklung der Menschheit auf einer breiten kosmopolitischen Basis enftgegenarbeiten. Wären wir wirklich jene Partei des Rückschrittes und des verkappten 'Klerikalismus, dann hätten wir doch innerlich aufgejauchzt bei den Vorgängen hier in Wien an jenem Sonntag, dann hätten wir uns ja hinter jene Ausrede verschanzt, die ich früher anführte. Dass wir es nicht taten, dass wir frei und offen für Fortschritt und Freiheit der Forschung und des Wissens eintreten, ist, wie ich meine, der eklatante Beweis dafür, dass jener Vorwurf des geheimen Klerikalismus eine nicht geheime, sondern offene Verleumdung ist. Doch kann mir da jemand einwenden: wo ist der Beweis dafür, dass ihr euch mit der gleichen Intensität gegen einen jüdischen Klerikalismus wehren würdet? Nun, meine Herren, diesen Beweis zu liefern, dieser Aufgabe hat mich der jüdische Klerikalismus seihst enthoben, der auf der ganzen Linie — und die Reiehsratswahlen haben "das ja deutlich gezeigt, Herr Dr. Diamand — uns in rücksichtslosester Weise bekämpfte, der "keine Mittel scheute und scheut, um die verhassten Jüdischnationalen unterzukriegen. Behandelt man so einen, wenn auch geheimen Bundesgenossen? Nein! So viel Verstand müssen Sie schon auch dem jüdischen Klerikalismus zumuten, dass er wohl weiss, wer seine Geschäfte besorgt und wer nicht. Fragen Sie doch einmal den Oberrabbiner von Wien, den Wunderrabbi von. Beiz oder den Rabbi von Tamopol, ob es jemanden gibt, den eie mehr hassen, als die Jüdischnationalen. (Ah- .geordneter Dr. v. Stransky: Grösser sollen Sie werden; wir wünschen es Ihrer Partei!) Präsident: Herr Abgeordneter von Stransky, ich bitte, nicht zu unterbrechen! Abgeordneter Dr. Mahler: Ich danke sehr, w i r hoff e n, I h r e W ii n s e ii e w e rden uns nicht schaden. (Abgeordneter Dr. Diamand: Schöne Seelen finden sieh!) Herr D o k t o r, o h n e u n s w Ü r d e n S i e d o e h g a r n i e h t d a sitze n. Schwerwiegender scheint der zweite Vorwurf zu sein, nämlich, dass wir durch Betonung des nationalen Momentes der Entwicklung der Menschheit auf einer breiten kosmopolitischen Basis oder auch der Verschmelzung des Judentums entgegen;) [heilen. Anbetung den Rasse; Seit es den Juden überhaupt erlaubt war, haben sie es versucht, sieh eins zu fühlen mit den Völkern, unter denen sie lebten, sie haben versucht, sieh vollständig mit ihnen zu vereinen, so weit, dass sie selbst versuchten, ihr Volkstum aufzugeben, das wir noch in den Verordnungen des Kaisers Franz kodifiziert finden, von dem Wahne ergriffen, mit der fremden Kultur auch das fremde Volkstum in sieh aufnehmen zu können. Aber je mehr diese Nationen für sich seihst in Anspruch nahmen, desto mehr vergassen sie, was sie anderen schuldeten. Arier und Nielvtarier ist heute nichts anderes als eine Umschreibung der alten Terminologie vom Christen und Ungläubigen. Diese Theorie, was ist sie anderes als eine pseudowissenschaftliche Mythologie an Stelle der geistlichen, die die Antike hatte. Die Theorie des Ariertums will besagen die Superiorität der arischen Rasse in geistiger Beziehung gegenüber der mongolischen, in moralischer Beziehung gegenüber der semitischen Rasse. Und diese Anbetung der Rasse hat zu Kreuzzügen gegen uns geführt, die an Erschütterung des Friedens und an Aufreizung der Leidenschaften den alten an Intensität nichts nachgaben. Und, meine Herren, diese Anbetung der Rasse — in ihrem Namen werden heute noch so viele Grausamkeiten und Verbrechen an uns verübt, wie einstmals im Namen Gottes man an uns verübt hat. Acht Professoren — sechs Juden. Ist es denn etwa die jüdische Religion, die man in uns bekämpfen will, ist es Glaube? (Zwischenruf.) Ich komme sofort darauf. Ist es denn etwa die jüdische Religion, die bekämpft werden soll? Will jemand behaupten, der Glaube der Juden an die Bibel und die Propheten sei der Grund der Verfolgungen und des Hasses? Nein — Sie haben ja selbst die Antwort gegeben — es gilt, so sagt man, dem jüdischen Geist und dieser ist doch nur wieder eine Umschreibung des alten Begriffes der Rasse. Sechs Professoren unter den acht an der Wiener medizinischen Fakultät ernannten sind Juden, so heisst es. Nebenbei möchte ich bemerken, dass zwei von diesen Juden getauft sind, also ein eklatanter Beweis, dass es den Herren nicht um das religiöse Bekenntnis zu tun ist. Wohlweislich aber hat man verschwiegen, dass alle diese nur den Titel eines Professors bekamen, dass sie blieben, was sie bisher waren, nämlich Privatdozenten, und nun frage ich Sie, meine Herren, die noch vorurteilsfrei zu denken vermögen: Wie viel müssen diese vier Juden, oder wenn Sie wollen sechs, geleistet halben, welch grosse wissenschaftliche Leistungen müssen sie aufweisen, dass man sie heute doch mit dem Professortitel auszeichnen musste, sie nicht mehr übergehen konnte. Und noch eines möchte ich Sie fragen: Was hat der jüdische Geist, von dem Sie vorhin sprachen, denn eigentlich streng genommen) mit der Medizin zu tun? Glauben Sie wirklich, dass ein Jude Anatomie und Physiologie, Chirurgie und Interne.anders vortragen, dass er die Kraaken anders behänd ein kann als ein Arier? Nein. Das Predigen der Gefahren des jüdischen Geistes ist ein hohles Schlagwort. Nicht nur das Recht, als Patrioten zu sterben, sondern auch als Patrioten zu leben. Wir sehen in diesem Vorstoss einen neuerlichen verwerflichen Versuch, uns Juden soziologisch zu verkrüppeln, zu ruinieren. Fml dagegen werden wir nicht aufhören zu kämpfen, dass num es mit uns so macht wie in Rumänien. tiOO Juden haben in den Kämpfen gegen das türkische Joch ihr Lehen gelassen, wenn inan aber dort genug getan zu Indien glaubt damit, (lass man diesen gefallenen tiOO Helden nachträglich in ihre Gräber das Bürgerrecht verlieh, die Uchorlehenden aber zum Elend, zur Auswanderung. zum Hungertode verurteilt, so kommen wir eben und sagen: Nein! Wenn wir diese Lasten willig und freudig tragen, wenn wir gern und willig die Blutstener und jede andere Steuer tragen, alles auf uns nehmen, dann verlangen wir auch das gleich e U e c h t, nicht nur das Recht, als Put r i o t e n z u s t e r 1» e n. s o n d c r n a u c h a I s 1* a t r i oten zu leben. (Beifall.) l'iitl mit Recht sagte Joe (’handierlain — ich zitiere nach dem „Standard“ vom 23. September 1902. damit mir nicht etwa der Vorwurf gemacht werde, ich sei inkorrekt —. dass die Juden, während sie mit ausserordentlicher Zähigkeit ihren nationalen Charakter (national rhanuteristies) und die Gebote ihrer Religion bewahren, stets zu den loyalsten Bürgern jener Staaten gehören. in denen sie ein Heim gefunden und dass die Kurzsichtigkeit ihrer Verfolgung fast noch grösser sei als die Grausamkeit. Die Vorgänge, die Anlass zum heutigen Dringlichkeitsantrage gegeben haben, haben, meine ich, ganz deutlich gezeigt, welchem Ziele wir en'tgegengchen. Die Juden und die produktive Arbeit. Herrlich weit hat man es gebracht. Herr Dr. v. U riel hat die Juden aus dem militärärztlichen Korps lnnausgedrängt, der niederösterreichische Umdesausschuss ans dem Landesdienst, dieselben Machtludier ans dem städtischen Dienst. Allüberall türmen sieh immer höher die unsichtbaren Ghettomauern. Und dann tönt uns der Ruf entgegen: „Ihr seid Parasiten, ihr produziert nichts.“ Gestatten Sie mir, dass ich diesen so oft gehörten Vorwurf auch ein wenig tangiere. Ich kann Ihnen sagen, dass von den f)00.000 Juden Galiziens mindestens sielicn Achtel glücklich wären, wenn sie ein Stückchen Feld, eine Bauernwirtschaft ihr eigen nennen könnten. Doch wo wollen sie das Land hernehmen, da schon der ansässige polnische und ruthenische Bauer unter dem furchtbaren Landhunger leidet, und — frage ich weiter — wo sollen denn die Juden das Geld dazu hernehmen, da man ihnen das Land doch nicht schenken wird? Wo sollen sie das Geld zum Betriebe hernehmen? Sie glauben, dass die Juden zum Ackerbau sich nicht eignen. Demgegenüber zitiere ich den Bericht des Gouverneurs von Cherson, der in den „Times“ vom Jahre 1903, wenn ich mich recht erinnere, am 8. Februar erschienen ist. In diesem Berichte schrieb der Gouverneur von Cherson, dass, als man im Jahre 1897 den. Juden das Ansiedlungsgebiet unter drückenden Bedingungen anwies, sie es nicht nehmen wollten. Als man ihnen aber Land unter den gleichen Bedingungen gab, unter denen es den niehtjüdisehen Bewerbern gegeben wurde, da zeigte es sieh, dass im Laufe der fünf Berichtsjahre von der Gesamtbevölkerung des Ansiedlungsbezirkes Cherson nicht weniger als 74 Prozent der ganzen jüdischen Bevölkerung sich dem Ackerbau gewidmet hatten, dass in diesen fünf Jahren nur mehr 18 Prozent Ackerbau in Gemeinschaft mit Handel und nur 8 Prozent Handel und Industriearbeit trieben. So sieht es mit dem Hass der Juden gegen die produktive Arbeit a.us! Jüdische Gelehrte, der Stolz der Universitäten. Meine Herren, idi weiss, dass die weitaus überwiegende Anzahl der jüdischen Hochschullehrer nicht in unserem, dem nationaljüdischen Lager steht, ja dass gerade von ihrer Seite wir oft schwer bekämpft werden; das wird mich