Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 21 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 21 .. Es ist bereits von berufener Seite darauf hin gewiesen worden, dass, wer eine solche schwerwiegende Anklage bewusst erhebt, auch verpflichtet ist, die Beweise dafür zu liefern. Ich will hier nur zeigen, dass wir in diesen Worten nicht bloss eine Bedrohung der Freiheit der Forschung, sondern auch der Lehre sehen. Vorher aber, meine Herren, erhebe ich feierlich Protest dagegen, als ob jemals Lehrer oder Lernende unseres Volkes öder unserer Partei die jjüniversitiit zu ümsturzideeri -hätten missjjbrauchen wollen. Ich erkläre hiermit feierlich jjund angesichts der ganzen Oeffentlichkeit. dass jjwlr, das jüdische Volk, in den Universitäten, jin den Hochschulen die Heiligtümer, dass es darin die heiligen Schätze menschlicher Kultur jerbliekt, die ihrem Zwecke zu entziehen, wir als ein Verbrechen an der Menschheit betrachten würden (lebhafter Beifall und Händeklatschen) und darum, meine Herren, begleiten wir auch mit so lebhaftem Interesse und mit so warmer und so inniger Anteilnahme den Kampf, den 'die 'Volker' um Erlangung ihrer Hochschulen fuhren. (Lebhafter Beifall.) Einem Volke seine Hochschule verweigern, das ist ein V eYb r e c h e n, meine Herren, am Geis t e d ei; Mensch h e i t, das ist ein V e r - b r e c h e n a m Geiste dejMeiiseli) i e li- : keit. (Lebhafter Beifall. — Abg. Ed. v. .Stransky: Dem jüdischen Volke geben wir gerne eine Hochschule!) > Oes deutschen Volkes unwürdig. Ich werde auf Ihre Anwürfe noch zu reden kommen. Vorläufig sind wir noch österreichische Staatsbürger und als solche haben wir auch gleiche liechte mit Ihnen. Aber wenn ich im .Kamen der Menschlichkeit verlange, dass alle Völker die Möglichkeit haben, ihre Kation heranzubilden, so ist es eines Deutschen nicht würdig, dagegen zu sprechen, denn das wäre des deutschen Volkes u n w ü r d i g, und damit schmähen Sie nur das deutsche Volk! (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Wenn Talente und Genies durch Verweigerung der Hochschulen in ihrer Entwicklung gehemmt, vielleicht sogar vernichtetwerden, so ist das ein Iiauh nicht nur au der Kation, sondern es ist ein Kaub an der gesamten Menschheit (lebhafter Beifall) und die Menschheit ist nicht so reich an Talenten und Genies, dass -sie auch nur auf eines derselben verzichten könnte! (Lebhafter Beifall.) Revolutionär, umstürzlerisch, Vaterlands- und religionslos. Meine Herren! Einem Volke seine Universität verweigern, das ist dasselbe, wie wenn mau.-einpu. Jüngling in der Entwicklung in eine Zwangsjacke presst, die ihm jede weitere Entwicklung unmöglich macht, das ist eine künstliche Verkrüppelung, eine Versündigung an dem gesunden, lebensfrohen und lebenskräftigen1-Körper des Volkes. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Wir erblicken in den oben ■'angeführten Worten einen Angriff auf die; Lehrfreiheit. Logiseherweise kann man dieselbe 'doch'nur dahin verstehen, dass die Wissenschaften, respektive die Art, in welcher diesel- '■ben' vorgstragen werden, revolutionär, hin s t ü r z l e r i s c li, v a t e r 1 a u d s- oder f e 1 i g i o n s I o s s e i e n. Und hier, meine Herren, sehe ich mich -zu meinem Leid weisen verpflichtet, schon wiederum eine Binsenwahrheit auszuspreehen, eine .Tatsache, die. jeder, der die Wissenschaft und den wissenschaftlichen Betrieb kennt, jeder, der sich jemals mit Wissenschaft beschäftigt hat, von vornherein als selbstverständlich betrachtet. Es gibt nämlich überhaupt keine revolutionären und umstürzlerisehen Wissenschaften. Denn das, was den Wissenschaften hier unterschoben wird, das sind ja Tendenzen, und die Wissenschaft ist ja ihrem ganzen Wesen nach tendenziös. (Beifall.) Tendenz und Wissenschaft sind einander geradezu diametral, geradezu konträr aussehliessende Begriffe; und dass die Wissenschaft tendenziös ist, das eben wird der Wissenschaft von anderer Seite zum Vorwurf gemacht. Allerdings, meine Herren, könnte man etwa die Physiologie oder die medizinische .Chemie revolutionäre, umstürzlerische Wissenschaften nennen, weil sie' lehren, dass der Menseh zu seiner Ernährung täglich so und soviel Gramm Kohlehydrate, so und soviel Gramm. Stickstoffverbindungen, so und soviel Eiweiss braucht, weil sie ferner lehrt, dass, wenn dem Organismus diese Menge täglich nicht zugeführt wird,, er verfallen und. zu Grunde gehen muss. Meine Herren! Wenn man das umstürzlerisch nennen will, darin müsste Inan sieh aber auch deutlicher ansdrücken. Wenn das Umsturz sein soll, so heisst das nichts anderes, als dem Volke das Kalirungsniinimum verweigern. Ich habe auch darüber nachgedacht und mir die Frage vorgelegt, gegen welche Wissenschaft man (len Vorwurf erhellen könrite, sie bilden den Boden’ für Vaterlandslosigkeit. Und ich muss gestehen, cli habe keine gefunden; ich wusste keine Deutung dafür zu geben. Jude und Wissenschaftler zugleich. Was aber die Frage der Keligionsjosigkeit. anlangt, so gestatten Sie mir, meine Herren, aueli liier ein Wort. Es ist selbstverständlich und ich schicke dies ganz ausdrücklich voraus, dass es mir absolut ferne liegt, mich irgendwie mit Fragen der katholischen Kirche und ihres Dogmas zu beschäftigen. Ich kann und werde, und ich betone das wiederholt-, einzig und allein vom Boden jener Religionsgenossenschaft sprechen, der ich angehöre, das heisst vom Boden der jüdischen Beligionsgenossenschaft und da ich mich mit -Stolz auch einen Bürger der vorhin verlachten Gelehrtenrepublik nennen, kann, so gestatten Sie mir, meinen Standpunkte zu präzisieren, den ich als Jude n ju d Wissenschaftler z u g 1 e i c li einnehme. Meine Herren!. Die Wissenschaft.-untersucht frei und oli^er-Voreingenoaimenheit, ohne Biicksicht zu nehmen auf die Besultate, zu denen, sie kommt. Findet nun die Beligion, beziehungsweise finden ihre berufenen Vertreter, dass die Wissenschaft zu . Kesultaten gekommen ist, die mit ihrer Lehre nicht übereinstimmen, so. ist es Pflic-ht der Beligion, zu versuchen, diese Widersprüche aufzuklären. Vermag sie das, vermag sie naehzuweisen, dass die Wissenschaft im Irrtum ist, dann können Sie überzeugt sein, dass niemand dankbarer eine solche Belehrung aufnehmen wird, als oben die Wissenschaft selbst. Aber gestatten Sie mir hier noch eine kleine Bemerkung. Ich kann Dinen sagen, dass es eine Wissenschaft, die ihrem Wesen, ihrer Tendenz nach gegen die - .Beligion gerichtet ist, überhaupt nicht gibt und, nicht geben kann, denn das ist; eine „contra-' di dt'io in adiecto“. Von vornherein hört alles, was eine Tendenz, ein bestimmtes Ziel hat, auf, Wissenschaft zu sein. Wenn etwas sich wissenschaftlich drapiert, was zu einem bestimmten; Zweck richtig.ist oder falsch, so ist das keine; Wissenschaft:. 1 c h e r k 1 ä r e also hi c r mit, dass; e i n e W iyp seil so Ivaf t,. ,d i.e; :s.ic h d;ijej B e k ä m ]i f u ug.de r R e 1 i g i an als Ziel1 g e s e t z t ha tyd ie von v ornli er ein* die A b sie h f hält, d i e B c 1 i g i oii zu; b e k ä in p f e n, da d itr eli a u f li ö ft, W i's-■ Seilschaft zu sein. (Beifall.); Der Hass gegen die Wissenschaft ist ja be-: greiflieh, da es die Wissenschaft, ihre Jünger' und ihre Träger sind, die ein Bollwerk bilden gegen die Zwingburg des Hasses, die man ge-: gen uns Juden aufzurichten versucht-, und nicht nur gegen uns Juden, sondern gegen alle, die anders zu denken wagen als es staatsbehördlich hier in Wien genehmigt ist. Und so mussten denn, als der Seliachzug gegen die Hochschullehrer fehlschlug, die Studenten als Sündenboek lierlialten. Die Eroberung der Universitäten, die Unterschiebung umstürzlerischer Tendenzen, das soll sich alles fast ausnahmslos auf die Skandalszenen beziehen .— und jetzt zitiere ich würtlicb — „deren Schauplatz in den letzten Tagen die deutschen Hochschulen Oesterreichs gewesen sind“.: Für die akademische Jugend. Meine Herren pich wü r s e 1 b s t St u^ de nt, ich kenne das studentische Leben, ic-li kenne das Universitätsleben Oesterreichs ziemlich genau und kann Ihnen sagen: Sie werden in- und ausserhalb Oesterreichs nicht einen Professor finden, der das Saufen, Bauten ime Kartenspielen, das man unseren Studenten zun Vorwurf gemacht bat, billigen würde, Abe: ich kann Ihnen auch eines, sagen, meine Her ren! Danken wir Gotr, diisS wir in unserer Studenten noch eine .Jugend haben, dankei wir Gott, dass wir in Ihnen. Leutd habenk dn nicht mit ihren 18 und 20 Jahren als köpf hängerische Mucker berumlaufen! Seien wir glücklich, dass diese jungen Leute bereit sind, ihr ganzes Sein einzu-setzem.. •- „Wenn sieh der Most noch so absurd gebordet, er gibt zum Schlüsse doch 'neu Wein.“’ Meine Herren! AVer wollte leugnen, das; die Studenten manchmal über die —Stränge schlagen?. Wer w.pllte. Jejignen,. dasg. das jugendliche Blut sie forttreibt? Aber seien wir glücklich, .dass sie .be.reit .sind,7 für. die .Forderungen ihres Amlkstums, für die'idealer! Güter, für das, was sie als wahr undrecht, anerkannt haben,, ihre Persönlichkeit einzusetzen; Seien wir •glücklich, meine Herren, dass es noch Leutegibt, die nicht darnach fragen: Was trägt es mir ein und gefährde ich nicht dadurch in Zukunft meine Existenz? Kein, meine Herren,, dass sie frei und stolz und offen sich zu ihrem ATolkstuni bekennen, darum können wir stolz: sein auf unsere Studenten! ' '■; Bedenken Sie, meine Herren, dass die (Studenten immer die Bannerträger des nationalen Gedankens waren. Bedenken Sie, dass, wenn die Alten oft resigniert sich in das scheinbar Unvermeidliche fügen wollten, der Student mit seinem unerschütterlichen Optimismus, mit dem Glauben an die Zukunft;'an die Zukunft seines Ahlkes es war, der die Fahne hoch hielt, die schwachen Hände entfallen war. Bedenken Sie, meine Herren auf der deutschen Seite, was der Student in den Befreiungskriegen, was er im Jahre 1848 gewesen ist! Und bedenken. Sie, meine Herren auf der slawischen Seite, wie der Studenlti als Pionier des nationalen Gedankens ohne Biicksicht auf sein Wohl hinausgetragen hat die Fahne des Volkstums. hinaus bis in das letzte Dorf und in die letzte Hütte! (Beifall.) Und dafür, meine.Herren, sollte der Student nicht gescholten und .geschmäht werden, dafür verdient er ein_Denk- .mal, wie die Völker es ihm auch in Prag an der Universität gescltzt haben, , Ja, meine Herren, wer von uns noch .nicht den Zusammenhang mit dem lebendigen Leben ganz verloren hat, wer hinauskommt zu unseren Studenten-, wton-cin. beisseiv; Daseinskampf noch nicht das Herz in..der Brust verdorrte, wenn er unsere Studenten sieht und sie stolz 'bekennen.hört im Liede: . ’ „AVer die Wahrheit kennt und sagt sic;, nicht, ■ Der ist führwahr ein erbärmlich AVicht.!“.j .der muss stolz sein, der schöpft neuer) .Glauben .an eine schöne bessere Zukunft aus diesen .'unseren .geschmähten' Studenten, (Beifall.); . Wir naben eine Jugend, auf die wir stolz sein können. Meine Herren! Kaeh dieser Richtung kanri „ich, hoffe ich, mit Stolz sagen: Kaqh der Eichtling gibt es keinen Unterschied zwischen dem germanischen, dem slawischen und . dein .jüdischen Studenten. Und mit Freude können wir es sagen: Auch w i r li a h e ir eine J ug e n d, a u f d i e w i r s t o 1 z s e i n k önne ri. Bedenken Sie, es ist nichts Kleines, wenn ein Jüngling; fast noch ein Knabe, an die Universität kommt und es wagt, sich frei und offen und stolz als das zu bekennen, was er ist: als Jude. Unzählig sind die Fälle, wo er dadurch seine gegenwärtige, seine zukünftige Existenz auf das Spiel setzt. Aber eine Jugend, die darnach fragen würde, würde des Titels „Jugend“ bereits im- -