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Jüdische Zeitung · 1907-12-06 · 21 (6.12.1907) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
21 (6.12.1907)
Date
1907-12-06
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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a= Redaktion, Administration und Inseratenaufaabme: IX-,. ^ßpl<ci)sh»assc ]$r. 9* '; ' Telephon Nr. 14.199. Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr vormittags. Wochenschrift. *- '* Erscheint jeden Freitag. Verkaufstellen in Wien: Administration, Türkenstrasse Nr. 9. Zeitungsbureau 6oldschmiedt, I., Wollzeile Nr. 11. 'Einzelne Nummern 20 Heller. Ganzjähr. K 10.— halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. E 3.—. ln Deutschland: Ganzjähr. Hk. ltt—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Hk. 3.—. Im übrigen Ausland ganzj. Frcs. 15.—. Abinnementspreis»: Vertretungen Io der Provinz: ln Brünn: Zeitungsbureau, Ferdinandgasse. — In Prag: Zeitungsverschleias Wlczek, Graben 33. — In Lemberg: Karl Bachstab. Bucbhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig Nr. 21. Wien, Freitag, den 6. Dezember 1907. I. Jahrgang. Wir Juden und die freie Forschung. Rede des R.-R.-A. Dozenten Dr. Arthur Mahler . zum Dringlichkeitsantrage Prof. Masaryk, am 3. Dezember im österreichischen Parlament Meine Herren! Die modernen Naturwissenschaften haben uns den Kampf ums Dasein als eines der mächtigsten Förderungsmittel in der Welt der Lebewesen kennen gelehrt. Mit -unerbittlicher Notwendigkeit waltet dies Gesetz ztnd schafft die Auslese. Aber seinWirkungSkreis erstreckt sich weit über das Gebiet der Organismen hinaus. Gleichwie bei diesen gibt es -auch einen Kampf ums Dasein der Ideen. Eigentlich ist, streng genommen, jede Ge- -schichte der Philosophie die Geschichte eines -solchen Kampfes ums Dasein, die uns zeigt, wie Aie Gedanken, die für die Ewigkeit gedacht -schienen, vor-dem. Ansturm-lebensfähigerer •so-.,, ' .sammenbreehen, aus der Reihe der lebendig wirkenden ansscheiden. Während nun zahlreiche Forscher damit beschäftigt sind, die -Gesetze zu untersuchen, 'nach denen sich dieser Daseinskampf der Organismen abspielt und entgegen dem Faust geheimnisvoll am lichten Tage die Natur ihrer Schleier zu berauben suchen, fehlen. solche Untersuchungen für das Reich der Ideen. Man kann vielleicht bloss ganz allgemein sagen, dass nur jene Idee Aussicht hat, diesen Daseinskämpf zu bestehen, zu überleben, die konsequent zu Ende gedacht, nirgends mit den Tatsachen der uns umgebenden Natur und mit den Forderungen des realen Lebens in Kollision, in-Widerspruch kommt Ein Kampf ums Dasein der Ideen. Einen solchen Kampf ums Dasein •der Ideen repräsentiert nun ganz eigentlich der heutige Dringlichkeitsantrag. Er richtet -sich seinem Wesen nach — und das ist selbstverständlich und kann speziell von meiner Seite nicht genügend scharf betont werden — weder gegen die Kirche noch gegen ein Dogm^, er richtet sich auch nicht gegen dig Aeusserungen •einer einzelnen, sei es noch so mächtigen Person. Es ist auch nicht die Furcht vor Eroberung ntnd Bedrohung, die ihn eingegeben hat. Es ist meines Erachtens einer der verhängnisvollsten Fehler, zu glauben, dass der Lauf -der Dinge, die Entwicklung der Menschheitsgeschichte von einzelnen Personen, von Individuen gemacht wird und dass man durch deren Bekämpfung, durch den Sieg über sie den Sieg auch bereits in der Sache erfochten habe. Das ist, wie ich glaube, ein ebenso unlogischer Standpunkt, wie wenn etwa der Arzt glaubte, -einen Patienten, der Kopfschmerzen hat, geheilt zu haben, indem er die Kopfschmerzen wertreibt, während dieselben doch nur das Symptom einer Erkrankung, vielleicht eines Typhus waren. So wollen auch wir nicht den Kampf gegen -Personen führen, gegen die Symptome, sondern wir wollen den Kampf dort aüskämpfen, wohin er einzig und allein gehört: in der Ideenwelt, mögen die Konsequenzen anch noch so tief und einschneidend in das Realleben des einzelnen eingreifen. (Beifall.) Ossterraichiscbe Gleichberechtigung. Meine Herren! Die^ Völker Oesterreichs haben allen Grund, dem Worte von der Gleichberechtigung höchst misstrauisch und skeptisch gegenüber zu stehen. Mart führt es immer dort im Mund, wo es am wenigsten am Platz ist. Ich. spreche hier gar nicht von irgend einem Parteistandpunkte aus und ich meine auch gar nicht irgend eine bestimmte Partei, wenn ich das sage, sondern ich konstatiere einfach die Tatsache, dass man das Wort Gleichberechtigung vielfach missbraucht hat», direkt als Mantel für -••di^-iv^ffeStiaä'^arrsehä'ßs^gistÄ»--- •Meine Herren! Wir sehen und hören, dass die Regierung stets emphatisch ^versichert, dass sie voll und ganz und im vollen Umfang die Ereiheitnmd Gleichberechtigung -wahre. Fragen Sie aber die einzelnen Völker Oesterreichs, wie es mit dieser Gleichberechtigung tatsächlich aus- . sieht und Sie werden den Massstab haben, hach dem man bei uns in Oesterreich das Wort Gleichberechtigung einsehätzt. (Beifall.) Wenn uns verkündet wird, es gelte eine grosse Arbeit zu leisten, die Eroberung der Universitäten, so soll das Gleichberechtigung sein. Es ist fast beschämend, es erst aussprechen zu müssen, es ist eine selbstverständliche Wahrheit und ich muss zu meiner Entschuldigung eiü Wört Goethes zitieren: Man muss die WahrheiU imnier wieder sagen, da auch der Irrtum unv Uns herum immer wiederholt wird. ■ 'Es ist selbstverständlich und es ist beschämend, es aussprechen zu müssen: Universitäten können überhaupt nicht erobert, Universitäten können höchstens vergewaltigt werden. (Zustimmung.) Die Freiheit der Idee und die Idee derFreiheit. Meine Herren! Was sind denn die Universitäten? Die Universität ist nicht bloss eine Lehrerbildungsanstalt für Mittelschullehrer, sie ist doch nicht bloss eine Lieferungsstätte für Beamte, Advokaten und Lehrer, die Universität ist nach ihrem gesamten Wesen die Gesamtheit aller Wissenschaften, von denen die einen mehr, die anderen weniger, andere vielleicht gar keine Bedeutung für das praktische Leben haben. Die erste und wie ich glaube indispensable Voraussetzung eines jeden Hochschullehrers ist, dass er sein Fach nicht nur vollständig beherrscht, sondern dass er in demselben auch selbständig denkt, dass er durch seine eigenen Ideen den Fortschritt dieser seiner Wissenschaft fördere. Der Universitätslehrer muss daher, schon bevor er ein. solcher wird, eine vollständig gefestigte wissenschaftliche Anschauung haben, die selbstverständlicher- und natürlicherweisevon seiner sonstigen Weltanschauung nicht z* trennen ist. Wie können Sie denn verlangen, dass ein Mann, der die besten Jahre und Jahrzehnte seines Lebens daran gesetzt hat, um im basten Kampfe vielfach mit sich selbst diese seine Lebens-, seine wissenschaftliche Anschauung zu gewinnen, seine Anschauung aufgeben könne? Welchen anderen Weg gibt es da als den der Vergewaltigung? Und gegen diese Fesselung der Idee setzen wir die Freiheit der Idee, weil wir überzeugt sind, dass die Freiheit der Idee von der Idee der Freiheit untrennbar ist. (Beifall.) Ohne Seitenblick nach rechts oder links. Wir sind davon überzeugt, dass nur jenes Volk die Gewähr für die geistige und kulturelle Entwicklung in sieh trägt, dessen Lehrer und Lenker, dessen Forscher und Denker ohne Seitenblick nacJi rechts oder links, ohne irgend welches Nachdenken auf Vor- und Nachteile einzig und allein eine Voraussetzung für ihre Wissenschaft und für ihre Forschung kennen, und das ist der Wille zur Wahrheit. Eine andere Voraussetzung kennen wir nicht und wir glauben weiter, meine Herren, dass dieser Wille zur Wahrheit ein unbeschränkter sein muss, dass der Forscher, der es scheuen würde, aus den von ihm oder von anderen gefundenen Prämissen die ihm allein richtig scheinenden Konklusionen zu ziehen, der durch irgend welche Rücksichten sich dazu bestimmen lässt, im selben Momente bereits den Ehrentitel eines Forschers verloren hat. (Beifall.) Wenn heute das deutsche Volk mit Stolz sagen darf, dass es mit au der Spitze der Zivilisation schreitet — wem anders hat es das zu danken, als seinen grossen freien Forschern, seinem Gauss und Weber, seinem Liebig und Helmholtz, seinem Mommsen, Kirchhoff und Bunsen? Sie alle und die Koch und Liszt und allen voran der grosse Wahnzertrümmerer Kant, sie fragten nicht danach, ob ihre Ideen irgendwo angenehm oder unangenehm sind, sie suchten die Wahrheit und gaben damit der Welt und ihrem Volke das Beste, was überhaupt gegeben werden kann. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Ein Verbreohen an» Gant« der Menschlichkeit. Dieser Angriff aber erstreckt 3ich, wie wir glauben, weiter. Wir sehen hier nicht bloss eine Bedrohung der Freiheit der Forschung, sondern auch die der Lehre. Es ist gesagt worden, die Universitäten dürfen nicht weiter der Boden für Umsturzideen, ein Boden für Revolution, ein Boden für Vaterlands- und Religionslosigkeit sein. Ich will nicht davon sprechen, meine Herren, dass dies eine ganz allgemeine Verdächtigung ist: auf die Deutung, die man den Worten zu geben versucht hat. werde ich später zurückkom men.

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