Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1907-11-29 · 20 (29.11.1907) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
20 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2438141-2438142-2438162--0226-2439726
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 20 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 7 Studenten stets sympathisch gegenübergestan- . den sei. Er werde, so weit möglich, auch als Bektor den jüdisch-nationalen Studenten Entgegenkommen beweisen. Er verspreche in gleicher Weise wie sein Vorgänger Prof. Dr. Ehrlich die Nationalitätsklausel hu Rektoratsberiehte zu vermerken. Die endgiltiige Entscheidung bleibe der ministeriellen Erledigung Vorbehalten. Antisemitenlogik. Maximilian Haiden, der längst Getaufte, "wurde anlässlich seines letzten Prozesses sehr häufig an seine jüdische Abstammung erinnert. Antisemitische Rührigkeit und Findigkeit haben den ganzen Bummel als das schlaue Werk raffinierter jüdischer Skandalsucht und journalistischer Gesöhäftsmache hingestellt und den peinlichen Eindruck, den die Gerichtsverhandlung in Deutschland und ausserhalb des Beiches hinterlassen hat, geschickt für judenfeindliehe Zwecke ausgebeutet. Das Manöver gelang um so leichter, als auch Haidens Verteidiger, der bekannte Münchner Justizrat Max Bernstein -Judenstämimling ist. Mit lautem Hurrahgeschrei stürzte sich die antisemitische Presse auf die beiden. Sehet her: der Jude Harden macht Skandal, der Jude Bernstein sekundiert ihm! Mit verächtlichem Achselzucken sucht Harden diese antisemitischen Angriffe abzutun. „Der Verteidiger ist, wie der Verteidigte, eines Israeliten Sohn, wie der Verteidigte freilich auc-h dem Judentum immer fremd geblieben. Das genügt. Ich bin längst gewöhnt, als ein mauschelnder Ifczig vorgeführt zu werden . . .“ Es klingt ein resigniertes Bekenntnis durch, leise Klage über die Hartnäckigkeit, mit dem Deutschlands bestem Stilisten der gelbe Fleck immer wieder angeheftet wird. Es mag sein, den beiden Herren ist alles Jüdische fremd geworden. Ihre Fehler und Schwächen werden doch stets dem Juden zugeredhnet. Vom Bajuvarentemperament habe Justizrat Bernstein sich hinreissen lassen, meint Harden in der Verteidigung seines Anwalts. Bajuvaventemperament! Kein übler Witz. Klingt fast wie Frozzelei. Es ist'die Antwort auf die antisemitischen Pressstimmen, welche Bernsteins Verteidigei’kunst als sensationslüstern .geschmäht und seinen forensisolien Erfolg durch Anhängung judenfeindlicher Epitheta herabgesetzt haben. Es konnte nicht überraschen, dass antisemitische Logik und Verdrehung den Prozess aufs Konto der jüdischen Moral buchte. Die antisemitische Spitzfindigkeit hat viel kombinatronsreichere und irnponierendere Beziehungen herausgefunden. Sie -sind zwar geradezu bis zum Wahnwitz lächerlich, aber kennzeichnend für antisemitische Gedankengänge und werden zweifellos vielfach .gläubig hingenommen. Wo steckt für ein rechtes Antisemitengehirn die Alliance israelite universelle nicht hinter einem, getauften oder ungetauften Juden? Und so bringen es denn die Deutschsozialen Blätter, das Hamburger Anisemitenorgan, richtig zustande, in einem „Maximilian Harden im Dienste der Alliance“ betitelten Arikel die jüdischen Grosskapitalisten Frankreichs als Hardens Drahtzieher anzusehen. Sie hatten ein Interesse daran, das deutsche Handelskapital von Marokko fernzuhalten!! Sie schöben Harden vor und bedienten sieh dabei der Alliance. Die Entdeckung ist so originell wie das Bajuvarentemperament des Herrn Bernstein. Des’.Oreschgrafen Glück und Ende. Graf Pückler ist verhaftet und nach •der Irrenanstalt Dalldorf gebracht worden, weil •die begründete Annahme besteht, dass er gemeingefährlich geisteskrank ist. Graf Pückler hat im Laufe der letzten Jahre durch seine tollen Absonderheiten, die ihn auch öfter mit den deutschen Gerichten in Konflikt gebracht haben, die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Das erste Debüt in der Oeffentlicbkeit hat der ■Graf, wie erinnerlich, als „Bitter“ gefeiert. Seine krankhafte Abenteuersneht verleitete ihn •dazu, auf seinem Gute die alte Bitterszeit, die. ihn stets mächtig anzog, wieder aufleben zu lassen. Er legte eine schwere Rüstung an, verkleidete die Knechte auf seinem Gute als Knappen und nun ritt der Graf mit seinen Knappen aus dem Burghof landeinwärts. Und wer dem von seinen Knappen begleiteten Bitter in den Weg kam, wurde tüchtig verprügelt. Es kam dann zu einer ganzen Reihe von Prozessen, in . denen die drastischesten Einzelheiten über die sonderbare Schwärmerei des Grafen für das Bittertum von anno dazumal zur Erörterung gelangten und die ihm den Beinamen der „Dresehgraf“ eingetragen haben. Auch, als Politiker hat sieh Graf Pückler versucht. Seine Versammlungsreden, in denen er seine Zuhörer zu allen möglichen Feindseligkeiten gegen die jüdische Bevölkerung zu harangieren versuchte, haben wiederholt das Einschreiten der Staatsanwaltschaft veranlasst und Graf Pückler hatte sieh vor Gericht wegen Aufreizung zu verantworten. Einmal war er sogar zu einer längeren Freiheitsstrafe verurteilt worden, die ihm später vom Deutschen Kaiser gnadenweise zum Teil naehgesehen wurde. Wer den Grafen kannte, der wusste, dass es mit seiner geistigen Verfassung gewiss nitfct normal bestellt sei und seine Verteidiger versuchten auch in der Begel ihren Klienten durch den Hinweis auf dessen Geisteszustand Straflosigkeit zu sichern, mussten sich aber damit begnügen, dass man sie nur als Milderungsgrund gelten Hess. Nun scheinen diese berüchtigten Exzentrizitäten des Grafen pathologische Formen angenommen zu haben, so dass man sieh entsehliessen musste, den Mann als gemeingefährlich Geisteskranken in einer Irrenanstalt zu internieren. Oie Duma und die Judenfrape. Die Oktdbristen und die Mitglieder der Beeilten in der russischen Duma haben sich auf der Grundlage verständigt, dass die ersteren ihre Forderung nach Emanzipation der Juden fallen lassen, wogegen die Beaktionäre einwilligen, die Duma als eine gesetzgebende und nicht nur als eine beratende Körperschaft anzuerkennen. In einem Interview, das er einem Vertreter der Presse gewährte, erklärte der Präsident der III. Duma, Komiakow, mit bezug auf die Judenifrage, dass .tffe Oktdbristen beschlossen haben, nichts zur Lösung des Judenproblems tun. „Es ist nicht wahrscheinlich,“ fügte er hinzu, „dass sie sich mit einer so unwichtigen Sache, wie die Judenfrage ist, befassen werde, denn es ist klar, dass diese in keiner direkten Beziehung zum russischen Volk oder zur Verwaltung in Bussland, im allgemeinen steht.“ — „Ich will nicht leugnen,“ fügte der Präsident hinzu, „dass ich se.hr erfreut sein würde, wenn ich eines schönen Morgens die Augen öffnete und Russland ohne Juden fände. Und der Grund für meine Freude würde darauf beruhen,, dass ich aus verschiedenen Gründen fest überzeugt bin, dass die Juden stets Parasiten bleiben und von den Früchten der fremden Arbeit leben werden.“ Parieinachrichten. Sonntag den 25. d. M. fand in Wien eine Verbandskonferenz der ö s t e r r. zion. Organisation ein. Es waren vertreten das Innerösterr. Distrikskomitee (Dr. Kadiseh, Dr. J. Margulies, Ing. Stricker), das böhmische (Dr. E. Margulies), die galizischen (die Beichsratsabg. Dr. Gabel und Adolf Stand) und das Czernowitzer D.-K. (Hr. Löbl 'Taubes). Vom Obmanne des mährisch-schlesischen D.-K. Hr. Dr. Reac-h lag ein Entschuldigungsschreiben vor, ebenso vom Abg. Dr. Straucher, der in politischen Angelegenheiten nach Czernowitz musste. Der Präsident des Landeskomitees Dr. Schabt eröffnete die Sitzung und berichtete über die Beschlüsse der letzten galizischen Landeskonferenz, aus denen die Bildung einer galizisc-hen Zentralstelle resultiert. Er brachte weiter zur Kenntnis, dass Verhandlungen im Gange seien, uni die westösterreichischen Distrikte (das Wiener, böhmische un'd miihrischschlesische) unbeschadet ihrer Autonomie gleichfalls zur Konstituierung einer Arbeitsstelle zu veranlassen. Beide Tatsachen bedeuten aber eine Aeüderung der bestehenden Organisation. Und diese falle in die Kompetenz des Parteitages. Bis dahin möge aber die Verbandskonferenz die Aenderung provisorisch genehmigen. In der sich daran knüpfenden Debatte wurde vornehmlich der Befürchtung Ausdruck gegeben, dass die Bildung einer westlichen und östlichen Zentrale zur Atomisierung der ganzen zion. Organisation in Oesterreich führen könne und dass die Genossen in Galizien weit über den Beschluss des Bielitzer Parteitages hinausgegaugen sind, indem sie statt eines Zentralbureaus eine Zentralstelle geschaffen haben. Diesen Bedenken traten die Abg. Dr. Gabel und Stand entgegen. Nichts berechtige zur Vermutung, dass Galizien sich separieren wolle. Das Gegenteil sei wahr. Die Einheit der zion. Organisation in Oesterreich müsse unter allen Umständen aufrecht erhalten werden. Wahr sei aber auch, dass die Agitation für Galizien nicht von Wien aus geleitet werden könne. Der Lemberger Beschluss sei nur praktischen Erwägungen entsprungen. Die Schaffung einer Zentralstelle in einem so grossen Lande wie Galizien, das an die Organisation und die Agitation die höchsten Aufgaben stellt, sei ein Gebot der Notwendigkeit gewesen. •Nach Beendigung der Debatte fasste die Verbandskonferenz folgende Beschlüsse: 1. Das Landekomitee teilt sieh in 3 Sektionen, und zwar für Westösterreich, Galizien und die Bukowina. Den einzelnen Sektionen fällt unbeschadet der Autonomie des D.-K. die Führung der Agenden des Landeskomitees für die betreffenden territorialen Gebiete zu. 2. Entscheidungen über prinzipielle Fragen können nur von der Gesamtkorporation des Landeskomitees getroffen werden. 3. Die Verbandskonferenz spricht sieh dafür aus, dass die Sammelstelle des Jüdischen Nationalfonds nach wie vor in Wien verbleibe Am gleichen Tage fand auch die Konferenz der westösterreiehisChen Distrikte statt, auf der ein ein engerer Zusammenschluss dieser Distrikte beschlossen wurde. Die in Westösterreich wohnenden Mitglieder des L.-K. konstituierten sieh den Beschlüssen der Verbandskonferenz entsprechend zur westösterreiehiseheu Sektion. Es sind dies die Herren Dr. Schafft (Wien), A. Böhm (Wien), Fr. Löw (Prossnitz), Abg. Dr. Mahler (Prag), Dr. Emil Margulies (Trautenaii), Dr. J. Margulies (Wieu), Dr. Reach (Gaya) und E. Torczyner (Wien). Neugewählt wurden die Herren Bechert (Teplitz), Dr. G. Kuh (Prag), Ing. Stricker (Wien) und Dr. Weisengrün (Wien). In den Arbeitsausschuss, der unter der Leitung des Präsidenten des L.-K. Dr. Schafft steht, wurden die Herren A. Böhm, Abg. Dr. Mahler und Ing. Stricker gewählt. * * * Der Distriktstag in Lemberg. Sonntag den 24. November d. J. fand in Lemberg im Lokale des Vereines „TSkwath- Zion“ der Distriktstag des Leinberger Kreises statt, an welchem sieh 18 Städte und Städtchen mit 45 Delegierten und dte zurücktretenden Mitglieder des D.-K. beteiligten. Die Konferenz wurde vom Obmann des D.-K. Dr. Gersou Zipper eröffnet. Zum Vorsitzenden wurde Gg. O rauche, zum Sekretär Gg. Maver gewählt. Gg. Dr. Zipper erstattete den Bericht über die Tätigkeit des D.-K. Er hob besonders seine Betätigung während der Wahlagitation hervor. Zwar ohne Legitimation, aller faktisch ruhte die ganze galizische Bewegung in den Händen des Lembergcr D.-K. Kr schildert ferner die ganze Aktion wegen des Ankaufs des jüdischen Tagblattes durch das D.-K. Auch das Sehekeljahr 100? war ergiebiger als das Jahr 1006. Es wurden 2005 reine zionistische Schekel gesammelt, während die vorjährige Sammlung eine Zahl von 2230 inklusive 446 poale-zionistische Schekel ergab. Der Kassier Gg. \\ i 11 1 i n erstattet den Kassenbericht. Die Einnahmen betragen 4621.01 K, die Ausgaben 4508.53 K. Darüber entspann sich eine lebhafte Debatte, an welcher sich die Gir. Wei n-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.