Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 20 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 20 aber ihre Familien zurüeklassen. Sie sind also ein fluktuierendes Element, aber für Palästina doch bedeutungsvoll. Ihr Stadtteil zeichnet sieh durch Gesehmaek und Ansehnlichkeit aus, im Gegensatz zu den Ansiedlungen der osteuropäischen Juden, die leider viel zu wünschen übrig lassen;, besonders wenn man sie mit den schmucken Niederlassungen der deutschen Kolonisten vergleicht. Es ist daher mit Freuden zu begrüssen, dass sich jetzt unter Beteiligung des Nationalfonds in Jaffa eine Gesellschaft für Häuserbau gegründet hat. — Abgesehen von den bucharisehen Juden gibt es noch Einwanderer aus Persien, aus Aleppo und sonst aus Vorderasien, ein Zuzug, der sicherlich wertvoll ist. Nicht berührt von der Einwanderung ist Galiläa. Beferent schildert den traurigen Zustand der jüdischen Gemeinden von Tiberias und Safed. In das erstarrte, arme Leben von Tiberias haben jetzt die nahen Kolonien einägermassen einen neuen Zug gebracht, Safed aber liegt ganz darnieder. Die Gründung einer Filiale der Anglo-Palestine Company in einer dieser Städte würde sehr segensvoll wirken. Sonst gebe es noch verstreut im Lande jüdische „Pioniere“. In Jericho z. B. lebt ein einziger Jude, der ein Stück Sjiflik-Land (Eigentum des Sultans) bewirtschaftet. Ein Segelschiff Von 20 Tonnen Gehalt, das auf dem j toten Meere Frachtverkehr vermittelt, gehört i auch einem Juden. Bedner spricht sodann davon, was in nächster Zukunft nach seiner Meinung zu unternehmen wäre. Er berührt kurz die bekannte gute Entwicklung der Anglo-Palestine Company, die sich noch durch Begründung weiterer Filialen steigern werde. Der „Bezalel“, der hoffentlich gute Besultate zeitigen werde, stehe noch im Anfang und' habe natürlich grosse Schwierigkeiten zu überwinden, die vor allem darin liegen, dass der „Bezalel“ erst die Industrien zu schaffen habe, die später Beschäftigung geben sollen. Es ist schwer, gleichzeitig eine Schule zu führen und sozusagen eine Industrie aus dem Bodien zu stampfen. Hoffentlich aber werde mit der Zeit eine Lösung der beiden Aufgaben gelingen. Eine weitere Schwierigkeit, der der „Bezalel“ sein Hauptaugenmerk werde zu wenden müssen, bestehe darin, dass für die Produkte auch der entsprechende Absatz gefunden werde, zumal der Haupterwerbszweig, die Teppichweberei, im Orient zu billigsten Preisen in qualifiziertester Arbeit betrieben werde. Was den National fonds betrifft, so dürfe er bekanntlich seine Erwerbungen nicht veräussern. Er müsse den Boden verpachten. Zu diesem Belxufe aber muss der Boden, damit sich jüdische Pächter finden, entsprechend vorbereitet sein. Die zweckdienlichen Vorbereitungen dafür zu treffen, werde eine der nächsten Aufgaben der N.-F.-Verwaltung sein müssen. Auf allen Gebieten in Palästina — fährt Beferent fort ’— ist noch viel zu tun übrig. Es ist, rein kaufmännisch gesprochen, so viel Geld in Palästina zu verdienen, wie kaum irgendwo, in Europa, und d-as sowohl bei landwirtschaftlichen Unternehmungen als auf dem Gebiete des Verkehrswesens (z. B. Errichtung von Kleinbahnen) und des Handels (z. B. des Getreidehandels, der jetzt ausschliesslich von Arabern betrieben wird). Natürlich sei unausgesetzte, rationelle Betätigung aller Klüfte die Voraussetzung für jeden Erfolg, denn — so möchte Beferent seine Ausführungen zusammenfassen — es wäre verhängnisvoll, auch nur einen Moment zu vergessen, dass uns Palästina nicht als Geschenk in den Schoss fallen kann. Die neue Richtung. Gessmann und Ebenhoeh als Minister, Glombinski als Präsident des Polenklubs — Männer des wütendsten Parteihasses, der skrupellosesten Demagogie — sind an die Spitze Oesterreichs getreten. Die christlichsoziale Partei, die seit ihrem ersten Auftreten den Hass gegen die „Judäomagyaren“ politisch ausgebeutet hat, dieselbe Partei, die jahrzehntelang, das Sohlagwort „Los von Ungarn“ in die Massen warf, hat zwei ihrer Mitglieder ins ’ Ministerium entsendet, um/diesen bisnun so heiss bekämpften Ungarn über den Ausgleich hinwegzuhelfen. Für zwei Ministerportefeuilles bat sie ihre Ueberzeugung verkauft, ihren jahrelang mit allen bombastischen Mitteln geführten Kampf aufgegeben. Um seine ehrgeizigen Pläne zu befriedigen, trat Ebenkoek mit seinen Anhängern in die ehristliehsoziale Partei ein und erreichte so sein Ziel. Aber auch Gessmann hat erreicht, was er jahrelang heiss ersehnt und erstrebt hat, den Ministerfrack. Zur selben Zeit, wo in Frankreich die Trennung von Staat und Kirche vollzogen wird, werden in Oesterreich klerikal-antisemitische Minister ernannt, Männer, die der Freiheit und dem Fortschritt den schwärzesten Klerikalismus entgegensetzen, deren ganzes politisches Programm sich auf Rassenhass und Verfolgung stützt. Namentlich Dr. Gessmann ist bekannt als brutaler Agitator, als ‘skrupelloser Demagoge. Wer noch glaubt, Dr. Lueger sei das Haupt der Ohristlichsozialen, irrt, Dr. Gessmann ist es. Lueger ist altersschwach, dient nur noch zur Parade, um bei Festlichkeiten oder Banketten mit König Artus oder Richelieu verglichen zu werden. Seine Bede am Katholikentage, ändert daran nichts, sie beweist nur, dass der altersschwache Lueger 'bereits aus der Schule zu plappern beginnt. Gessmann ist der Schöpfer der Gameindewahlofdnung, die die Christlichsozialen zu unumschränkten Herren des Rathauses machte, seinem Kopfe entsprang die niederösterreiehische Landtagswahlreform, die ihnen durch gewissenlose Unterdrückung der gegnerischen Stimmen die unbedingte Majorität sichert, er ist es, der die christlichsoziale Partei in eine BeiChspartei umgewandelt hat. Er leitete die grosszügige Wahlagitation, während Lueger krank war, und gewann auch den niederen Klerus und mit ihm die Landbevölkerung. Dass Gessmann nicht ruhen wird, um auf dem Ministerstuhle seiife'Ideen von Judenhass und Judentfeindliehkeit5 zii verwirklichen, ist zweifellos. Mit seiner Partei steht er weiter im innigsten Kontakt, sein Mandat als Gemeinderat behält er bei, nach wie vor tritt er als Bedner in christlichsozialen Versammlungen auf. Die beiden Ministerportefeuilks genügen aber den Ohristlieksozialeii noch nicht, lüstern werden sie ihre Hände noch nach weiteren Ministerstühlen ausstreeken und vielleicht ist die Zeit nicht mehr ferne, wo auch die Stelle des Ministerpräsidenten in ihrem Besitze sein wird. AA'ie Gessmann ist auch Glombinski ein Demagoge. Die Führerschaft der allpolnischen Partei genügte seihen Strebergelüsten nicht mehr, er wollte Präsident des Polenklubs werden. Ulm dies zu erreichen, entwickelte er ein beispielloses Intriguenspiel, brachte er ihn in eine schwere Krise, lähmte seine einst so vielgerühmte Solidarität und schwächte dadurch sein Ansehen. Glonibinskis Judenfeindliehkeit ist bekannt. War. seine Bede nach seiner AArahl zum Präsidenten auch süsslieh und voller Phrasen, es glaubt doch niemand daran. Weldh klägliche Bolle spiete er in dem Prozesse gegen die rutlienisehen Studenten, wo er es „unter seiner AAMirde“ fand, sieh von den Anwürfen des temperamentvollen A7erteidigers reinzuwaseben. Seine Stellung zum jüdischen Volke, resp. zu den Zionisten ist durch folgende AYorte gegeben: „Das jüdische A7olk halte ieli nicht für eine Nation. Sollte sieli aber die nationale Tendenz bei den Juden wirklich vergrössern, so werden wir sie mit allen unseren Kräften bekämpfen, bis wir uns überzeugt haben werden, dass wir diesen jüdischen Bestrebungen naehgeben müssen . . .“ Ai7!!- wissen also, was wir von Glombinski zu erwarten haben.-Nichts anderes als Kampf und wieder Kampf. AA'er die Y'erliältnisse in Galizien kennt, weiss, was das bedeutet. Demi der Präsident des Polenklubs ist der Herr von Galizien. Statthalter und Mi- I nister hält und stürzt der Polenklub, der Regierung gegenüber vertritt er das ganze Kronland. Der Präsident des Polenklubs nimmt aber infolge der Statuten eine fast diktatorische Stellung im Klub ein. Die. .Allpolen nennen sieb zwar auch Demokraten. Doch ist die Demokratie für sie nur ein Feigenblatt, mit dem sie ihre antidemokratische Taktik . verbergen. Darum glaube man ja nicht, dass ihr Kampf gegen uns einen konstitutionelleren Charakter tragen werde als der der Sehladita. Er wird ebenso feudal-bureaukratisch sein wie bisher, die Wahlen ebenso galizisch wie früher. Wir Juden wissen, was wir von der-neuen Richtung im politischen Leben Oesterreichs zu erwarten haben. Darum müssen wir uns alle um das national jüdische Bauner sammeln zu gemeinsamem Kampfe um unsere Rechte. Moriz Freundlich. Ein Protest des Jüdischen Klubs gegen die Ernennung v. Abrahamowicz7. Abg. Stand: Bezugnehmend auf den Sehlusspassus des letzten Protokolles, betreffend die Ernennung Sr. Exzellenz des Ministers Abrahamowicz, erkläre ich im Namen des Jüdischen Kluibs, dass der Jüdische Klub weder mit der Form noch mit dieser Ernennung einverstanden sein kann. Die Form, in der es geschehen, ist im höelistep. Grade parlamentswidrig. Die parlamentarischen Sitten der ganzen zivilisierten Welt verlangen es, dass sogar die Minister ihr Programm dem hohen Hause vorlegen. In dieser Form kann ein auf Grund des allgemeinen Wahlrechtes gewähltes Abgeordnetenhaus die Einführung eines Ministers, nicht akzeptieren. (Beifall.) Auch was die Person anbelangt, legen wir Aterwahrung ein.' Ich gestatte mir, im Namen des Jüdischen Klubs folgende Erklärung abzugeben: Im Namen des Jüdischen Klubs lege ich anlässlich der Ernennung des Ministers für Galizien folgende Rechtsverwahrung ein: Wir protestieren dagegen, dass die Minister für Galizien ohne Anhörung der Wünsche der anderen Nationalitäten, die das- Land 'bewohnen,: in Zukunft; ernannt werden.!(Beifall.) Da der Minister nicht nur eine Partei oder eine Nation, sondern das ganze Land repräsentieren soll, fordern wir, dass alle Parteien und alle Nationen, also auch die j ii d i s c h e N a - t i o n, um ihre Meinung befragt werden sollen. (Beifall.) Nur nach Anhörung dieser Meinungen und Wünsche aller Parteien und aller Nationen soll eine solche Ernennung erfolgen, und ich mache darauf aufmerksam, dass die Hälfte der galizischen Abgeordneten abseits vom Polenklub steht. Eine solche starke Minorität, die die Hälfte beträgt, kann nicht ignoriert und muss an gehört werden. Ich protestiere also dagegen, dass wir nicht befragt wurden und dass der Minister, der das Land Galizien, nicht aber eine Partei repräsentieren soll, ernannt wurde. AArir protestieren dagegen mit aller Schärfe und erklären, dass Exzellenz Abrahamowicz wohl der Minister des Polenklubs, nie h t aber der Minister des Landes Galizien und aller Nationen sein wird. (Beifall.) Rundschau. Anerkennung der jüdischen Nationalität. Mittwoch, den, 20. d. M. haben zwei Chargierte der akad. A7erbindung „Hasmonaea“ in Czernowitz namens derselben beim neugewählten Rektor Prof. Dr. Kozak in Frage der Anerkennung der jüdischen Nationalität an der Czernowitzer Universität vorgesprochen. Bekanntlich hat der vorjährige Rektor Prof. Dr. Ehrlich das A7erspreelien, die Nationalitätsklausel anmerkungsweise' im Rektoratsberichte zu vermerken, bloss für seine Person und für seine Rektoratsperiode gemacht und es galt nun, die Stellungnahme des neugewählten Rektors zu erfahren. Der Rektor empfing die Deputation aufs freundlichste und hob hervor, dass gerade er den Bestrebungen der jüdisch-nationalen