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Jüdische Zeitung · 1907-11-29 · 20 (29.11.1907) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
20 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 20 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 so ernste Sache hinwegkommen, bin weit davon entfernt, Tatsachen durch billige Witze verschleiern zu wollen. Und Tatsache ist es, dass, wer Publizistisches, Künstlerisches (Brainin meint wohl Kunstkritisehes) oder Wissenschaftliches in jüdischer Sprache schreiben will, mit dem Ausdrucke ringen muss. Aber kommt es denn für die Beurteilung der Selbständigkeit und des Sprachwertes einer Sprache wirklich auf die publizistische und wissenschaftliche, und nicht vielmehr auf die dichterische, die sogenannte schöne Literatur an? Sie ist es doch, die mit unfehlbarer Sicherheit verrät: hier lebt und webt die kulturelle Individualität eines Volkes und seiner Sprache! Und ich möchte den Dichter sehen, den Dichter, sage ich, den Lebenschauer, LebensnachbJldner, der auch nur die geringste Mühe hätte,- ans dem Lebensschatze, aus dem vollendeten Triebwerke der jüdischen Sprache hervorzuholen, was er braucht. Der sich erst hiristellen müsste, der deutschen Sprache oder der slavisehen oder der hebräischen mechanisch Wörter zu entnehmen, die nicht schon organisch und geistig zum jüdischen Sprachgut gehören. Als ob übrigens nackte Wörter die Hauptsache an einer Sprache wären, und nicht vielmehr die Art, wie sie gesprochen, betont, zu Sätzen geformt, zu Redensarten verwendet werden, d. h. der Geist, der in das ganze Spraehbild gehaucht ist, es belebt und individualisiert! Dass aber in einer Sprache auch ein publizistischer und wissenschaftlicher Stil sieh ausbilde und die nationale Kulturfarbe erhalte, hängt einzig und allein von dem Alter des betreffenden Schrifttums ab. Junge Schriftsprachen haben da immer mit dem Mangel an Ausdrücken zu kämpfen. Wie lange ist es denn im ganzen her, dass man sieh über Fragen des geistigen und gesellschaftlichen Lebens einem ordentlichen deutschen Stil und in reinem Deutsch, ohne Massen,, diebstähle“' am Lateinischen und Französischen, Griechischen und Italienischen, aussprechen kann? Es ist ganz einfach: je älter eine Sprache als Schriftsprache ist, desto ausgeschriebener wird sie für alle Arten gedanklichen Ausdruckes, daher auch die ganz besondere Eignung des Hebräischen, als einer Jahrtausende alten Schriftsprache, für die publizistische und noch weit mehr für die wissenschaftliche Prosa. Dabei kommt es für die entsprechende Literatur in jüdischer Sprache doch auch auf die Berufung des Schriftstellers an. Wer widerwillig, ohne Liebe, ohne Pflichtgefühl, jüdisch schreibt, der wird die „fehlenden“ Worte wirklich dem Deutschen, Slavisehen und Hebräischen wegstehlen. Das heisst: er wird ohne Feingefühl, ohne instinktive Wahl, die Worte da und dort, einmal da, einmal dort, nehmen. Wer aber berufen, wer obendrein von seiner ‘Verantwortlichkeit gegenüber dem Volke durchdrungen ist, der braucht nicht zu stehlen. Ihm werden aus den Stammsprachen — nicht fremden Sprachen — jene Worte Zuströmen, die eine wahre geistige Kundschaft darstellen. Und es werden ihm Fortbildungen aus diesen Wörtern im jüdischen Sprachgeiste gelingen, die den Anderen, den Leichtfertigen, den Lieblosen niemals gelingen können. Also, nicht nur die Dichter, auch die wissenschaftlichen Schriftsteller, sofeme sie nur reinlichen Wesens und gehörigen Könnens sind, brauchen nicht Diebe und Bettler zu werden, wünn sie den Acker der jüdischen Sprache bestellen. , Und ich meine, Rüben Brainin hätte besser getan, sich von seinem Esprit nicht gar so weit verführen zu lassen und des guten, alten hebräischen Spruches eingedenk zu bleiben: „Chachomim hisharu b’diwrejehem!“ (Weise, seid vorsichtig mit euren Worten.) Unsere Abonnenten und Leser werden ersucht, sich bei Anfragen und Bestellungen auf die „Jüdische Zeitung“ zu berufen. Der zionistische Zentralerem ■ •/£" . veranstaltet _ 2 grosse Makkabäer- Festversammlungen Samstag den 30. November 1907, im Cafe Neptun, XX. Mathilden platz 7 Redner: Reichsratsabgeordneter ADOLF STAND Dr. Paul WeisengrUn, JUC. Fritz Löhner. ___ _ Beginn 8 Uhr abends. Mittwoch denj 4. Dezember im Hotel Central, II. Taborstrasse. Redner: Reichsratsabgeordneter ADOLF STAND, Adolf Böhm, Ingenieur Robert Stricker. Beginn 8 Uhr abends. in der Versammlung im Hotel Central wird ein Regiebeitrag von 30 Heller pro Person eingehoben. Die Entwicklung Palästinas. In einer von gegen 300 Personen besuchten Versammlung sprach am vergangenen Donnerstag in Berlin Herr Dr. Arthur Ruppin, der bekanntlich, vom A. C. und dem Direktorium des Jüdischen Nationalfonds mit bestimmten Aufträgen betraut, jüngst einige Monate in Palästina geweilt hatte, über seine Eindrücke von Land und Leuten, den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnissen und der möglichen zukünftigen Entwicklung Palästinas. Dr. Ruppin erklärte zunächst, im kurzen Rahmen eines Vortrages nur das wesentlichste in grossen Linien skizzieren zu können. Ueber die bisherige Geschichte der Kolonien, die er als bekannt voraussetzt, äussert sich der Vortragende ganz kurz. Er verweist auf die bereits öfters hervorgehobenen Fehler dieser ersten Kolonisation, insbesondere auf die schädliche Einseitigkeit, die in der fast ausschliesslichen Anlage von Rebenkulturen lag, und auf den Grundmangel, dass kein sehollenständiger Bauernstand geschaffen wurde. — Auf den gegenwärtigen Stand der Kolonien übergehend, möchte Referent der Kolonie Ekron als der relativ besten den Preis geben. Im allgemeinen beginne in neuerer Zeit allmählich ein erfreulicher Unternehmungsgeist in den Kolonien rege zu werden. Dr. Ruppin verweist u. a. auf den interessanten Versuch der Straussenzncht in Rischon Lezion. Eine Anzahl Srrausse wurde in Rischon während des Frühjahrs in fürsorglichster Weise (die Kolonisten schliefen nachts mit den Straussen zusammen) aufgezogen, und sie entwickelten sich in geradezu iiljerraschender Weise. Wenn die Strnusse den Winter gut überstehen werden, kann man den Versuch als gelungen betrachten und dann eventuell an die Errichtung grösserer Straussenfarmen schreiten. Man erneuerte ferner mit Erfolg die Versuche der Baumwoll-Anpflanzung und hat auch die Zuekerrübenkultur zu erproben begonnen. Dem Drange nach Selbstverwaltung und Selbstbestimmung entsprang die Uebemahme der Kellereiverwaltung durch die Kolonisten, deren gute Früchte sich schon in diesem Jahre zeigten, wo der Absatz des Weines ein wesentlich besserer ist. Ueberdies habe auch durch die Einrichtung neuer Kellereien seitens der Kolonisten die Produktion eine zweckdienliche Förderung erfahren. Referent kommt dann auf das öffentliche Leben in den Kolonien zu sprechen. Er rühmt die politische Freiheit, deren sich die Kolonisten erfreuen. Man könne sieh in dieser Hinsicht nicht leicht irgendwo besser fühlen. In Pethach- Tikwah z. B. sei seit Jahren kein türkischer Beamter gewesen. Vieles, was sonst von Staatswegen als öffentliche Einrichtung geschaffen wird, haben die Juden dort selbständig ins Leben gerufen: z. B. ein eigenes Gericht, bestehend aus 9 Personen, ein Grundbuch, das zwar nicht staatlich, aber von den Kolonisten als verbindlich anerkannt wird. Auch ein „Notariat“' wurde eingerichtet, dass vom Rabbiner geleitet wird. Pethach - Tikwah ist übrigens auch das Zentrum der Arbeiterorganisationen „Poalei - Zion“' und „Hapoel Hazoir“ mit je ca. 200 Mitgliedern. Der durchschnittliche Arbeitslohn — bemerkt der Vortragende nebenbei — von täglich 1 Frcs. 70 Cts. reicht für die palästinensischen Bedürfnisse aus. Das gesellschaftliche Lehen sei natürlich im allgemeinen recht einfach. Indessen fehlte es nicht an allerhand Vergnügungen, die einen gesunden ländlichen Charakter halten. Für die Bequemlichkeit des Verkehrs zwischen den Kolonien habe man erst neuerdings Vorsorge zu treffen begonnen. In einzelnen Kolonien wurden in jüngster Zeit Hotels geltaut, von denen die in Rischon Lezion und Pethach-Tikwah einfachen Anforderungen gut entsprechen und deswegen auch schon von Touristen aufgesueht werden. Redner spricht dann von der Entwicklung des Hebräischen als Umgangssprache. die in manchen Kolonien so weit vorgeschritten sei, dass man auf den Strassen fast nur hebräisch sprechen höre. Von den Schattenseiten im Leben der Kolonien sei eine der beklagenswertesten die mangelnde Bodenständigkeit der Kolonisten. Die jungen Männer wandern — angeblich wegen der geringen wirtschaftlichen Aussichten, die ihnen die bisher vorwiegende Rebenkultur biete — in starkem Prozentsatz aus, und viele junge Mädchen folgen ihnen nach. Wäre die Auswanderung eine derartige, wie die der Araber, die übers Meer gehen,, dort ein Sümmchen erarbeiten und sieh dann für immer in Palästina ansiedeln, so könnte man natürlich nichts dagegen haben. Hoffentlich werde das in Zukunft so werden. ZusanmienfasseiKl erklärt der Referent, dass die Kolonien sieh im allgemeinen in den letzten Jahren in aufsteigender Linie entwickeln, was mit durch die guten Ernten bewirkt wurde, indessen sei noch immer vieles der Besserung fähig. Auf die Städte übergehend, bemerkt Referent, dass auch sie, vor allem dank den Kolonien, einen beträchtlichen Aufschwung genommen haben, zum zweiten infolge der gesteigerten Einwanderung aus Osteuropa. Diese Einwanderung sei natürlich nicht immer eine solche, die man als „erwünschte“' Ix:zeichnet. Man sage in Palästina: 50 Prozent der Leute kämen nach dem Lande der Väter, um zu arbeiten, 50 Prozent, um da zu sterben. In den Städten hat sich nun auch die Industrie zu entwickeln begonnen: Maschinen-, Oel-, Seifenfabriken, Ledergerbereien nsw. seien entstanden. Die allgemeine Ansicht gehe dabin, dass sich die wirtschaftliche Lage in den Städten gebessert bat. Uebrigens sind in die Städte auch viele Einwanderer aus Asien gekommen. Die interessantesten von ihnen sind die Jemeniten, die aus Südarabien einwantloni. Sie sind sehr fromm, sprechen zumeist arabisch, verstehen aber ganz gut hebräisch und sind vor allem ganz ausgezeichnete Arbeiter, die als einzige mit den arabischen Strinhauern, Lastträgern etc. konkurrieren und bei ihrer Anspruchslosigkeit mit 30—40 Frcs. monatlich ihr Auskommen finden. Ihre Häuser nageln sie sieh aus Brettern von Holzkisten zusammen und verwenden für die Dächer das Blech der Petroleumbehiilter. die aus Russland stammen. Sie können viele Arbeit leisten, zu denen die Juden aus Osteuropa noch nicht befähigt sind, und werden sieh insbesondere in der Landwirtschaft, zu der sie hoffentlich bald in grösserer Zahl kommen, ausserordentlich bewähren. Ausser den 4000 Jemeniten sind noch die Juden aus Buchara zu erwähnen, die, meist vermögend, sich in Jerusalem Häuser bauen, um zeitweilig wieder noch Buchara zuriiekzukehren, manchmal MllilSlIl

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