Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 20 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 20 . Für die jüdische Sprache. Einige Protestworte gegen Ruhen'Brainin. Von Dr. Nathan Birnbaum. ..Wenn ich jüdisch spreche, schäme ich midi nicht. Ich schäme mich dessen nicht, denn viele Millionen meiner Brüder sprechen diese Sprache. Aber ich. bedauere es.“ „Wenn ich öffentlich Jargon spreche, betrübt es mich, dass alle verstehen, was ioh rede/' Diese zwei Aussprüche Buben Brainins, | dessen Muttersprache nach eigenem Einte- | kenntnis die jüdische ist, genügen eigentlich j schon, um den ganzen Jammer unserer jüngsten „Jargon“-Spraehphilosophie zu offenbaren. So ganz allein, wie ich sie hier anführe, stehen sie ja nicht in dem Artikel,*) aus dem ich sie zitiere. Dort haben sie eine ganze Beihe noch deutlicherer Gefährten, von welchen wir ja etwelche kennen lernen werden. Und dann, was die Hauptsache ist, sie und ihre Gefährten sind dort durch liebreiche, stolze Worte zugunsten des Hebräischen noch unterstrichen. Schatten über Schatten wind auf die jüdische Sprache geworfen, Lieht über Licht über die hebräische gebreitet. Ich für meine Person kann dieser Methode keinen Geschmack abgewinnen und nur die Notwehr zwang mich zuweilen, es ähnlich zu versuchen. Wobei ich aber natürlich nicht jenen Gipfel technischer Vollendung erklimmen konnte, den Brainin so mühelos nimmt. Fehlte mir ja der Schatten für das Hebräische, so dass ich midi stets damit bescheiden musste, jeder der beiden Sprachen i h r Lieht zuzuteilen. Heute aber will ich von der Anwendung der parallelisierenden Methode ganz abselien. Gerade weil Buben Brainin sich diesmal ein Uebermass im Verscliknpfieren des Jüdischen leistete, hat er es mir ganz unmöglich gemacht, auf seine Weise mit ihm fertig zu werden. Soll ich etwa auch das Hebräische zu schimpfen beginnen? Ich kann hebräisch nicht sprechen, leider auch nicht schreiben, ater ich lese und verstehe < s so weit und so <rut 1— wie viele Braininsehe Sachen habe ich zu seiner überschwänglich geäusserten Zufriedenheit übersetzt 1 — um es zu lieben aus ganzer Seele und mit meinem ganzen jüdischen Kulturinstinkt zu lieben. Soll ich nun etwa fluchen, wo mein Herz segnet? So will ich mich denn nur darauf beschränken, für die jüdische Sprache zu plädieren und sie gegen eine Aburteilung in Schutz zu nehmen, die dadurch nicht gerechter wird, dass sie schwierige Fragen in leichtestem Feuilletonstil lösen will. „Am Jüdischen liebe ich den Witz“, schreibt Brainin, „die echt jüdische Bitterkeit ') .Hebräisch und Jüdisch ‘ Nr 18 der „Jüd. Ztg.“ zuge. Einige Minuten vor seinem Tode frug er eines seiner Enkelkinder, was für Neuigkeiten aus Russland kämen und ob der Pogrom in Odessa noch anbalte. Sein Leichenbegängnis fand unter ausserordentlich grosser Anteilnahme aller Bevölkerungsschichten der Stadt und Umgebung statt. Besonders viele rumänische Bauern waren gekommen, um ihren .Propheten“ und Berater zu beweinen. Der .Ewige Jude* nicht ven Eugene Sue! Das ist die neueste Sensation, die der ,Gil Blas4 seinen Lesern und der ganzen gebildeten Welt bietet. Vor wenigen Wochen wurde der 50. Todestag des Schriftstellers feierlich begangen, und heute behauptet das genannte Blatt, sein Hauptwerk, das in alle lebenden Sprachen übersetzt ist, sei nicht sein geistiges Eigentum, sondern er habe nur seinen Namen dazu hergegeben. Ueber die angebliche Entstehung des berühmten Romans äussert sich der ,Gil Blas“ wie folgt: Im Sommer 1844 sei täglich ein alter polnischer Jude auf der Place d’Armes erschienen, habe auf einer Art Staffelei seine Papiere, Federn und Tinte aufgestellt, und habe von morgens bis abends unermüdlich geschrieben. Der Jude soll Jolenski geheissen haben und Eugene Sue soll an dem Roman nichts weiter geschrieben haben, wie seinen eigenen Namen. — Die Sache klingt einstweilen noch ein wenig unwahrscheinlich! JÜDISCHE-: ZEITUNG -- -- - -J.j,.—V, ■ ■ und den versteckten, verstohlenen Iljumor. (Wenn Ihr wollt, Galgenhumor.) Hebräisch ist für mich die Blumönspraehe .... Jüdistih ist gepfeffert, gesalzen. Es ist GeschmaCksac-he. Ich liebe Blumöügeruch; andere lieben Pfeffergesehmaek.“ Vor allem kenne ich mich da in der Liebe nicht aus. Liebt Brainin den Witz, die Bitterkeit, den Humor im Jüdjschen, wie er im ersten Satze beteuert? Oder liebt er sie nicht, wie er dies im letzten Sätze recht deutlich heraussagt? Das Gesalzene,-., das Gepfefferte, den Pfeffergesehmaek! Und dann Witz, Bitterkeit, Humor! Wie viel ^zusammengehöriges zusammengeworfen! Witz ist Geist, oder soll es wenigstens sein, Bitterkeit ist Empfindung und Humor ist Gemüt. Witz und Bitterkeit mögen sich noch irgendwo treffen, irgendwie einander aushelfen. -Humor aber ist aus einer ganz anderen Welt. Humor ist das Köstlichste, was man einer Sprache naehsagen kann, ist ihr Kraft- und Tiefezeugnis. Eine Sprache hat Humor, das heisst: sie ist ein Werkzeug, mit dem die Leute nicht bloss den notwendigsten Bedarf an Gespräch decken, sondern auch die stilleren, feineren Akkorde des Lebens und der Welt für einander erklingen lassen. Das heisst: sie weiss zu' singen und zu lachen, zu jubeln und zu weinen, zu seufzen und zu lächeln, zu trotzen und zu teten. Und alles dies weiss die jüdische Sprache, alles dies kann sie. Wollte doch Brainin, statt nach dem Adelsbricf zu fragen, unnötige Parallelen zu ziehen, und nach Pfeffer und Salz zu schnuppern, — dem Vater und der Mutter' mit Andacht lauschen! Und dem Kutscher, der von seinem Bocke aus lebendig in die lebendige Welt hinein- und aus ihr heraussprieht, unabsichtlich den Sinn der Dinge in seine Worte hineinschmiegt! Und dem Dichter/der ein so feines Gehör für alle diese Nuancen und eine so zauberhafte Feder hat, sie festzuhalten, anzuordnen und her.vorzuheben!, Perez z. B. ist .doch auch noch wer. Und ich entsinne mich nicht, viel „Salz und Pfeffer“ bei ihm gefunden zu baten, oder auch nur viel — Galgenhumor. Ich weiss überhaupt nicht, wo Brainin seine Ansichten über die notgedrungene „Witzigkeit“ des Jüdischen her hat, „Wenn ich hebräisch spreche, will ich schön reden; spreche ich jüdisch, will ich witzig reden.“ Hat er nie etwas davon gehört, dass in allen jungen Literaturen, so z. B. auch seinerzeit in der deutschen und englischen, der Hanswurst eine grosse Bolle spielt? Weiss er wirklich nicht oder lässt ihn seine Brille nicht sehen, was jeder, der ein „unbewaffnetes Auge“ hat, deutlich sieht: Die geradezu mit geometrischer Geschwindigkeit erfolgende Zunahme des Ernstes in der Literatur der jüdischen Sprache? Ist ihm Morris Eosenfeld zu wenig ernst? Oder Perez? Oder Jehojosch? Oder David Pinsky? Vielleicht bequemt er sieh für einen Augenblick zur Herabnahme seiner Brille und merkt dann, dass neben einigen weniger Bedeutenden nur Schülern Alejchem und — er für das witzige Jüdisch Zurückbleiben? Ja, im Grunde nur er allein, da ja auch in Schülern Alejchem nicht der Witz, sondern der Humor die Hauptsache ist —, jener Humor, den ich das Kraft- und Tiefezeugnis der jüdischen Sprache genannt habe! ‘ Also herunter mit der Brille! Für einen Buben Brainin, er mag sich sonst zu der jüdischen Sprache stellen, wie er will, ziemt sie nicht. .Es ist auch keine Ehre für ihn, in der Gesellschaft jener fremden Einfältlinge zu sein, die sieh des tiefgreifenden sprachlichen und psychologischen Unterschiedes zwischen der Atmosphäre des westj üdisehen Börsen- und Budapester Orpheum-Jargons und der Atmosphäre des ostjüdisehen Volkes und seiner Sprache nicht bewusst geworden sind. Freilich — der Kasus ist begreiflich. Unwillkürlich muss in die Gesellschaft kommen, wer Worte, wie folgende, niederschreibt: „Wenn ich Jargon schreite, kann ich die Worte nicht wie Dukaten zählen. Unwillkürlich muss man Marktsprache schreiben. Das Wort im Jargon ist nicht heilig. Es fehlt die Liebe, es fehlt auch der Glaube, dass zukünftige Geschlechter unsere Worte lesen werden.“ Ich aber sage Buben Brainin: Nein, und tausendmal nein! Auch wenn der Glaube an diese Zukunft der jüdischen Sprache fehlt, darf nicht ganz der Liebe zu ihr, die er seine Muttersprache nennt, ermangeln. Und fehlt sie ihni doch, so muss ihm trotzdem das Wort, das er niederschreibt, heilig sein; muss er gleichwohl die Worte wie Dukaten zählen. Denn wenn sie ihm unheilig und wie die Knöpfe wertlos sind, dann bringt er das vertrauensselige Volk um jene Adelung und Heiligung, die es von ihm erwarten darf. Ein Volk mit sorglos zubereiteter Spraelikost füttern, ist gleich „verbrecherisch“, ob die Sprache eine „grosse Erbschaft“ oder eine „Marktsprache“ ist. Es gibt auch keinen von den irgendwie Namen habenden Dichtern und Schriftstellern in jüdischer Sprache, der sich diese imerhörte Sorglosigkeit zu Schulden kommen Hesse. Alle „feilen sie“ und „reichen Perlen“ — und siehe da, es gelingt ihnen — ohne dass sie vielleicht lange suchen müssen. Der lebendige Strom der Sprache treibt ihnen, ohne alle Qual für sie, die Worte geschliffen und gerundet zu. Allen, nur Brainin nicht — wenn wir wirklich so unvorsichtig sein wollen, diesbezüglich sein Zeugnis gegen ihn selbst auszunützen. Eine Marktsprache! Brainin erinnert mich unwillkürlich an Bileam. Er will fluchen und segnet. Marktsprache! Oh Goethe, warum bedachtest du nicht, dass auf deutschen Märkten deutsch gesprochen wird? Und du, Racine, hörtest du denn nicht auf französischen Märkten französisch parlieren? Und auch du, Jesaja, fiel Cs dir nicht auf, dass die Hebräer auf ihren Märkten hebräisch sprachen? Ja, ihr alle habt euch nicht für zu gut gehalten, euere Marktsprache zu meistern. Ihr habt eben den Beruf der. Sprache und euren Beruf erkannt: die Tiefen mit den Höhen, den Markt mit der Kunst zu verbinden, die.Einheit des Volkslebens herzustellen. Allerdings, die Literatur der jüdischen Sprache hat noch keine Goethes, Raeines und Jesajas erzeugt. Ich glaube aber auch nicht, dass die deutsche, die französische und die althebräisclie Literatur gleich mit diesen Gewaltigen fertig vom Himmel gefallen sind. Und ich reklamiere daher auch für die kleinen Jüdisehscbreiber das Recht, unbeschadet ihres dichterischen Rufes, ja mit guter Vorbedeutung für ihn, ihre Marktsprache zu schreiben. Rüben Brainin aber könnte von seinem Standpunkte sich nichts Besseres wünschen, als dass auch seine Lieblingsspraohe eine Marktsprache wäre. Das hätte auch den Vorteil für ihn, dass er sieh dann gar nicht mehr zum Jüdischen herabzulassen brauchte. Er hätte es nicht mehr nötig, folgende bewegte Klage und Anklage anzustimmen: „Wenn ich Jargon schreibe und es fehlen mir Worte und Ausdrücke — und sie fehlen Schritt für Schritt, besonders wenn man Publizistisches, Künstlerisches oder Wissenschaftliches schreiben will — dann muss man die deutsche, die russische und hebräische Sprache zu Hilfe nehmen und verstümmeln. Ohne zu wollen, wird man ein Dieb an fremden Sprachen oder ein Bettler.“ Nun, ich bin kein Feind starker Worte, aber vom Sprecher überdacht und vom Gegenstand verdient müssen sie sein. Dieb! Bettler! Das wusste ich ja gar nicht, dass die englische Sprache z. B. aus drei anderen zusamunengestohlen ist. Wenn so ein Brite in seinem Jargon sing sagt, so hat er bei dem Deutschen, und wenn er general sagt, bei den Franzosen einen — britischen Zirkel gemacht. Und der gute Shakespeare hat nichts anderes getan, als diesem erbärmlichen Diebstahl die dichterische Weihe gegeben! . . . Was man nicht alles erfährt! Doch ich will nicht mit Scherzen über eine