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Jüdische Zeitung · 1907-11-29 · 20 (29.11.1907) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
20 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Nr.. 20 ohne Diplomatie. Will man unsere vorhin über die Bedeutung der Palästinaarbeit aufgestellte These bekämpfen, so lasse man die Kasuistik über diplomatischen Zionismus weg und beweise uns, dass diese Arbeit keine neuen Organisationsmöglichikeiten fürs ganze Judentum schaffen kann. Dieser Beweis kann aber nicht geführt werden, denn nicht bloss die Theorie, sondern auch die Erfahrung spricht für uns. Gerade die Praxis beweist, dass die reale Arbeit in Palästina eminent politischer Zionismus ist, denn sie befestigt die jüdische Einheit, die jüdische Organisation. Schon der erste Versuch der ersten Pioniere der praktischen Palästinaarbeit (die „Biluer“) am Beginn der achtziger Jahre des XIX. Jahrhunderts hat die Tätigkeit Rothschilds einerseits diejenige Pinskers und Achad-Haams anderseits hervorgerufen. Es war die erste Annäherung des Westens und Ostens. Die ersten Keime des nationalen Judentums in Palästina haben den Chowewe-Ziondsmus in Russland und die Vorläufer des politischen Zionismus im Westen geschaffen. Ganz von selbst näherten sich die Glieder Israels und vereinigten ihre Kräfte zum gemeinsamen Schaffen. Da war schon die organisatorische Wirkung der Palästinaarbeit sichtbar. Denn sie hat Herzl dazu gemacht, was er wirklich für uns war: der ungekrönte König des wiedervereinten Volkes. Aber die Wirkung geht noch weiter: sogar der „assimilierte“ Teil des Judentums beginnt sieh durch die Berührung mit Palästina zu nationalisieren. Erst vor kurzem musste die zionistische Presse die Tatsache der nationalen Arbeit in Palästina seitens des „Hilfsvereines der deutschen Juden“ konstatieren. Wohl handelt es sieh um Schulen, aber da tritt besonders präzis der nationale Charakter der Arbeit zutage. Sogar die Ica leistet nationale Arbeit, sobald sie etwas in Palästina unternimmt. Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, dass die „assimilierten“ Juden wohl Gegner des Zionismus sind, aber gegenüber der praktischen Palästinaarbeit verhalten sie sieh sympathisch. An dem vom Prof. Warburg gebildeten Industriesyndikat beteiligen - sieb auch Nichtzionisten. Selbstverständlich ist die grosse Majorität dieser Palästinaarbeiter nicht national gesinnt, sondern ist philanthropisch angehaucht. Aber je mehr die Arbeit in Palästina sich entwickeln wird, desto mehr werden sie palästinisiert, d. i. nationalisiert. In bezug auf diese Arbeit gibt es unter den Juden keine Teilungen. Der deutsche, englische und sogar der französische Jude bringen dieselben Sympathien dem in Palästina sich regenerierenden Judentum entgegen, wie der russische oder galizische Jude. Ich konnte diese Tatsache konstatieren ebensogut unter den bürgerlichen, wie den proletarischen Elementen unseres Volkes. Ich werde nie die Aeusserangen: eüntes sehr hervorragenden französischen Juden über diese Fragen vergessen: „Kommen Sie zu uns mit reelen Vorschlägen und Sie werden unsere Mitarbeit und unsere Hilfe nicht vermissen. Ich glaube nicht an den Judenstaat, aber ich glaube an die Jüdennot, und diese genügt mir, um auch in Palästina zu arbeiten.“ Wohlan! Dieser Jude ist jetzt für Palästinaarbeit nur aus negativen Rücksichten. Er wird nur von den Leiden der Juden geleitet. Aber später, wenn in Palästina tatsächlich neuqS, gesundes jüdisches Leben entstehen wird, wird er auch die positiven Seiten der Palästinaarbeit zu schätzen wissen. Dasselbe konstatierte ich auch bei den amerikanischen Juden — bei den Bürgerlichen und den Proletariern. Zukunftspläne — keine, aber Gegenwartsarbeit — ja, sogar vom vollen Herzen. Jetzt sind sie Philanthropen, später werden sie ganze Juden werden. Von diesem Standpunkte aus, aber nur von diesem, wird uns die ganze Weltanschauung Achad-Haams verständlich, nicht bloss verständlich, sondern sie gewinnt eine objektive Berechtigung und ist von eminent praktischer Bedeutung. Die Renaissance der nationaljüdischen Kultur resp. die Schaffung eines geistig-kulturellen Zentrums in Palästina kann und wird tatsächlich als der mächtigste Organisationsfaktor des Judentums dienen. Dieses Zentrum wird alle Juden der Diaspora vereinigen. Der Fehler Achad-Haams besteht nur darin, dass er erstens ein Programm- Minimum für ein Programm-Maximum anisgegeben hat und zweitens, dass er vollständig einen sehr wichtigen Umstand ausseracht liess, nämlich: ein geistiges Zentrum ist ohne ein materielles absolut unmöglich. Will man schon jetzt eine jüdische Kultur in Palästina schaffen, so muss man wenigstens die ersten Ansätze zu einer jüdischen Wirtschaft daselbst ins Leben rufen. Aber der Grundgedanke Achad-Haams ist richtig: all das, was schon jetzt in Palästina geschaffen worden ist und geschaffen wird — Volksschulen, Mittelschule, ßezalel — obwohl alle diese Institutionen zusammengeuommen noch lange nicht ein jüdisches Zentrum bilden, übt schon eine organisatorische Wirkung auf die zerstreuten Energien unseres Volkes. Diese Institutionen finden einen Widerhall in allen jüdischen Herzen. Auf dem Boden dieser Tätigkeit lässt sieh sehr leicht Einigkeit schaffen. Nun, kann man wohl darauf hinweisen, dass gerade Palästina und besonders die praktische Palästinaarbeit die Spaltung unter den Zionisten hervorgerufon habe, indem sic-h die Territorialisten abgesondert haben. Darauf kann ich nur eine Antwort geben: die Spaltung ist eben dadurch hervorgerufen worden, dass i n Palästina nichts gemacht worden ist, resp. die Voraussetzung, dass in diesem Lande nichts gemacht werden kann. Ich weisä nicht, wie es sich mit den Territorialisten der anderen Länder verhält, aber was die russischen anbetrifft, so wird mir jeder, der mit den Verhältnissen bekannt ist, wohl zugeben, dass die geringsten Erfolge in Palästina den Territorialismus vernichten würden. Mit einem Worte: die reale Arbeit in Palästina ist das beste Mittel, das Judentum zu organisieren und deshalb muss sie den Hauptplatz in unserem Gegenwartsprpgramm einnehmen. Aber die Grundeigenseliaft jedes reellen Programm-Minimums ist die, dass es ausser der allgemein-organisatorischen Wirkung auch noch den Boden fürs Programm-Maximum auch auf mehr direkte Weise schaffen muss. Die Gewerkschaften der Arbeiter sind von so grosser Bedeutung, weil sie nicht bloss die Arbeiter organisieren, sondern auch weil sie neue Kräfte schaffen, solche Kräfte, die für die Selbstverwaltung in der Zukunft vorbereitet sind. Und auch die reale Palästinaarbeit dient gleichzeitig als mächtiges organisatorisches Mittel und als Grundlage unseres Endzieles, denn sie schafft neue Kräfte in Palästina selber, sie schafft den Boden, auf dem die natürliche Weiterentwicklung unseresVolkes in Palästina ermöglicht wird. Auf diese Weise verschwindet das ganze Gerede von den „zwei Flächen“ und wir brauchen uns nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, wie man die Brücke zwischen diesen zwei Flächen aufbauen soll. Wir anerkennen wohl, dass die Judenfrage ein Ausnahmefall in der ganzen Geschichte ist, aber trotzdem vernichtet dieser Umstand die Gesetzmässigkeit der zionistischen Bewegung nicht. Auch unser Programm-Minimum wird nur vom Programm- Maximum bestimmt; diejenigen objektiven Kräfte, welche das letztere hervorgerufen haben, schaffen auch das erste. Unsere Gegenwart und Zukunft muss in Palästina geschaffen werden. Dass aller die Juden sieh in einer Ausnahmelage befinden, ersieht man ans den anderen Faktoren unseres Gegenwartsprogramms. Reichtum oder wenigstens Wohlstand kann jeder Geschäftsmann erwerben, wenn er seine Geschäftsbücher genau führt. Für die Lieferung bester und billigster Bücher und aller Bureaurequisiten empfiehlt sich Geschäjtsbücher-FabriK A. Grünsfeld & Co., Wien, I., Gonzagagasse 21. Augenblick trat der Lehrer ein, stellte den Judenknaben, den er zum Schlage ausholen sah, zur Rede und liess ihn zur Strafe im Winkel stehen. War das ein schmählicher Waffenstillstand! Aller Blicke waren auf den blassen Jungen gerichtet, der, wie ein Verbrecher, abgesondert, ausgestossen, sieh an die Wand drückte Und stumm die Tränen verschluckte. Während er so in seinem dumpfen Weh verging, rief plötzlich einer der Knaben: „Herr Lehrer, die Judenbüben stehen vor dem Fenster und lachen herein.“ . Leiser zuckte zusammen, hob den Kopf und gewahrte durchs Fenster die vier Judenknaben, die auf dem Spielplatz vor der Schule standen und lachten. Sie sahen ihn ja im Winkel stehen. Er krümmte sieh in Scham und Angst vor ihnen, die er verraten hatte. Und eine Stimme schrie in ihm: jetzt gehörst du weder zu denen in der Klasse, noch zu jenen, die draussen stehen. Ratlos drückte er sieh an die Wand. Ihm war als bohrten sieh die Blicke der Judenknaben in seine Seele immer tiefer, schärfer und schmerzhafter. „Wie die Knirpse lachen,“ murrte der Lehrer, „und sie‘haben recht.“ Wie ein verwundetes Tier schrie Leiser auf. Mit einem Satz war er bei der Tür und — draussen. „Lachen werdet ihr!?“ schrie er mit wuterstickter Stimme die vier Kameraden an. Die staunten und schwiegen, als hätten sie Mitleid mit ihm. Ernst folgten sie dem Davoneilenden. „Bleibe doch stehen, nioinantd tut dir was.“ riefen sie ihm nach. Erschöpft hielt er. Und die vier Kameraden umringten ihn und lachten nicht mehr. Es waren ernste Kinder, Judenkinder, die den Kampf des Lebens bereits ahnten. Unter den mitleidsvollen gütigen Blicken ging in Leisers Seele eine Wandlung vor. War ja im Grunde kein sclieehter Kerl, nur ein wenig dureli Ehrgeiz verblendet. Nun liatten sich ihm die Augen geöffnet. Und er flüsterte: „Verzeihet mir den Verrat. Ich bin genug bestraft worden. Jetzt erst weiss ich, wo ich hingehöre. Zusammenhalten wollen wir . . . Begleitet mich zur Mutter, dass ich ihr die Wahrheit gestehe. Dann wollen wir in die Synagoge gehen, es ist ja Sabbat.“ Allerlei. Der Grossvater der .Juden. Vor einiger Zeit starb in Jassy eine der interessantesten Gestalten unter den rumänischen Jud»n im Alter von 115 Jahren. Er hiess Samuel Herschku. Dieser Jude, dem ein so hohes Alter beschieden war und der mehr als drei Generationen überlebt hat, wurde in Rumänien allgemein .der Grosgvater der Juden“ genannt. Er war ein Enke des bekannten jüdischen Witzlings Herschel Ostropoler, dessen Bonmots und Witze noch heute Gemeingut der Judengasse von Polen und Rumänien sind. Merkwürdig wie er selbst, war auch sein Lebensgang. Er beherrschte neun Sprachen und hat in seinen jüngeren Jahren ganz Europa und Amerika bereist. Er kam mit fast allen grösseren Kaufl-uten der beiden Staaten und auch mit Herrschern und Staatsmännern seiner Zeit in Berührung Herschku war mehreremale bei Zar Nikolaus I in Audienz und sprach mit Alexander II. und dem Kadi von Aegypten. Er machte den Krim-Feldzug mit und überstand die Cholerakrankheit. Aus seinen hinterlassenen Schriften und Briefschaften ist ersichtlich, dass Herschku die Türkei, Bulgarien, Serbien, Palästina, Oesterreich-Ungarn und die übrigen Länder Europas bereist hatte, zu dem Kadi von Aegypten, der seinen scharfen Witz bewunderte, in fast freundschaftlichen Beziehungen stand. In früheren Jahren war Herschku ein bedeutender Geschäftsmann und als solcher Vertrauensmann des Hauses Ephrussi im Orient. Noch bis vor 6 Jahren war er geschäftlich tätig. Herschku war nicht nur von Juden, sondern auch von Christen hochgeehrt. Die Bauern verehrten ihn wie einen Heiligen und nannten ihn einen Propheten. Diese Verehrung ging so weit, dass sie glaubten, es genüge, dass Her chku über ein Ackerfeld schreite, um es vor Hagelwetter zu schützen. Die Bauern, die ihn kannten, pflegten mit zweifelhaften Sache zum .Grossvater der Judenzu kommen, um sich bei ihm Rat zu holen. Und sie befolgten auch seine uneigennützig erteilten Ratschläge aufs Pünktlicnste. Herschku behielt seine geistige Frische fast bis zum letzten Atem-

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