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Jüdische Zeitung · 1907-11-29 · 20 (29.11.1907) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
20 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG \ een und der Arm wird stärker, das Herz reiner und der Glaube fester werden. Dann wird man finden, dass das jüdische Volk immer nur geschlummert hat, um aul's ueue zu erwachen, dass immer in den. Zeiten der grössieu Not ein Erschauern durchs Volk gegangen ist, ein mächtiges Erwachen, ein Regen und Entfalten, bis es wieder dastand gesund und heil. Man wird Berichte finden aus uralter Zeit, da die Syrer das Volk bedrückt, seine Kultur vernichtet, seinen Glauben geschändet und seine heiligsten Empfindungen verletzt haben. Man wird erfahren, dass das Volk schon ganz versunken war in einen Sklavenzustand, dass es sieh, nicht mehr gewehrt, nicht mehr widerstanden hat. Finis Judaeae! Da bildete sich weit in einsamer Gebirgsgegend eine Verschwörung. Ein Flammenzeichen. Ueberall im Lande lohte es bald da, bald dort auf. Das Schicksal des A'olkes war an einen Wendepunkt angelangt. Der syrische Bedrücker schien das zu merken. Die Bedrückungen erreichten den* höchsten Grad. Die Empörung der Verschworenen erreichte den Höhepunkt. ^Schwache und niedrig gesinnte Juden leisten dem Bedrücker Vorschub. Das ist die Krisis. Die Grossen und Mächtigen waren liellenisiert, die Hohepriester Höflinge. Die Bevorrechteten trieben Iniriguenspiel. Das Volk blieb unberührt. Und jetzt ging die Fäulnis schon ins Volk über. Baschc Tat war nötig. Der richtige Augenblick war gekommen. Ma- Tatias schlägt mit starker Hand den Altarsehänder nieder. ' Ein Hehlengeschleeht reisst das ganze Volk mit sich fort und führt es durch Nacht und Kot zur Freiheit. „Das Volk erlöst bloss seiner Führer Blut.“ Juda fällt. Elcasar fällt, sie sind die Opfer der Bewegung, der Preis für die Freiheit, aber das Volk ist wieder eingetreten in die Weltgeschichte als aktiver Faktor, als handelndes Element. Es hat den unwürdigen Zustand der Passi vi tat n iedergemngen. Das ist eine der ruhmreichsten Seiten unserer Geschichte. Diese lasst uns lesen, wenn wir verzagen! Den Tag der Erinnerung daran lasst uns begehen auf frohe und würdige Weise, voller Hoffnung für die Zukunft, denn wie damals so geht auch heute Grosses in unseren Reihen vor. Der Höhepunkt der Bedrückung; der Höhepunkt der Empörung ist erreicht, unsere Bewegung hat ihre Märtyrer erzeugt, das Blut unseres Edelsten, Grössten hat die Weilte gegeben — wir erlebten Makkabäerzeiten. M. W a 1 d m a n n. Die Grundlagen des zionistischen Gegenwartsprogrammes. Von Dr. D. P a s m a n i k (Genf). II. Also unsere Tätigkeit muss jetzt einen Zweck verfolgen: die Organisierung des Judentums — nicht dieses oder jenes Landes, sondern der ganzen Diaspora. Unsere Gegenwartsarbeit soll dahin streben,- die Majorität des jüdischen Volkes zionistisch zu machen, denn das Endziel des Zionismus ist ja Wiederherstellung des jüdischen Volkes. Es handelt sieh also nicht um die Organisation dieses oder jenes Teiles unseres Volkes, sondern des Judentums der ganzen. Diaspora. Nebenbei bemerkt: jedesmal wena es sieh um jüdische Renaissance handelt, kommt sofort das ganze Volk zutn Vorschein. Wer die Geschichte der Alliance israelite universelle kennt, weiss, dass die Begründer dieser Gesellschaft ebenfalls an das ganze in der Diaspora zerstreute Judentum dachten. Nun, wie soll und kann das Judentum organisiert werden? . Darauf gab man verschiedene Antworten, manchmal ohne dass man das Endziel berücksichtigt hätte, sehr oft nach dem Prinzip nt aliquid fiat handelnd. Eroberung der Gemeinden, Kulturarbeit, in der letzten Zeit politische Tätigkeit im Sinne der Betätigung am politischen Kampfe — all das wurde vorgesehlagen, aber ohne richtige Analyse der Wirklichkeit. Nur diejenige Tätigkeit e n t - s p r i c h 1 u n serou Endziele, d i e v o m W e i t ju d e u t um ausgfiht und zu ihm z u r ü e k k o h r t. J ede Tätigkeit, die vom Judentum nur eines Landes ausgeht und nur zu ihm zuriiekkehri, kann im besten Fall nur dieses Judentum befestigen, aber ist für die Organisation des Weitjudentunis unnütz. Denn eines setzen wir als Selbstverständliches — wenigstens hier —voraus: der Zionismus ist eine national-soziale Bewegung, an’ der das ganze Judentum, und nicht etwa bloss dasjenige Galiziens, Russlands oder Rumäniens interessiert ist. Aber dann ist es selbbverständlieh, dass der Grundbegriff des Zionismus überall seine Geltung bewahren muss, damit auch in seinem Gegenwartsprogramm, das nicht mit einem Teil des Volkes, sondern mit dem Gesamt judentu-m operieren muss. Unter welchen Bedingungen ist es möglich? Nur wenn unser Gegenwartsprogramm auf nationalen, d. i. allgemein-jüdischen Werten aufgehaut ist: auf der nationalen Wirtschaft und auf der nationalen Kultur,, die denselben AA'ert für die Juden aller Länder der Diaspora besitzen. Von diesem Standpunkte ausgehend, können wir sagen, dass alle politischen Pro- Nr. 20 grannne, die die nationalen Werte nur eines Teiles des Judentums berücksichtigen — und mögen sogar diese Programme realisierbar sein ■— keineswegs die Befestigung und Einigung des Weltjudentums garantieren. Und wir halten es für das grösste Missverständnis, dass der russische Zionismus und der antizionistiscln: Dubnow ein fast identisches politisches Programm fürs russische Judentum ausgearbeitet haben. AA’ir werden darüber später noch ausführlicher sprechen, aber jetzt wollen wir die etwas paradox klingende Behauptung aussprechen, dass die volle Verwirklichung des national-politischen Programms der russischen Zionisten keineswegs die Bande zwischen dem westlichen und östlichen Judentum befestigen würde. Nur wenn wir die nationalen, wirtschaftlichen und kulturellen Momente in den Vordergrund stellen, schaffen wir organisatorische Möglichkeiten für das ganze Judentum. Nun ist es klar, dass nationale Wirtschaft und nationale Kultur nicht in diesem oder jenem AYimkel der Diaspora, sondern in einem Lande, auf dem sich der jüdische Volksgeist konzentriert, geschaffen werden können. Denn die Länder der Diaspora wirken, durch ihr wirtschaftliches, politisches und kulturelles Leben differenzierend und zersetzend auf das Judentum. Nur wenn wir wirtschaftliche und kulturelle Werte in einem Lande, d. i. in Palästina*) schaffen, vereinigen wir durch sie die Juden aller Länder, denn was in Palästina geschaffen wird, geht vom Wcltjudentnm aus und kehrt zu ihm zurück. Deshalb ist die r ea 1 e A r be i t in P a 1 ä s t i na der erste und grundlegende Punkt eines r e a 1 - z i o n i s t i s e h e n Gegen wartsprogrummes. Und es liiesse vollständig die Grundprinzipien des evolutionären Zionismus zu verkennen, wollte man behaupten, die reale Arbeit in Palästina sei die Negierimg des politischen Zionismus. Denn was heisst politischer Zionismus? AYas heisst politische Bewegung? Nur eine solche, die mit der A^olksencrgie für das Volkswohl geschaffen wird, oder wenigstens eine solche, die durch die Macht einer Gesellschaftsklasse für deren AYohl geschaffen worden ist. Und all das, was die Energie des ganzen Volkes, resp. einer Klasse steigert, ist politische Tätigkeit. Leider verwechseltman bei uns die Begriffe diplomatisch mit politisch, was ganz unrichtig ist. Es kann Diplomatie ohne Politik geben — so war es sehr oft im 16. und 17. Jahrhundert — und wir beobachten heutzutage mächtige politische Bewegungen *) Warum wir Palästina als das eine Land bezeichnen und nicht irgendein territorialistisches X, werden wir hier ausser acht lassen. Theoretisch ist unser Ideengang auch auf den Territorialismus anwendbar; da und dort handelt es sich um ein Land. und Schülerinnen freundlich. Ja, die Christen würden ihn von morgen an besser behandeln als sonst, schon aus dem Grunde, weil er morgen ihnen näherrücken wollte, um einen lang ersehnten Frieden für sich anzubahnen, dessen er, als Ausnahnisjude, leichter und für immer teilhaftig werden könnte. Dabei war ihm, als schwebt** er in einen lichten Kreis hinein. Dann versank er in einen weichen finsteren Abgrund: er war eingesehlafen. Des Morgens rüttelte ihn die Mutter nicht auf wie an Werktagen, da sie am Sabbat ihrem Kinde volle Ruhe gönnte — aber wie erstaunte sie, als er seihst erwachte und sieh eilig ankieidete. Auf ihre Frage, wozu er sieh beeile, erwiderte er kleinlaut: „DerLelrrer hat befohlen, dass die Juden auch Samstag in die Schule kommen.“' Sie seufzte und sagte: „Wenn der A'ater gelebt hätte, so Hätte er dies gewiss nicht zu gelassen, aber ich will dir nicht im AA’ege stehen. In die Synagoge gehst du ohnehin selten, und wenn du schon hingehst, plauderst du gewiss im Vorraum. Lieber also, du gehst in die Sc-hule und lernst was, denn du hist ein schwacher Schüler. Aber Gott behüte, dass du heute schreibst. Schliesslich wird es ja der Lehrer von den jüdischen Kindern nicht verlangen/" Leisers Lippen begannen zu beben, als wollten sie die AYahrheit gestehen, doch die* hellen Bilder der Nacht lockten so süss. Oh, dann würde ihm die Mutter nicht sagen dürfen: „Du bist ein schwacher Schüler/"' Und -manches andere würde in Erfüllung gehen . . . AYas war dagegen der Hass der Judenbank? Hass? Ja, und mehr noch erwartete ihn. Das wusste er, er fürchtete sieh sogar davor und doch eilte er ins Freie, dem lockenden Lichte zu. Heimlich kam ihan der Gedanke: die übrigen Juden würden ihm mit der Zeit folgen. Beruhigung gewährte es ihm, dies zu denken und ängstliche Erbitterung zugleich. Beruhigung, weil ihm die Juden dann nichts anhaben könnten; Erbitterung, weil er dann nic-ht mehr der Ausnahmsjtule wäre. Mit gesenkten Blicken und zögernden Schritten trat er in die Klasse, als sollte er Spiessruten laufen. Und in der Tat wurde er, als der einzige Schüler, der sich verspätet hatte, und als der einzige Jude, der erschienen war, mit einem Hallo empfangen. Sogar der Lehrer, ein geborener Phlegmatiker, liess sich hinreissen, in den Ausruf einzustimmen, was ihn jedoch nicht hinderte, die ganze Klasse wegen des ungebührlichen Lärmens zu rügen. Leiser liess sich in der leeren Juden bank nieder. Einsam und allein sass er da, wie ein verlorenes Kind. Der Lehrer machte keine Anstalten, ihn zu versetzen. Niemand fiel es ein, ihm ein freundliches Gesicht zu zeigen. Im Gegenteil: hasserfüllte Blicke flogen ihm zu, wie Pfeile: Er hatte sich arg getäuscht, seine Ausnahmestellung war gar nicht behaglich. Betrübt sass er da, hörte nicht, was man las und sprach; er sali nur, dass auch Anua spöttisch zu ihm heriiberguekte, und war dem A\reinen nahe. Da rief ihn der Lehrer an, stellte ihm eine Frage nach der andern, aber auf keine wusste der Arme in seiner Verwirrung Antwort zu gehen. So musste er sich denn unter hallendem Gelächter der Klasse beschämt wieder setzen und empfand die empfangene schlechte Note wie eine brennende AAunde. In der Pause umringten ihn die Buhen und höhnten und schmähten ärger als sonst. Ein anderes Mal war er nicht der einzige Angegriffene, die ganze Judenhank stand ja hinter ihm wie ein Mann. Jetzt war er den Feinden hilflos ausgeliefert: der lange Peter pflanzte sich vor ihm wie ein Gendarm auf und rief: „AYas hast du am Sehabbes deine krumpe Nasen in unsere Schule zu stecken, geh in deine Sehil/" Der lange Peter war ihm stets ein Greuel gewesen. Die Arme des Judenknaben erhoben sieh, wie zwei Stückchen, und seine Augen suchten nach einem AYink der Aufmunterung oder der Teilnahme in Annas Augen. Das Mädchen stand am Fenster im Kreise ihrer Freundinnen und lachte schadenfroh. Leisers Arme sanken herab, seine Augen füllten sich mit Tränen. Mechanisch hob er abermals die Arme gegen den derb dreinhanenden Peter. In diesem

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