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Jüdische Zeitung · 1907-11-22 · 19 (22.11.1907) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
19 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 19 geführt und sowohl die jüdischen Studenten aus Galizien, als auch letzthin die Mährer und Schlesier haben sieh von'der Gnade antisemitischer Yereinsleitungen freizumachen versucht. Es ist Sache der jüdischen Bürger, auch ihrerseits aus der Haltung der Unterstützuugsvereine, die mit jüdischen Geldern gewissenlosen Unfug treiben, die Konsequenzen zu ziehen und ihre Beiträge den neugegriindeten jüdischen Vereinen zuzuwenden, welche dürftigen jüdischen Studenten die Unterstützungen gewähren wollen, die ihnen die bestehenden Oganisationen prinzipiell oder grösstenteils vorenthalten. Das jüdische Studentenheim ist eine notwendige Folge der von den deutschen Studenten seit Jahren zähe verfolgten Separierungsbestrebungen und der Unterstützung aller bewussten Juden wert. Wiederauferstehung. Die deutschliberalen Marodeure an den Wiener Hochschulen wittern Morgenluft. Weiss der Teufel, woher sie die Wissenschaft haben, dass für ihren abgestandenen Freisinn wieder was zu holen ist! Ihre deutschakademische Lesehalle ist vor zwei Jahren sang- und klanglos eingegangen. Ein Häuflein vereinsamter Assimilanten will sie reaktivieren. Es ist den sonderbaren Schwärmern schlecht, jämmerlich schlecht dabei ergangen. Deutlicher konnte die Ohnmacht und das schäbige politische Prestige der Freisinnshelden nicht enthüllt werden. Verachtet, blutig verhöhnt von den Deutschen, an deren Bocksehösse sie sich immer hängen, ad absurdum geführt und geschmäht von den Zionisten, deren freie, stolze, nationale Gesinnung die um deutsehnationäle Gunst und Anerkennung aeli! so vergeblich bettelnden Assimilationsjuden nicht zu begreifen vermögen, so haben die paar Liberalen Wiederauferstehung gefeiert, die „Halle“ galvanisiert. Sie sind numerisch eine Minderheit, die nichts, gar nichts auf der Aula der Universität zu sagen hat. Aber geradezu mitleiderregend ist die moralische und ethische Fundierung ihrer Position, der Mangel an Achtung auf allen Seiten. Die „liberale“ Lesehalle wird natürlich gegründet werden, es konnte und sollte nicht verhindert werden. Aber Deutsche und Zionisten haben den von der Gründungswut ergriffenen liberalen Wiedercroberern so handgreiflich, so deutlich, als es nur irgend möglich war, bewiesen, dass sie und ihre Gründungen keinerlei moralische Existenzberechtigung haben, und zum Vegetieren verurteilt sind. Es ist nicht zu erwarten, dass die Leutehen die Beweiskraft der gesprengten Versammlung anerkennen und sich ihrer politischen Armseligkeit voll bewusst werden. Hir politischer Intellekt, der zu defekt geworden ist im Laufe der Jahre, lässt so optimistische Heilwirkung der Sprengung nicht zu. Zweierlei Gutes hat diese doch gestiftet : sie hat die totale Ohnmacht der liberalen Mohikaner aufgedeckt und hat diese gelehrt, dass sie nur noch im inti msten Kreise, vor geladenen Gästen und nicht vor der Oeffentliehkeit, sich mit tragikomische Auferstehungsfeiem ein wohlfeiles Privatvergnügen gönnen können. Jüdische Wünsche. Als das erste Vorzeichen kommender, besonderer Tage für uns Juden möchte ich ganz besonders die Gründung des jüdischen Klubs im ersten Volkshause ansehen. Er ist dies sicherlich der erste und verheissungsvollste Schritt auf der Bahn der Anerkennung der jüdischen Nationalität. Der Klub gibt sich selbst als einen nationalen aus. Die Regierung anerkennt dadurch, dass sie mit diesem Klub in gleicher Weise verkehrt, wie mit den übrigen nationalen Verbänden des Abgeordnetenhauses, implicite schon die Juden als gleichberechtigte und gleichwertige Nationalität unserer Reichshälfte. Ist diese Anerkennung vorläufig bloss eine theoretische, so ist zu erwarten, dass der Klub durch energische Wahrnehmung unserer Rechte diese Theorie bald in die Präzis umsetzen werde. Und da möchte ich den Klub auf manche Wünsche aufmerksam machen, deren baldigste Erfüllung im Interesse der Juden dringend geboten erscheint. Da das jüdische Volk auch in diesem Belange ein besonderes Volk ist (goi echod buurez), da es eine Nationalreligion hat, da also Judentum ohne Bekenntnis zur Lehre Mosis imdenkbar und unmöglich ist, so hat der nationale Klub selbstverständlich auch unsere konfessionellen Interessen wahrzunehmen. Auf ein Privilegium odiosum, die „israelitische Konfession*, wie der gesetzliche Ausdruck lautet, möchte ich diesmal hinweisen und dessen baldigste Beseitigung dem jüdischen Klub empfehlen. Im Unterrichtsministerium, welches auch Kultusministerium ist, bestehen für die oberste Leitung und Verwaltung der Kultusangelegenheiten der gesetzlich anerkannten Religionsgenossensehaften besondere Referate. So haben der katholische Klerus, der evangelische Kultus und der griechischorthodoxe Kultus besondere Referenten, welche jeweilig der Kirche angehören, deren Administralivagenden, insoweit sie der staatlichen Obsorge unterliegen, ihnen übertragen sind. Referent für die katholische Kultusangelegenheiten ist nicht nur ein Katholik, sondern stets ein hoher kirchlicher Dignitär. Seinerzeit war es der nachmalige Kardinal Kutschker, gegegenwärtig ist es Prälat Zschokke. Referent für die evangelische Kultusangelegenheiten ist stets der Präsident des evangelischen Oberkirchenrates, also naturgemäss ein evangelischer Christ, Referent für Angelegenheiten der orthodoxen Kirche ist gegenwärtig Ministerialrat Baron Mustazza, ein griechisch - orthodoxer Christ. Dieser Zuweisung der Referate liegt offenbar der richtige Gedanke zugrunde, dass ein Mitglied der bezüglichen Religionsgenossenschaft die Bedürfnisse seiner Kirche besser und wirksamer beurteilen und vertreteten kann als ein Bekenner einer anderen Konfession. Nur bei den Juden ist dieses Prinzip ausgeschaltet. Referent für die israelitischen Kultusangelegenheiten ist noch nie ein Jude gewesen, obwohl ja bekanntlich den Juden (allerdings nur auf. dem Papier) alle Staatsämter zugänglich sind. An einer fähigen Persönlichkeit hierzu hat es sicher nie gemangelt, wohl aber an dem Willen der Regierung, sie zu berufen. Diesen Willen sollte der jüdische Klub der Regierung suggerieren. Sereth Dr. J. K o h n. Die Situation in Rumänien. Aus dem umfassenden Berichte, den Herr Dr. Kaminka im Aufträge der „Israelitischen Allianz zu Wien“, über die von ihm in Rumänien im August d. J. Vorgefundene Situation und über das Hilfswerk jetzt erstattet hat, sei hier folgendes mitgeteilt: „Ich muss mit der traurigen Feststellung beginnen, dass die Lage der rumänischen Juden nach den neuerlichen Beobachtungen, die ich selbst während des Aufenthaltes in verschiedenen Orten der Moldau gemacht habe und nach den von verschiedenen Kreisen der jüdischen Bevölkerung eingeholten glaubwürdigen Informationen eine viel düsterere ist, als man sieh in Westeuropa vorstellt; dass die Notlage sich während der verflossenen Monate bedeutend verschärft hat, dass das Elend von Tag zu Tag zunimmt uDd demgemäss die unserer Allianz von den vereinigten Hilfsorganisationen übertragene Führung in der rumänischen Aktion uns zur dringenden Pflicht macht, uns sofort hierüber und über die Mittel zur weiteren Leitung des Hilfswerkes mit den Organisationen ins Einvernehmen zu setzen. Das wichtigste Ergebnis meiner Erhebungen ist, dass der Schwerpunkt des Hilfswerkes, besonders für die Juden der nördlichen Moldau, in der Emigration liegt. Geschädigte und Vertriebene: Nach deu theoretischen Erwägungen, von welchen sich die Wiener Konferenz vom 5. Mai leiten liess, sollte zunächst eine Summe von 500.000 Frcs. den während der Unruhen geschädigten Familien zur Wiederherstellung der Existenz Hilfe bieten und dann nach besonderen Erhebungen ein Fonds zur Hilfe für die aus den Dörfern Vertriebenen geschaffen werden. Aus der Korrespondenz mit der Zentrale in Jassy haben wir bereits vor mehreren Wochen ersehen, dass eine Scheidung der beiden Kategorien nicht durchgeführt werden konnte. Nach dem Bilde, welches ich von der wirklichen Situation bekam, kann man in der Tat die beiden Kategorien nicht streng voneinander scheiden; dabei ist aber die Not der „Vertriebenen“ eine unvergleichlich grössere als die der „Geschädigten“. Es sind Familien, die nach Hunderten zählen, und denen nicht bei sonst halbwegs fester Existenz durch die Exzesse ein gewisser zu beziffernder Schaden zugefügt wurde, sondern durch die Massnahmen der Behörden, welche geradezu einen Vernichtungskrieg gegen die armen Juden führen, vermittels Ausweisungen aus den Dörfern oder neuer Polizeiverfügungen, also durch stille, imblutige behördliche Exzesse das Löben in der Heimat unmöglich gemacht wurde. Diese Unglücklichen, zum grossen Teil gesunde, kräftige Leute, die auf dem Lande gelebt haben und die zu jeder schweren Arbeit in welchem Lande auch immer bereit sind, können in den Städten der Moldau, wo ohnehin bereits eine ungeheure jüdische Proletarierbevölkerung vorhanden ist, sieh eine neue Existenz zumeist gar nicht oder aber nur mit so grossen Kosten begründen, dass die Emigration naoli West- oder Südamerika oder Kanada für sie eine viel billigere Hilfe bedeutet, welche sie überdies vorzugsweise anstreben. Die Komitees wurden fortwährend von den brotlosen, seliwerkämpfenden und dabei von den Behörden, bedrängten Familien beider Kategorien um Hilfe angefleht und sie haben nicht umhin können, nachdem die Zentrale in Jassy in der Sitzung vom 27. Mai die in Wien bewilligte Summe von 500.000 Frcs. nach den verschiedenen Rayons aufgeteilt hatte, die unglücklichen Familien einfach für Unterstützungen vorzumerken. Die in zahlreichen Fällen von den Komitees vorgeschlagenen ganz kleinen Unterstützungen zwischen 10 und 50 Frcs. haben natürlich keinen Sinn, und das Komitee in Botosehani hat selbst zugegeben, dass es nur eine Art „Chaluka“ ist, welche die Armen verzehren, indem sie unverändert in Not bleiben. Aber die Repräsentanten der moldauischen Juden versichern übereinstimmend, dass solange nicht durch eine verstärkte und erleichterte Emigration eine grosse Anzahl von erwerbsfähigen Familien fortzieht, an eine tatsächliche Hilfe nicht zu denken sei. In Botosehani ist das Elend unbeschreiblich, und Familien, die als Opfer der Exzesse eine Unterstützung von 100 bis 200 Fres. bekommen haben, aber absolut nichts damit anfangen können, bitten flehentlich, dass man dieses Geld von ihnen als Beitrag für die Auswanderung zurüeknehme.“ Die „Israel. Allianz“ hat daraufhin sofort in Gemeinschaft mit der J. C. A. einer beträchtlichen Anzahl Notleidender (ca. 600 Personen) zur Auswanderung nach Kanada verholfen. Im Amsterdamer Judenviertel. In der neuesten Nummer von Westermanns Monatsheften veröffentlicht Emst Altkirch einen Aufsatz „Im Lande Spinozzas“, in dem er u. a. eine Schilderung des Amsterdamer Judenviertels gibt. „Rembrandt“, schreibt er, „hat uns den rechten Weg gewiesen, wenn wir mit offenem Auge die Geburtsstadt Spinozzas, Amsterdam, so anschauen wollen, wie sie angeschaut werden muss, und dies betrifft besonders das im Süden gelegene Judenviertel, die Jodenbuurt. Oh zu Rembrandts und Spinozzas Zeiten das Judenviertel nicht viel anders ausgesehen hat als heute, wie man behauptet, kann wohl bezweifelt werden. Damals wohnten in ihm portugiesische Juden,

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