Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 19 (22.11.1907)
- Date
- 1907-11-22
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 7 die sich zum nicht geringen- Teil des Wohlstandes erfreuten. Heute bevölkern es viele Abkömmlinge armer deutscher Juden. Die Nachkommen der reichen portugiesischen Juden haben sieh zumeist in anderen Stadtteilen angesiedelt,- so dass zwischen den hässlichen und vernachlässigten Häusern nur hin und wieder ein Gebäude auffällt, das Wohlstand verrät. Von farbigem, morgenländischem Prunk, wie ihn uns Rembnmdt zeigt, ist nirgends etwas wahrzunehmen und selbst die schönen Charakterköpfe alter Juden, die der Maler dargestellt hat, wird manvergebens suchen. Es ist, als ob alle märchenhafte Pracht, die auch heute dem vornehmen Amsterdamer Judentum nachgerühmt wird, hinter verschlossenen Fenstern einen ' Dornröschenschlaf schliefe. Dafür aber sehen wir in den dumpfen Gassen nächst der Jodenbreetstraat, in der das Haus Rembrandts steht, andere Dinge, die nicht minder an Rembrandts Kunst erinnern, und deren eigenartige Romantik dem ganz verloren gehen wird, der diese Gassen mit einerii Gefühl des Grauens und Abscheus durchschreitet. Hier gibt es nur eins zu tun: dass man mit dem Auge des Malers und Dichters voll naiver Freude umherschaut. Man erschrickt zwar zuerst, wenn man die engen, schmutzigen Strassen betritt, in denen die holperigen Steine mit Unrat und Kehricht bedeckt sind. In den meisten Häusern stehen Fenster und Türen offen, der Blick fällt in dämmerige, geschwärzte Räume voller Unordnung, und die schmalen, steilen Holztreppen verlieren sich in der Dunkelheit. Dicht an den grossen Fallfenstern sitzt oft jung und alt, isst, trinkt und raucht, die Männer in Hemdärmeln, die Frauen in lockeren Blusen und mit entblösstem Halse, der Aelteste der Familie wie ein Patriarch im Lohnstuhl. In anderen Häusern kleiden sieh Männer und Frauen aus und an, Mädchen kämmen ihr schwarzes Haar, das wie feucht vom Bade schimmert. Und ihr Haar ist schön und lang, das sah ich bei einer jungen Jüdin, die mich an Sulamith erinnerte und die hinter halb herabgelassenen Jalousien ihr Haar zu Flechten zerteilte. Häufig blickt man auch in elende Schuster- und Schneiderwerkstätten, in ärmliche Läden und Fischbratereien und in raucherfüllte Schenken. Der Handel wird zumeist auf der Strasse getrieben. Da hocken Männer und Weiber auf der Erde, in der Haustür oder auf den Kellerstufen, bieten Früchte und Geflügel feil und sind emsig dabei, Gemüse zu putzen und Bohnen aus den Hülsen zu befreien. Mit einem niedrigen Karren zieht der Fischhändler umher, breitet mächtige stahlblaue Fische vor sich aus, zerlegt Heringe und verkauft sie in einzelnen kleinen Stückchen für einen ganzen Cent. In anderen Strassen, wo die Trödler sitzen, werden hunderterlei Gebrauchsgegenstände bis zum verrosteten Schlüssel feilgeboten, und um die erbärmliche Sache, die wir kaltblütig auf den Kehrichthaufen, werfen, entsteht ein Schachern und Gerede, als ob es um Edelsteine und Perlen ginge. Dieses Feilschen um das Wertloseste gibt einen Begriff davon, mit welch einem primitiven Leben hier die meisten zufrieden sind, denen es nicht unwichtig ist, eine weggeworfene Sardinenbüchse in ihren Besitz zu bringen, nachdem um sie eine grosse Verhandlung und Streiterei stattgefunden hat. Diese Armen leben allerdings auch in einer Ursprünglichkeit, die erstaunlich ist. Mütter säugen und reinigen ihre Kinder vor aller Augen. Man geht in Lumpen und Fetzen einher und trägt einen Rock, den man niemals ausfüllen wird. Lumpensammler sitzen zwischen Bergen von Lumpen, prüfen sie mit Blicken, als ob sie Gold in den Händen hätten, und zertrennen und zerfetzen eine Schmutz starrende Hose, als ob es aus ihr ein Königreich zu gewinnen gäbe. Die Müssiggänger sind Knirpse von etwa zehn Jahren, die niemals gewaschen sein können, und die an einem gefundenen Zigarrenrest ihre Rauchkünste dartun, Mädchen mit grossen, dunklen Augen und feingeschnittenem Munde, dem Ganatapfel gleich, Jungfrauen. die eineu leisen, wiegenden Gang in den Hüften haben, als schritten sie zum Tanze, und bejahrte Weiber mit hässlichen und gefurchten Angesichtern, geröteten Augen und schneeweißem Haar, das unter der Nachtmütze wirr hervorhängt. Doch wo man hinblickt, da hat jeder dem anderen etwas zu erzählen, überall sieht man ein paar Köpfe, die zusammenstecken. Und man redet nicht nur mit dem Munde, sondern erschrecklich auch mit Händen und Armen, man teilt Rippenstösse aus, ruft, schreit, brüllt und preist mit verlockenden Worten seine Ware an. Dass es an Zwistigkeiten nicht fehlt, ist kein Wunder, man zankt und schimpft, kriegt sich beim Bart, schlägt sich die Hüte vom Kopf, und das weibliche Geschlecht weiss gar anmutig und lasterhaft einen Körperteil zu zeigen, mit dem man seinen Mitmenschen seine ganze Missachtung auszudrücken pflegt-, wenn man auf Zucht und Sitte wenig hält. Darob fröhliches und lautes Gelächter, und dann geht man schnell auseinander, um wo anders wieder stehen zu bleiben. Trotzdem hat jeder nur das im Auge, was zu seinem und der anderen Vorteil dient. Darum ist auch jeder so ganz mit sich selbst beschäftigt und tut. was ihm gefällt und als ob er allein wäre . . ." Judenfeindliche Anwendung der Fremdengesetze in Ungarn. Die „Allgemeine Jüdische Rundschau” in Budapest bringt unter obigem Titel einen beachtenswerten Artikel, in welchem ein krasser Fall der Behandlung jüdischer Ausländer durch ungarische Behörden erzählt wird. Der Abg. Stand hat den Fall zum Gegenstände einer parlamentarischen Intervention gemacht und es bleibt abzuwarten, oh die österreichische Regierung die gegen Angehörige dieser Reiehshälfto, weil sie Juden sind, verübte Brutalität ohne Widerspruch und ernste Rekriminationen hinnchmen wird. Welchen Lärm würden im umgekehrten Fall die Herren jenseits der Leitha sehlagen! Die „Rundschau" schreibt: „Wie sehr gerechtfertigt der Verdacht war, dass das Fremdengesetz in Ungarn gegen die Juden sieh richten wird und wie geräuschlos der antisemitische Apparat bei uns arbeitet, beweist folgender, absolut authentischer Fall. Der hiesige Steppdecken-Erzeuger Markus Korn mehl, der eine grössere Anzahl Arbeiter beschäftigt und hierorts keine Arbeitskräfte bekommen konnte, bestellte sich aus Stanislau in Galizien-, wo die tüchtigsten Kräfte in dieser Branche reichlich vorhanden sind, zwei Arbeiterinnen und sandte ihnen zu diesem Zwec-k Vorschuss auf Reisespesen. Die beiden Sehwestern, Schari und Esti Schwarz, brave Mädchen achtbarer Eltern, traten sofort die Reise, mit Arbeitsbüchern und Geburtsschein ausgestattet, an und kamen bis nach Sziget an der ungarischen Grenze. In dieser Station wurden sie von der Grenzpolizei angehalten und ihnen nach kurzem Verhör die Fahrkarten, welche bis Budapest bezahlt waren, abgenommen. Hierauf wurden sie im Polizeiarrest interniert und nach 24sfündiger Internierung nach Lawosciino retour geschickt. Da die armen Mädchen den Reisevorsehuss auf Fahrspesen verausgabt hatten und ohne Geld dastanden, mussten sie einen Teil ihrer Garderobe verkaufen, um von Lawoschno die Rückreise in ihre Heimat antreten zu können. Als der hiesige Steppdeckenerzeuger, der nicht nur sein Geld verliert, sondern auch die Arbeiterinnen entbehren muss, von dem Schicksal der Mädchen brieflich verständigt wurde, wandte er sich mit seiner Beschwerde an die hiesige öberstadthauptmannschaft, wo er jetloch mit seiner Beschwerde an das Ministerium des Innern verwiesen wurde. Interessant und charakteristisch an der Sache ist jedoch folgendes: Als die Mädchen polizeilich in Sziget zurüdkgfehalten wurden, sandten sie mit dem letzten Gelde vier Depeschen um Intervention und Hilfe an Herrn M. Kornmehl und an ihren in Budapest beschäftigten Bruder. ab, von denen eigentümlicherweise keine einzige bis zum heutigen Tag ankam. Es wäre wohl der Midie wert, zu untersuchen, wo diese vier Depeschen verblieben, oder wer das Geld der armen Mädchen eingesteckt hat! Wir sind aller auch in der Lage, nachzuweisen, dass aus derselben Gegend vor nicht langer Zeit 97 Bauern für eine hiesige Ziegelei anlangten, die anstandslos dieselbe Grenzpolizei passieren durften. Wir glauben, dass diese Tatsachen, die wir jeden Moment zu beweisen bereit sind, uns berechtigen. die Anwendung der Fremdengesetze als judenfeindlich und antisemitisch zu bezeichnen und sind neugierig, ob sich unter den ungarisch-jüdischen Abgeordneten, denen wir diesen Artikel rekommandiert zusenden werden, einer finden wird, der dieses Vorgehen zum Gegenstand einer Interpellation oder Intervention machen wird.” Vereins- und Versammlungs- Nachrichten. Wien. (Unterstützungsverein jüdisch er Hochschü 1 er aus Gal izien in Wien.) Dis dritte ordentliche Plenarversammlung findet Montag, den 25. d. M. im Vereinslokale der „Bar-Kochba*. VIII, Langegasse 5 bis 7, um ljß Uhr abends statt. Wien. (Die Eröffnung der hebräischen Sprachkurse.) Im Lokale des ,L iwiaä Che n“, II., Stefaniestrasse 2. fand Donnerstag den 14. d. M. die Eröffnung der hebräischen Kurse statt, zu der sich eine grosse Anzahl von Schülern, darunter viele Studenten, Arbeiter und Mädchen eingefunden hatte. Eine Anzahl von sachverständigen Gästen lauschten mit besonderer Aufmerksamkeit dem einleitenden Vortrage des Herrn Simche Gelb, der nach der bekannten Ber 1 i tz-Methode in äusserst klarer und leichtfasslicher Weise seinen Schülern eine Menge von Vokabeln, grammatikalischen Wendungen usw. beibrachte. Sowohl Zuhörer wie auch Schüler waren von der instruktiven Art des Vortrages auf angenehmste berührt. Herr Dr. Rotblum, der mit unter den Gästen anwesend war, gab seiner Befriedigung lebhaften Ausdruck. Dem jungen Unternehmen unsere besten Glückwünsche. — Wie man uns berichtet, wird demnächst auch im IX. Bezirke, Türkenstrasse 9, ein hebräischer Kurs eröffnet. Den Unterricht werden die Herren Gelb und Geyer leiten. Anmeldungen sind zu richten an M. Geyer, II., Miessbachgasse Nr. 3. Wien. (Theologischer Verein der Hörer an der isr.-theologisehen Lehranstalt) Unsere Ausschusswahlen für das Wintersemester 1907/08: Dr. Kalman Kupfer, Präses; AvramZifrin o v i t s c h, Vizepräses; Gustav K o h n, erster Schriftführer; Zolkie Braudes, zweiter Schriftführer; Josef Löwy, Kassier; Harry Torczyner J. N.-F.-Kommissär. Wien. (.Poale-Zion*.) Samstag, den 23. d. M. referiert im Versammlungssaale des Zioni- I stischen Zentralvereines. IX., Türkenstrasse 9, B. Borochow über .Der historische Materialismus und das nationale Problem“. Beginn präzise 8 Uhr abends. Regiebeitrag 50 Heller. — Samstag 30. d. M. Monatsversammlung im Versammlungssaal des Cafe Stefanie, II., Stefaniestrasse 2. Wien. Die verehrlichen Präsidien der mähr.-pchles. Ferialverbindungen werden gebeten, bestimmt zu einer Besprechung am Freitag, den 22. d. M., 8 Uhr abends, im Cafä Jägerhof IX., Porzellangasse Nr. 22, zu erscheinen. Wien. (Verein jüd. jugendlicher Arbeiter.) Samstag am 7. Dezember 1907 findet in Harlingers Saallokalitäten (.Goldener Widder“), Taberstrasse 36, eine grosse Makkabäerfeier statt. Das Programm des Abends ist äusserst reichhaltig. Zur Aufführung gelangen Rezitationen junpjüdischer Dichtungen, musikalische und gesangliche Darbietungen. Bekannte Kunstkräfte haben ihre Mitwirkung zugesagt. Karten im Vorverkauf ä 62 Heller (inklusive Nationalfondsgebühr) gelangen zur Ausgabe bei Caf6Stefanie, Stefaniestrasse; Vereinslokal, IX, Grüne Torgasse 33 sowie bei allen Vereinsfunktionären. Wien. Akad.Verein .Theodor Herzl*. IX., Grüne Torgasse 33, Zionistisches Seminar.) Dienstag. 23. Xh: Versuch zur Lösung der Judenfrage vom Jahre 1804. Ref.: F.Rottenstreich. Mittwoch, 24. XI. : Otto Bauer und die Judenfrage. Ref.: L. Goldhammer. Freitag, 26. XI.: Auswanderung und Kolonisationswesen. Ref :N. Zuckermann. Samst a g, 27. XI.: Wissenschaftliche Begründung des Zionismus. Ref.: Tisch. Beginn der Vorträge l,,8 Uhr. Gäste herzlich willkommen