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Jüdische Zeitung · 1907-11-22 · 19 (22.11.1907) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
19 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 19 Briefe aus Galizien. VI. Die Piage der Bettelei. Milde und Bannherzigkeif sind — wir können es ohne Ueberhebung behaupten — mit dem jüdischen Wiesen eng verwachsen. Sie sind ihm infolge Jahrhunderte langer, gemeinsam erlittener Verfolgungen sozusagen in Fleisch und Blut übergegangen. Un'd in dieser Beziehung ist kein Unterschied zwischen assimilierten und nicht assimilierten Juden, denn das jüdische Herz lässt sich nicht wegassimilieren. Auf jeden Notschrei sind die Juden aller Parteien und Länder sofort hilfsbereit und wenn es eine jüdische Solidarität gibt, so ist sie auf dem Gebiete der Barmherzigkeit sicher eine Wahrheit. Die Juden sind auch in den Zielen ihrer Wohltätigkeit nicht wählerisch. Sie handeln nach dem talmudisehen Grundsätze: Wer nur seine Hand bittend entgegenhält, dem soll gegeben werden. Wird für Spitäler, Versorgungsanstalten. Asyle „ohne Unterschied der ■Konfession" gesammelt, so sind die jüdischen Spender immer voran. Mögen sie auch wissen, dass ihre Glaubensgenossen nicht einmal hoffen dürfen, von diesen Wohltaten jemals zu gemessen, so ist dies für sie noch nicht Grund genug, sieh zurückzuziehen. Auch ein Donato Taussig hat ein jüdisches Herz, obwohl er in einer — wenn der Ausdruck gestattet ist — perversen Barmherzigkeit seine eigenen Brüder aussehliesst. Er fühlt eben unbewusst jüdisch, sein Herz regt sich beim Anblick fremden Leids, er fühlt das Bedürfnis, helfen zu müssen, und er hilft auch oder versucht es wenigstens, denn er ist eben Jude und dieses Bassenmerkmal lässt sich nic-ht wegtestieren. Mag er von Messen der Barmherzigen Brüder sein Seelenheil erwarten, sein Iljerz bleibt trotzdem jüdisch, es will sieh vor dem Erlöschen noch einmal barmherzig betätigen, es will, selbst auf Abwegen verirrt, doch noch jüdisch bleiben. Denn Wohltätigkeit üben und jüdisch sein, sind Synonyma und selbst die verbohrtesten Assimilanten, zu ihrem Lobe sei es gesagt, können dieses Muttermal ihrer Nation nicht unkenntlich machen. Allein die sprichwörtlich gewordene jüdische Wohltätigkeit wird leider vielfach in betrügerischer Weise missbraucht und ausgenützt. Nicht die Stifter und Spender en gros. die mit ihrer enormen Wohltätigkeit das Ziel verfehlt haben, sind damit gemeint, sie handeln nicht ohne vorherige reife Ueberlegung. ohne genaue Prüfung, nur gehen sie oft von einem falschen Standpunkt aus, weshalb sie das Ziel verfehlen müssen. Gegen dieses Uebel sind wir machtlos und es wäre nutzlos, he-mhiquaeksalbern zu wollen. Denn die Donato Taussigs oder wie wenn auch nicht der grössten, so doch einer der liebsten und anmutigsten Dichter und Sänger unseres Volkes ist gestorben .An seiner Bahre trauert ein ganzes Volk. Sein Name wird unsterblich bleiben, solange jüdische Kinder jüdische Lieder singen werden. 31. W a 1 d nt a n n. Allerlei. Zahl der jüdischen Emigranten nach Amerika im Monate August Der amtliche Ausweis der jüdischen Auswanderung nach Newyork für den Monat August ist soeben erschienen. Auffallend ist die Steigerung der jüdischen Emigranten aus OeBterreich-Ungarn, welche in diesem Monate selbst die Auswanderung der Juden aus Rumänien übertrifft. Im August sind zusammen 18.526 Juden im Newyorker Hafen angekommen und zwar 6217 Männer, 4341 Frauen und 2936 Kinder. Es kamen aus Russland 9598. Oesterreich- Ungarn 2905, Rumänien 753, England 161, Türkei 48, Deutschland 43, Spanien 5, Frankreich 4, Bulgarien 4, Griechenland 2 und Norwegen 1. Bemerkenswert ist auch, dass die Zahl derjenigen Einwanderer, die wohl in Newyork landen, aber nicht bleiben, sondern sich im Innern des Landes niederlassen, immer mehr anwächst Von der oben angegebenen Zahl blieben nur 9000 in Newyork, der Rest fuhr ins Innere des Reiches. Eine jüdische Kunstausstellung in Kopenhagen. Anfang nächsten Jahres wird eine jüdische Kunstausstellung in Kopenhagen eröffnet. Zahlreiche jüdische Künstler werden ihre Bilder ausstelleu. sie alle heissen mögen, sind leider unverbesserlich und nicht an sie richtet sich mein Appell. Hier möchte ich nur die Mängel in dev allgemeinen Wohltätigkeit hervorlieben, in der Wohltätigkeit, die nicht von einzelnen: Philanthropen grossen Stils, sondern von den grossen Massen, wenn auch in kleinstem Masse, aber täglich und stündlich geübt wird. Auf diesem Gebiete ist vieles verwahrlost und vernachlässigt und hier liegt bei einer gründlichen Reform das Feld hervorragender Leistungen. Die Plage der Bettelei ist nirgends so verbreitet und nirgends so nachteilig fühlbar als in Galizien. Fernstehende Beobachter werden die Ursache in den armseligen Verhältnissen des Landes suchen. Diese Annähme ist aber irrig. Wohl haben die sozialen Gebrechen unserer , kulturell zurückgebliebenen Provinz zur Proletarisierung des Mittelstandes geführt und sind die Ursache der zur Hegel gewordenen Massenauswanderung, aber zu der Bettelei steht die ökonomische Lage in keinem Kausalnexus. Die Ursache dieser Landesplage liegt vielmehr in dem stark ausgeprägten Wohltätigkeitssinne des jüdischen Volkes. Das beweist schon die geringe Anzahl christlicher Bettler, die nicht nur der dem Bevölfeerimgsverhältnissc entsprechenden Zahl nicht gleichkommt, sondern sogar die Zahl der jüdischen Bettler bei weitem nicht erreicht. Der Grund dieses grossen Unterschiedes liegt in der Verschiedenheit des jüdischen Lebens und der jüdischen Gewohnheiten. Der Jude saugt die Pflicht zur Wohltätigkeit mit der Muttermilch ein. Von seiner frühesten Jugend an lernt er, dem Armen und Bedürftigen nicht, geringschätzig zu begegnen, ihn zu speisen und zu kleiden. Am Eltern.tisehe sab er mehr als einmal einen solchen „Gast“ (Oraeli) an der Familientafel teilnehmen und liebevollstbehandelt werden. In Bibel und Talmud wird ihm unaufhörlich die Zedakah als höchste Tugend gepriesen und er ist gewohnt, sein Leben lang sich nach diesen Grundsätzen zu richten. Dieses schöne Entgegenkommen, diese Bereitwilligkeit im Almosen spenden, ist die Quelle der Bettelei. Die moralische Pflicht des Juden, oh viel, oh wenig, auf jedes Verlangen vorbehaltlos zu geben, dabei die Planlosigkeit und der Mango] jeder Organisation, all das hat mitten unter den östichen Juden ein verkommenes Bettlergeschlecht gezüchtet, das uns in der Welt blossgestellt hat und uns statt zum Lohe zu .Schmach und Schande gereicht. Denn nicht der wirklich herabgekommenc Arme oder der Krüppel, der tatsächlich erwerbsunfähig ist, greift, in Galizien zum Bettelstab, sondern fast ausnahmslos physisch und moralisch verkommene Individuen, die einem erblichen Bettlerstande angeboren. Sie überfluten das Land jahraus, jahrein, das weiche jüdische Herz ausbeuiend und betrügend. Es gibt ganze Generationen solcher berufsmässiger „fliegender Gäste“ (Orehe porche) — wie sie schonend genannt werden, da die Benennung Bettler als verletzend gilt —, die buchstäblich zur Bettelei erzogen werden. Die drastischesten Bilder ans Smolenskys „Toch bedarke hachajim“ (Der Irrende auf den Lebenswegen) werden in Galizien von der nackten Wirklichkeit übertroffen. Man muss diese Gestalten mit eigenen Augen gesehen haben, um einen Begriff von sittlicher Verkommenheit zu haben. Ganze Heere von Trunkenbolden und unzüchtigen Gesellen — man beschuldige mich nicht der Uebertreibung — werden durch das planlose Gehen grossgezogen. Dies? Verhältnisse sind jedem Juden wohlbekannt und er rechnet es sich daher gar nicht als Wohltat an, wenn er dem Berufsbettler ein Almosen darreicht. Wenn er dennoch gibt, so tut er es unter dem allgemeinen moralischen Zwange oder aus purer Gewohnheit. Leiwirkliche Bedürftige aber, der bedauernswerte, verschämte Arme, leidet darunter, denn die Frechheit der „Berufsmässigen“ raubt auch seinen Teil weg. Ich möchte aber niclii missverstanden werden; ich will die Juden nicht vom Wege der Humanität ablenken und ihre Wohltätigkeit durchaus nicht einschränken. Nein, gerade das Gegenteil ist mein Ziel. Ich will nur den mächtigen, nie versiegenden Almosenstrom iu sein richtiges Bett lenken, xuöchte nur in die wilde, urwüchsige Wohltätigkeit ein wenig Organisation bringen, denn die beste Tat, und mag sie auch der edelsten Absicht entspringen, wirkt eher schädlich als erspriesslich, wenn sie planlos und ohne gehörige Organisation ins Werk gesetzt wird. Was uns also nottut, das ist Organisation und wiederum Organisation, Wenn sieh aber diese in anderer Beziehung nicht immer im Handumdrehen schaffen lässt, so gibt es auf dem Gebiete der Wohltätigkeit nichts Leichteres, als an Stelle des Chaos Ordnung zu schaffen. Galizien allein spendet in kleinen Almosen al'ljährieh enorme Summen, welche in der Hand organisierter Körperschaften Grossartiges leisten können. Probieren wir nur eine kleine approximative Schätzung. Von den ungefähr 160.000 jüdischen Familien Galiziens können 150.000 sicher als Almosengeber gerechnet werden, denn auch der Aermste, wenn er nur nicht selbst auf Almosen angewiesen ist, lässt einen Armen nicht aus dem Hause, ohne ihm eine kleine Gabe geschenkt zu haben. Den Mindestbetrag, den eine Familie in kleinen Almosen jährlich verausgabt, will ich nur mit 10 Kronen annehmen — welchen ärmsten Juden kosten Almosen nicht 3 Heller täglich? — und selbst wenn wir bei sämtlichen spendenden jüdischen Familien Galiziens dieses Minimalmass annehmen, so ergibt sich auch schon die stattliche Summe von 1,500.000 Kronen jährlich. Ziehen wir aber in Betracht, dass die reicheren Kreise der jüdischen Bevölkerung das Zehn- und Zwanzigfache des oben angenommenen Minimalbetrages in Almosen ausgeben, und rechnen wir ferner die besonderen Gelegenheitsalmosen an Bosch Chodesch, Purim etc., bei Hochzeiten, Beschnoidungs- und sonstigen Familienfesten hinzu, so wird sieh das obige Ergebnis wenigstens verdoppeln. Doch bleiben wir bei der ersten. Minimalreclmüng. Was könnte nicht m i t eine m jährlichen Budget von .anderthalb Millionen Kronen geleistet werden? Was wird jedoeli tatsächlich geleistet? Gar nichts! Ein Tausend Trunkenbolde wird ausgelialten, der galizische Propinationsl'onds wird indirekt unterstützt und der Branntweinkonsum. des Landes nicht unwesentlich gesteigert. Muss das so bleiben? Könnte nicht durch Schaffung einer weitverzweigten Landesorganisation Abhilfe geschaffen werden? Wäre es nicht angezeigter, das planlose Almosengeben in geregelte Monats¬ oder Wochenbeiträge umzuwahdeln, die durch organisierte Vereine gesammelt und an Unterstützungsbedürftige in gerechter Weise verteilt werden? Muss denn das vagabundierende ■Sclinorrertum für ewige Zeiten erhalten blei- ]>en? Könnten denn die Armen nicht stabil gemacht und zu einem geordneten Haushalt er- zogen werden? Es würde zu weit führen, wollte ich hier einen Organisationsplan in allen Details spezialisieren, aber die Lösung liegt auf der Hand, nur zugreifen muss man. Welche grossen Vorteile hätte eine solche Organisation zur Folge! In erster Beihe könnten den würdigeren, wirklich notleidenden Annen Unterstützungen in angemessener Höhe gewährt werden; die verkommenen Individuen dagegen könnten in Asyle gebracht werden, wo ihrem demoralisierenden Wirken ein Ziel gesetzt wäre. Der grösste Vorteil wäre aber der. dass die Jugend dem Bet teile hon entzog e n w e r d e n k ö n n t e. Die Kinder könnten in Erziehungsanstalten und zu Handwerkern gegeben und auf diese Weise zu nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft erzogen werden. Die Zahl der jüdischen Bettler würde sich infolge dessen immer mehr einschränken. dem galiziseheu Judentum aber bliebe ein grosses jährliches Einkommen, das geeignet wäre, blühende Institutionen ins Lehen zu rufen und dauernd zu erhalten. Kozlow, Mitte November 1907. Joachim Neiger.

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