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Jüdische Zeitung · 1907-11-22 · 19 (22.11.1907) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
1 (1907)
Issue
19 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 19 JÜDISCHE ZEITUNG Seite '6 Isozialen Bewegung geworden. Der Prophetis- Imus als sittliche Lehre, das Christentum als [Mora] konnten nur insofern zur Grundlage [einer bestimmten gesellschaftlichen Bewegung (werden, als sie mit sozialem Inhalt sich anfiill- Iten. Robespierre, der die Vernunft zur Religion I machen wollte, hatte eigentlich im Sinne, nicht (neue Menschen, sondern bestimmte neue soziale I Dinge und soziale Verhältnisse zu schaffen. Mit I einem Worte: dasldeal jeder sozialen |H ewegung ist die Schaffung einer [neuen sozialen Ordnung, resp. [eines neuen Verhältnisses der sozialen Werte. Diese These ist weder | marxistisch, noch antimarxistisch, sondern ist [das einfache Ergebnis einer exakten Analyse der [geschichtlichen und der gegenwärtigen Gescheh- Jnisse. Und der reinste Hegelianer, der die Ge- | schichte als die langsame Verwirklichung der höchsten Vernunft- |stehen müssen, dass | Veränderungen vor auffasst, wird doch zugedie grossen geschichtlichen allem und hauptsächlich Dinge und nicht der Per- I Veränderungen der Isonen sind. Womit aber beginnt jede soziale Bewegung? Worin besteht die nächste Arbeit jeder Ineu entstandenen sozialen Bewegung? Nehmen [wir als Beispiel den Sozialismus. Der Sozialismus strebt eine neue soziale IOrdnung an. Aber sein erster Ruf war: „Prole- Itarier aller Länder, vereinigt euch!“ Aber nicht I bloss der Sozialismus, sondern jede nationale iwegung — wenigstens, wie es bis jetzt der I Fall war — verfolgt die Schaffung neuer Einrichtungen beluifs Hebung des Lebens der [Mitglieder einer und derselben Nation; aber vor [allem bezweckte die deutsche, italienische, böhj mische, bulgarische usw. nationale Bewegung die |Zusammenfassung, die Vereinigung der Mitglieder der gegebenen Nation. Mit anderen I Worten: die Gegenwartsarbeit jeglicher gesell- | schaftlichen Bewegung ist die Organisation von Personen. Denn die Personen ver- | wirklichen das Ziel, d. i. das Ideal, obwohl sie I in ihrer Tätigkeit von den Dingen, von den objektiven Verhältnissen abhängig sind. Das gegenseitige Verhältnis zwischen Mitteln und Ziel, zwischen Programm-Minimum [und Programm-Maximum ist folgendermassen [charakterisiert: die primäre Personenorganisa- [tioii ist bestrebt, die sozialen Verhältnisse so [zu beeinflussen, dass ihr die Möglichkeit gegeben wird, sich auszubreiten und zu befestigen; [mit ihrem Wachstum vergrössert sich ihr Ein- [fluss auf die sozialen Verhältnisse, wodurch ihr [neue Organisierungsmöglichkeiten eröffnet wer- [den. Der Kreis breitet sieh immer aus, bis [solche mächtige Mittel, dank dem Wachstum der [Organisation, geschaffen sind, dass die Möglichkeit geboten ist, die sozialen Verhältnisse radi- |fügt hinzu, dass dies wohl das grösste Lob dar- [stelle, das einem Dichter gespendet werden [könne. Dem Warszawski ergeht es ähnlich; [viele Lieder, die er verfasst und in Musik gesetzt lliat, wei’den als Volkslieder ausgegeben. Dies ] Uob ist kein geringeres als das Heine gezollte. Es muss wundernehmen, dass die jüdischen |/Leitungen so wenig von ihm zn berichten hatten. Etwa darum, weil er ein Stiller, Bescheidener ■gewesen, der keiner Partei angehörte, weil er ■ nie von sieh reden gemacht und nie um die |Volksgunst gebuhlt hat? Dieselben jüdischen [Zeitungen wissen ja so viel zu erzählen, wenn [irgend ein Grosser in Israel die Erlaubnis be- Ikommt, einen — sagen wir — Stanislaus-Orden Im tragen. Männer, die mit dem Juden nichts ■Gemeinsames haben, das Volk nur dann kennen, kenn sie einige Stimmen brauchen, werden gerühmt, in Leitartikeln in den journalistischen [Himmel gehoben — für jüdische Dichter und I.Sänger ist kein Platz in den Zeitungen. Um so ]:nehr aber in den Herzen des Volkes! Und das HeTZ des Volkes hat sich Warsjawski zu erobern verstanden. Keine Seite des jüdischen Lebens, keine leid- und freudvolle, [war ihm unbekannt. Die Kinderjahre im Uheder verherrlicht sein „Auf dem Pripetschik“. Oie Worte und die Melodie, alles ist so einfach, leichtfasslich und übt eine starke Wirkung. >ie Chederjahre erstehen, wenn man dieses Lied kal umzuändern. Die Organisation von Personen wird Herrin der Organisation der Dinge: dann entsteht die neue soziale Ordnung oder dann findet die Verwirklichung des Programm- Maximums statt. Organisation der [ Personen ist das Mittel; Organisation dev Dinge ist das Ziel. Das ist das Gesetz jeder gesellschaftlichen Bewegung. i Ebenso verhält es sich mit dem Zionismus. ( Das Ziel — eine jüdische soziale Organisation in Palästina. Das Mittel — die Vereinigung des jüdischen Volkes. „Der Zionismus ist die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland" — lautet die geniale Formel unseres Herzl. D. i. das primäre Programm-Minimum ist die Organisation des jüdischen Volkes. „Juden aller Länder, vereinigt euch!" war das erste Losungswort der zionistischen Gegenwartsj arbeit. Selbstverständlich ist auch hier alles rei lativ. Kein Sozialist wird behaupten wollen, | dass der Sozialismus nur dann verwirklicht werden könnte, wenn die ganze Menschheit unter dem roten Banner vereinigt werden würde; nicht einmal au die Vereinigung absolut aller Proletarier denkt man, sondern man verlangt nur eine tatkräftige Mehrheit. Und auch kein Zionist wird die Behauptung aufstellen, dass absolut alle Juden Zionisten werden müssen, um das zionstische Ideal verwirklichen zu können. Aber andererseits kann der Sozialismus nicht vom Proletariat eines Landes, resp. von einem Bruchteil des Weltproletariats verwirklicht werden und ebenso verlangt der Zionismus behufs seiner Verwirklichung die Teilnahme der überwiegenden Mehrheit des in der Diaspora zerstreuten jüdischen Volkes. Also, die e rst e Gr u n dläge eines realzionistischen Gegenwartsprogramnies ist — Organisierung einer a k t i o n s f ii li i g e n Mehrheit d e r j ii d i s c h e n N a t i o n. Die Frage, die Hauptfrage, ist jetzt die: wie schafft man diese Mehrheit? Und da muss uns einmal für allemal klar werden, dass das Predigen eines Ideals an und für sich unzureichend ist, um ein Volk zu organisieren. Und nicht etwa, wie unsere Gegner behaupten, weil gerade der Zionismus keine Zugkraft ist. Alle Bewegungen beginnen mit dem Predigen und die Resultate sind immer sehr unbedeutende gewesen. Das kommunistische Manifest von Marx und Engels ist im Jahre 1847 erschienen und trotzdem dauerte es viele, viele Jahre, bevor eine sozialistische Organisation entstanden ist. Und als viel später Lassalle kam, fand er fast nichts vor und hat trotz einer vieljährigen, rastlosen Tätigkeit eine sehr winzige Organisation hinterlassen. Vergesse man dabei nicht, dass die sozialistische Predigt auf viel fruchtbareren Boden fiel als die zionistische: die erste sprach von scheinbar ganz gewöhnlichen Dingen, die zweite wollte ein fast eingeschlafenes Volk auf wecken. Also der Zionismus bildet da keine Ausnahme. Die Predigten Herzls und Nordaus lieferten das Maximum dessen, was überhaupt das Wort geben kann. Das Wort allein konnte nicht mehr schaffen. Nach dem Worte musste die Tat kommen. Nur indem man auf die gegebenem sozialen Verhältnisse einwirkt, kann man die durch die Predigt geschaffene primär' und. primitive Organisation befestigen und weiterentwickeln. Dabei aber muss man immer das Endziel verfolgen, ich möchte damit folgendes sagen: das Ziel muss immer die Mittel bestimmen. Die Mittel haben für uns nur insofern und so lange Wert, als sie die Verwirklichung des Endzieles beschleunigen. Die Mittel werden deshalb leicht geändert: das, was gestern, bei den gegebenen Verhältnissen, sehr wichtig schien und tatsächlich auch war, kann heute als etwas ganz Wertloses beiseite geschoben werden. Unverrückbar ist nur das Endziel; in den Mitteln muss man immer opportunistisch sein. Es war eine Zeit, wo die Gewerkschaften von den Sozialisten als ein Uebel betrachtet wurden, während heute jene als die Grundlage der Arbeiterbewegung betrachtet wird. Heute wird das, was von Lassalle als das Hhuptmittel im Kampfe des Proletariats hingestellt wurde — der Parlamentarismus — von sehr vielen Arbeitern als etwas ganz Ueberflüssiges und gerade Schädliches verpönt. Und dasselbe beobachten wir in allen sozialen und nationalen Bewegungen. Ueberall kon.-tatieren wir, dass das Gegenwartsprogramm keine prinzipielle Macht besitzt, sondern als Mittel dem Endziel untergeordnet ist. Man muss das tun, was nützlich ist, und nützlich ist das, was die Organisation der an der gegebenen Bewegung teilnehmenden Personen befestigt und entwickelt. denn nur dadurch nähert man sich dem Endziele. Nur von diesem Standpunkte kann die Zweckmässigkeit dieser oder jener zionistischen Politik beurteilt werden: befestigt sie die zionistische Organisation, oder nicht? Reichtum oder wenigstens Wohlstand kann jeder Geschäftsmann erworben, wenn er seine Geschäftsbücher genau führt. 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Niemand wird verschont, mag er auch jahrelang an einer Stelle gewohnt haben nnd mit allen Fasern seines Wesens mit der Heimat verwachsen sein. Wunderschön ist das Lied vom Briefe aus Amerika, den eine Tochter ihrer Mutter nach Russland schreibt. Tief Inniges spricht aus den schlichten Worten, welche erzählen, dass die Kinder gross geworden sind, der Aelteste bereits verdient, der mittlere Bar-mizve sei und sie selbst, die Tochter, eine grosse Sehnsucht habe — nach Hause. Und dann die Bitte, wenn die Mutter auf Kewerowes gehen werde, solle sie nicht vergessen, auch ihren Namen zu erwähnen und einen Gruss auszurichten. Das Lied des Vaters, der seine jüngste Tochter verheiratet, das Lied von dem alten Paar, kurz die vielen Lieder, die von der Trauer und Freude der Juden erzählen, hat M. M. Warszawski geschrieben. Keine tönenden Worte, keine gewaltige Musik mit raschen Uebergängen — alles einfach, bekannt, selbstverständlich. Einmal hört man so ein Lied, dann summtes in dem Kopfe, man singt es sofort — es scheint, als hätte man es selber gedichtet oder noch an der Wiege singen hören. Gewiss, das jüdische Volk hat grössere Komponisten, grössere Lyriker; jüdischere Komponisten, volkstümlichere Lyriker als Warszawski hat es nicht besessen. Seine Liedchen, manche tieftraurig, wie das Leben dieses Volkes, manche lustig wie die Friihlingssonne, werden von jung und alt gesungen. In Salons und Hütten sind sie zu Hause. Wer Klavier spielt, spielt sie am Klaviere. Das Nähmädcben und die Zigarettenarbeiterin singen sie ohne instrumentale Begleitung. Und überall sind sie beliebt, diese kleinen Lieder, weil sie aus dem tiefinnersten Empfinden eines Volkes kommen, weil sich in ihnen das Seelenleben und Fühlen des ganzen Volkes wiederspiegeli. Eine Ehrenschuld gilt es abzutragen! Einer,

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