Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 19 (22.11.1907)
- Date
- 1907-11-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 19 den Partei Vertretern wolil küum in ernsten Konflikt bringen. Und der von Lueger gewünschte Ausgleich der Gegensätze wird innerhalb der Legierung ohne weitgehende Konzessionen und Zwistigkeiten zu erzielen sein. Die österreichischen Juden Italien im letzten Jahrzehnt mitten in einem wüsten judeni’eiiidlichen Parteitreiben sich starkes und zum Teil berechtigtes Vertrauen zu der Bureaukratie der Zentralbehörden bewahrt, die einigcmiassen liberalen Yerwal- Tungsgrundsiitzen huldigte und sich um eine gesetzliehe und geiechte Behandlung der Juden denn doch bemühte. Es wird sieh zeigen, inwiefern der Eespekt dieser Beamten vor den Staatsgreudgeseizen und ihr gesunder Sinn für die Aufgaben eines Iiechtsstautes den korrumpierenden Minierversuchen christlichsozialer Parteiminister standhalten wird. Es ist zu befürchten. dass auch hier ein Ausgleich vom gegensätzlichen Tendenzen zuungunsten der Juden statt finden wird. Der bureaukratische Antisemitismus, der ja seit Jahrzehnten in den österreichischen Aemtern wuchert und bei Ernennungen 'der PrSilerierungen jüdischer Beamten sein festgefügtes System hat. wird sieh mit dem politischen Antisemitismus der auf ein antisemitisches Parteiprogramm eingesehwoiviien Hessorti vager auf einer mittleren Linie treffen. Es ist sicher, die christlichsozialen Minister werden auf dem Gebiete „etwas leisten”' . . . Die österreichischen Juden sind politisch isoliert und haben den judenfeindliehen Tendenzen des neuen Ministeriums gegenüber nirgends auf starken Schutz zu rechnen. Wir beklagen nicht, dass mit dem Zusammenbruch der Lilieralen und dem vollen Siege der Christlichsozialen das politische Schuiz.judentuin seinen letzten Halt verloren hat und im Sterben liegt. Das Ende war vorauszusehen und kann der politischen Entwicklung und Beile der österreichischen Juden mir nützen. Aber sie müssen aus dem Debaele einer liberalen Politik die einzig mögliche und richtige politische Lehre ziehen und sieh einer nationalen jüdischen Politik zuweiiden, die allein aus ziel- und hilflosen, desorganisierten und isolierten Lokal- und Bezirksgrupjien eine einheitliche, national organisierte, nationalbewusste Masse schaffen und die jetzt unerlässlich gewordene rücksichtslose und energische Vertretung jüdisch-wirtschaftlicher und jüdisch-politischer Interessen ermöglichen und sichern wird. J ii d i s e h e I n t e r e ssenpolitik ist nur u n t e r o f f e n e r n a - t i o n a 1 e r F 1 a g g e a u s s i c h t s r e i e h u n d in ö g 1 i e h g e w o r d e n. Angesichts ifnes cliristlichsozialen Ministeriums, in welchem Gcssinann den stärksten politischen Einfluss üben wird, unter deutsch-demokratischer oder sozial-freiheitlicher oder einer beliebigen anderen Firma deutsche Besitzst-andpolitik, also in Wirklichkeit die alte liberale Politik treiben zu wollen, wäre ein schweres politisches Verbrechen an den vitalsten Interessen und politischen Beeilten der Juden Oesterreichs. Es wird konzentrierter Aufmerksamkeit und vielfach erhöhter Energie aller jüdischer Faktoren bedürfen, um den jüdischen Besitzstand, der in Oesterreich ohnehin vielen Gefährdungen ausgesetzt ist und durch fortschreitende Einengung des Erwerbslebens und der Existenzmögliclrkeiten seit Jahren geschmälert wild, möglichst unversehrt zu erhalten. Das christlichsoziale Ministerium muss unsere nationale Widerstandskraft nur erhöhen und wird auf die innere Konsolidierung der Juden einen heilsamen Einfluss üben — als ungewollte Wirkung jener Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft. Jüdischnationale Organisation, jüdischnationale Politik, jüdischnationales Bewusstsein tut Oesterreichs Juden mehr not als je. Die politische Not, das Ende mit Gessmann, wird sie jüdisch sein lehren. Die Grundlagen des zionistischen Gegenwartsprogrammes. Von Dr. D. Pasmanik, Genf. I. Wenn wir die Geschichte der verschiedenen sozialen Bewegungen analysieren, so können wir seinleicht feststellen. dass nur diejenigen von ihnen sich wirklich lebensfällig erwiesen haben, die ihr Programm-Minimum mit ihrem Programm-Maximum, ihre Entwicklung mit ihrem Ziele in Einklang gebracht haben. Dabei war der Sachverhalt immer der. dass die Verwirklichung des Programm-Minimums diejenige des Programm-Maximums he-ehbunigte; die Bewegung wuchs, neue Kräfte entstanden, von ihr selbst geschaffen, sie wurde immer breiter und tiefer und führte somit zur Verwirklichung des Endzieles. Diese Grundidee war schon längst den Zionisten bekannt. Aber bis jetzt war noch keineswegs Klarheit darüber geschaffen, erstens, worin eigentlich das Programm-Minimum des Zionismus besteht, obwohl man sehr viel von Gegenwartsarbeit sprach und diskutierte, zweitens in welchem Verhältnis dieses Programm zu unserem Ziele sich befindet. Ja, diskutiert wurde viel, aber wir sind tatsächlich noch jetzt zu keinem Endresultat gelangt. Dass dem so ist, erklärt sieh, neben verschiedenen anderen Ursachen, hauptsächlich dadurch, dass das zionistische Problem ebenso eigenartig ist wie die Judenfrage seihst. Und worin besteht diese Eigenart? Vor allem ist sie g e o g r a p li i - scher Natur: die Juden leben in den vergaben über die Provinz Beirut, wo statt j ]T.OOdijkin meist 30.000 angegeben werden; die dureil ihre Autonomie und durch anderes interessante L i b a n o n -Provi n z bat nach meiner Bcchiiung sicherlich nur ea. 3000 qkm, während die Standardwerke uneinig sind, oh .■>7(1(1 oder (>500 dafür zu setzen sei'. Aehnlieh verhält cs sieh mit den Bevölkerungsziffern, und ganz und gar falsch müssen natürlich die S e e 1 e n z i f f e r n p e r Q u nd ra t k i 1 o m e t e r sein, wenn sie sich auf solche Unterlagen stützen. Es war eine der Hauptsehwierigkeiien. auf die ich hei der Arbeit an meinem Hand huch*) stiess. dass jede Ziffer und jede Angabe über Palästina nochmals auf ihre Zuverlässigkeit o d e r s e 1 b s t auf i h re W a li r s e b e i n 1 i c li k e i i geprüft werden musste, während derlei Material bei den meisten Ländern der Welt aus jedem anerkannten Werke unlicdeii'klieli übernommen werden kann. Es wird, mit eine unserer Aufgaben sein müssen-, nicht nur in unseren, sondern auch in den allgemeinen Publikationen diese Fehler baldigst auszu merzen. *) Palästina-Handbuch I über die allgemeinen Landesverhü nisse:. (172 Seifen mit iO Kartenskizzen;. Verlag der Kommission zur Erforschung^ Palästinas;. Berlin W., Uhlandstr. 175. — Preis gebunden Alk 200, broschiert Mk. 1.50. — Vereine erhalten Rabatt. Direkt k o in i s c h e .Sachen kommen manchmal in dieser Beziehung vor. Das komischste war aber wolil, was ich vor Jahren über El-Arisch in der besten englischen Quelle — in Statcsmcns Ycarbook — fand. Dort war fiir die fast unbevölkerte Sinai-Halbinsel eine Seelenzahl pro engl. Quadratmeile von etwa 85.0O0 herausgereehnet! Und das kam so: Der ägyptische Zensus rechnet meist nicht das gesamte ägyptische Gebiet, sondern nur das bewässerbarc, resp. regelmässig angebaute Ackerland. Ein Verfahren, das natürlich — da selten bei den betreffenden Angaben hierauf liingewiesen wird — auch sonst zu den sonderbarsten Schlüssen führen kann. Nun wurde im ganzen Gebiet von El-Arisch nur eine fünftel englische Qiiadratmeile als bewässerbar und regelmässig angebnut gerechnet, und da die ganze Provinz auf ea. 10.000 Einwohner taxiert wurde, so kam per Quadratmeile auf diese Weise eine Bevölkerungsziffer von 85.000 heraus. In Wirklichkeit hat die Provinz El-Arisch -">9.000 qkm und zirka 30.000 Einwohner, also 0,5 per Quadratkilometer! In dem eingangs dieser Bemerkungen erwähnten Prospekt behauptet die Finna Cook & Sons — wahrscheinlich mit Beeilt — dass kein anderes. privates. Uhte.fhejimen so viel zur Heining Aegyptens beigetragen habe, als sie, indem sehiedensten Ländern der Diaspora — da soll und muss die zionistische Bewegung sich entwickeln und ausbreiten — während unser Endziel in e i n e m und in einem, ganz anderen Lande verwirklicht werden soll. Bewegung und Ziel schienen dadurch entzweigerissen zu sein. Diese Eigenartigkeit rief in einigen zionistischen Kreisen die originelle Auffassung von zwei getrennten Flächen hervor, auf denen sich die Gegenwart und Zukunft unseres Volkes abspielen müssen. Man quälte sieh damit ah, eine Brücke von der Fläche' der Diaspora zur Fläche -des autonomen Judentums hinüber zu schlagen.Und offen gestanden, hat man diese Brücke noch bis heute nicht gebaut. Dann kamen andere und begnügten sieh damit, diese Eigenart der .Judenfnige ausser acht zu lassen. Der Zionismus, behaupteten die Verfechter dieser Auffassung, unterscheide sich in keinem wesentlichen Punkte von irgend einer anderen gesellschaftlichen Bewegung: vor allem die Bewegung, also ausschliessliche Arbeit in der Diaspora und das Ziel wird schon von selbst verwirklicht werden. Man vergass dabei, dass doch im Zionismus Gegenwart und Zukunft nicht in einer Fläche liegen. Die Verfechter dieser Anschauung müssten, wenn sie konsequent sein wollten, die politische Arbeit in der Diaspora, d. i. die Teilnahme am politischen Leben ihres Landes als den Hauptpunkt ihres Gegenwartsprögramms hinstellen. Die Dritten wieder waren und sind noch heute .Eklektiker: man muss da und dort arbeiten, wobei man aber keine Klarheit darüber schuf , in welchem Verhältnisse das „Hier“ (Diaspora) zu „Dort“ (Palästina) sich befindet. Und mail kann sagen, dass die zionistische Weltanschauung bis heute noch keine klare und präzise Antwort auf die Frage zu gehen weiss: welche sind die Beziehungen zwischen unserer Gegenwartsarbeit und unserem Zukunftsideal öder, mit anderen Worten, worin bestellt unser Programm-Minimum, vom Standpunkt. ausgehend, (lass unser Programm-Maximum klar ist? Es genügt, die verschiedenen Antworten unseres Noidau auf diese Frage zttsammenzustvllen, um zur Ueberzeugung zu gelangen, dass es sieh da tatsächlich tun eine Lücke in unserer Weltanschauung handelt. Wir wollen im folgenden versuchen, eine Antwort auf diese hochwichtige Frage zu geben. Es handelt sich da nicht um theoretische Spitzfindigkeiten, sondern um eminent praktische Dinge, tun die zionistische Politik der nächsten Zukunft. Jede lebensfähige gesellschaftliche Bewegung stellt sich zum Ziel, eine neue Organisation d e r D i n g e, die Einführung neuer materieller Verhältnisse und die Schaffung neuer Institutionen zu verwirklichen. Eine Moralpredigt, die eine Umwertung der Personen bezweckt, ist noch niemals zur Grundlage einer sie den weitesten Kreisen ermöglichthätte, Aegypten kennen zu lernen. Das hätte wesentlich zur Entwicklung der Hilfsquellen Aegyptens heiigetragen. Auch wir versuchen jetzt, Kenntnisse über. Palästina zu verbreiten, damit dieser Kenntnis ebenfalls eine wirtschaftliche Erschliessung folge. Aber vorläufig ist die Unkenntnis ausserordentlich gross und unser Vorgehen ist schrecklich langsam. Hoffen wir, dass in allernächster Zeit energischer gearbeitet werde. Es tut dringend not! M, M. Warszawski. Vor einigen Wochen ist in Warschau M. M. Warszawski gestorben. Sein bürgerlicher Beruf war die Advokatur. Und auch die Notizen, die anlässlich seines Ablebens in einigen russisch-jüdischen Zeitungen gedruckt wutxlen, erzählten vom Tode des bekannten Advokaten M. M. Warszawski und vergassen, dass der „bekannte Advokat“' ein Gottbegnadeter war, ein berühmter Dichter und glänzender Komponist, dem es, wie nur sehr wenigen, gelungen ist, den Volkston zu treffen, so schlicht, einfach und lierzriihrend, wie nur das Volk, das grosse.Kind, zu singen und zu sagen versteht. Gustav .Ivar;. peles erzählt, dass man Heine die Autorschaft mancher A’olksliedcr zugesprochrn hat, und